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„Mit höchster Genehmigung ...“ ins Internet gestellt

von Martin Böcker und Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 99 (2006), 11, S. 298-300.

Die Lippische Landesbibliothek hat ihre Sammlung von 1047 Theaterzetteln ins Internet gestellt. Die Digitalisierung wurde ermöglicht durch das Engagement der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek Detmold e.V.

Die Detmolder Theaterzettel stammen aus dem Zeitraum 1777-1953, zum größten Teil aus der Zeit des Detmolder Hoftheaters. Es wurde 1825 im Rosental eröffnet und bestand bis zur Umwandlung zum Landestheater 1919. Die älteren Zettel aus der Zeit vor 1825 sind Vorstellungsankündigungen durchreisender Wandertheatertruppen.

Die Zettel sind eine aussagekräftige Quelle für die regionale Theatergeschichte. Sie liefern Informationen zu Spielplänen, Inszenierungen und Akteuren des Musik- und Sprechtheaters und verweisen zugleich auf Tendenzen des Publikumsgeschmacks. Obwohl die Zeitreihe nicht vollständig erhalten ist, spiegeln sie doch die ganze Detmolder Bühnengeschichte und verraten manches Detail über die künstlerische und soziale Wirklichkeit früheren Theaterlebens. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Theaterzettel durch umfangreichere Programmhefte, wie wir sie auch heute noch kennen, abgelöst.

Theaterzettel?

In Meyers Großem Konversationslexikon von 1853 findet sich folgende Definition: „Theaterzettel, die gedruckten Ankündigungen alles dessen, was eine Theaterdirektion dem Publikum bekannt zu machen hat. Sie enthalten den Namen des Stückes, welches gegeben wird, so wie den des Dichters und des darstellenden Personals; den Preis der Plätze, Zeit des Anfangs, auch wohl des Endes, so wie das Repertoire des nächsten Tages; Anzeige nöthig gewordener Änderungen etc.“

Damit sind die entscheidenden Merkmale der Theaterzettel benannt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden, zunächst nur unregelmäßig, leitende Funktionen hervorgehoben. Mit der Formel „In Scene gesetzt von ...“ oder unter dem Titel „Spielleiter“ wurde dem Theaterpublikum die für die Inszenierung verantwortliche Person vorgestellt. Gemeint war jedoch noch nicht der Regisseur im modernen Sinne, sondern derjenige, der die Aufgaben des heutigen Inspizienten und des Abendspielleiters zu versehen hatte und darüber hinaus das Arrangement bei den Proben leitete. Beim Musiktheater sind in der Regel auch der Dirigent und vereinzelt auch der Bühnenbildner namentlich erwähnt.

Abschied des Zettelträgers in Detmold
Signatur Tz 283a

„Billets zu dieser Vorstellung sind unnöthig“

Die Theaterzettel wurden morgens in den Bürgerhäusern (auf jeden Fall denen der Honoratioren und der Abonnementsbesitzer) der Stadt verteilt. Dies geschah durch den „Zettelträger“, der innerhalb der Theatertruppe als eine Art Faktotum handwerkliche Funktionen verrichtete. Über das Leben der Zettelträger erfährt man etwas durch die zusammen mit den Theaterzetteln erhaltenen „Zettelträgergedichte“, von denen auch zwei in Detmold überliefert sind. Es war ein auch hier gepflegter Brauch, zur letzten Aufführung der Spielzeit, gleichzeitig mit dem Theaterzettel der Abschiedsvorstellung, ein Gedicht zu überreichen.

In holprigen Versen schildert der Zettelträger die Mühsal seiner Arbeit, klagt über seine Armut und bittet nach allerlei Schmeicheleien das hochverehrte Theaterpublikum mehr oder weniger deutlich um Geldspenden. Sehr humorvoll ist das Blatt „Der Zettelträger in tausend Nöthen“, das der Zettelträger Habrich 1857 als „großes mimisch-plastisches, tragisch-komisches und romantisch-lustiges Laufspiel“ darbot: „Billets zu dieser Vorstellung sind unnöthig.“ Dem Brauch des Zettelaustragens verdankt sich auch der glückliche Umstand, dass in Deutschland viele Theaterzettel bis heute erhalten geblieben sind, da diese von theaterbegeisterten Bürgern über die Jahre gesammelt und archiviert wurden.

Der älteste Detmolder Theaterzettel von 1777
Signatur Tz 0001

„Den Beschluß macht ein Englisches Pas de deux und Solo“

Der älteste Detmolder Theaterzettel stammt aus dem Jahr 1777. Der Geburtstag der Gräfin Casimire wurde, wie es an manchen Höfen Mode war, mit der Vorstellung einer Liebhabertheater-Gesellschaft „auf dem Hochgräflichen Residenzschloß zu Detmold“ gefeiert. Gegeben wurde unter anderem „Die Belohnung der kindlichen Liebe, ein rührendes Lustspiel“, übersetzt aus dem Französischen.

Seit 1778 gab es in Detmold ein öffentliches Theater, doch wurde das Gebäude nach dem Tod des theaterbegeisterten Grafen Simon August 1782 kaum noch genutzt. In der Spielzeit 1792/93 erhielt die Wandertheatergruppe von Carl Händler und Friedrich Engst eine Spielerlaubnis für das Komödienhaus an der Kreuzung Lange Straße/Lagesche Straße (heute Behringstraße). Sie spielte zeitgenössische Erfolgsstücke, aber auch Lessings „Minna von Barnhelm“, und beendete jede Vorstellung mit einem komischen pantomimischen Ballett. Vorstellungsbeginn war vier Uhr nachmittags, damit ein Ende vor Einbruch der Dunkelheit gewährleistet war, und auf dem Theaterzettel zu Kotzebues Kassenschlager „Das Kind der Liebe“ ist handschriftlich vermerkt: „Es wird heute eingefeuert.“

Im November 1825 wurde das Hoftheater neu eingeweiht. Die Hoftheatergesellschaft von August Pichler spielte regelmäßig im Winter in Detmold und anschließend in Pyrmont, Osnabrück und Münster. Aus finanziellen Gründen wurde das Hoftheater 1847 privatisiert; Pichler musste es von da an als Privatunternehmer führen und seine Tätigkeit schon bald einstellen. Wiedereröffnet wurde der Theaterbetrieb unter anderer Leitung 1852. Bewilligungsformeln wie „Mit höchster Genehmigung“ zeigen die Abhängigkeit von den Zensoren bei der Programmgestaltung, die in Detmold aufgrund des Status als Hoftheater bis 1919 bestehen blieb.

Signatur Tz 187

„Außer Abonnement! Bei erhöhten Preisen!“

Erschließen lässt sich nach der Digitalisierung nun auch, welche bekannten Mimen und Sänger in Detmold aufgetreten sind. So findet sich der Name Eduard Devrient, ein Sproß aus berühmter Schauspielerdynastie, der 1845-1847 in Detmold engagiert war und hier auch sein eigenes Stück „Verirrungen“ zur Aufführung brachte; er wurde später Direktor des Hoftheaters in Karlsruhe. Die berühmte Tragödin Marie Seebach gab 1859 drei Gastspiele in Detmold, im Dezember 1897 gastierte die Sopranistin Franceschina Prevosti von der Mailänder Scala „ausser Abonnement! Bei erhöhten Preisen!“ mit Verdis „La Traviata“ im Hoftheater, und 1906 trat die Traumtänzerin Madeleine G. auf, die als somnambule Patientin der Münchener Psychiatrie mit aufsehenerregenden Séancen in ganz Deutschland Sensation machte.

„Rauchen ist im Theater verboten“

Offenbar wurde es gelegentlich notwendig, das Theaterpublikum ein wenig zu disziplinieren, um einen reibungslosen Spielbetrieb zu garantieren. Neben dem ausdrücklichen Verbot der Anwesenheit von Schaulustigen bei den Proben und der immer wieder auftauchenden Mahnung zu Pünktlichkeit bei denVorstellungen finden sich um 1900 auf den Zetteln auch Hinweise wie „Die Damen werden höflichst gebeten, die Hüte abzunehmen“ oder „Rauchen ist im Theater verboten“.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es dann üblich, der lokalen Gastronomie und dem Einzelhandel Platz für kommerzielle Werbung auf den Zetteln zur Verfügung zu stellen. Die zahlreichen Annoncen rahmen alle vier Seiten und bestimmen das Erscheinungsbild der Theaterzettel.

Theaterzettel des Sommertheaters
Signatur: Tz 757

„Nach der Vorstellung Anschluß nach allen Richtungen“

Nicht nur das Fürstliche Hoftheater diente als Spielstätte. Die Detmolder Sammlung enthält auch Zettel des Detmolder Sommertheaters, das 1896 vor den Toren der Stadt eröffnet wurde und in den Sommermonaten neben beliebten Unterhaltungsstücken auch zeitkritische Dramen moderner Autoren zur Aufführung brachte, beispielsweise die sozialen Dramen von Gerhart Hauptmann. „Neuer Krug: Haltestelle der elektrischen Straßen-Bahn. Nach der Vorstellung Anschluß nach allen Richtungen“ verkünden die Theaterzettel. Nach dem Brand des Hoftheaters 1912 diente das Sommertheater bis 1919 als „Interimstheater“ und einzige Spielstätte.

Ein Teil der Theaterzettel kommt aus anderen Städten. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Albert Berthold, der das Detmolder Theater von 1895 bis 1921 leitete, auch Theaterdirektor in Essen, Osnabrück, Bad Oeynhausen, Paderborn und Hameln war. Es sind aber auch Zettel aus Lemgo, dem Kurtheater Bad Salzuflen und Bad Pyrmont erhalten.

Signatur: Tz 873v

„Theater lebender Fotografien“

„Originell! Sehr interessant für Jung und Alt. Der Riesen-Elektro-Bioskop“ – so wurde die erste Detmolder Kinovorstellung beworben, die am 29. September 1907 im Saale des Gastwirts Heinrich Dütemeyer, also im „Neuen Krug“ zu Detmold stattfand. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde es dann üblich, auf den Rückseiten der Theaterzettel gleichzeitig das (Stumm-)Filmprogramm der Landestheater-Lichtspiele anzukündigen, die 1911 an der Langen Straße eröffnet hatten. So gibt die Sammlung nicht nur Aufschluss über das damalige Theaterrepertoire, sondern gewährt dem Filminteressierten auch Einblick in ein Stück Detmolder Kinogeschichte. „Wetterleuchten um Mitternacht“, „Die goldene Krone“ und „Höhenluft“ mit Henny Porten wurden gezeigt, 1931 als Tonfilm auch Luis Trenkers Debüt „Berge in Flammen“.

WWW-Zugang

Die Datenbank Regionaldokumentation Lippe, die seit geraumer Zeit durch die Eingabe von Bildmaterialien zu einer regionalen Bilddokumentation erweitert wird, bietet unter http://www.llb-detmold.de/webOPACClient_lippe/start.do einfachen Zugang zu den Informationen der Theaterzettel. Es lässt sich mühelos feststellen, welche Stücke gespielt wurden und welcher Bühnenstar in Detmold ein Gastspiel gab. Ein einfacher Klick lässt den Theaterzettel in Lesegröße auf dem Bildschirm erscheinen.