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"Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich täte!": Ein Leben auf Reisen
Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek zum 150. Todestag von Georg Weerth

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 25.2006 (2007), S. 22-34.

Unterwegs in Siebenmeilenstiefeln
Zuckerrohr und Runkelrüben. Ein Kommentar zur Globalisierung
Revolutionäre Kostbarkeiten und lateinamerikanische Jagdtrophäen
Neuerworben: zwei verbotene frühsozialistische Zeitschriften von 1845/46

Vom 16. Juni bis zum 15. September 2006 zeigte die Lippische Landesbibliothek Detmold eine umfassende Ausstellung über Georg Weerth, der am 30. Juli 1856 mit 34 Jahren in Havanna starb. Die Ausstellung – die erste seit der von Uwe Zemke konzipierten Weerth-Ausstellung in Düsseldorf, Trier, Wuppertal und Detmold im Jahr 1989 –  war gut besucht. Um ihr dauerhaft Präsenz zu verleihen, ist der Ausstellungskatalog mit allen Exponatbeschreibungen und zahlreichen Abbildungen unter http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2006-4.html ins Netz gestellt.

Unterwegs in Siebenmeilenstiefeln

Abb. 1: Georg Weerth. Daguerreotypie
B 1 W
Abb. 2: Reisepass Georg Weerths. Detmold, 1836. Fragment
A 476 W

„Es muß hinausgegangen sein. Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich täte!“

Diesen Satz schrieb Georg Weerth am 31. Mai des Jahres 1843 an seine Mutter. Da lebte er als Handelskorrespondent in Bonn und überlegte, welche Freizeitunternehmung er sich für die bevorstehenden Pfingstfeiertage vornehmen sollte. Seinen Geburtsort Detmold hatte der unternehmungslustige junge Mann schon lange verlassen; als Vierzehnjähriger hatte er 1836 eine Lehre in Elberfeld angefangen, und seit 1839 bereits war er im kaufmännischen Bereich berufstätig.

Ende 1843 übersiedelte Weerth für zweieinhalb Jahre in die nordenglische Industriemetropole Bradford, das Zentrum der globalen Textilwirtschaft. Dessen soziale Verhältnisse politisierten ihn rapide. Seine sozialkritischen Gedichte und Prosaarbeiten aus dieser Zeit begründeten seinen Ruf als „erster und bedeutendster Dichter des Proletariats“ – ein Attribut, das ihm Friedrich Engels posthum verlieh.

Fernweh und Unstetigkeit machten sich früh im Leben Georg Weerths bemerkbar. Schon gegen Abschluss der Lehre bombardierte er nach eigener Aussage den halben Erdball mit Briefen, um aus Elberfeld in „bessere Regionen“ zu gelangen. Von Buenos Aires ist die Rede, auch von Italien, und keineswegs zufrieden war Weerth damit, dass er seine Karriere schließlich als Buchhalter in Köln beginnen sollte. Kaum hatte er das Rheinland hinter sich gelassen und den ersten nasskalten englischen Winter überstanden, schrieb er im Mai 1844 dem Bruder Wilhelm nach Oerlinghausen:

„ich weiß wahrhaftig nicht, was ich will, – genug, England wird mir zu enge – ich sehne mich nach stillen Dörfern und nach stillen Meeren, und könnte ich mir das Trojanische Pferd satteln und in einer Stunde um die Welt sprengen, – es wäre mir doch zu langsam.“

Und bei dieser Einstellung zur Sesshaftigkeit blieb es. Weerth war eigentlich sein ganzes Leben auf Reisen – nicht nur während der Jahre 1843-1846 im nordenglischen Industrierevier, sondern von 1846 ab auch in Belgien, Frankreich und den Niederlanden, wo er für eine englische Textilfirma Kommissionsgeschäfte tätigte. Als Freund von Marx und Engels arbeitete er zugleich als Kurier der deutschen Exilkommunisten; dazu eignete er sich hervorragend, denn er stand nicht unter polizeilicher Beobachtung und konnte sich als Handelsreisender frei bewegen.

Abb. 3: Köln. Kolorierter Stahlstich von William Tombleson


Abb. 4: "die traurigste aller englischen Fabrikstädte": Bradford, Arbeiterviertel Saltaire. Stahlstich von William M. Lizars nach einer Zeichnung von Henry Warren


Abb. 5: Eigenhändige Gedichthandschrift "Es sprach der Tod zum armen Tom", 1845
A 46 W

Im Februar 1848 hörte Weerth in Rotterdam vom Ausbruch der Revolution in Paris. Er setzte höchste Erwartungen in das Geschehen: „Diese Revolution wird die Gestalt der Erde ändern – und das ist auch nötig!“ Sofort reiste er nach Paris, wo die Zweite Republik ausgerufen wurde, beteiligte sich an der Organisation von Kundgebungen, war vom Revolutionsfieber gepackt.

Vom Beginn der Märzrevolution in Deutschland erfuhr Weerth in Verviers. Er eilte nach Köln, ins rheinische Zentrum der demokratischen Bewegung, und siedelte im April 1848 ganz dorthin über. In Köln unterstützte er Marx und Engels bei der Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung, deren erste Nummer am 1. Juni 1848 erschien. Die Zeitung erlangte schnell überregionale Bedeutung. Weerth gehörte dem demokratischen Blatt als Redakteur an und leitete das Feuilleton. Er lieferte satirische Prosa und Beiträge für den politischen Teil und profilierte sich als einer der engagiertesten politischen Autoren der Revolutionszeit.

Als seine mit der 1848er Revolution verbundene Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Umsturz gescheitert war, zog Weerth sich die Siebenmeilenstiefel dann wirklich an und erkundete in großen Schritten fremde Länder. Was sind denn Siebenmeilenstiefel? Es sind Stiefel mit Zauberkraft, die dem Träger die Fähigkeit verleihen, sich in kurzer Zeit über weite Entfernungen fort zu bewegen. Und die Entfernungen wurden immer größer, die Ziele immer exotischer, das Tempo nahm zu. Für seine englische Textilfirma bereiste Weerth im Nachmärz Spanien und Portugal. „Europamüde“ weitete er seine ausgedehnten, strapaziösen und oft riskanten Geschäftsreisen dann längerfristig nach Lateinamerika aus.

Aus lippischer Perspektive und nach damaligen Maßstäben führte Weerth eine Ausnahmeexistenz, die ihm als Detmolder Pfarrerssohn nicht vorherbestimmt war. Wer von seinen Zeitgenossen hat sich denn persönlich ein Bild machen können vom kalifornischen Goldrausch, von dominikanischen Tabakplantagen, venezolanischen Wasserfällen, mexikanischen Silberminen, peruanischen Erdbeben und kolumbianischen Militärrevolten? Wer hat denn in Ecuador den damals für den höchsten Berg der Erde gehaltenen Chimborazo bestiegen, am Magdalenenstrom einen Alligator erschlagen oder die chilenischen Anden mit dem Maultier überquert?

Eine unbestimmte, von ihm selbst auch nicht befriedigend erklärte Rastlosigkeit trieb ihn an. Die aber setzte er äußerst gewinnbringend ein. Unbestreitbar ist sein beträchtlicher Geschäftserfolg als Handlungsreisender. Hätte ihn nicht im Juli 1856 eine haitianische Mücke mit zerebraler Malaria infiziert und ums Leben gebracht, so hätte er sein schnell erworbenes Vermögen vielleicht doch noch in eine Immobilie investiert. So  wie der Kaufmann Johann Wilhelm Ebert, der 1842/43 das Haus gebaut hat, in dem heute die Lippische Landesbibliothek residiert, und der sich mit seinem im Überseehandel erworbenen Vermögen als Einundvierzigjähriger hier in Detmold zur Ruhe gesetzt hat. Weerth hat ihn einmal als Vorbild erwähnt.

Zuckerrohr und Runkelrüben. Ein Kommentar zur Globalisierung

Abb. 6: Utrecht. Alte Gracht. Kolorierter Stahlstich von Johann Gabriel Friedrich Poppel nach einer Zeichnung von W. J. Cooke


Abb. 7: Revolution in Paris 1848. Die Revolutionäre stürmen das Château d'Eau, eine Kaserne der Garde Municipale. Lithographie von A. Provost
B 8-15 W


Abb. 8: Karikatur zu Weerths Feuilletonroman „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“, 1848
B 8-18 W

Dieser Georg Weerth, der der früh im Leben als politischer Schriftsteller reüssierte und dann den Handel zu seiner „höchsten Poesie“ erhob, war aber nicht nur in seiner Lebensführung ein ausgesprochen moderner Zeitgenosse. Er hatte auch den ungetrübten Blick von außen auf unser Land, das schon zu seiner Zeit den Folgen der Globalisierung nicht gewachsen zu sein schien – und das vor 150 Jahren, ganz am Anfang der Industrialisierung.  Ein Brief an Heinrich Heine aus dem Jahr 1851 stellt außer Frage, dass uns dieser kluge Kopf auch heute noch etwas zu sagen hätte:

„Durch den Atlantik halten Briten und Amerikaner ihre großen Wettrennen; wer New York oder Liverpool in 10 Tagen erreiche oder in 9 Tagen und so viel Stunden. [...] Die Produktion der australischen Küste ist in kurzer Zeit so sehr gesteigert, daß schon jetzt die Wolle unsrer Antipoden das Produkt der adligen Schafzüchter im Herzen von Sachsen und Schlesien zu verdrängen anfängt. Mit jedem Tage rücken die russischen Eisenbahnen dem Baltischen und dem Schwarzen Meere näher; das Gold des Ural muß die Wege bahnen, auf denen bald der Bodenreichtum des Innern Rußlands nach allen Richungen dringen kann, um in einer Konkurrenz auf Leben und Tod den deutschen Ackerbau zu vernichten. Was die Eisenbahnen auf dem Festlande zurechtbringen, vollendet[...] die Ausdehnung der Dampfschiffahrt auf allen Meeren, so daß bald die Produkte des Mississippi ebenso rasch und billig in unsern Häfen eintreffen werden wie die Produkte des eigenen Landes.

Dann beginnt der große Kampf; nicht der Kampf des Christentums mit dem Heidentum, der Welfen mit den Gibellinen, der Whigs mit den Tories; nein! Es heißt: Kampf zwischen dem Golde des Ural und dem Golde Kaliforniens; Kampf zwischen russischem und amerikanischem Getreide; Kampf zwischen amerikanischem und deutschem Korne; Kampf zwischen australischer und deutscher Wolle; Kampf zwischen der Baumwolle und  dem Flachs; Kampf zwischen den westindischen Kolonien und der deutschen Runkelrübe! Und in diesem Zusammenstoß, in dieser Völkerwanderung, nicht der Cimbern, der Goten und der Hunnen – nein, der Korn-, der Kaffee- und der Wollsäcke, ja, in diesem unerhörten Wettstreit der Produktion jungfräulicher Länder werden die alten Reiche der Franken und der Germanen, ausgesogen bis auf die Hefen, verschuldet bis über die Ohren, sich vergebens anstrengen: Land, Lage, Wissenschaft, neue Einrichtungen geltend zu machen; der Preisunterschied wird stets zu ihrem Nachteil sein, und wenn sie der Preisunterschied immer entschiedener dazu zwingt, die Produktionskosten zu ermäßigen, und der Hunger, der Vater der Revolutionen, die Könige geschlachtet, den Adel gefressen haben wird, da werden wir doch wahrscheinlich noch in der großen Völkerschlacht der Konkurrenz überwunden und vernichtet, so daß nach Jahren vielleicht von ganz Deutschland nichts anderes übrig bleibt als die Hegelsche Philosophie und ein Band Ihrer Gedichte ...“

Revolutionäre Kostbarkeiten und lateinamerikanische Jagdtrophäen

Abb. 9: Gibraltar. Stahlstich von Joseph Clayton Bentley und Charles Bentley nach einer Zeichnung von H. E. Allen


Abb. 10: Havanna. Stahlstich
B 8-24 W


Abb. 11: Quittung der Friedhofsverwaltung über Bestattungskosten
Havanna, 30.7.1856
A 40 W

Unsere Ausstellung in der Lippischen Landesbibliothek machte mit diesem interessanten Leben auf Reisen bekannt. Sie stellte den Schriftsteller und Geschäftsmann Georg Weerth in 200 zeitgenössischen Exponaten vor. Es war ihr erklärtes Ziel, all denen, die nichts oder nur Vages über ihn wissen, einen Einblick in alle Aspekte seines abenteuerlichen Lebens zu ermöglichen. Daher verzichteten wir bewusst auf die Thematisierung wissenschaftlicher Fragestellungen und beschränkten uns darauf, den Besucher über die wichtigsten Fakten zu informieren. Dem Weerth-Kenner boten wir gleichwohl manch überraschendes Detail und manche bisher nicht gesehene Neuerwerbung aus den Beständen unseres Hauses.

Die Ausstellung zeigte nur zeitgenössisches Material. Die Konzeption entsprach insofern der Ausstellung „Grabbe im Original“ von 2001 und hätte auch den Titel „Weerth im Original“ tragen können, wenn uns das nicht gar zu einfallslos erschienen wäre. Dokumente zur Weerth-Rezeption der letzten 150 Jahre wie zur Forschungs- und Editionsgeschichte waren ausdrücklich ausgeschlossen. Zur künstlerischen Weerth-Rezeption gab es die Ausstellung mit den Blättern Rolf Münzners im Dachgeschoss unseres Hauses.

Nun besitzt die Lippische Landsbibliothek nur einen Teilnachlass Weerths, mit einer einzigen Gedichthandschrift, 19 Briefen aus seiner Feder und 29 an ihn gerichteten Briefen sowie einigen wenigen Lebensdokumenten. Den größten Teil des Nachlasses haben die Erben 1936 nach Amsterdam verkauft. Bis dahin hatte sich niemand bemüht, ihn für die Lippische Landesbibliothek zu gewinnen. Und 1936 war Grabbe-Jahr in Detmold: Grabbe wurde als faschistischer Klassiker reichsweit gefeiert, die Landesbibliothek übernahm das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann. An den sozialistischen Klassiker Georg Weerth hat zu diesem Zeitpunkt niemand gedacht.

Allein mit Lebensdokumenten aus Detmolder Bestand ließe sich also kaum eine so umfassende Dokumentation zu Leben und Werk Georg Weerths ausrichten, wie es die diesjährige Ausstellung sich vorgenommen hatte. Deshalb griffen wir auf den allgemeinen Bestand der Bibliothek zurück. Gezeigt wurden nicht nur Handschriften, Briefe und Erstdrucke aus Weerths Nachlass. Präsentiert wurden auch Bücher, die Weerth gelesen hat und die – als Ärgernis oder Offenbarung – ihn geistig weitergebracht haben, darunter die Werke der Philosophen Feuerbach und Engels, aber auch die der britischen Nationalökonomen, an denen er sich gerieben hat. Präsentiert wurde die verbotene Literatur des Vormärz von Autoren wie Börne, Hoffmann von Fallersleben und Herwegh, die Weerth sich illegal zu beschaffen wusste. Präsentiert wurden Fach- und Lehrbücher, die Weerth genutzt hat. Präsentiert wurden Landkarten und Reiseführer, die seine Reisen veranschaulichen. Präsentiert wurden die schwarzen Listen der Polizeibehörden aus dem Nachmärz mit den Steckbriefen auch zu Georg Weerth.

Seit die Lippische Landesbibliothek 1972 den Restnachlass Georg Weerths mit dem Weerth-Familienarchiv übernommen hat, ist tüchtig gesammelt worden. Vor allem Zeitungsdrucke von Weerths Texten konnten im Original oder im Reprint nachträglich erworben werden. Portraits von Persönlichkeiten aus seinem Bekanntenkreis, Stadt- und Gebäudeansichten ergänzten die Dokumentation im Bereich des Visuellen, ebenso Darstellungen und Karikaturen aus der Revolutionszeit. Vieles davon war auch in unserer diesjährigen Ausstellung zu sehen.

Für das Jubiläumsjahr 2006 haben wir uns zudem einige Neuerwerbungen für das Weerth-Archiv gegönnt. So waren in der Ausstellung verschiedene Graphiken erstmals zu sehen, die Lebensstationen Weerths oder Persönlichkeiten aus seinem Bekanntenkreis darstellen, darunter Portraits der Bonner Freunde Gottfried Kinkel und Karl Simrock, des Schnapphahnski-Verlegers Julius Campe und des Forschungsreisenden Robert Schomburgk, mit dem Weerth 1853 auf der Karibikinsel Santo Domingo zusammentraf. Stahl- oder Holzsstiche von Amsterdam, Lüttich, Cadiz, Gibraltar, Santo Domingo, vom Goldrausch in Kalifornien und von Sehenswürdigkeiten in Peru, eine Ansicht der Börse in Paris und die Darstellung eines Stierkampfes, den Weerth 1851 in Madrid miterlebte, ergänzten das bereits in der Vergangenheit gesammelte Bildmaterial, ebenso ein zeitgenössischer Holzstich des Kölner Stadtgefängnisses Klingelpütz, in dem Weerth 1850, nach Ausschöpfung des Instanzenweges im Schnapphahnski-Prozess, eine dreimonatige Haftstrafe verbüßte. Erstmals konnte auch eine Ansicht der Fabrikstadt Bradford präsentiert werden, und noch während der Ausstellungslaufzeit gelang es, die illustrierte und mit Stahlstichen ausgestattete Stadtgeschichte von Bradford „The History of Bradford“ von John James aus dem Jahr 1866 zu erwerben.

Neuerworben für das Lippische Literaturarchiv wurden auch zwei Erstausgaben mit Gedichten des Freundes Hermann Püttmann, dem Weerth die frühe Förderung seines schriftstellerischen Talents verdankte und der als Frühsozialist und Republikaner seinen Blick für soziale Fragen schärfte: die 1841 bei Hoffmann & Campe in Hamburg anonym erschienenen „Tscherkessenlieder“, die den Freiheitskampf im absolutistischen Zarenreich besingen – das Kaukasusvolk der Tscherkessen diente Püttmann für die Projektion eigener politischer Vorstellungen und für das Motto „Wild und frei!“ –, und die erste Gesamtausgabe der Gedichte Püttmanns, die 1846 in einem Exilverlag im schweizerischen Herisau erschien.

Herauszuheben ist das Lippische Landesmuseum als Leihgeber für die aktuelle Ausstellung. Georg Weerth hat von seinen Übersee-Reisen immer wieder Kisten als Frachtgut nach Detmold gesandt, in denen sich Naturalien befanden: Gesteinsproben und Tierpräparate, die für die Detmolder Naturhistorische Sammlung bestimmt waren. Diese Sammlung hatte sein Bruder Carl Weerth angelegt, aus ihr entstand das heutige Lippische Landesmuseum. Welche Neuzugänge die Sammlung Georg Weerth zu verdanken hat, wurde regelmäßig in den Vermischten Nachrichten des Fürstlich Lippischen Regierungs- und Anzeigeblattes gemeldet. Weerth selbst hat in Briefen gelegentlich ausführlich davon berichtet, wie er zu seinen Trophäen gekommen ist: die Jagd auf einen Kaiman 1854 in Kolumbien konnte man während der Ausstellung sehr vergnüglich nachlesen – und den mit einem Bootsruder zertrümmerten Krokodilschädel im Lesesaal der Landesbibliothek besichtigen, wo er wegen seiner besonderen Größe und Gefährlichkeit hinter Gitter gesperrt war. Weerths Beschreibung der Jagd auf den venezolanischen Königsgeier, der ebenfalls in unserer Ausstellung zu sehen war, war auf dessen Sockel nachzulesen. Großen Eindruck auf die Ausstellungsbesucher machten die Kolibris, die Weerth1854 in Bogota einem Indio abkaufte, der sie mit dem Blasrohr geschossen und selbst präpariert hatte; noch heute leuchten die kleinen Vögel in bunten und schillernden Farben. Nicht alle Geschenke Weerths für das Detmolder Museum sind heute noch aufzufinden. Herrn Professor Springhorn sei auch an dieser Stelle noch einmal ein besonderer Dank dafür gesagt, dass er die Naturalien zur Verfügung gestellt hat.

Neuerworben: zwei verbotene frühsozialistische Zeitschriften von 1845/46

Besonders zu nennen sind zwei kostspielige Neuerwerbungen, die die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek e.V. finanziert hat und die in der Ausstellung zu sehen waren.

Die Gesellschaft hat zum einen das von Hermann Püttmann 1844 herausgegebene „Deutsche Bürgerbuch für 1845“ erworben. Das „Deutsche Bürgerbuch“ erschien im Dezember 1844 bei dem Darmstädter Verleger Leske und wurde am 27. Mai 1845 in Preußen durch Gerichtsurteil verboten. Der Elberfelder Frühsozialist Hermann Püttmann hat hier Arbeiten von 15 Autoren zusammengestellt, die in den folgenden Jahren zu Vertretern widersprüchlicher politischer Gruppierungen wurden. Der Band enthält den Erstdruck von Weerths Prosatext „Die Armen in der Senne“. Dieser Text entstand kurz vor seiner Abreise nach England Ende 1843. Er erzählt die Geschichte eines armen, kinderreichen und hungerleidenden Senne-Bauern, der in der Not den kranken, alten Vater erfrieren lässt, seine morsche Hütte anzündet und fortan mit der Familie bettelnd durch das Land zieht. Dem Bonner Freund Alexander Kaufmann schrieb Weerth im Dezember 1843: „Wir denken gewöhnlich, in Paris und London wäre nur das Elend zu Hause; ich versichere Dir, in unserm Land sieht es ebenso schlimm aus. Den Leuten, welche jetzt Dorfgeschichten schreiben, möchte ich raten, einmal die Senne zu besuchen; da gibt es viel herrlichen Stoff! Leider Gottes!“ Bisher war in der Lippischen Landesbibliothek nur der Reprint von 1975 vorhanden; jetzt besitzt sie auch das Original im Erstdruck. Und wer Lust hatte, konnte sich an der Audio-Station im Parlatorium der Landesbibliothek den Text in einer Aufnahme aus dem Jahr 1998 vorlesen lassen.

Die Gesellschaft hat zum anderen eine zeitgenössische Neuauflage des „Gesellschaftsspiegels“ erworben, der berühmtesten Zeitschrift des deutschen Frühsozialismus, die ebenfalls bereits im ersten Jahrgang verboten wurde. Der „Gesellschaftsspiegel“ ist noch vor dem Kommunistischen Manifest erschienen – mit Beiträgen von Friedrich Engels, Karl Marx sowie Weerths „Liedern aus Lancashire“, dem „Gebet eines Irländers“ und seinen Reportagen „Der Gesundheitszustand der Arbeiter in Bradford“, „Das Blumen-Fest der englischen Arbeiter“ und „Die Wohlthaten des Herzogs von Marlborough“. Der Herausgeber Moses Hess musste wegen starker Repressalien bereits ab dem dritten Heft 1845 nach Brüssel emigrieren und von dort die Redaktion führen. Gedruckt wurde das Zentralorgan der damaligen sozialistischen Bewegung bei dem kommunistischen Drucker Julius Bädeker in Elberfeld in einer Auflage von 600 Exemplaren. Trotz politischer Verfolgung gelang es, die 1845/1846 in 12 Heften erschienene Zeitschrift unter dem Titel „Die gesellschaftlichen Zustände der civilisirten Welt“ 1846 nochmals aufzulegen. Dieser Nachdruck von 1846, der an keiner anderen Bibliothek nachgewiesen ist, konnte jetzt antiquarisch für die Lippische Landesbibliothek Detmold erworben werden.

Der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek e.V. sei an dieser Stelle ganz ausdrücklich für die Unterstützung gedankt. Sie hat sich damit in den drei Jahren ihres Bestehens nicht nur großherzig für den Ankauf teurer Grabbe- und Freiligrath-Autographen engagiert, sondern auch etwas für Georg Weerth getan. Insbesondere aber den Freunden und Nutzern unseres Literaturarchivs sei bei dieser Gelegenheit eine Mitgliedschaft in diesem segensreichen Förderverein empfohlen.