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Geograf und mehr. Bernhard Varenius: Zwei Drucke aus dem 17. Jahrhundert in der Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 100 (2007), 2, S. 50-52.

Einleitung
Herkunft, Studium, Lebensunterhalt
Beschreibung Japans, 1649
Allgemeine Geographie, 1650 und öfter

Einleitung

Mit Unterstützung ihrer „Gesellschaft der Freunde und Förderer“ konnte die Lippische Landesbibliothek in den vergangenen Jahren zwei für die Wissenschaftsgeschichte und hier vor allem für das thematische Umfeld des Lemgoer Forschungsreisenden und Arztes Engelbert Kämpfer bedeutsame Drucke aus der Mitte des 17. Jahrhunderts im Antiquariatshandel erwerben. Es handelt sich dabei zum einen um die 1649 in Amsterdam erschienene Erstausgabe der „Descriptio regni Iaponiae“ (Beschreibung des japanischen Reiches) des Mathematikers, Arztes und Geographen Bernhard Varenius, zum anderen um die „Geographia generalis“ (Allgemeine Geographie) desselben Autors, die erstmalig 1650 erschien, hier in der zweiten unverändert posthum verlegten Ausgabe Amsterdam 1664; ein jüngerer Druck von 1671 befand sich bereits zuvor in der Landesbibliothek. Wenngleich man davon ausgehen muss, dass dem nur eine Generation jüngeren Engelbert Kämpfer (†1716) beide Werke, zumindest aber die „Descriptio ... Iaponiae“, bekannt gewesen sind, finden sich überraschenderweise Hinweise darauf weder in seinem Oeuvre noch in seinen sonstigen Lebenszeugnissen. Auch in Kämpfers umfangreicher Privatbibliothek, die dank des erhaltenen – späten – Auktionskataloges von 1773 zuverlässig rekonstruiert werden kann, sucht man Ausgaben des Varenius vergebens; über die Ursachen lässt sich allenfalls spekulieren. Ungeachtet dessen bedeuten die beiden Erwerbungen für die Landesbibliothek mit ihrem umfangreichen Druckschriftenbestand des 17. Jahrhunderts eine wichtige Bereicherung und eine inhaltsreiche Quelle im Kontext des weiten Arbeitsfeldes um den Asienreisenden aus Lemgo. Vor diesem Hintergrund bedarf es sicher keiner ausdrücklichen Begründung, den zeitweise vergessenen „Begründer der modernen Geographie“ in einem kurzen Überblick in Erinnerung zu rufen.

Herkunft, Studium, Lebensunterhalt

Abb. 1: B. Varenius, Descriptio regni Iaponiae, 1649.
Kupfertitel: der Autor (?) vor einer Japankarte in einem Buch schreibend, oben: Japaner huldigen dem Shogun.
Lippische Landesbibliothek, Sign. 18.05.519

Als Sohn des herzoglichen Hofpredigers und Pastors an der Kirche St. Johannis Heinrich Varenius (†1635) und der Anna Freder (†1623), einer Enkelin des Rostocker Theologen David Chytraeus, wurde Bernhard Varenius im Jahre 1622 in Hitzacker geboren; sein genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert. Der Flecken an der Elbe war damals Teil des Fürstentums Braunschweig-Dannenberg und diente in den Jahren 1604-1634 jenem, nicht zuletzt durch seine so großartige Bibliothek berühmten Herzog August d. J. von Braunschweig-Lüneburg (1579-1666) als Residenz. „Nova Ithaka“ nannte der gelehrte Fürst das ihm zugewiesene Refugium, wo er bereits den Grundstock zu seiner später als achtes Weltwunder gepriesenen Bibliothek in Wolfenbüttel gelegt hatte. 1628 gelangte Bernhard Varenius nach Uelzen; sein Vater hatte dort die Stelle des Propstes und Superintendenten an der Marienkirche angetreten.

Mit seinen Brüdern August (1620-1684), später Professor der Hebräischen Sprache und der Theologie in Rostock, und Georg Heinrich besuchte er die städtische Lateinschule. Studienaufenthalte in Helmstedt und am Akademischen Gymnasium in Hamburg folgten zwischen 1636 und 1642/43. Vor allem an der gelehrten Studienstätte in der Hansestadt prägten seine Lehrer, der Logiker und Naturforscher Joachim Jungius (†1657) und der Mathematiker Johann Adolf Tassius (†1654), sein wissenschaftstheoretisches, vor allem aber naturwissenschaftliches und  systematisches Denken nachhaltig.

An der Universität  Königsberg nahm er 1643 das Studium der Mathematik und Medizin auf, wechselte aufgrund der dort eher mangelhaften Qualität des akademischen Unterrichts zwei Jahre später nach Leiden und wurde hier 1649 mit einer Arbeit über das Fleckfieber („Disputatio medica inauguralis, de febri in genere“) zum Dr. med. promoviert.

Durch den großen Stadtbrand von Uelzen seines Vermögens beraubt, schlug er sich seit Herbst 1646 in Amsterdam als Hauslehrer durch, befasste sich intensiv mit der Kurventheorie und der Kegelberechnung, fand angesichts dieses mathematischen Spezialgebietes allerdings niemanden, der das verlegerische Risiko einer Publikation eingehen mochte. Vergeblich bewarb er sich um die vakante Professur für Mathematik am dortigen Gymnasium und  auch der anschließende Versuch, sich in Amsterdam als Arzt niederzulassen, scheiterte. Die ihm wiederholt von seinem Lehrer Jungius eröffnete Lehrtätigkeit in Hamburg lehnte er aus eher vorgeschobenen Gründen ab, ohne eine Rückkehr je ganz ausschließen zu wollen.

Angesichts dieser Lebensumstände wird deutlich, dass seine rastlose publizistische Tätigkeit in dieser Zeit wohl weniger der wissenschaftlichen Reputation als der elementaren Existenzsicherung diente. Die datierte Widmung vom 1. August 1650 in der „Geographia generalis“ gilt bisher als sein letztes Lebenszeichen, und aufgrund der gelegentlich flüchtigen Druckausstattung und der fehlenden Tafeln wird angenommen, dass er letzte Hand nicht mehr anlegen konnte, sondern eine der zahlreichen damals grassierenden Epidemien ihn im 28. Lebensjahr jäh aus dem Leben gerissen hat.

Beschreibung Japans, 1649

Abb. 2 Amsterdam. Aus: F. v. Zesen, Beschreybung der Stadt Amsterdam, 1664
Lippische Landesbibliothek, Sign. K 710

Im Jahre 1649 veröffentlichte Varenius bei Elzevier in Amsterdam, dem führenden Verleger in den Generalstaaten, die „Descriptio regni Iaponiae“, also die Beschreibung des japanischen Reiches, sie bedeutete zugleich die erste von einem Europäer verfasste Landeskunde Japans überhaupt. Er, dessen Leben sich allein zwischen Hamburg, Königsberg, Helmstedt und Leiden abgespielt und der nie an anderes Land bereist hat, auch nie zur See gefahren ist, schöpfte seine Beobachtungen und Erkenntnisse allein aus der geradezu besessenen Lektüre aller greifbaren Berichte von Reisenden, Missionaren, Seefahrern und Kaufleuten über Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Staat und Verwaltung Japans. Nicht zu vergessen ist, dass die Metropole an der Amstel im Goldenen Zeitalter nicht nur als der größte Warenumschlagplatz galt, sondern zugleich auch eine Börse der öffentlichen Meinung, der Erzählungen, Gerüchte und Geschichten aus Europa und vor allem aus Übersee gewesen ist. Varenius saß hier unmittelbar an der Quelle, nahm das Gelesene und Gehörte begierig auf, und es ist sein unbestreitbares Verdienst, das Material kompiliert, geordnet und kritisch bewertet zu haben, um es letztendlich, seiner elitären Zielgruppe entsprechend, in flüssigem Späthumanistenlatein niederzulegen. Seine schriftlichen Quellen, aus denen er geschöpft hat, sind im Vorwort angegeben und bisweilen auch im Text akribisch zitiert; das war seinerzeit keine Selbstverständlichkeit. Gewidmet hat er das Werk den Bürgermeistern und dem Senat der Stadt Hamburg, gewiss nicht nur aus Anhänglichkeit, sondern mit der berechtigten Hoffnung auf künftige Förderung. Die Beschreibung Japans wurde vom Elzevier-Verlag als 35. und letzter Band in seine umsatzstarke historisch-landeskundliche Reihe (Res publicae) aufgenommen, die Darstellung Japans schien ein dringendes Desiderat gewesen zu sein, Bernhard Varenius hatte diese Lücke geschlossen.

Das Exemplar der Lippischen Landesbibliothek weist einige buchkundliche Besonderheiten auf: es fehlen die Widmung (Dedicatio) an die Hamburger, das Vorwort (Praefatio ad lectorem) und das vorgeschaltete Kapitel (Dissertatio) über die Staatsformen im Allgemeinen und über die Staaten der Welt. Dafür folgt dem Kupfertitel das schlichte Titelblatt seiner ebenfalls 1649 im gleichen Verlag erschienenen Abhandlung „Tractatus ... de Iaponorum religione“ (Abhandlung über die Religion der Japaner), die er der Königin Christina von Schweden (†1689) als Mäzenatin der Wissenschaften zugeeignet hat. Bis auf diese Widmung und den Index fehlt das Religionstraktat dann allerdings und das Werk beginnt programmgemäß mit dem ersten Kapitel der „Descriptio ... Iaponiae“ über Lage, Größe und Gliederung des Landes sowie die ersten Berichte der Europäer. Das Zustandekommen dieser bibliographischen Eigentümlichkeit bleibt ebenso unbekannt wie die Herkunft des früheren Besitzers Johannes Baptista Collet, der den Band 1698 von einem Magister artium namens Pierre als Geschenk erhalten hat. Namen und Einband mit Lilienstempeln weisen auf französische Provenienz, das ist aber auch schon alles. – Das noch immer lesenswerte Werk liegt seit 1974 in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung vor.

Allgemeine Geographie, 1650 und öfter

Abb. 3: B. Varenius, Geographia generalis, 1671. Kupfertitel: der Autor (?) erläutert den regierenden Bürgermeistern von Amsterdam nautische Instrumente.
Lippische Landesbibliothek, Sign. 18.04.1508

Die Auffassung, in der „Descriptio“ sei die Umsetzung einer Geographia specialis (Spezielle Geographie, hier im Sinne von Länderkunde), deren Idealsystematik Varenius 1650 als Anlage zu seinem Hauptwerk entworfen hat, zu sehen, hat die Forschung mittlerweile mit guten Gründen verworfen. Dieses Hauptwerk, das ihn zum Wegbereiter der modernen wissenschaftlichen Geographie werden ließ, erschien unter dem Titel „Geographia generalis“ ebenfalls bei Elzevier und war wohl mit der Aussicht auf ein Mäzenatentum den Bürgermeistern von Amsterdam dediziert. Fußend auf den Erkenntnissen und methodischen Vorarbeiten verschiedener namhafter Gelehrter, vor allem Merula, Keckermann, Alstedt, Göllnitz und Clüver, teilt der Verfasser die Geographie in eine Allgemeine Geographie mit der Aufgabe, die Erde als Ganzes und die geographischen Erscheinungen sowie deren Eigenschaften einheitlich zu betrachten, und in die Spezielle Geographie, die die geographischen Erscheinungen in einem bestimmten Raum beschreibt. Modern ist die konsequente systematische Durchdringung des Stoffes, die Varenius als Jungius- und Tassius-Schüler ausweist; beide hatten ihrerseits mit ähnlichen Phänomenen einer Geographia universalis experimentiert. Den drei Erkenntnishorizonten der Geographie, nämlich Mathematik, Astronomie und Erfahrung, entsprechen die drei Bücher des Werkes: (1) Pars absoluta (Form, Größe, Bewegung der Erde, Verteilung von Land u. Wasser, Gebirge, Wüsten, Gewässer, Luftkreis, Winde), (2) Pars respectiva (Klimazonen, Licht, Wärme, Tages- u. Jahreszeiten), (3) Pars comparativa (geographische Orts- u. Entfernungsbestimmung, Nautik, Kompasslehre). Varenius vertrat das kopernikanische Weltbild, was aber seiner Ansicht nach für die Geographie unerheblich ist.

Von der „Geographia generalis“ erschienen in Amsterdam zwischen 1650 und 1672 allein vier Auflagen. Dieser publizistische Erfolg scheint zu bestätigen, dass die „Geographia“ gar nicht als wissenschaftstheoretisches Werk, wie wir es heute zu sehen gewohnt sind, sondern eher als anspruchsvolle Reise- und Unterhaltungslektüre konzipiert und vom Publikum angenommen worden ist; auch das handliche Duodezformat mag dafür sprechen. Das gilt im übrigen auch für die Beschreibung Japans. Wohl erst der große Naturwissenschaftler Isaac Newton (†1727) erkannte die schöpferische Bedeutung des Werkes und veranlasste 1672 den Druck einer leicht revidierten Ausgabe in Cambridge, der weitere folgten. Übersetzt wurde das Werk ins Englische (1682), Russische (1718), Niederländische (1750) und Französische (1755); eine deutsche Übersetzung ist hingegen nie erschienen, nur in Jena wurde 1693 eine lateinische Ausgabe gedruckt, die der Erstauflage von 1650 entspricht. In Deutschland erinnerte erst Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos“ 1845 wieder an das wegweisende Werk des Bernhard Varenius. Porträts von ihm sind nicht überliefert, doch spricht einiges dafür, dass die Titelblätter der „Descriptio regni Iaponie“ (1649) und der „Geographia generalis“ (1650) den jugendlichen Autor zeigen.