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„Schach dem Herzog!“
Das Schachbuch Herzog Augusts von Wolfenbüttel

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 100 (2007) 12, S. 346-348.

Dank großzügiger Schenkungen und Stiftungen von privater Seite (Bibliothek Babel/Paulsen, Sammlung Horst Paulussen) verfügt die Lippische Landesbibliothek in Detmold über einen soliden Fundus an Lehrbüchern, Einführungen, Beispielsammlungen, Spezialuntersuchungen und Biographien zum Thema Schach aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Diese interessante und rege benutzte Literatur ergänzt in willkommener Weise den bereits vorhandenen Quellenbestand zu diesem überschaubaren Spezialgebiet, das weiter gepflegt und im Einzelfall auch durch gezielte Antiquariatskäufe komplettiert wird. Horst Paulussen hat mehrfach und zuletzt im Jahre 2005 in dieser Zeitschrift darüber berichtet.

Kupferstich: Porträt von Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel
Herzog August von Braunschweig-Lüneburg (1579-1666). Kupferstich von Lucas Kilian, 1630

Aus dem alten Buchbestand der Bibliothek ragt allerdings ein über 500 Seiten starkes Schachbuch im Klein-Folioformat heraus, das 1616 unter dem Titel Das Schach- oder König-Spiel in Leipzig erschienen und damit zugleich das erste deutschsprachige Schachbuch überhaupt ist. Als Verfasser weist das Titelblatt einen gewissen „Gustavus Selenus“ aus, dessen Identität zunächst Verwirrung stiftet und wohl auch stiften sollte. Denn bei näherem Hinsehen erweist sich dieser Name als ein Kryptonym, also ein versteckter Verfassername. „Gustavus“ meint nichts anderes als „Augustus“ und in Selenus steckt das griechische Wort „selēnē“ für den Mond. Dieser heißt im Lateinischen „luna“ und mit einiger Phantasie landet man bei Lunaeburgum, nämlich Lüneburg; dass dieser Ortsname nichts mit dem Mond zu tun hat, darf hier freilich vernachlässigt werden. Schon den Zeitgenossen ist nicht unbekannt geblieben, dass sich hinter dieser Verschleierung Herzog August d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel aus der Linie Braunschweig-Dannenberg (1579-1666) verbirgt. Das war jener gelehrte Fürst, Sammler und Mäzen, der heute in erster Linie mit der großartigen, auf ihn zurückgehenden und seinen Namen tragenden Bibliothek in Wolfenbüttel in Verbindung gebracht wird. Aus einer welfischen Nebenlinie stammend, war dieser jüngste Sohn Heinrichs von Braunschweig-Dannenberg nach Studienaufenthalten in Rostock, Tübingen und Straßburg sowie den üblichen Kavaliersreisen, die ihn nach Italien, Frankreich und England geführt hatten, im Jahre 1604 mit der kleinen Herrschaft Hitzacker an der Elbe abgefunden worden. Dort, in seinem „altera Ithaka“ genannten Refugium, widmete er sich gelehrten Korrespondenzen, wissenschaftlichen Experimenten, dem Aufbau seiner Bibliothek und anderen Interessen. Als 56jährigem fiel ihm nach dem Aussterben der Wolfenbütteler Linie aufgrund eines Erbvergleichs im Jahre 1635 das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zu, das er nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges mit erheblichen Anstrengungen wieder aufbaute und dem er dank durchgreifender Verwaltungsreformen den Weg zu einem modernen Staatswesen ebnete; der Ausbau der Residenzstadt Wolfenbüttel und namentlich die stete Erweiterung seiner Bibliothek (Bibliotheca Selenica, später Augusta), die bei seinem Tode 135.000 Titel umfasste und als „achtes Weltwunder“ gepriesen wurde, hatten hohe Priorität.

Idee, Konzeption und Abfassung des Schachbuches fielen allerdings in seine Zeit als landesherrlicher Frühpensionär in Hitzacker. Man vermutet wohl zu Recht, dass August während seiner Italienreise 1598-1600 an verschiedenen Adelshöfen intensiv mit dem Schachspiel in Berührung gekommen ist; schon auf der Hinreise erregten in der Münchner Residenz der Herzöge von Bayern neben anderen Pretiosen und Kunstwerken besonders „schöne SchachSpiell“ seine Aufmerksamkeit. Zurück in der eigenen kleinen Residenz mag er beim Selbststudium festgestellt haben, dass ein umfassendes Lehrbuch in seiner Muttersprache dringendes Desiderat ist. Wie das „Verzeichnus der Authorum, und Bücher, welche zu diesem Tractat“ von ihm herangezogen wurden, ausweist, ging der Niederschrift ein intensives Studium der klassischen Autoren ebenso wie der einschlägigen französischen, spanischen und italienischen Literatur voraus. Mit der ihm eigenen Akribie hatte er sich zum Ziel gesetzt, dass „eine kleine perfection, so viel in hoc mundo geschehen kan, daraus werden möchte“. Mit rhetorischer Bescheidenheit merkt er allerdings an, dass seinem Buch nur gelegentliche Aufzeichnungen vorausgegangen seien, die er auf Bitten von Verwandten und verständigen Personen angefertigt und, „umb den müßiggang ganz zu verhüten, etliche Reguln, Exempel und was sonsten zum Schach-Spiele dienlich“, habe in Deutsch drucken lassen.

Das Werk selbst besteht aus vier Teilen. In enger Anlehnung an seine Gewährsleute wird im ersten Buch eine „Philosophie des Schachspiels“ entwickelt, wobei das Spiel in das Gebäude der schönen Künste und Wissenschaften integriert wird: Wie die Musik diene das Schach der Entspannung, Form und Gestalt beziehe es aus Mathematik und Physik, während sein Fundament die Ethik bilde. Ausführungen zur Geschichte des Spiels, die Erklärung der Schachfiguren und eine Einführung in die allgemeinen Spielregeln schließen sich an. Die ersten Kapitel des zweiten Buches handeln allgemein „von den Mitteln, beim Spiele den Sieg zu erlangen“. Vom achten Kapitel an bis zum Ende des dritten Buches geht es dann um taktische Finessen, die Züge im Einzelnen, um Eröffnungen, Gambits (Königs- und Damengambit), Königsläuferspiel, verschiedene Varianten der Verteidigung, das Damenbauernspiel und anderes. Dieser eigentliche Hauptteil des Werkes, der geradezu professionelle Kenntnisse vermittelt und diese auch beim Verfasser voraussetzt, rührt nun allerdings nicht aus der Feder Augusts, sondern stellt eine Übersetzung des Libro de la invencion liberal y arte del juego del axedrez, das der spanische Geistliche Ruy Lopez de Segura 1561 aus seinen praktischen Erfahrungen heraus veröffentlicht hat. Dieser hervorragende Schachspieler, dessen Name noch heute mit wesentlichen Spielzügen verbunden ist, gilt als „Vater der Schachtheorie“. Wir wissen, dass der Herzog Lopez’ Werk nicht in der Originalausgabe, sondern in der italienischen Übertragung des Venezianers Domenico Tarsia benutzt hat. Dessen 1584 erschienenes Buch Il giuoco de gli scacchi di Rui Lopez, Spagnuolo hatte August selbst in Italien erstanden; darüber hinaus befand sich in seiner Bibliothek auch die französische Übersetzung von 1609.  Die Kapitel 1 bis 8 des vierten Buches enthalten Vorgabepartien nach Lopez. Bemerkenswert schließt sich die Beschreibung dreier Varianten des Schachspiels an, wie sie von den Bewohnern des – heute noch als Schachdorf bekannten - Ortes Ströbeck (Ströpeke) unweit Halberstadt gespielt werden. Wie schon der vollständige Titel ausweist, hat der Fürst dem Schachbuch die Beschreibung des „uhralten“, angeblich auf Pythagoras zurückgehenden Zahlenspiels Rythmomachia angeschlossen, bei dem es um die Kombination von Zahlen in einem bestimmten Verhältnis geht. Eigenen Angaben zufolge übersetzte der Herzog hierzu das „Tractätlein“ des Francesco Barozzi aus dem Italienischen; seine Vorlage ist bisher unbekannt geblieben.

Kupferstich, zeigt Schachspielsituation: zwei Spieler sitzend am Tisch mit Brett, Zuschauer.
Kupferstich von Jacob von der Heyden in Herzog Augusts Schachbuch von 1616 (Sign. V 42.2°)

Anfänglich hatte der Herzog wohl die Stadt Augsburg als Erscheinungsort für sein Buch ins Auge gefasst, doch schloss er 1615 kurzfristig einen Vertrag mit dem Verleger Henning Groß in Leipzig, der noch im selben Jahr ein kaiserliches Druckprivileg erwirken und damit für die nächsten sechs Jahre einen Nachdruck verhindern oder zumindest erschweren konnte. Im Oktober 1615 war der Druck durch den Leipziger Drucker Lorenz Kober weitgehend abgeschlossen. Die an den Leser gerichtete Vorrede ist datiert „Jetzelffließ [=Hitzacker], 1616, den 25 Iulii“, kurz darauf muss das Opus auf den Markt gekommen sein. Es darf als sicher gelten, dass nicht Groß das verlegerische Risiko tragen musste, sondern der Autor das Schachbuch auf eigene Kosten hatte herstellen lassen. Und diese dürften nicht gering ausgefallen sein, denn die attraktive Ausstattung des Werkes mit zahlreichen Schachdiagrammen und Kupferstichen hatte den Kostenrahmen arg strapaziert. Besonders ragt der zwischen den Seiten 216/217 eingefügte doppelseitige Kupferstich des Straßburger Kupferstechers Jacob van der Heyden (1573-1645) heraus. Der bisher nicht datierte Stich zeigt Herzog August rechts am Tisch bei einer Schachpartie mit einem fürstlichen Gegner; die Szene wird von zwei weiteren vornehm gekleideten Personen aufmerksam verfolgt. Die Position der Schachfiguren dokumentiert eine im Buch des Ruy Lopez abgebrochene Partie, die der Herzog durch eigene, ein wenig dilettantische Züge angereichert hatte (S. 215/216). Durch Vergleich mit zeitgenössischen Porträts ist es jüngst gelungen, die übrigen adligen Personen namhaft zu machen: bei Augusts Schachpartner handelt es sich um den Landgrafen Moritz (den Gelehrten) von Hessen-Kassel (1572-1632), an der Stirnseite des Tisches sitzt Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt (1577-1626), und die hinter August stehende Person könnte mit dem Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach (1573-1638) identisch sein. Vor Weihnachten 1601 war August in Straßburg mit diesen drei Standesgenossen zusammen getroffen, und 1606 hatte Jacob van der Heyden einen reizvollen Porträtstich des Herzogs nach einer Gemäldevorlage seines Vaters angefertigt; dieser Stich zeigt engste Verwandtschaft mit dem Konterfei des Herzogs am Spieltisch, so dass die hier vorliegende Schachidylle wohl zeitnah entstanden sein dürfte. Dem gleichen Künstler verdanken wir darüber hinaus die Illustrationen in der Rythmomachia und einen Teil der Schachfiguren.

Titelkupfer
Signatur: V 42.2°

Die übrigen in den Text eingestreuten Kupferstiche, Diagramme und Schachfiguren rühren von dem Kupferstecher Lucas Kilian (1579-1637). Dieser aus einer berühmten Augsburger Verleger- und Kupferstecherfamilie stammende Künstler hatte sich vorrangig als Porträtist, aber auch als Prospektstecher und Ornamentiker einen Namen gemacht. Nach genauen Vorgaben seines Auftraggebers entwarf und verfertigte er den inhaltsreichen allegorischen Titelkupferstich für das Schachbuch. In drei Bildern wird zunächst die Legende von Palamedes, Königs von Euboia und klugen Ratgebers der Griechen vor Troja wiedergegeben; ihm werden in der griechischen Mythologie u. a. die Erfindung der Buchstabenschrift, des Rechnens und Messens, der Beobachtung der Gestirne sowie des Brett- und Würfelspiels zugeschrieben. Die erste Szene oben zeigt den Helden in der Physiognomie Augusts im Kriegszelt beim Schachspiel, während andere sich im Nachbarzelt mit einem, dem Tricktrack oder Backgammon ähnlichen Würfelspiel vergnügen, im Hintergrund erkennt man das Trojanische Pferd, vorn stürmt das griechische Heer durch die Mauerbresche in die Stadt, dort lodern erste Brände auf. Das linke Kupfer beschreibt die Enttarnung des Odysseus, der sich als geisteskrank ausgegeben hat, um nicht am Feldzug gegen Troja teilnehmen zu müssen: er pflügt mit Pferd und Ochsen, sät Salz statt Saatgut aus. Palamedes überführt ihn, indem er Odysseus’ kleinen Sohn Telemachos vor den Pflug legt, worauf der Simulant prompt das Gespann anhält. Die von Odysseus grausam inszenierte Rache setzt das Kupfer rechts ins Bild. Durch einen fingierten Brief gerät Palamedes in den Verdacht der Kollaboration mit den Trojanern; der Urheber der Verleumdung, Odysseus, hatte zudem dafür gesorgt, dass im Zelt des Beschuldigten verstecktes Gold gefunden wird. Damit ist das Schicksal des Palamedes besiegelt, er wird des Hochverrats angeklagt und gesteinigt.

Die Allegorie spiegelt Augusts Selbstverständnis und Intention. Palamedes galt wegen seines Scharfsinns und seiner Begabung, seiner Erfindungen und seines militärischen Genies im 17. Jahrhundert als Sinnbild für den weitsichtigen Schlachtenlenker, Staatsmann und Regenten schlechthin. Ihm nachzueifern, bedeutete für einen Fürsten um 1600 hohe Verpflichtung, und gerade als Verfasser des ersten deutschen Schachbuches sah sich der Welfenherzog aus Hitzacker in besonderem Maße symbolisch als geistiger Nachfahre jenes griechischen Helden, dem die Erfindung des Schachspiels vor den Mauern Trojas zugeschrieben wurde. Zeitgenossen und späteren Autoren waren diese Bezüge selbstverständlich geläufig und so feierten sie August als „zweiten Palamedes“. Die untere Szene des Titelkupfers ist völlig anderen Inhalts. Sie zeigt eine achtköpfige Tischgesellschaft, in deren Mitte Kolumbus mit den Zügen des Herzogs (vor ihm das „Ei des Kolumbus“!) sich mit anmaßenden spanischen Edelleuten, die seine Entdeckungsreisen herabwürdigen, auseinandersetzt und deren despektierliche Reden widerlegt. Der Kupferstecher Kilian benutzte hierfür eine Vorlage aus dem Jahre 1594. Man geht davon aus, dass sich August mit dem Italiener im Bezug auf Forschungsgeist und Entdeckungseifer identifizierte, da auch er mit seinem Schachbuch im übertragenen Sinne wie jener Neuland betreten hatte.

Im unmittelbaren Vergleich mit italienischen und spanischen Publikationen hat August insgesamt gesehen nur wenig Eigenständiges beigesteuert. Das hat gelegentlich dazu geführt, ihn als nur mäßigen Schachspieler zu qualifizieren; da jedoch vollständige Partien von ihm nicht überliefert sind, entbehrt dieses Verdikt ernsthafter Grundlage. Berechtigte Kritik wurde gelegentlich an der weitschweifigen und schwerfälligen Sprache, der geradezu barbarischen Interpunktion und der eigenwilligen und umständlichen Bezeichnung der Schachfelder geübt. Heute eine aussagekräftige Geschichtsquelle und hochgehandelte Antiquität wurde das Schachbuch von den Zeitgenossen und noch später als „goldenes und vortreffliches  Werk“ gepriesen, das die Gelehrsamkeit dieses Fürsten einmal mehr unter Beweis stellte. Da der Herzog den Vertrieb weitgehend selbst in die Hand genommen hatte und sogar dazu übergegangen war, bereits verkaufte Exemplare zurückzuerwerben, um sie mit Widmungen versehen an hochgestellte und einflussreiche Persönlichkeiten zu vergeben, zählte das Werk bald zu den raren Büchern. Der noch zu Lebzeiten des Autors laut werdende Ruf nach einer Neuauflage, die wohl tatsächlich vorgesehen war, erfüllte sich indes nicht. Nur kleinere Auszüge wurden im 17. und 18. Jahrhundert unter wechselnden Titeln publiziert, und auch initiierte Übersetzungen ins Italienische und Französische blieben unausgeführt.

Das Exemplar der Lippischen Landesbibliothek trägt einen hellen Pergamenteinband des 17. Jahrhunderts mit zurückhaltenden vergoldeten Zierelementen (fleurale Ornamente, Randrahmen, angedeutete Bünde); der Schnitt ist vergoldet und gepunzt. Die Provenienz des Bandes ist bemerkenswert, denn er trägt auf dem Vorsatzblatt eine ausführliche handschriftliche Widmung Herzog Ernst Augusts von Braunschweig-Lüneburg (1629-1698) aus der Linie Calenberg, des (evangelischen) Bischofs von Osnabrück und späteren Kurfürsten von Hannover. Der Herzog übereignete 1669 die „schaccologia“ (=Schachlehre) aus dem Besitz seiner Eltern, das waren Herzog Georg von Calenberg († 1641) und Anna Eleonore von Hessen-Darmstadt († 1649), einem verdienten Kanzleisekretär namens Höpfner in Hannover. Der Herzog hatte die Widmung mit Zitaten klassischer Autoren (Tacitus, Annales; Terenz, Adelphoe) versehen, die das menschliche Leben mit einem Würfel- oder Brettspiel vergleichen, wo der Zufall durch Klugheit wettgemacht werden kann; die Jahreszahl verbirgt sich in einem Chronogramm. Wahrscheinlich hatte Herzog August dieses Exemplar seinem etwa gleichaltrigen Vetter Georg von Calenberg einst zum Geschenk gemacht. Bevor es in die Lippische Landesbibliothek gelangte, war im 18. Jahrhundert ein gewisser Neumann Besitzer des Schachbuches; er lässt sich nicht mehr zuordnen. – Im Jahre 1978 erschien in Zürich ein schöner Nachdruck, so dass dieses für die Schachgeschichte so bedeutsame Werk jedem Interessierten wieder leicht zugänglich geworden ist.