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Briefrepertorium und Briefedition Ferdinand Freiligrath

von Volker Giel (Leipzig)

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 23.2004 (2005), S. 90-102.

Beitrag zum Kolloquium des Freiligrath-Arbeitskreises der Grabbe-Gesellschaft e.V. „Freiligraths Briefe. Die Prosa des Poeten“ am 11. September 2003 im Grabbe-Haus, Detmold. Weitere Informationen finden sich in einem Artikel des Verfassers im Grabbe-Jahrbuch 2003, 163-167 (→online) und in Ders.: Ferdinand Freiligraths Korrespondenzen. [...] In: Briefkultur im Vormärz (Vormärzstudien 9), Bernd Füller (Hrsg.), Bielefeld: Aisthesis, 2001, 245-266.

→ Zur PDF-Fassung.

[Die Zwischenüberschriften dieser elektronischen Fassung wurden der besseren Lesbarkeit halber hinzugefügt.]

Einleitung
Freiligraths Ort im literarischen Gedächtnis
Freiligraths Briefwerk: Veröffentlichungsstand
Das Freiligrath-Briefrepertorium
Zur Herausgabe einer künftigen Briefausgabe

Einleitung

Im Zentrum der heutigen Tagung steht die Frage, was kann getan werden, damit der Dichter, dessen 200. Geburtstag im Jahre 2010 ins Haus steht, endlich einen anerkannten Platz in der Literaturgeschichte erhält? Ausgangspunkt der Überlegungen dazu soll das Ergebnis einer zweieinhalbjährigen Forschungsarbeit von 1998 bis 2000 sein, das Repertorium sämtlicher Briefe Freiligraths, sowie einige sich daraus ergebende Schlussfolgerungen und Konsequenzen für eine sinnvolle Weiterführung des Begonnenen. Es bedarf der Nachhaltigkeit eines signifikanten Schrittes, um Freiligrath nicht endgültig zu verlieren und ihn statt dessen weiter im Kultur- und Wissenschaftsdiskurs zu halten. Ein erstes wichtiges und realisierbares Ziel könnte hierfür die Edition seines Briefwerks sein.

Freiligraths Ort im literarischen Gedächtnis

Es ist oft beklagt worden, dass Ferdinand Freiligrath heute weitgehend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt ist. Nur wo noch starke lokalhistorische Bande bestehen, wie im Rheinland und hier im Westfälischen, erinnert man sich an ihn. Die Literaturwissenschaft hat sich bis auf wenige Marginalien und schlichte Vereinnahmungen in gängige Typologiemuster längst von dem Dichter abgewendet. Instrumentalisierungen mit oder gegen den Dichter verfangen nicht mehr. Freiligrath ist frei und verloren zugleich. Der Zugang zu ihm muss erst wieder neu gefunden werden, Sein Werk, heute kaum mehr präsent, versunken in den Sedimenten des Historischen, bedeckt vom Schlick vergangener Ideologeme, gilt es, umfassend zu erschließen und aufzuarbeiten. Nicht um den angeblassten Schauder beim Anblick des „Scheiks vom Sinai“ oder den „Bann vor Mekkas Toren“ wieder zu verspüren und uns an den emphatischen Trompetenstößen der Revolution zu berauschen. Es geht vielmehr um die stete Aufgabe erweiternden Erkennens geistiger, psychologischer und sozialer Prozesse im historischen Zusammenhang, um Klarheit und Wahrheit durch das Bewusstwerden über die nicht nur literaturgeschichtliche Relevanz und Wirkung einer Zeitpersönlichkeit und ihrer Verflechtung im Gefüge eines Jahrhunderts, das mit seinen epocheübergreifenden Implikationen bis in die Gegenwart virulent geblieben ist.

Freiligrath gehörte zweifelsfrei zu den literarischen Hauptgestalten im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Seine Bedeutung als Dichter beruht dabei im wesentlichen auf drei Hauptsäulen. Erstens, auf der eines originären Lyrikers einer in Deutschland weitgehend einzig gebliebenen Variante der Spätromantik, des phantasmagorischen Exotismus. Sein diese Richtung repräsentierender Debütband Gedichte von 1838 war einer der erfolgreichsten des Säkulums überhaupt. Im renommiertesten deutschen Literaturverlag der Zeit, der Cottaschen Buchhandlung, erlebte der Band bis zum Ende des 19.jahrhunderts 50 Auflagen mit insgesamt rund 75.000 Exemplaren. Das sind heute fast unglaublich anmutende Zahlen für einen Lyrikband. Zweiter Schwerpunkt seines Schaffens, mit dem er auf andere Weise Furore machen sollte, war das politische Zeitgedicht, die dominante Gattung des deutschen Vormärz. Kaum mehr als acht Jahre stand er im Banne der aus dem vorherrschenden gesellschaftspolitischen Veränderungsdrang der Zeit um 1848 entstandenen literarischen Politisierung, und doch schrieb er sich mit seiner emphatischen und sich immer weiter radikalisierenden Bekenntnisdichtung rasch an die Spitze der Bewegung und wurde als Dichter der Revolution zu einer ihrer wichtigsten literarischen Leitfiguren. Weit weniger spektakulär war Freiligraths Rolle als lyrischer Übersetzer, der dritten Säule seines literarischen Wirkens. Schon seit Ende der zwanziger Jahre und bis zu seinem Tod hat diese Art der literarischen Tätigkeit sein dichterisches Schaffen nicht nur begleitet, sondern ist vielmehr als ein ihm eignender substanzieller Kern anzusehen. Freiligrath verstand seine Übersetzungstätigkeit nicht nur in der Funktion einer interkulturellen Literaturvermittlung. Für ihn war es vielmehr ein für seine poetische Entwicklung gleichberechtigter und integraler Bestandteil dichterischen Handelns. Daher scheinen Freiligraths Übersetzungen oder Neuschöpfungen gegenüber seinen Originaldichtungen nicht nur quantitativ, sondern teilweise sogar qualitativ ein Übergewicht zu besitzen.

Nur in einem weiteren analytischen Aufschluss dieses hier nur grob skizzierten Gesamtzusammenhangs literarischer Strukturen, die im Einzelnen bisher noch viel zu wenig untersucht und dazu in den falschen Mustern von Pauschalisierung und prädestinierter Finalität ohne wirklich stringente Detail- bzw. Fallstudien betrieben, und zudem unter einem nur als mangelhaft zu bezeichnenden methodologischen Perspektivansatz geführt worden sind, kann dem Phänomen der Literarizität und ihrer typologischen Paradigmenwechsel bei Freiligrath ernsthaft begegnet werden.

Für die Literaturwissenschaft bleibt hier noch ein weites Feld. Da Freiligrath bar einer akademischen Grundierung auf explizite Theoretisierungen im Sinne stadialer ästhetischer Abklärungen oder philosophischer Modelle und politisch eindeutiger Bekenntnisse von vornherein und nahezu ausnahmslos verzichtet hat, können über dementsprechend angelegte Forschungsansätze nur sehr bedingt und höchstens in sehr vermittelter, abstrakt extrapolierter Weise, weiterführende Aufschlüsse erwartet werden. Der Zugang muss also vor allem über die erhaltene Überlieferung gesucht werden; zum einen über den Text des literarischen Werks als Primärquelle schlechthin und zum anderen über das reichhaltig zu Gebote stehende Material seiner Korrespondenz als grundierendes und korrelierendes Ergänzungsreservoir. Auf beiden Feldern wären aber dazu erst mit entsprechenden modernen Editionen die dringend erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen. Zwar stehen als Werkpräsentationen verschiedene ältere Ausgaben weiterhin zur Verfügung: Göschen, Schmidt-Weißenfels, Heichen, Schröder, Schwering, Zaunext u.a.. Doch sind diese, sowohl was die nahezu vollständig fehlende textkritische Aufbereitung als auch die nur in Ansätzen gebotenen und überalterten Kommentaren und das nicht berücksichtigte Vollständigkeitsprinzip betrifft, für wissenschaftliches Arbeiten nur bedingt tauglich. Hier müssen zukünftige Abklärungen zwischen der Editionswissenschaft und der Literaturgeschichtsforschung zeigen, ob man gewillt ist, diesen Defiziten mit einer dem neuen Editionsstandard gerecht werdendem Werkausgabe zu begegnen.

Freiligraths Briefwerk: Veröffentlichungsstand

Noch weitaus schlechter ist es aber um das Briefwerk Freiligraths bestellt, obwohl es uns in einer überraschend großen Dichte und Fülle überkommen ist und entscheidende Hinweise und Schlüsselinformationen für die zu beschreitenden Pfade zum Dichter und seinem Werk geben kann. Die Dokumente dieses einzigartigen Briefwechsels, in dem nicht nur die Lebenslinien des Dichters, die äußeren Ereignisse und Erlebnisse, wie auch die inneren, geistigen und psychologischen Befindlichkeiten und Entwicklungen durchscheinen, sondern auch die Verästelungen mit dem Zeitgeist und die Spiegelungen der turbulenten gesellschaftlichen und politischen Sprünge und Veränderungen, die mehr als nur Schlaglichter auf den sich rasant entwickelnden Literaturbetrieb zwischen Markt, Politik und Poetik werfen und Literatur quasi von der Innenseite ihrer historischen Produktionsverhältnisse her evident machen, zeigen sich als Zeugnisquellen von so vielschichtiger Qualität, dass ihr Wert in all seiner Dimensionalität und Potentialität kaum wirklich messbar erscheint.

Freiligrath war ein exzellenter Briefschreiber mit einer immer wieder bestechenden Offenheit und Klarheit in der Sprache und Argumentation, von dem man behaupten kann, dass er die alte Tradition des Briefes als quasi literarisches Genre bewusst oder unbewusst auf eindrucksvolle Weise fortgeführt hat. Der Brief war für Freiligrath der zentrale Ort der Selbstverständigung und Zeitauseinandersetzung.

Das Briefwerk ist bisher nur bruchstückhaft und weit verstreut veröffentlicht. Als Standardausgabe mit einer gewissen Platzhalterfunktion für das Gesamtbriefwerk gilt immer noch die Monographie Wilhelm Buchners von 1882 Ferdinand Freiligrath. Ein Dichterleben in Briefen. Trotz einer gewissen Repräsentanz seiner Auswahl kommt Buchner mit lediglich 623 von ihm dargebotenen Briefdokumenten gerade auf etwa 20% des bis jetzt bekannten Briefkorpus und damit nicht über das Format einer Teil- bzw. Querschnittedition hinaus. Allerdings ist der Band nicht nur in dieser Hinsicht bedingt nutzbar, sondern er zeigt sich vor allem aus dem heutigen Aspekt der Textkritik als sehr mangelhaft. Buchner selbst hielt es für angebracht, dass „mannigfache Streichungen [...] schon durch die Rücksicht auf den beschränkten Umfang des Werkes wie auf zahlreiche noch lebende Persönlichkeiten geboten [waren]“, so dass in der Regel nur ein fragmentarischer Abdruck der Briefe zustande kam und viele Korrespondenzen gänzlich ausgeklammert wurden. Die schmalen Briefauswahlen in den Werkausgaben von Walter Heichen, Ludwig Schröder und Julius Schwering orientieren sich weitgehend an Buchner und gehen über dessen Materialbasis nur in wenigen Einzelfällen hinaus. Nach Buchners Auswahl kam es bis heute immer wieder zu Teilveröffentlichungen, meist von Einzelkorrespondenzen Freiligraths mit verschiedenen Persönlichkeiten. Insgesamt sind etwa 180 solcher Teildrucke in Einzelveröffentlichungen, Zeitungen, Zeitschriften, Werkausgaben, Dissertationen und Memoiren bekannt, die z.T. aber heute nur noch schwer zugänglich sind und deren editorischer wie informatorischer Wert sehr unterschiedlich anzusetzen ist. Nur wenige sind nach textkritischen Kriterien gearbeitet, bringen oft nur Teile des jeweiligen Nachlasses oder gekürzte Texte. Auf einige der wichtigsten sei hier dennoch verwiesen.

Als erste umfangreichere Ergänzung der Brief-Biographie Buchners sind die von Gisberte Freiligrath, der Schwester des Dichters, 1889 herausgegebenen Beiträge zur Biographie Ferdinand Freiligraths anzusehen, die ausschließlich Briefe an Familienangehörige, vor allem an die erste Braut Karoline Schwollmann und die Stiefmutter Klara Wilhelmine Freiligrath aus der ersten Lebenshälfte, allerdings teilweise mit starken Bearbeitungseingriffen offeriert. Gewissermaßen fortgesetzt wurde das durch Luise Wiens, eine Tochter Freiligraths, die 1910 Freiligrath-Briefe aus der Unkeler Zeit 1840 an seine spätere Frau Ida Melos sowie an seine Tochter Katharine Freiligrath zwischen 1868 und 1876 veröffentlichte. 1948 publizierte Richard Drews unter dem Titel Freiligrath am Scheidewege die Korrespondenz Freiligraths mit dem St. Goarer Landrat Karl Heuberger. Leider ist der Band, der wichtige Informationen zur Entwicklung Freiligraths zum politischen Dichter in den 1840er Jahren enthält, ohne jede textkritische Sorgfalt erstellt, durch Kürzungen beeinträchtigt und umfasst nur 40 der insgesamt über 70 Briefe. Als vollständig und textkritisch zuverlässig hingegen erweisen sich die Editionen von Alfred Bergmann Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier in Detmold von 1953 und Manfred Häckels zwei Bände Ferdinand Freiligrath: Briefwechsel mit Marx und Engels von 1968. Ist die erste Publikation besonders wichtig in Hinsicht auf Freiligraths frühe Beziehung zu Christian Dietrich Grabbe und die Schwierigkeiten seiner ersten Jahre als Dichter, enthält die zweite wesentliche Zusammenhänge von Freiligraths Aktivitäten in der proletarischen Bewegung sowie zu den Auseinandersetzungen in der deutschen Emigrantenkolonie im zweiten Londoner Exil. Als letzte Veröffentlichung in diesem Zusammenhang erschien 1998 die Sammlung der Briefe Freiligraths an Karl Heinzen zwischen 1845 und 1848 von Gerhard K. Friesen unter dem Titel „Trotz alledem und alledem“ aus den Heinzen Papers der University of Michigan in Ann Arbour, die vor allem einen interessanten Einblick in die literarisch-publizistischen Aktivitäten und politischen Auseinandersetzungen der Oppositionsbewegung im Schweizer und englischen Exil gewährt. Daneben kam es zu weiteren leider nur lückenhaften Teileditionen einzelner Briefwechsel, die aber alle nur als bedingt zuverlässig gelten können, wie z.B. den mit Georg Seidensticker (1897), Julius Rodenberg (1899), Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1906), Wilhelm Ganzhorn (1907), Levin Schücking (1910), Karl Simrock (1911), Gustav Mühl (1926), Henry Wadsworth Longfellow (1933), Franz Dingelstedt (1940), Johann Peter Eckermann und Friedrich von Müller (1954), Wolfgang Müller von Königswinter (1959) und Ludwig Merkel (1962). Alle diese Veröffentlichungen bedürfen in der Regel der Ergänzung bzw. der Vervollständigung, vor allem aber der textkritischen Überarbeitung.

Das Freiligrath-Briefrepertorium

Dies war kurz skizziert die Lage, als ich 1998 die Arbeit an dem Projekt Ferdinand Freiligrath Briefe. Kritisches und kommentiertes Gesamtverzeichnis. Ein Repertorium aufnahm. Ziel der Arbeit war es, zum erstenmal das gesamte überlieferte Briefmaterial des Dichters systematisch zu erfassen, zu ordnen und nach archivarisch-bibliographischen Grundsätzen in Form einer Datenbank zusammenzuführen und aufzubereiten. Damit sollte ein gültig bleibender Standard der Auswertung des Briefwechsels Freiligraths erarbeitet werden, der umfassende Aussagen bezüglich aller relevanten Erfassungsgrößen der Textzeugen mit einem größtmöglichen Spielraum für spezifische Auswertungsanforderungen verbindet und außerdem die Möglichkeit einer ständigen Erweiterung bzw. Vervollständigung offen lässt. Hierbei wurde eine EDV-gestützte chronologisch-synkritische Beschreibung des gesamten Quellenmaterials durchgeführt, die auch überlieferungsgeschichtliche Faktoren und Darstellungen der Inhalte und der Sachthemen der Briefe integriert. Das so entstandene Gesamtverzeichnis hatte alle relevanten Bezugsdaten der untersuchten Zeugnisse repertoriumsartig zu dokumentieren und in einer präeditorischen Weise aufzuschließen, so dass mit der Fassung und Bereitstellung in einer elektronischen Datenbank neben der Möglichkeit des selektiven Zugriffs auf diverse Einzelinformationen alle Voraussetzungen für einen modernen Datenaustausch durch Vernetzungen als auch für die notwendige permanente Ergänzung und Vervollständigung des Datenmaterials geschaffen wurde. Bei der angestrebten Veröffentlichung ist daher von Anfang an eine Online-Präsentation über ein entsprechendes Internet-Portal geplant und nach Abschluss der Arbeiten realisiert worden. Das Repertorium steht nunmehr seit drei Jahren weltweit und ortsunabhängig zur Verfügung unter der Zugangsbezeichnung www.ferdinandfreiligrath.de.

Das Projekt verstand sich dabei von Anfang an als wissenschaftliche Grundlagenarbeit für weiterführende literatur- und kulturgeschichtliche Forschungen sowie die Editionspraxis. Nach bibliographischen Vorstudien hatte sich zu Beginn der Arbeiten ein vorläufiger Ermittlungsstand zum Gesamtkorpus der Korrespondenz ergeben, der von einer zu erwartenden Gesamtzahl der überlieferten Briefe Freiligraths von etwa 2.700 bei einer ähnlich hoch anzusetzenden Zahl von Gegen- bzw. An-Briefen, auf etwa 50 Standorte verteilt, ausging. Bei den bereits veröffentlichten Briefzeugnissen Freiligraths konnte mit 80 bis 100 verschiedenen Drucken, die von der Einzelveröffentlichung bis zu vollständigen Teileditionen verschiedener Briefwechsel reichen, gerechnet werden. Im Laufe intensivierter bibliographischer Nachforschungen, der Auswertung der Zentralkartei der deutschen Autographen in Berlin sowie der wichtigsten Autographenkataloge der letzten 100 Jahre und durch Anfragen in Bibliotheken des In- und Auslandes ergab sich eine nicht unerhebliche Erweiterung des Materials hinsichtlich der Gesamtmenge der Briefe als auch der Verwahrungsstandorte und der Drucke, die sich sukzessiv immer weiter steigerte. Neben der Erfassung und Repertorisierung aller bis dahin nachweisbarer Freiligrath-Korrespondenzdokumente, die auch zu zahlreichen Neuentdeckungen führte und eine Zusammenführung weit verstreuter, aus dem Fokus der Überlieferung gefallener Nachlassteile erbrachte, konnte die ursprünglich auch anvisierte ergänzende Aufnahme der An-Briefe in dem zur Verfügung stehenden Zeitraum leider nicht erreicht werden. Allerdings ist hier schon eine Übersicht über das zu erarbeitende Material erstellt und sind Erschließungshinweise gesammelt worden. Mit der Aufnahme des diesbezüglichen Teilnachlasses im Deutschen Literaturarchiv in Marbach mit nahezu 300 Dokumentnachweisen, u.a. aus den erhaltenen Postausgangsbüchern im Nachlass des Cotta-Verlags, existiert zumindest ein Darstellungsmuster.

Insgesamt stand Freiligrath mit 800 Personen und Institutionen in brieflichem Kontakt. Etwa 200 davon waren von dauerhafterer Natur. Rund 5.350 Briefzeugnisse Freiligraths ließen sich direkt oder indirekt nachweisen. Die tatsächliche Zahl der von Freiligrath geschriebenen Briefe dürfte vielleicht bis an das Doppelte reichen. Etwa 2.300 der materiell nachweisbaren fast 3.700 Briefzeugnisse sind bisher noch unveröffentlicht. Das bisher zusammengeführte Datenmaterial ist somit als Kernreservoir anzusehen, das in seiner offenen Systemanlage eine stetige Ergänzung und Erweiterung ermöglicht. Von 3.690 Briefen bzw. briefähnlichen Dokumenten konnte der Ausweis über das Original oder eine andere Art der Überlieferung wie Kopien, Drucke oder Typoskripte geführt werden. Die über 1.660 Nachweise zu erschlossenen Briefen, die das Gesamtbild nicht unwesentlich mitprägen und vervollständigen, konnten erst durch die intensive und konsequente Auswertung der Gesamtüberlieferung am Ende der Arbeiten als ein wichtiges Korrelativ und als Arrondierung der Dokumentation ermittelt werden. Die Originale sind auf rund 70 Einzelstandorte in Bibliotheken, Archiven und Privatnachlässen des In- und Auslandes verteilt.

Nun zur Datenbank selbst. Am Beginn stand wie bei allen solchen Arbeiten die Frage der angemessenen Strukturierung. Es galt, einen Grundstock eines allgemein verbindlichen und effizient handhabbaren Thesaurus, eines Koordinatensystems mit allen relevanten Erfassungsparametern zu legen. Da hierbei nicht nur Parameter berücksichtigt werden sollten, die die Briefe rein formal eindeutig identifizierbar machten, sondern darüber hinaus auch solche, die sich an den Erarbeitungsstandards einer zukünftigen historisch-kritischen Edition orientierten, wurden nicht nur Eckdaten, wie Adressat, Datierung, Schreibort, Verwahrung, Drucknachweis und Incipit geführt, sondern darüber hinaus auch detaillierte Informationen zum Umfang, zur Papierbeschaffenheit, zum Erhaltungszustand, und zu den Textvergleichen zwischen den Drucken bzw. den Originalen und den Drucken sowie auch zum Inhalt in Form von Regesten (Kurzbeschreibungen) erarbeitet. Jeder Einzelbrief wurde so nach archivarisch-bibliographischen Kriterien inventarisiert und nach quantitativen wie qualitativen Kriterien erschlossen. Anfangs konzentrierte man sich aus methodisch-technischen Gründen auf die Aufnahme der gedruckten Briefzeugnisse. Da bei der editorischen Auswahl und Qualität nur in Ausnahmefällen moderne editionskritische Grundsätze vorauszusetzen waren und man diesbezüglich oft nur mit Teildrucken oder Auszügen und kaum verlässlichen Wiedergaben der Originalhandschriften zu rechnen hatte, musste die Aufnahme der Beschreibung dieser Textzeugen in der Regel vor der Autopsie der potentiell noch erhaltenen Briefautographen stehen, um dann im Vergleichsverfahren den Grad der Vollständigkeit und editorischen Verwertbarkeit des jeweiligen Drucks bestimmen zu können. Die Registrierung dieser gedruckten Briefzeugnisse im Thesaurus stand mithin am Anfang der eigentlichen Arbeit, was bei den über 180 verschiedenen Drucknachweisen und einer Verdoppelung der ursprünglichen Zahl nicht nur erhebliche technisch-organisatorische Probleme mit sich brachte, sondern sich auch als sehr arbeitsintensiv erwies.

Gleitend wurde dann von dieser ersten Arbeitsstufe zur umfassenden Datenaufnahme der überlieferten Originalbriefe übergegangen. Dies geschah im Regelfall durch die Autopsie der Briefdokumente an den jeweiligen Standorten selbst und zum anderen bei Auslandsstandorten (USA, Russland, England, Schweiz, Österreich) und Klein- bzw. Splitterbeständen von einzelnen Briefen durch den Erwerb von Kopien. Hierbei stand zunächst eine möglichst genaue Zeugenbeschreibung im Zentrum der Arbeit. 

Durch Regesten wurde aber ein weit über das zunächst geplante Maß hinausgehender Aufschluss der Briefe mit ausgreifenden Informationsneuwerten von tragendem Eigengewicht erreicht, so dass bei dem vorliegenden Repertorium nicht nur von einem kritischen und kommentierten Verzeichnis, sondern in gewisser Weise sogar von einer Regestausgabe der Briefe gesprochen werden kann. Bei den vielen bisher völlig unbekannten Briefen hat man somit wenigstens einen Anhaltspunkt über ihren Inhalt.

Als Ergebnis steht der Forschung wie der literarischen Editionspraxis ein umfassend aufbereiteter Materialfundus zur Verfügung, der nicht nur wichtige Voraussetzungen und Handreichungen für andere Arbeiten im literarischen und historischen Umfeld der Zeit bieten kann, sondern darüber hinaus auch in der Lage ist, weitreichende Impulse für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Themen des Vor- und Nachmärz zu geben. Das anerkannte und Maßstab setzende Niveau vergleichbarer Arbeiten wie der von Charlotte Jolles und Walter Müller-Seidel zu den Briefen Theodor Fontanes, sowie Helmut Mojems zum Briefnachlass des Verlegers Johann Friedrich Cotta und vor allem das Online-Repertorium der Goethe-Briefe, das von Elke Richter im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar erarbeitet worden ist, die alle in ihrer jeweiligen Spezifik eine wichtige Orientierungsgröße auch für dieses Vorhaben waren, wird mit dem Briefverzeichnis zu Ferdinand Freiligrath nicht nur gehalten, sondern in Teilbereichen sogar weiter ausgebaut und übertroffen. Auch oder gerade wegen der geleisteten Fortschritte durch das Freiligrath-Briefrepertorium ist das Defizit einer verlässlichen und umfänglichen Briefausgabe aber mitnichten ausgeräumt, im Gegenteil, es ist nur noch deutlicher spürbar geworden. Vor allem, wenn man den Vergleich mit den Editionssituationen anderer Autoren des 19. Jahrhunderts heranzieht. Es besteht, wie schon oft von Detlev Hellfaier und Konrad Hutzelmann angemahnt, ein dringender editorischer Handlungsbedarf. Die Möglichkeiten und die Voraussetzungen hierzu sind durch die Vorleistungen des Repertoriums nun wesentlich verbessert. Hierzu noch einige Überlegungen und Vorschläge.

Zur Herausgabe einer künftigen Briefausgabe

Ginge man allein von dem Wünschenswerten aus, wäre natürlich eine Komplettausgabe der Briefe Freiligraths oder sogar des vollständigen Briefwechsels in einer historisch-kritisch aufbereiteten Form nach den heute gültigen Standards vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen sicherlich das Beste. Dies zu realisieren, würde aber einen immensen Aufwand verlangen. Über dreieinhalbtausend und in naher Zukunft sogar viertausend Einzelzeugnisse allein von Freiligrath, die im Umfang vom Telegramm und der einfachen Postkarte bis zum zwanzigseitigen Bericht oder Erzählbrief reichen. Diese Zahl schwillt auf fünfeinhalbtausend bis sechstausend Dokumente an, wenn man die erhaltenen Gegenbriefe mitrechnet.

Trotz aller bisher für eine Briefausgabe abgegebenen Voten und in Anschlag gebrachten Argumentationen würde sich hierfür schon im Vorfeld ganz klar die Frage des Aufwand-Nutzen-Verhältnisses sowie überhaupt das Problem der Realisierbarkeit in den Vordergrund drängen. Wie und wo wären die für eine solche Arbeit notwendigen vorgeprägten Wissenschaftskapazitäten und -potentiale zu rekrutieren, effizient zu bündeln und auch über Jahre dauernd zu binden und teamfähig zu halten? Gibt es eine wissenschaftliche oder semiwissenschaftliche Institution, die sinnvollerweise die Trägerschaft und damit die organisatorische, arbeitstechnische und wissenschaftliche Koordination und Leitung eines solchen Projektes zu übernehmen bereit und in der Lage wäre? Könnte der zu erwartende, enorm hohe Kostenaufwand in Anbetracht einer chronisch unterfinanzierten Wissenschaftslandschaft überhaupt gedeckt werden? Ist eine derartige geisteswissenschaftliche Edition, ein Produkt von mehreren dickleibigen Bänden, heute noch verlegerisch wirklich absicherbar? Die Reihe dieser zweifelsohne berechtigten kritischen Einwände und Problemkonstellationen ließe sich noch weiter fortführen. Es wäre leichtfertig und im Sinne der Sache wohl fahrlässig und damit wenig hilfreich, für eine solche Maximalvariante ernsthaft plädieren zu wollen.

Statt dessen sollte ein anderes, praktikableres, den Anforderungen des Gegenstandes wie den Bewältigungsmöglichkeiten gerecht werdendes Editionsmodel gesucht und anvisiert werden, das auf hohe Standards in der Präsentation nicht verzichtet, aber durch Optimierung der Arbeits- und Darstellungsmethoden eine realistische Verwirklichungschance bietet. Zunächst könnte man hierbei an die vorhandenen editorischen Vorleistungen einfach anknüpfen. Das hieße, einen Weg einzuschlagen, der von den schon vorhandenen Kernen einzelner, oben schon kurz beschriebener Briefwechsel-Veröffentlichungen ausgeht und durch deren ergänzende Fortsetzung und Erweiterung sozusagen modulartig und sukzessiv ein Gesamtnetz aufbaut. Das hätte verschiedene Vorteile.

  1. Das ganze System wäre sehr offen und flexibel in der Durchführung. Nach möglichen Schwierigkeiten oder Brüchen im einzelnen oder im Gesamtkonzept könnte an jeder beliebigen Stelle vom Ist-Zustand aus die Arbeit relativ problemlos wieder neu aufgenommen oder fortgesetzt werden.
  2. Es würden relativ kleine Einheiten entstehen, überschaubare Projekte, für die verschiedene Bearbeiter für jeweils kurze Fristen herangezogen werden könnten, wobei auch noch leichter und gewinnbringend wissenschaftliches Personal außerhalb der recht engen Grenzen der Freiligrath-Forschung einzubinden sein würde.
  3. Bereits Erarbeitetes müsste nicht ein zweites Mal in die Gesamtstruktur integriert werden.
  4. Man könnte sich nach vorher aufgestellten Dringlichkeitskriterien zuerst auf die Briefwechsel konzentrieren, von denen man meint, sie bergen den wichtigsten Informationswert oder führen am besten und schnellsten zur Aufhebung der größten Desiderata, was auch in Hinsicht auf die verlegerische Verwertung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen sollte.

Allerdings brächte eine solche Vorgehensweise auch gravierende Nachteile und Einschränkungen mit sich, die von den geschilderten Positivargumenten nicht unbedingt aufgewogen werden können. Der Gesamtzusammenhang und die inhärente Ordnung, die Logik des Briefwechsels würde durch eine derartige Stückelung weitgehend zerrissen. Ein Überblick oder Gesamteindruck auch nur über einzelne Entwicklungsphasen wäre nur schwer herstellbar. Trotz Vorgaben bei den Editionsprinzipien ließen sich Inkohärenzen im Erscheinungsbild, sowie größere Ungleichgewichte und Uneinheitlichkeiten in der Darbietung kaum verhindern. In der Kommentierung käme es bei vielen mehrfach auftretenden Sachverhalten unvermeidlich zu Überschneidungen, Doppel- und Mehrfachbeschreibungen, die die Apparate unnötig aufblähten, da ein effektives und auch benutzerfreundliches Verweissystem in einer solchen lockeren Gesamtstruktur nicht wirklich durchsetzbar wäre. Außerdem würde die Kleinteiligkeit auch den Finaldruck, der von größeren zusammenhängenden Projekten zweifelsohne immer auch ausgeht, erheblich mindern und die Gefahr von Verzögerungen und Abbrüchen erhöhen. Wie ginge man mit den bereits vorhandenen veröffentlichten Einzelbriefwechseln um, die aber einer mehr oder weniger gründlichen Überarbeitung und/oder Ergänzung bedürften? Ein offenes und nur schwer befriedigend zu lösendes Problem bietet ferner die Aufteilung in die jeweiligen Einzelsegmente. Ließe sich bei größeren Korrespondenzeinheiten mit einem Briefpartner noch recht leicht die Basis für eine selektive Veröffentlichungspraxis herstellen, obwohl man auch hier schon mit den Ungleichgewichten zu kämpfen hätte, die sich aus der unterschiedlichen Überlieferungssituation der einzelnen Briefwechsel ergeben, dass nämlich die Gegenbriefe teilweise vollständig, nur lückenhaft oder überhaupt nicht erhalten sind, so stünde man in Fällen kleiner Überlieferungsbestände, die keinen eigenständigen Druck zuließen, vor der Schwierigkeit, wie diese überhaupt sinnvoll zu gruppieren und zusammenzufassen wären, ohne sie von vornherein als willkürliches Sammelsurium einer Resteverwertung erscheinen zu lassen und sie dadurch in ihrem tatsächlichen Wert unverhältnismäßig herabzustufen. Einzelbriefe mit scheinbar nur bedingtem Informationswert, wie kurze Gruß- bzw. Widmungsworte, Order- oder Rechnungsbriefe oder Begleitschreiben zu Manuskriptsendungen blieben überhaupt nur schwer eingliederbar. Wirklich erst am Ende würde ein in sich geschlossenes Ganzes entstehen, und die Einzelveröffentlichungen erreichten auch wohl nur einen geringen Aufmerksamkeitsgrad in der Öffentlichkeit gegenüber der Variante eines Gesamtprojektes einer Briefausgabe.

Ein anderer, zugegebenermaßen editorisches Neuland betretender, aber nichtsdestotrotz doch effizienter und in seinen Möglichkeiten viel versprechender Weg wäre der einer Kombination aus herkömmlicher Print- und innovativer Online-Ausgabe. Was ist damit gemeint? ist die Verbindung einer Edition über zwei unterschiedliche Medienträger überhaupt möglich und sinnvoll? Was kann damit gegenüber herkömmlichen Editionsmodellen gewonnen werden? Diese grundlegenden Fragen müssen zuerst beantwortet sein, wenn man sich ernsthaft an die Verwirklichung eines solchen Projektes wagen will.

Die Einbindung eines Internet-Portals, einer Website in die Edition der Freiligrath-Briefe muss eine strukturelle sein, und dabei sowohl arbeitstechnisch wie von der Präsentationsweise her die Basisplattform des gesamten Projekts bilden. Voraussetzung dafür ist, dass in Form einer umfassenden Datenbank alle eruierten und zur Verfügung stehenden Briefdokumente, also der Gesamtbriefwechsel, wie er heute noch vorliegt, vollständig und lückenlos zusammengeführt und präsentiert wird. Hier würden sich auch alle nicht überlieferten, aber erschließbaren Briefe nahtlos einordnen lassen. Da eine Internetveröffentlichung zudem den Vorteil bietet, ein offenes System zu sein, würde sich die Möglichkeit ergeben, von verschiedenen Punkten aus gleichzeitig an der Erstellung zumindest des Primärtextnetzes zu arbeiten, ohne von vornherein auf weiterführende Strukturierungen Rücksicht nehmen zu müssen. Eine solche Textgrundierung des Briefwechsels könnte in Vereinbarung und unter Vorgabe der Editoren unter Umständen sogar teilweise durch die Mitarbeit der jeweiligen Verwahrinstitutionen selbst geleistet werden, sei es nur in der Weise, dass über Scanverfahren die Originalzeugnisse und weitere Bearbeitungen im Internet zugänglich gemacht werden. Weiterführende Daten und der Kommentar, wie sie z.B. durch das bereits erarbeitete Briefrepertorium erbracht worden sind, ließen sich problemlos anfügen und sukzessiv zu einem umfassenden Apparat verdichten. Es entstünde das Konvolut anwachsender, miteinander verbundener und verschränkter Primär- und Sekundär-Informationen in der Art einer prozessual lebendigen Datenbank, die sich durch permanente Ergänzungen, Verbesserungen und gegebenenfalls durch Korrekturen immer weiter vervollkommnen lässt, ohne durch stadial gesetzte Rahmen und Endpunkte begrenzt zu sein. Das System wäre sowohl vom ersten Moment seiner Entstehung an nutzbar, wie es auch bei den im Falle Freiligraths stets zu erwartenden Neufunden an Briefen jeder Zeit in unkomplizierter Weise reaktionsfähig bliebe. Nicht zuletzt böte es von seinen technischen Voraussetzungen und Anlagen her eine Nutzung nach verschiedenen Ordnungsmodellen, sowohl nach differenzierten temporären als auch personalen Modi. Darüber hinaus würde es auch den selektiven Zugriff auf spezifische Informationsgehalte und Details ermöglichen. Eventuelle Schwierigkeiten bei der Textbearbeitung und Kommentierung könnten bis zu einer vollständigen Lösung ohne weitere Umstände als vorläufig gekennzeichnet bleiben und so auch offen für Hinweise und Unterstützungen von außen gehalten werden. Die Kostenvorteile gegenüber einer vollständigen Printausgabe sind enorm, da die Einrichtung eines entsprechenden Internet-Portals an Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen bis auf die notwendige Software kaum ins Gewicht fallen würde. Trotzdem bliebe die Möglichkeit auch einer kommerziellen Nutzung natürlich nicht ausgeschlossen.

Auf der Grundlage dieser vollständigen Material- und Datensammlung und in Wechselbeziehung zu dieser ist es dann auch jederzeit und ohne großen Aufwand möglich, eine nach in jeder Hinsicht angemessenen, abgestuften Kriterien gestaltete und nicht überbordende Buchausgabe der Briefe Freiligraths zu erstellen. Darauf sollte nach Möglichkeit auch nicht verzichtet werden, um die besondere und nie ganz zu ersetzende Form und das Potential einer gedruckten Veröffentlichung ebenfalls mit einzubeziehen. Eine solche Publikation müsste die Online-Sammlung ja nicht im Verhältnis 1:1 abbilden, sondern könnte sich vielmehr auf die Erbringung eines tragfähigen Eigenwertes konzentrieren. Das hieße, vor allem die wirklich aussagekräftigen Kernteile des Briefoeuvres darzustellen und ansonsten durch wirkungsvolle Korrelationsmuster eine möglichst enge Kohäsion zur elektronisch gestützten Datenbank zu gewährleisten. Meines Erachtens sollte demzufolge dieser Ausgabetyp nur die Briefe Freiligraths mit substantiellem Aussagewert im Hinblick auf seine literarischen, politischen und persönlichen Beziehungen und Aktivitäten im Volltext aufnehmen, ergänzt mit entsprechenden Überlieferungs- und Kommentarhinweisen. Bei den anderen Schreiben Freiligraths mit ephemerem Gehalt, wie Kurzmitteilungen, Gruß- und Geschenksendungen oder einigen Geschäftsbriefen genügen die Regesten oder gar nur der Verweis auf die Darbietung in der Datenbank. Die Gegen- bzw. die An-Briefe wären hier ebenfalls durch entsprechende Verweise, vielleicht in einem speziellen Register, lediglich vermerkt. So erreichte man ein in sich schlüssiges Ganzes, das mehr als nur einen repräsentativen Charakter aufwiese und mit seinen Gewährleistungsstandards sowohl nach Vollständigkeit als auch Kritik sogar an die Maßstäbe historisch-kritischer Editionspraxis anzuknüpfen in der Lage wäre.

Zum Abschluss nur noch einige praktische Fragen zur Briefedition:

  1. Kann eine Vielzahl von Verwahrorganisationen für die Mitarbeit an einem entsprechenden Publikationsprojekt gewonnen werden? Von Vorteil sollte hier sein, dass mit den vier größten Institutionen mit Freiligrathbeständen, dem Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, der Lippischen Landesbibliothek Detmold und dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach wissenschaftsfreundliche, editionserfahrene und kooperationserprobte Partner gegeben sind, deren Bestände nahezu zwei Drittel des überlieferten Briefnachlasses Freiligraths abdecken.
  2. Welche Institution, Universitätsbibliothek, Archiv oder andere Einrichtung würde die Trägerschaft, d.h. die organisatorische Federführung, Koordination und institutionell-technische Absicherung übernehmen können? 
  3. Wie wären entsprechend qualifizierte Mitarbeiter für ein solches Großprojekt zu rekrutieren? Hier spielt die finanzielle Absicherung des Projekts eine entscheidende Rolle, aber auch die Frage nach eigenen freien Kapazitäten, etwa aus dem Kreise der hier Anwesenden.
  4. In Hinsicht auf den angesprochenen Finanzierungsaspekt stellt sich die Frage nach entsprechender Unterstützung und Absicherung durch potente Förderinstitutionen, wie der DFG und auch anderer industrieller oder öffentlicher Wissenschaftsstiftungen.