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„Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich täte!“

Ein Leben auf Reisen. (Ausstellung zum 150. Todestag von Georg Weerth)

von Julia Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: ProLibris 11 (1996), H. 3, 110-111.
Auch, um den Absatz "Zuckerrohr und Runkelrüben" gekürzt, in: Heimatland Lippe 99 (2006), 190-191.

→ Zur Fassung als PDF.

Bis zum 15. September 2006 zeigt die Lippische Landesbibliothek Detmold eine umfassende Ausstellung über den Schriftsteller Georg Weerth, einen der bedeutendsten politischen Satiriker der deutschen Literaturgeschichte. Weerth
starb am 30. Juli 1856 mit 34 Jahren in Havanna. Die Ausstellung erinnert an seinen Todestag vor 150 Jahren.

Unterwegs in Siebenmeilenstiefeln

„Es muß hinausgegangen sein. Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich täte!“ Diesen Satz schrieb Weerth am 31. Mai 1843 an seine Mutter. Da lebte er als Handelskorrespondent in Bonn und überlegte, welche Freizeitunternehmung er sich für die bevorstehenden Pfingsttage vornehmen sollte. Seinen Geburtsort Detmold hatte der unternehmungslustige junge Mann schon lange verlassen; als Vierzehnjähriger hatte er 1836 eine Lehre in Elberfeld angefangen, und seit 1839 bereits war er im kaufmännischen Bereich berufstätig.

Ende 1843 übersiedelte Weerth in die englische Industriemetropole Bradford, das Zentrum der globalen Textilwirtschaft. Dessen soziale Verhältnisse politisierten ihn rapide. Seine sozialkritischen Gedichte und Prosatexte aus dieser Zeit begründeten seinen Ruf als „erster und bedeutendster Dichter des Proletariats“ – ein Attribut, das ihm Friedrich Engels posthum verlieh.

Fernweh und Unstetigkeit machten sich früh in Werths Leben bemerkbar. Schon gegen Abschluss der Lehre bombardierte er den halben Erdball mit Briefen, um aus Elberfeld in „bessere Regionen“ zu gelangen. Von Buenos Aires ist die Rede, und keineswegs zufrieden war Weerth damit, dass er seine Karriere schließlich als Buchhalter in Köln beginnen sollte. Kaum hatte er das Rheinland hinter sich gelassen und den ersten nasskalten englischen Winter überstanden, schrieb er im Mai 1844: „ich weiß wahrhaftig nicht, was ich will, – genug, England wird mir zu enge – [...] und könnte ich mir das Trojanische Pferd satteln und in einer Stunde um die Welt sprengen, – es wäre mir doch zu langsam.“

Und bei dieser Einstellung zur Sesshaftigkeit blieb es. Weerth war eigentlich sein ganzes Leben auf Reisen – nicht nur während der Jahre 1843-1846 im nordenglischen Industrierevier, sondern ab 1846 auch in Belgien, Frankreich und den Niederlanden, wo er für eine englische Textilfirma Kommissionsgeschäfte tätigte. Als Freund von Marx und Engels arbeitete er zugleich als Kurier der deutschen Exilkommunisten. Dazu eignete er sich hervorragend, denn er stand nicht unter polizeilicher Beobachtung und konnte sich als Handelsreisender frei bewegen.

Zu Beginn der Märzrevolution in Deutschland eilte Weerth nach Köln, ins rheinische Zentrum der demokratischen Bewegung. Dort unterstützte er Marx und Engels bei der Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung. Das demokratische Blatt erlangte schnell überregionale Bedeutung. Weerth gehörte ihm als Redakteur an und leitete das Feuilleton. Er lieferte satirische Prosa und Beiträge für den politischen Teil und profilierte sich als einer der engagiertesten politischen Autoren der Revolutionszeit.

Als seine mit der 1848er Revolution verbundene Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Umsturz scheiterte, zog Weerth die Siebenmeilenstiefel wirklich an. Die Entfernungen seiner Reisen wurden immer größer, die Ziele immer exotischer, das Tempo nahm zu. Für seine englische Firma bereiste er im Nachmärz Spanien und Portugal. Dann weitete er seine strapaziösen und oft riskanten Geschäftsreisen nach Lateinamerika aus.

Nach damaligen Maßstäben führte Weerth eine Ausnahmeexistenz. Wer von seinen Zeitgenossen hat sich persönlich ein Bild machen können vom kalifornischen Goldrausch, von dominikanischen Tabakplantagen, venezolanischen Wasserfällen, mexikanischen Silberminen, peruanischen Erdbeben und kolumbianischen Militärrevolten? Wer hat in Ecuador den für den höchsten Berg der Erde gehaltenen Chimborazo bestiegen, am Magdalenenstrom einen Alligator erschlagen oder die chilenischen Anden mit dem Maultier überquert?

Eine unbestimmte Rastlosigkeit trieb ihn an. Die aber setzte er gewinnbringend ein. Unbestreitbar ist sein beträchtlicher Geschäftserfolg als Handlungsreisender. Hätte ihn nicht im Juli 1856 eine haitianische Mücke mit zerebraler Malaria infiziert und ums Leben gebracht, so hätte er sein schnell erworbenes Vermögen vielleicht doch in eine Immobilie investiert. So wie der Kaufmann Johann Wilhelm Ebert, der 1842/43 das Haus gebaut hat, in dem die Lippische Landesbibliothek heute seinem im Überseehandel erworbenen Vermögen als Einundvierzigjähriger in Detmold zur Ruhe gesetzt hat. Weerth hat ihn einmal als Vorbild erwähnt.

Zuckerrohr und Runkelrüben
Ein Kommentar zur Globalisierung

Dieser Georg Weerth, der früh im Leben als Schriftsteller reüssierte und dann den Handel zu seiner „höchsten Poesie“ erhob, war nicht nur in seiner Lebensführung ein ausgesprochen moderner Zeitgenosse. Er hatte auch den ungetrübten Blick von außen auf unser Land,
das schon zu seiner Zeit den Folgen der Globalisierung nicht gewachsen zu sein schien. Ein Brief an Heinrich Heine aus dem Jahr 1851 stellt außer Frage, dass dieser kluge Kopf auch heute noch etwas zu sagen hätte:

„Durch den Atlantik halten Briten und Amerikaner ihre großen Wettrennen; wer New York oder Liverpool in 10 Tagen erreiche oder in 9 Tagen und so viel Stunden. [...] Die Produktion der australischen Küste ist in kurzer Zeit so sehr gesteigert, daß schon jetzt die Wolle unsrer Antipoden das Produkt der adligen Schafzüchter im Herzen von Sachsen und Schlesien zu verdrängen anfängt. Mit jedem Tage rücken die russischen Eisenbahnen dem Baltischen und dem Schwarzen Meere näher; das Gold des Ural muß die Wege bahnen, auf denen bald der Bodenreichtum des Innern Rußlands nach allen Richungen dringen kann, um in einer Konkurrenz auf Leben und Tod den deutschen Ackerbau zu vernichten. Was die Eisenbahnen auf dem Festlande zurechtbringen, vollendet [...] die Ausdehnung der Dampfschiffahrt auf allen Meeren, so daß bald die Produkte des Mississippi ebenso rasch und billig in unsern Häfen eintreffen werden wie die Produkte des eigenen Landes.

Dann beginnt der große Kampf [...]: Kampf zwischen russischem und amerikanischem Getreide; Kampf zwischen amerikanischem und deutschem Korne; Kampf zwischen australischer und deutscher Wolle; Kampf zwischen der Baumwolle und dem Flachs; Kampf zwischen den westindischen Kolonien und der deutschen Runkelrübe! Und in diesem Zusammenstoß, in dieser Völkerwanderung, nicht der Cimbern, der Goten und der Hunnen – nein, der Korn-, der Kaffee- und der Wollsäcke, ja, in diesem unerhörten Wettstreit der Produktion jungfräulicher Länder werden die alten Reiche der Franken und der Germanen, ausgesogen bis auf die Hefen, verschuldet bis über die Ohren, sich vergebens anstrengen: Land, Lage, Wissenschaft, neue Einrichtungen geltend zu machen; der Preisunterschied wird stets zu ihrem Nachteil sein, und wenn sie der Preisunterschied immer entschiedener dazu zwingt, die Produktionskosten zu ermäßigen, und der Hunger, der Vater der Revolutionen, die Könige geschlachtet, den Adel gefressen haben wird, da werden wir doch wahrscheinlich noch in der großen Völkerschlacht der Konkurrenz überwunden und vernichtet, so daß nach Jahren vielleicht von ganz Deutschland nichts anderes übrig bleibt als die Hegelsche Philosophie und ein Band Ihrer Gedichte ...“

Revolutionäre Kostbarkeiten und lateinamerikanische Jagdtrophäen

Die Ausstellung stellt den Schriftsteller und Geschäftsmann Georg Weerth in
200 zeitgenössischen Objekten vor. Gezeigt werden Handschriften und Briefe aus Weerths Nachlass, dazu die Erstdrucke seiner literarischen Texte. Lebensstationen Weerths und Persönlichkeiten aus seinem Bekanntenkreis
sind im Bild zu sehen. Präsentiert werden Bücher, die Weerth gelesen hat
und die – als Ärgernis oder Offenbarung – ihn geistig weitergebracht haben,
darunter die Werke der Philosophen Feuerbach und Engels. Präsentiert
wird die verbotene Literatur des Vormärz, die Weerth sich illegal zu beschaffen
wusste. Präsentiert werden Fach- und Lehrbücher, die er genutzt hat, Landkarten und Reiseführer, die seine Reiserouten veranschaulichen.
Präsentiert werden aber auch Weerths Steckbriefe in den schwarzen Listen der
Polizeibehörden aus dem Nachmärz.

Weerth hat von seinen Übersee-Reisen immer wieder Kisten mit  Gesteinsproben und Tierpräparaten nach Detmold gesandt. Der Inhalt war für die Detmolder Naturhistorische Sammlung bestimmt, aus der das heutige Lippische Landesmuseum entstand. Weerth selbst hat in Briefen gelegentlich davon berichtet, wie er zu seinen Trophäen kam: der in Kolumbien mit einem Bootsruder erschlagene Kaiman und der in Venezuela erschossene Königsgeier sind neben anderen Leihgaben des Lippischen Landesmuseums in der Ausstellung zu besichtigen.

Der Ausstellungskatalog ist unter http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2006-4.html ins Netz gestellt.