Sie befinden sich hier: Startseite » 


Ein exotisches Sammelgebiet der Literatur mit dem Namen Schach?

Die Lippische Landesbibliothek sammelt Schachliteratur als besonderen Wegweiser in verborgene Winkel lippischer Heimatgeschichte 

von Horst Paulussen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 98 (2005), S. 207-208.

→PDF-Fassung zum Download.

Als ich Ende 1964 das erste Mal als „neu“ aufgenommenes Mitglied (am 1. April 1964) im damaligen Detmolder Schachklub von 1962, kurz DSK von 1962, eine hagere Gestalt mit seinerzeit noch wehendem weißem Haar auf einem ausgetrocknet und verrunzelt wirkendem Schopf und DIE ZEIT unter dem Arm bei weit ausgreifenden Schritten gezielt auf mich zukommen sah, hinterließ ich auf alle neben mir Stehenden das Bild einer wohl dümmlichen Verwirrung.
Ich erinnere mich sehr gut: „Nur“, so griff mich der ehemalige Deutsche Schachmeister aus Breslau, untergekommen im Lippischen bei Dr. Georg Deppe in Detmold, nach einer „Vollbremsung“ sogleich heftig an, ähnlich dem Sprint im Allgaier’schen Königsgambit, sinngemäß: „Sie habe ich noch nicht gesprochen. Ich will Sie schon jetzt bitten, dass Sie sich erbarmen und sich mir, dem bis heute einzigen ‚echten‘ Schachgroßmeister dieses ,niedlichen kleinen Lippe‘, widmen! ... Also, Louis Paulsen vom Gute Nassengrund bei Blomberg kennen Sie doch hoffentlich!?“ Außer ihm, Babel selbst, müsse sich doch ein „Schachjünger“ finden, der sich um „die Familie und mit ihr um die Schachbücher dieser Welt“ kümmere!

Nach einer kurzen Atempause fragte er, das Paulsen-Thema ergänzend, weshalb es denn dazu gekommen sei, dass Schachbücher lediglich in unbekannten und für die meisten Liebhaber in so gut wie unerreichbaren Privatbibliotheken gesammelt, ja, eingebunkert würden, nicht aber in öffentlichen, die allen Interessenten neutral den Zugang eröffneten. Wie denn, seien denn Schachbücher keine Bücher? Seien sie so grotesk oder abstrus, sie von öffentlichen Bibliotheken fern zu halten? Babel erinnerte an Ludwig Feuerbach: „Es geht den Büchern wie den Jungfrauen. Gerade die besten, die wurdigsten bleiben oft am längsten sitzen. Aber endlich kommt doch einer, der sie erkennt und aus dem Dunkel der Verborgenheit an das Licht eines schönen Wirkungskreises hervorzieht.“ Wie passend.

Ein Sturm war über mich hinweggefegt. Ich atmete erleichtert auf, seit ich mich etwa ab Mitte 1964 mit der Paulsen-Verteidigung im „Sizilianer“ am Rande ein wenig befasste, wusste ich, wer dieser disziplinierte, fleißige und zuverlässige Lipper vom Gute Nassengrund mit seiner Kartoffelforschung (seit Mitte des 18. Jahrhunderts) bei Blomberg war. Ich ahnte die mir soeben oktroyierte Doppelaufgabe: Blomberg-Nassengrunder Paulsenfamilie aufarbeiten und eine öffentlich zugängliche Schachbibliothek aufbauen helfen.

Deutscher Sachmeister August Babel, 1977/78. Bild: Verfasser.

August Babel hatte nach seiner Flucht 1945 aus dem Osten Europas all seine Schachliteratur in den Westen gerettet. Alle andere Habe habe er „als unwichtig liegen gelassen“. Schon 1927 in Magdeburg mit dem Titel „Deutscher Meister“ ausgestattet, aber noch davor, befasste er sich mit dem Lippischen Schachgenie. Immer wieder stellte er heraus, dass die besondere Freundschaft zwischen Adolph Anderssen aus Breslau, der Vaterstadt Babels, und Louis Paulsen ihn fasziniert habe. Ohne Vorbehalte, sondern mit aufrichtigem Respekt erkannte Babel an, dass „sein“ Adolph Anderssen aus Breslau, der „erste inoffizielle Schach-Weltmeister“ vor Wilhelm Steinitz, dem „ersten offiziellen Schach-Weltmeister“, nicht einen Zweier-Wettkampf gegen den Lipper gewinnen konnte, „leider, leider“.

Und wem ist denn schon die erste meisterhaft schachspielende Frau Europas, ja der Welt, bekannt? Uns, den Lippern, die dies in der Lippischen Landesbibliothek mit Sitz in Detmold nachblättern können: Amalie Paulsen (25. Mai 1831–11. August 1869), die zum Schrecken ihrer Familie ihren Vater Dr. Johann Chr. W. Paulsen fast matt gesetzt hätte, aber – wie Wilfried Paulsen notierte – auf den Entsetzensschrei des potenziellen Opfers hin dies unterließ.
Auch dass es Louis Paulsen zu verdanken gewesen sei, schachtheoretische, ja schon wissenschaftlich exakte und vor allem auch international anerkannte Beiträge veröffentlicht zu haben, imponierte ihm. Indes, in Lippe habe dies „weder ein Schachfreund ernsthaft zur Kenntnis genom men“, „noch habe ein Lipper zum mindesten schachliche Gedanken mit dem Fleiß und der Intention eines wenig beachteten Chronisten“ entwickelt mit dem Ziel, das Leben und Wirken Louis Paulsens (auch seiner Familie) zu ergründen und festzuhalten. Dies diene sicher der Heimatkunde und den hiesigen Heimat- und Schachfreunden, so sinngemäß August Babel bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Gleichwohl war es den Detmolder und Iippischen Schachfreunden nicht entgangen, dass sich der Altmeister häufig in der Lippischen Landesbibliothek und zudem im NRW-Staatsarchiv Detmold aufhielt. Auch ging er die etwa 25 km von Detmold nach Gut Nassengrund immer wieder zu Fuß. Hier suchte er die Familie Hartmann-Paulsen auf. Er sammelte Unterlagen – am liebsten Bücher oder Zeitungsausschnitte „von wo auch immer“ – für seine Paulsen-Sammlung. Ich hatte mich zwischenzeitlich verpflichtet, seinen klaren Vorgaben entsprechend, ebenfalls Beiträge aus dem Schachleben der Paulsens und der anderen „Schachlipper“ wie auch zu Eduard Fischer aus Detmold oder neuerer Meister wie auch Unterlagen lippischer Vereine und deren Geschichte zu sammeln, was großenteils noch bei mir zu Hause in etwa fast 30 Ordnern lagert.

Wofür? Für das Schaffen eines eigenen Sammelgebietes „Schach“ in der Lippischen Landesbibliothek Detmold, so sinnierte August Babel immer wieder einmal. Auf jeden Fall schon „mal sammeln und Bestände zusammen halten!“ Aber, aber: August Babel verschenkte oder verlieh, bekam selten etwas zurück.

Louis Paulsen (links) und Dr. Max Lange (Deutscher Schachmeister). Bild: Verfasser.

Indes. So ganz klar und deutlich hatte sich August Babel bis 1975 noch nicht zu einem Verbleiben seiner Schachliteratur in der Lippischen Landesbibliothek durchringen können. Diese leicht wankelmutige Haltung änderte sich erst, nachdem er vor allem in den Jahren 1975 bis 1977, Babel näherte sich dem 80. Lebensjahr mit großen Schritten, mehrere Anfragen von „einnehmenden Sammler-Schachfreunden“ aus allen Teilen Deutschlands und auch Lippes mit der Bitte erhielt, seine Literatur doch in deren Privatsammlungen einzubringen.
Manch ein Privatsammler von Büchern wird Weber (Demokritos, über Bücher) gerne folgen, wonach „eine ausgewählte Büchersammlung der Brautschatz des (eigenen) Geistes und (eigenen) Gemütes ist“. So sicherlich akzeptabel. Indes werden bibliophile Schätze schnell zum Geistesgut aller. Deshalb: Welche verlässliche Werte haben denn Versprechungen privater besessener Sammler, Bücher bei ihnen einzusehen? Geringe, meistens keine. Bestenfalls können nahe Freunde oder gern gelittene Bekannte am Privatbesitz kurzfristig teilnehmen. Hingegen, so war damals schon unsere klare und eindeutige Auffassung, sieht das bei öffentlichen Einrichtungen wie z.B. der Lippischen Landesbibliothek in Detmold diametral anders, also schlicht besser aus. Man kann dies alles im übrigen leicht nachprüfen.

Solche Ansinnen, die dem Autor bekannt und von ihm festgehalten sind, besprach August Babel stets mit seinen Detmolder Freunden. Ich habe mit ihm einvernehmlich schließlich die Verbindung zum seinerzeitigen Bibliotheksdirektor Dr. Karl-Alexander Hellfaier, dem Vater des Nachfolgers in der Bibliotheksdirektion, dem heutigen Bibliotheksdirektor Detlev Hellfaier, im angesprochenen Sinne mit Erfolg hergestellt. Ein erster Kernbestand konnte gesichert werden. Dr. K.-A. Hellfaier war im Interesse der lippischen Heimatfreunde und Chronisten sehr davon überzeugt, die wertvollen und seltenen August-Babel’schen bibliophilen Raritäten in die Bibliothek zum Nutzen aller lnteressenten und nicht nur einiger privilegierter als ein selbstständiges Sammelgebiet einarbeiten zu lassen.

Hierzu habe ich die Verpflichtung übernommen, ergänzend zum einen die eigene Schachbibliothek zu spenden, zum anderen auch noch weitere Schachfreunde zu gewinnen, die ihrerseits das Schach-Sammelgebiet bereit sind zu bereichern; dies geschieht wie versprochen. Auch von der Familie Helmut und Irmgard Hartmann- Paulsen mit Sohn Ralf und Tochter Elke wurden beachtliche Beiträge geleistet, wie seinerzeit von der hiesigen Presse berichtet. Nun, wirft der kritische Heimatfreund einen Blick in die Sammlung, so entdeckt er u.a. einzigartige Beiträge Louis Paulsens im von ihm schon redigierten „Bilguer“ und aus der Feder des ehemaligen Deutschen Meisters Dr. Max Lange in der Deutschen Schachzeitung, die in recht vielen Exemplaren des 19. Jahrhunderts bis zur Einstellung 1982 vorhanden ist. Auch ein umfangreiches Fotoarchiv, das die Literatur ergänzt, umspannt einen Zeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Bis heute? Warum nicht? Ja, auch die aktiven Schach-Lipper sind selbstverständlich einbezogen.

Ein kleines „Sahnehäubchen“ bildet die Gesamt-Familiengeschichte der Paulsens. Hier können schon spannende fast „exotische zu nennende Zusammenhänge“ nachvollzogen werden zwischen der Arbeit unserer Nassengrunder Großfamilie Paulsen in der Kartoffelzucht (Dr. Carl Johann Wilhelm Paulsen 10. April 1791–21. Mai 1869), der Forstwirtschaft (Johann Christian Paulsen), der Landwirtschaft (auch Wilfried Johann Paulsen 31. Juli 1828–6. Februar 1901), des Schnapsbrennens (früher bekannt als: „chuter Nassenchrunder“) mit entspannenden Freizeitbeschäftigungen wie Schachspiel und -forschung oder Damespiel (auch von August Babel untersucht), namentlich in der Winterzeit verehrt, oder dem „flotten Tänzer“ Johann Ernst Paulsen (25. November 1829–2. März 1899).

Die Lippische Landesbibliothek in Detmold hütet Schätze nicht nur für die Schachgemeinde Lippes, sondern für alle Heimatfreunde und Chronisten, denen neue Nischen zum „Tüfteln“ und „Quellen suchen“ eröffnet worden sind.
Der Autor ist der Lippischen Landesbibliothek Detmold jedenfalls dankbar fur den Mut bei der Hilfe zur Sicherung „exotischer Literatur“ mit dem Namen Schach, die in anderen öffentlichen Bibliotheken meines Wissens fehlt.