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Authentisches Leben.
Nachlass von Anne Schäfertöns in der Landesbibliothek

von Ines Wolf

Druckfassung in: Heimatland Lippe 100 (2007), 11, S. 312-314.

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Im März dieses Jahres verstarb die lippische Lyrikerin und Schriftstellerin Anne Schäfertöns. Zu Lebzeiten bereits als Künstlerin geehrt, wendete sich Frau Schäfertöns zur Verwahrung ihres Vorlasses an das Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek in Detmold. Dankbar konnten hier die zahlreichen Bezeugungen eines künstlerisch aktiven Lebens in Empfang genommen werden. Zur Würdigung ihrer schriftstellerischen Leistungen wurden die erhaltenen Autographen, Materialsammlungen, Fotografien und Lebensdokumente nun vollständig erschlossen. Der Nachlass Anne Schäfertöns ist uneingeschränkt zugänglich und wird im Lippischen Literaturarchiv für Forschung, Wissenschaft und interessierte Nutzer gepflegt und erhalten.

Trotz früher Entdeckung persönlicher Neigungen für die schreibende Zunft, durchlief Frau Schäfertöns nach ihrer Kindheit in Meiersfeld bei Detmold eine traditionelle Ausbildung in Haushalt und Bankgewerbe. Doch schon die zehnjährige Tätigkeit bei der Handwerkskammer in Detmold – u. a. als Sekretärin des Geschäftsführers – wurde für die gebürtige Lipperin zur Quelle der Inspiration für eine literarische Umsetzung. In dem 1982 erschienenen großen Handwerksbuch „Alte und neue Handwerke“ werden regional wie deutschlandweit alte und neue Handwerke in Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet.

Seit 1951 war Anne Schäfertöns mit dem Müllermeister und Studiendirektor Erhard Schäfertöns verheiratet. Aufgrund seiner beruflichen Verpflichtungen zog die Familie nach Gifhorn in die südliche Lüneburger Heide um – Heimatort Anne Schäfertöns’ von 1956 bis 1990. Nie konnte der neue Wohnort ihre Verbundenheit mit der lippischen Heimat schmälern. Gleichwohl wurde das Gifhorner Land besonders in den Jahren ab 1974 Motivation zu schriftstellerischem Tatendrang. Die im Nachlass befindlichen Materialsammlungen mit bemerkenswerten Fotografien und Manuskripten ihrer Zeitungsserien über Bauwerke, Landschaft und Menschen des niedersächsischen Ortes zeugen von ihrem journalistischem Können. Frau Schäfertöns’ „Porträts von Landschaft und Mensch“ und die Beschreibungen „Alte und neue Bauwerke“ illustrieren ein gutes Auge für Architektur und Umgebung und die Fähigkeit zur Erfassung und Wiedergabe von schicksalsträchtigen Biographien wie auch erfolgreichen Lebensführungen.

Anne Schäfertöns und Erika Vosseler
Foto: privat

Die zahlreichen Manuskripte und Werkstattpapiere bezeugen das große Interesse Anne Schäfertöns’ an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorgängen ihres alltäglichen Umfeldes. Vor allem in zwei umfangreichen dramatischen und prosaischen Arbeiten fanden diese Beobachtungen ihre Umsetzung. Das Manuskript zur Tragikomödie „Letzte Rosen“ von 1974 berichtet über die letzte Lebenszeit eines Kriegsveteranen und seinen Enkel. Hier kontrastieren die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Jung und Alt. Realisiert in zwei vorliegenden Fassungen, werden in dem reportagehaft angelegten Manuskript „Brötchengeld“ die wirtschaftlichen Probleme des Wolfsburger Volkswagenwerkes und der Amtsantritt des Vorstandsvorsitzenden Toni Schmücker im Jahr 1975 thematisiert. Die „rollenden Brötchen“ der Produktion des Volkswagenkonzerns sind der Angelpunkt, an welchem sich das Schicksal der Angestellten- und Arbeiterfamilien in Abhängigkeit zum Automobilwerk ausrichtet. Mit den Erfahrungen einer Ehefrau und Mutter von drei Kindern konnte Frau Schäfertöns so auch den im Manuskript geschilderten Familien- und Alltagseinblicken einen realistischen Anstrich verleihen.

Die erfolgreiche Arbeit an der bereits beschriebenen Zeitungsserie „Alte und neue Bauwerke in den Orten des Kreises“ führte Anne Schäfertöns zu ihrer ersten Buchveröffentlichung. Die einzelnen Folgen der Serie ergaben in ihrer Zusammenstellung mit umfangreichem Fotomaterial ein eindrucksvolles Text- und Bildwerk mit lyrischem Abschluss im Anhang. 1979 erschien das Buch „Alte und neue Bauwerke zwischen Ise und Aller, Lachte und Schunter“.

Ebenfalls im Nachlass befinden sich die 38 oftmals handsignierten Autographen der Beiträge zu ihrem Buch von 1981 „Wenn ich über die Heide geh’“. In anderer Art und Weise, jedoch nicht minder bilderreich, künden hier Gedichte und Erzählungen vom Heideleben, von Natur und Mensch. Die Impressionen bewegen sich von anspruchsvoller Dramatik und Zeitkritik hin zu genussversprechenden Kurzweiligkeiten in Versform. Die dürrebedingten Heidebrände im Sommer des Jahres 1975, „Rosenduft aus Ankara“ oder „Die Maus“ sind nur drei Beispiele zu enthaltenen Themengebieten, Erzählungen und Gedichten.

Das im selben Jahr erschienene Buch zur Wanderung des Schäfers Jo ist ein „Sagen- und Märchenbuch für große und kleine Menschenkinder“. Es enthält zahlreiche farbige Bilder des damaligen Kunststudenten Roland Oesker. Die Illustrationen – leider nicht im Original Teil des Nachlasses – verlebendigen die Texte zu Schäfer Jo’s wundersamer Wanderung durch die Lüneburger Heide.

Mossenberg in Lippe
Foto:privat

Innerlich noch immer verbunden mit Lippe, wendete sich Familie Schäfertöns 1980 wieder ihren Wurzeln zu. Vorerst nur in Form eines Zweitwohnsitzes fand sich in der Residenzstadt Detmold das vermisste Fleckchen Heimat. Mit dieser räumlichen Neuorientierung ging auch eine Veränderung der schriftstellerischen Perspektive einher. Nun gerieten zunehmend wieder die Menschen aus Lippe in den künstlerischen Fokus. 1987 und 1993 erschienen Anne Schäfertöns’ Romane „Trauerweide und Eichenlaub“ und „Strohsack und Brokat“. Unterschiedliche Generationen im Geflecht von – sozialem und wirtschaftlichem Wandel unterlegenen – Gesellschaftsstrukturen bilden für beide Werke den thematischen Hintergrund, vor welchem sich die Protagonisten u.a. in Lüneburger Heide und westfälisch-lippischem Hügelland bewegen.

Insgesamt sechs verschiedene Werkmanuskripte führten 1997 zur Veröffentlichung des Essays „Verschalt – Verwindet – Verweht. Gedanken zum Gedächtnisjahr der westfälischen Dichterin Annette Freiin von Droste-Hülshoff“. Die sensible Gegenüberstellung der Kindheit der Dichterin von adeliger Abstammung mit Eleonore Boog, Tochter aus einfachen Verhältnissen, verdeutlicht einmal mehr das Gespür der Autorin für die Erfassung menschlicher Charaktere und ihrer Schicksale. Die drei Lesungen zu diesem Werk in der Zeit von Juni bis November 1997 belegen den Erfolg des Essays und das Engagement der Autorin.

1998 begann Anne Schäfertöns mit den Arbeiten zu ihrer Biographie über Erika Vosseler, der Mutter des  Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Sicher würde sie selber dieses Projekt als das für sie ehrgeizigste und wichtigste bezeichnen. Der größte Anteil der Manuskripte und Werkstattpapiere des Nachlasses dokumentiert den Entstehungsprozess dieser biographischen und sozialen Studie. Insgesamt mindestens sieben Mal trafen sich die beiden Damen Schäfertöns und Vosseler zur Erstellung eines authentischen Lebensberichtes.

Schnell entstand ein grundlegendes Vertrauensverhältnis, das die Autorin zu tiefen Einblicken in Vergangenheit und Gegenwart der Familie Schröder führte. Fotografien und Bildmaterial zeugen von den lippischen Wurzeln der Familie und illustrieren eine traditionelle und bodenständige Kindheit des späteren Bundeskanzlers. Das in verschiedenen Fassungen vorliegende Manuskript mit dem Arbeitstitel „Aus dem Schatten zum Licht: Schröders Mutter“ konnte leider nicht mehr in eine der Veröffentlichung gemäße Form gebracht werden.

Mit der Dokumentation eines authentischen Lebens schließt sich an dieser Stelle auch die Erfassung eines anderen bewegten Lebens, welches nicht minder einer Aufzeichnung wert ist. Im Zeichen von Autorschaft und Heimat führte Anne Schäfertöns ihr Talent zu bemerkenswerten schriftstellerischen Leistungen.

Die Verfasserin ist Studentin Deutschsprachiger Literatur an der Universität Paderborn. Sie hat in der Lippischen Landesbibliothek Detmold den Nachlass Anne Schäfertöns erschlossen.