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„Der Größte der Poeten ...“
Ein unbekanntes Gelegenheitsgedicht Ferdinand Freiligraths aus Barmen (1839)

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 100 (2007), S. 20 - 22.

Die Lippische Landesbibliothek konnte im November 2006 im Auktionshaus J. A. Stargardt, Berlin, 13 eigenhändige Briefe Ferdinand Freiligraths erwerben. Die Briefe aus Barmen (1838), St. Goar (1843), Brüssel (1845), London (1867) und Stuttgart (1869-1871), die sich vordem in Wuppertaler Privatbesitz befunden haben, sind an seinen Freund Friedrich August Boelling aus Barmen adressiert und spiegeln die wechselnden Lebensstationen des Dichters wider: kaufmännischer Angestellter im Tal der Wupper, freier Schriftsteller am Rhein, Exil in Belgien und England und letztendlich Lebensabend in Württemberg. Dem Schreiben vom 6. Juli 1838 hatte der Einlieferer ein kleines Gedicht Freiligraths beigefügt, das in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Brief selbst steht. Die auf einem gefalzten Blatt niedergelegten Verse sind an eben jenen Boelling, (Bank-)Kaufmann in der Fa. Carl Karthaus & Comp., und an Eduard Schink, einen befreundeten Graveur, gerichtet; sie waren offenbar zunächst nicht datiert. Die Jahreszahl „1839“ und der Namenszug „FFreiligrath“ auf der Adressseite oben rechts sind von anderer Hand hinzugesetzt worden. Gegen die Zuordnung auf das Jahr 1839 spricht freilich nichts; da Freiligrath im Mai dieses Jahres im wesentlichen seine Zelte in Barmen abgebrochen hat, ist die Aufzeichnung vor diesem Termin erfolgt. Das anspruchslose Briefgedicht ist bisher nicht bekannt; es gehört zu den häufigen Gelegenheitsgedichten, die der Dichter zu den unterschiedlichsten Anlässen –  Familienfeste, Hommages an Freunde, Zeitereignisse u. ä. – verfasst hat. Diese Gedichtform begegnet auf eigens angefertigten Schmuckblättern, inseriert in Briefen, in meist wenigen Zeilen auf Billets, mitunter auf abgelösten Etiketten von Weinflaschen (!) oder, einem spontanen Einfall oder Anlass folgend, rasch auf ein Blatt geworfen, wie man es sich im vorliegenden Fall leicht vorstellen kann. Diese Gedichte haben nur selten Eingang in die Werkausgaben gefunden, was angesichts des Quellenwertes für die Persönlichkeit und den Umgang des Dichters eher zu bedauern ist.

Ferdinand Freiligrath, eigenhänd. Briefgedicht mit Unterschrift „der Alligator“, [vor Mai] 1839.
Signatur Fr S 553

1839
F[erdinand]Freiligrath

Dem verehrlichen
Bier-Convent der Herren
Boelling und Schink
im Irrthum

Der größte der Poeten
War eben jetzt am Beten;
Er bat den Herrn um Stärke
Zum großen Abendwerke,
Daß alle Worte paßten
In seinen Mordtoasten!
Sein Herz bebt wie ein Lämmerschwanz,
Doch wird er gleich in Euren Kranz
Mit leisen Schritten treten,
Auf daß ihr helfet beten!
Sorgt unterdeß für Bier und Wurst,
Denn das Gebet verursacht Durst. –
Fahrt wohl denn jetzt, ihr Guten! –
Bis gleich! – In zehn Minuten
umärmelt Euch
der Alligator.

Nach fünfeinhalbjähriger Tätigkeit als Kaufmannsgehilfe in einem Amsterdamer Handelshaus hatte der 1810 in Detmold geborene Ferdinand Freiligrath im Mai 1837 auf seine Bewerbung hin eine Stelle als „Correspondent und Comptoirist“ bei der Firma J. P. Eynern & Söhne in Barmen angetreten. Das Unternehmen vertrieb Garne und Twist und nahm eine führende Stellung im Indigo-Handel ein. Wenngleich Freiligrath hin und wieder über seine Arbeit im Kontor, die ihn von seiner eigentlichen Bestimmung als Poet abhielt, stöhnte, war ihm deren Notwendigkeit für einen sicheren Lebensunterhalt durchaus bewusst. Seine Leistungen auf kaufmännischem Gebiet wurden allgemein gelobt, so auch in Barmen, wo ihn mit den Firmeninhabern Wilhelm und Friedrich von Eynern sowie später mit Ernst, dem Sohn des Letzteren,  alsbald eine dauerhafte Freundschaft verband. So recht häuslich werden konnte er hier allerdings nicht, und er verwünschte bisweilen das „pietistische Wupperthal“, das er als „Sektenschlucht“, „Tractätleinsthal“, „Muckernest“ und „Maschinenthal“, wo „die Musen nie heimisch werden“, und ähnlich qualifizierte. Freiligrath liegt mit diesem harten Urteil sicher nicht ganz daneben, denn Erweckungsbewegung, Neupietismus und Spätkalvinismus hatten in Wuppertal eine  Religiosität erzeugt, die sich nicht nur kulturellen Erscheinungen weithin verschloss, sondern auch zum Künstler kein rechtes Verhältnis aufkommen ließ.

Stahlstich von Barmen. Düsseldorf: Werbrunn, o.J.
Signatur FrS B 71

Dass er es in diesem regenreichen „Amphibiopolis“ letztendlich doch zwei Jahre aushielt, verdankte er vor allem einem Freundeskreis, in den ihn kurz nach seiner Ankunft Friedrich August Boelling eingeführt hatte, und der sich vornehmlich aus jungen Barmer Kaufleuten, Ingenieuren und einigen Intellektuellen zusammensetzte. Man traf sich regelmäßig in der „Concordia“, einem 1801 von der Honoratiorenschaft gegründeten bürgerlichen Bildungs- und Geselligkeitsverein, ähnlich der Detmolder „Ressource“, in dem Freiligrath alsbald Mitglied geworden war. Mit dem Buchhändler Wilhelm Langewiesche, dem Kaufmann Boelling, mit Wilhelm von Eynern, Dr. med. Richard Molineus, Georg Schlieper, Hermann Schornstein, Hermann Siebel und weiteren saß man dort gern bei einem Glas „Maienwein“ oder Bowle beisammen, politisierte, philosophierte oder kommentierte Zeitereignisse. Auch in einen literarischen Verein im nahen Elberfeld, der sich vornehmlich aus Lehrern des Gymnasiums und der Realschule zusammensetzte, hatte Freiligrath bereits im August 1837 Zugang gefunden. Dieser allgemein „Kränzchen“ genannte Kreis traf sich allwöchentlich bei einem der Mitglieder zu Hause, trug sich gegenseitig eigene poetische Entwürfe und Übersetzungen vor und diskutierte literarische Neuerscheinungen. Der Dichter, der sich später als „Serastro“ dieses Kränzchenvereins bezeichnete, verdankte diesem u.a. die Bekanntschaft der Pädagogen Heinrich Koester, Karl August Mayer, Dr. Philipp Schifflin und des Juristen Adolf von Marées, Vater des Malers Hans von Marées; mit einigen von ihnen bestand länger währender Kontakt.

Es ist nicht unmittelbar auszumachen, ob das „Kränzchen der Barmer Deklamationsfreunde“, zu dem Freiligrath im März 1839 auf seine „geringe Kneipe“ (gemeint ist seine möblierte Wohnung im Hause Langewiesches) einlud, wirklich mit dem literarischen Kreis aus Elberfeld identisch ist. Zumindest erfährt man hier, dass neben dem Lehrer Koester, der mittlerweile in Düsseldorf tätig war, die Barmer Kaufleute Heinrich Zulauff, Friedrich August Boelling, Adolf Rittershaus und andere dazugehörten, und man beabsichtigte, Goethes „Clavigo“ in verteilten Rollen zu lesen. Auch der junge Kommis Friedrich Wilhelm Hackländer, später selbst eine literarische Kapazität, und der erst 18jährige Adolf Schults, Sohn eines Angestellten in einer Seidenfabrik, gehörten ebenso zu diesem Kreis wie die Kaufleute Ludwig Elbers und Theodor Eichmann sowie der Architekt Hugo Dünweg. Schults verfasste im Übrigen vor 1848 zeitgleich mit Freiligrath radikale sozialkritische Texte und sollte immerhin 1850 zu den Mitbegründern des „Wuppertaler Dichterkreises“ zählen. Möglicherweise auf eine Zusammenkunft dieses „Kränzchens“, das wohl auch dazu diente, Geniestreiche auszuhecken und den Bürgerschreck zu spielen, deutet das bisher unbekannte, an die beiden Mitglieder Boelling und Schink adressierte Gelegenheitsgedicht hin. Es bedarf sicher keiner weiteren Erläuterung, dass in der Gleichsetzung von Beten und Dichten und in der Anrufung des Herrn um Kraft für die Poesie eine Persiflage auf das frömmelnde Wuppertal zu sehen ist. Wie die Unterschrift zeigt, bedachten sich die Freunde gern mit Spott- oder Spitznamen, Freiligrath schlüpfte zeitweilig in die Rolle des „Alligators“ und parodierte damit den weinseligen Stoßseufzer eines Freundes; auch seine Briefe endeten hin und wieder „mit alligatorischen Gesinnungen“.

Ferdinand Freiligrath. Stahlstich von C. A. Schwerdgeburth
Signatur: FrS B 5

Nachdem 1838 im Cotta-Verlag seine erste Sammlung „Gedichte“ herausgekommen war, die den Geschmack des breiten Publikums der Biedermeierzeit traf und ihn mit einem Schlage im deutschsprachigen Raum berühmt machen sollte, konnte er es sich leisten, den Vertrag mit seinen Arbeitgebern von Eynern einvernehmlich und vorzeitig zu Ostern 1839 aufzulösen und Barmen im Laufe des Sommers zu verlassen. Nach einer Wanderung durch seine westfälisch-lippische Heimat und durch das Wesertal beabsichtigte er, sich am Rhein als freier Schriftsteller niederzulassen. Und nachdem Schink schon Anfang 1838 das Konterfei des Dichters in Gips modelliert und Reliefabdrucke hergestellt hatte, die Freiligrath ihm Nahestehenden zukommen ließ, bereiteten ihm über 60 Freunde aus Barmen, Elberfeld und Schwelm am 7. Mai 1839 ein heiteres Abschiedsmahl, widmeten ihm ein eigens komponiertes Festlied, und der Elberfelder Gymnasiallehrer Dr. Clausen brachte einen warmherzigen Toast auf ihn aus. Gerührt musste der so Geehrte feststellen, dass es doch „ein eigenes Gefühl sei, von so vielen ordentlichen Kerls geliebt zu werden.“ Nach Erledigung persönlicher Angelegenheiten und der vorgesehenen Wanderung durch Westfalen verließ Freiligrath Barmen endgültig im August 1839.

Mit Friedrich August Boelling, der beinahe auf den Tag genau mit Freiligrath gleichaltrig war, blieb der Dichter mit nur kurzen Unterbrechungen Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden; an die 100 Briefe Freiligraths an ihn sind überliefert. Über die zweifellos vorhandene persönliche Zuneigung und Wertschätzung hinaus ist der Briefwechsel zunehmend von Freiligraths geradezu notorischer Schuldenmisere und seinen chaotischen finanziellen Verhältnissen bestimmt. Boelling zeigte sich als wahrer Freund, half ihm in drückenden Geldverlegenheiten durch eigene Kredite, erwirkte Zahlungsaufschübe, vermittelte Bürgschaften und beriet ihn auch später nach seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil (1868) in finanziellen Fragen. Er und Schink gehörten an vorderster Front zu den Mitgliedern des zum Zwecke einer Nationaldotation für Freiligrath gegründeten Komitees. Als „persönliche Freunde des Dichters aus dem Wupperthal“ unterzeichneten sie gemeinsam mit Ludwig Elbers, Ernst von Eynern, Gustav Reinhard Neuhaus, Emil Rittershaus und Karl Siebel, alles Unternehmer und Kaufleute aus Barmen, den an alle Deutschen gerichteten Aufruf „Auch eine Dotation“, der in der vielgelesenen illustrierten Wochenschrift „Die Gartenlaube“ erschien. Der ganz auf das Gemüt zielende Appell hatte im In- und Ausland einen unbeschreiblichen Widerhall, rund 60.000 Taler kamen zusammen. Das Barmer Komitee setzte Boelling als Treuhänder ein; dieser legte die Kapitalsumme günstig an und ermöglichte Freiligrath durch seine turnusmäßigen Überweisungen und – wenn auch widerstrebend – gelegentlichen Sonderauszahlungen aus bestimmten Anlässen, einen weitgehend sorgenfreien Alltag in Cannstatt. Als der Dichter dort am 8. März 1876 starb, stellte sich der gelegentlich arg strapazierte Vertraute aus Barmen, dem Wunsche des Verstorbenen folgend, als erster Testamentsvollstrecker zur Verfügung und leistete damit dem „Größten der Poeten“ den letzten Freundschaftsdienst.