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„... in Lippe, in Detmold, im Land ohne Licht!" Der Großbrand der Lippischen Landesbibliothek am 22. November 1921

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 98 (2005), 11, S. 182-185.

Zwei Großbrände erschütterten die Residenzstadt Detmold im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, und in beiden Fällen waren die beiden namhaften und traditionsreichen Kulturinstitute des Landes Lippe betroffen: am 5. Februar 1912 wurde im Anschluss an eine Aufführung das Fürstliche Hoftheater durch fahrlässigen Umgang mit offenem Feuer ein Raub der Flammen, und ein knappes Jahrzehnt später, am 22. November 1921, zerstörte ein Großfeuer wesentliche Teile des schönen spätklassizistischen Gebäudes der Lippischen Landesbibliothek an der Hornschen Straße, vernichtete wertvolle Buch- und Zeitschriftenbestände. Der verheerende Brand der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar vor Jahresfrist am 2. September 2004 und der damit verbundene Verlust unwiederbringlicher Kulturgüter hat die Anfälligkeit von Forschungs- und Bildungseinrichtungen mit ihren Sammlungen gegenüber Katastrophen dieser Art erneut besonders schmerzlich aufgezeigt und sowohl den politisch Verantwortlichen wie der Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass es permanenter Anstrengungen und Investitionen bedarf, Katastrophen durch vorbeugenden Brandschutz auf ein Minimum zu reduzieren.

Das brennende Gebäude der Landesbibliothek

Unter den Schlagzeilen „Großfeuer in Detmold – Brand der Landesbibliothek“ und „Die Lippische Landesbibliothek niedergebrannt“ berichteten die drei Detmolder Zeitungen am nächsten und an den darauffolgenden Tagen ausführlich von der Katastrophe. Und über Agenturen verbreitet erfuhren selbst im fernen Danzig und andernorts in Deutschland die Zeitungsleser vom traurigen Schicksal der Detmolder Bibliothek. Nach anfänglich widersprüchlichen Berichten lässt sich der Hergang des Unglücks einigermaßen zuverlässig rekonstruieren. Danach hatten an jenem 22. November zwischen 13.30 und 14 Uhr Augenzeugen im östlichen Teil des mächtigen Daches starke Rauchentwicklung festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bis auf Mitarbeiter einer Detmolder Heizungsbaufirma wegen der Mittagspause keine Bibliotheksangehörigen im Haus. Offensichtlich hatte man wohl seitens der Handwerker zunächst selbst versucht, die Flammen zu ersticken, als das misslang, wurde um 14.25 Uhr die Detmolder Freiwillige Feuerwehr alarmiert. Diese rückte nach etwa 20 Minuten mit einer ersten Mannschaft an und begann mit unzulänglichen Mitteln den Brand zu bekämpfen. Vom scharfen Ostwind angetrieben hatte das Feuer in der Zwischenzeit den gesamten Dachstuhl erfasst und unaufhaltsam durch die Holzbalkendecke auf das 2. Obergeschoss übergegriffen. Dort und überall im Haus hatte eine ständig zunehmende Anzahl von freiwilligen Helfern, vor allem Schüler des Gymnasiums Leopoldinum und der Oberrealschule, Seminaristen des Lehrerseminars, später auch Soldaten der Reichswehr, damit begonnen, das Gebäude zu evakuieren; selbst Prominente, wie der Detmolder Oberbürgermeister Dr. Emil Peters und Landespräsidiumsmitglied Heinrich Drake, beteiligten sich tatkräftig an den einerseits sehr mutigen, andererseits zunächst recht unkoordinierten und planlosen Rettungsarbeiten. Dramatische Szenen müssen sich abgespielt haben, als der Dachstuhl mit Altan und dem schweren Telefongestänge und damit Teile der Decke einstürzten und das mächtige Holztreppenhaus im Westteil des Gebäudes mit in die Tiefe rissen. Und es grenzt an ein Wunder, dass sich die im Haus befindlichen Personen durch Leitern oder einen beherzten Sprung aus dem Fenster retten konnten, und diejenigen, die mit der brennenden Treppe abstürzten, mit verhältnismäßig geringen Verletzungen davon kamen.

Die Detmolder Feuerwehr mühte sich nach Kräften, den Flammen Einhalt zu gebieten, doch sah sie sich wegen des eingestürzten Treppenhauses und der nachgebenden Lehmdecken außerstande, zum Brandherd vorzudringen; darüber hinaus erwiesen sich die Feuerlöschvorrichtungen als unzureichend, zwar waren die Hydranten betriebsbereit, doch fehlte es am nötigen Wasserdruck. Auch die alte Dampfspritze aus dem Jahre 1888 (!), die endlich gegen 15 Uhr herangeführt wurde und erst umständlich angeheizt werden musste, bevor sie Wasser geben konnte, war angesichts der Höhe des Gebäudes und der Ausdehnung des Feuers hoffnungslos überfordert. Erst der Bielefelder Berufsfeuerwehr, die etwa um 17 Uhr mit ihrer leistungsfähigen Motorspritze („Automobil-Spritze“) und modernem Gerät anrückte, gelang es schließlich gegen 20 Uhr, das Feuer unter Kontrolle zu bringen und zu ersticken.

Die Brandruine von vorn

Am nächsten Morgen bot sich ein erschütterndes Bild Bild: ohne Dach, mit frei in den Himmel ragenden Schornsteinen, russgeschwärzten Fassaden, leeren Fensterhöhlen im Obergeschoss, zersprungenen oder herausgeschlagenen Fensterscheiben und –kreuzen sowie umgeben von Schutt präsentierte sich das schöne großbürgerliche Palais als hinfällige Brandruine. Von den rund 150.000 Bänden der Bibliothek mussten etwa 30.000 als Totalverlust gelten, eine unbekannte Anzahl hatte erhebliche Brand- und Wasserschäden davongetragen. Verloren waren die provisorisch auf dem Dachboden (!) aufgestellten Buchbestände der Abteilungen Medizin, Naturwissenschaften und Landwirtschaft, die umfangreiche Sammlung der Reichstagsverhandlungen ebenso wie die Offiziersbibliothek des früheren Detmolder Infanterie-Regiments Nr. 55. Auch die im darunter liegenden Obergeschoss befindlichen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen konnten nur in Rudimenten gerettet werden. Dem Feuer zum Opfer fielen dort die Fachabteilungen Mathematik und Militaria, zahlreiche Zeitschriften und überregionale Zeitungen, leider auch unwiederbringliche Tafelwerke, Lippiaca, und von der großartigen Bibliothek der Familie von Rosen mit ihren reichen Orientaliabeständen blieb nur ein kläglicher Rest. Auch sämtliche Dubletten und eine große Anzahl von geschenkten und bisher noch nicht katalogisierten Büchern waren nicht zu retten. Glücklicherweise standen im mittleren Geschoss noch keine Bände, doch wurden die dort noch lagernden ur- und frühgeschichtlichen Fundstücke sowie wertvolle völkerkundliche Exponate des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins kurz vor ihrem Umzug ins Neue Palais zum neu formierten Lippischen Landesmuseum durch Feuer, herabfallende Balken und Schutt weitgehend vernichtet. Erfreulich war, dass sich erste Schätzungen, die von einem erheblich höheren Verlust ausgegangen waren, doch so nicht bewahrheitet hatten. Denn die zahlreichen freiwilligen Helfer hatten sich nach anfänglichem Durcheinander zu Menschenketten formiert und systematisch alles greifbare Bibliotheksgut, darunter alle Handschriften und Inkunabeln sowie große Teile des Altbestandes des 16. und 17. Jahrhunderts, in die beiden Nebengebäude und in das gegenüber liegende Gebäude der ehemaligen Lippischen Forstdirektion evakuiert; das noch leer stehende Haus hatte der Fabrikant Alex Hofmann spontan zur Verfügung gestellt.

Wilde Spekulationen über die Brandursache machten zunächst die Runde. Von der Vermutung, ein Kurzschluss in der elektrischen Anlage habe den Brand ausgelöst, rückte man allerdings bald ab. Der vorläufige Polizeibericht vom 18. Dezember vermerkt lakonisch, dass sich die Brandursache mit Sicherheit nicht feststellen lasse, „jedoch spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Schadhaftigkeit des Schornsteins das Feuer verursacht hat.“ Beim Niederreißen der acht Schornsteine hatte man zumindest festgestellt, dass Dachbalken in die Schornsteinwände zwecks Auflagen eingelassen waren. Das war allerdings nichts Ungewöhnliches und keineswegs zwingend als Brandursache anzusehen. Zu erinnern ist, dass bei Ausbruch des Feuers Handwerker der Heizungsbaufirma Glunz im Hause tätig waren, die eine neue Heizungsanlage installierten. Und Tatsache ist, dass diese Männer nicht die Feuerwehr alarmierten, sondern zunächst selbst versucht hatten, die Flammen zu löschen. Mithin ist die Vermutung nicht ganz abwegig, dass der Brand vielleicht doch durch Schweiß- oder sonstige Arbeiten mit offenem Feuer seinen Anfang genommen hat. Dieser Verdacht wurde wohl gelegentlich geäußert – selbst eine weggeworfene Zigarettenkippe wurde ins Spiel gebracht - , ließ sich aber nicht erhärten, und die Brandursachenforschung steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Die Brandruine, rückwärtige Ansicht

Der Reaktion der offiziellen Stellen und der Öffentlichkeit auf die Brandkatastrophe waren beträchtlich. Schon am übernächsten Tag warb das Landespräsidium in einem eindringlichen Aufruf um materielle und finanzielle Hilfe für die schwer gezeichnete Bibliothek und appellierte an die lippische Bevölkerung, sich der freiwilligen Mitarbeit an der großen Kulturaufgabe des Wiederaufbaus nicht zu versagen. In einem lesenswerten Presseartikel unter dem Titel „Was ist uns die Landesbibliothek?“ rief Bibliotheksdirektor Dr. Ernst Anemüller den hohen Stellenwert der traditionsreichen Landesbibliothek für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Erinnerung. Unter der Leitung des Landespräsidiums wurde neben den erforderlichen Fachausschüssen ein Haupthilfsausschuss angeregt, dem alle Berufskreise und gesellschaftlichen Gruppen angehören sollten. Ein solcher trat bereits am 24. November auf Einladung des Fürsten Leopold IV. und anderer Honoratioren vielköpfig zusammen, erörterte ausführlich die möglichen Initiativen zum Wiederaufbau und bekräftigte den festen Willen zur Wiederherstellung der Büchersammlung. Schnell folgte man der Empfehlung des Verlegers Max Staercke und gründete eine Vereinigung von Freunden der Landesbibliothek. Unter dem Vorsitz des Rektors der Fürst-Leopold-Hochschule, Prof. Auer, gelang es der umtriebigen „Vereinigung“ in der Folgezeit, zahllose Bücherschenkungen einzuwerben und allein bis Weihnachten 30.000 Reichsmark aufzubringen. Verschiedene Turn- und Sportvereine Detmolds und der Nachbarstädte trugen in den nächsten Wochen und Monaten mit Benefizfussballspielen und Kunstturndarbietungen, deren Einnahmen dem Hilfsfonds zuflossen, dazu bei, dass die Chance zum Wiederaufbau der Bibliothek allmählich Gestalt annahm. Auf diese Weise kamen gemeinsam mit den vom Haupthilfsausschuss initiierten Sammelaktivitäten bis zum Frühjahr 1922 rund 212.000 Mark zusammen. Es spendeten nicht nur die lippische Bevölkerung und die einheimische Wirtschaft, sondern die von den Zeitungen veröffentlichten Listen führen Spender aus ganz Deutschland auf. Vereine und Verbände, Lehrerkollegien und Behörden, Nachbarschaftsinitiativen und selbst Schulklassen reihten sich in den großen Kreis der Spender ein. Leider brachte die große Inflation die „Vereinigung der Freunde“, die der Bibliothek auch in Zukunft unterstützend zur Seite stehen wollte, zum Erliegen.

In zahlreichen Sitzungen beschäftigte sich der Landtag mit der Zukunft der Landesbibliothek. Wiederherstellung des alten Gebäudes, Abriss und Neubau an gleicher Stelle, Anbau an das Landesarchiv im Regierungsviertel oder völliger Neubau auf einem anderen Gelände näher zur Innenstadt waren Alternativen, die ernsthaft in Erwägung gezogen wurden. Der Bibliotheksdirektor favorisierte einen Neubau an anderer Stelle, da er das alte Haus ohnehin für die Zwecke einer Bibliothek ungeeignet und obendrein die verkehrtechnische Anbindung fern vom Bahnhof für problematisch hielt. Unterstützt wurde Anemüller in dieser Einschätzung von seinem im Ruhestand in Hiddesen lebenden Amtskollegen Dr. Adolf Keysser, dem früheren Direktor der Stadtbibliothek Köln. Dieser erfahrene Praktiker hatte sich für einen modernen Zweckbau in zentraler Lage ausgesprochen und als Bauplatz die damals noch freie Fläche westlich des Theaters (heute Familienfürsorge und Deutsche Bank) vorgeschlagen. Letztendlich entschied man sich seitens des Landespräsidiums schon Ende Februar 1922 für den Wiederaufbau des Bibliotheksgebäudes an der Hornschen Straße. Dafür ausschlaggebend waren vor allem finanzielle Gründe, doch hatten auch bautechnische Untersuchungen die Solidität der tragenden Elemente des alten Hauses bestätigt, so dass von dieser Seite Einwände nicht ernsthaft erhoben werden konnten. Nach einem ersten Kostenvoranschlag, der sich auf knapp 3,3 Mill. Reichsmark belief, wurden die Arbeiten im März 1922 in Angriff genommen; etwa zeitgleich hatte die Bibliothek im Nebengebäude bereits wieder mit der Ausleihe einzelner Fachgebiete begonnen und schon im Mai 1922 konnte stundenweise ein behelfsmäßiger Lesesaal angeboten werden. Was den Aufbau des abgebrannten Gebäudes angeht, hielt man an der alten Raumaufteilung fest, verzichtete auf Galerien oder andere Lösungen, die den Rauminhalt des Hauses besser ausgenutzt hätten. Die Holzbalkendecken wurden nun durch Betondecken mit mächtigen Unterzügen ersetzt, das große Holztreppenhaus als Steintreppenhaus aufgeführt. Entgegen den Prognosen des Bibliotheksdirektors ließ sich der Einbau eines Büchermagazins doch bewerkstelligen. Dazu wurde das Gebäude auf der Ostseite über die gesamte Breite entkernt und ein Magazin in selbsttragender Eisenkonstruktion mit 7 Geschossen eingebaut. Schmale hohe Fenster an der östlichen Giebelseite leuchteten die Regalgassen aus. Dieses Magazin, das 200.000 Bände fasste, blieb bis zu Beginn der 1960er Jahre in Betrieb, um dann von einem eigenständigen Magazinneubau abgelöst zu werden. 1922/23 galt es jedenfalls als ausgesprochen modern und ermöglichte darüber hinaus eine zeitgemäße Betriebsorganisation. In Anwesenheit des Landespräsidiums, zahlreicher Landtagsabgeordneter und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurde die Landesbibliothek am 17. April 1923 mit einem Festakt feierlich wieder eröffnet.

Die Brandkatastrophe vom November 1921 hatte nicht nur in Lippe, sondern deutschlandweit Aufsehen erregt. Namentlich in Archiv- und Bibliothekskreisen wurden die daraus zu ziehenden Konsequenzen des aktiven und passiven Brandschutzes intensiv diskutiert. Bibliotheksdirektor Anemüller hatte in der führenden bibliothekarischen Fachzeitschrift über das Großfeuer berichtet. Herbe Kritik an der Detmolder Feuerwehr und am Löschwesen in Lippe überhaupt wurde unmittelbar nach dem Brand und in der Folgezeit geübt. Wenn auch Mut und Einsatzwillen der Wehrleute außer Zweifel stand, so wurden vor allem folgende Kritikpunkte laut: die späte und dann noch so umständliche Form der Alarmierung durch Hornisten (!), die Fehleinschätzung des Brandausmaßes durch den Wehrführer, die anfangs chaotischen und unkontrollierten Evakuierungsmaßnahmen, sich widersprechende Anordnungen und vor allem die mangelhafte Ausrüstung der Feuerwehr. Besonders der Einsatz der Bielefelder Wehr hatte die Überlegenheit der Berufsfeuerwehr mit modernem Gerät deutlich vor Augen geführt. Unter dem Eindruck der Katastrophe befasste sich das Landespräsidium gemeinsam mit dem Magistrat der Stadt Detmold und auch den anderen lippischen Städten mit der Neuorganisation des Feuerlöschwesens und der Modernisierung der Ausrüstung. Bereits 1922 wurde seitens der Regierung eine moderne Motorspritze gekauft und in Dienst gestellt; die Stadt Detmold stellte dafür die erforderliche Mannschaft und übernahm nach Einrichtung einer neuen Feuerwache im Jahre 1924 die neue Spritze als ihr Eigentum. Die Alarmierung erfolgte künftig mittels Telefon und Sirene. Dennoch: für eine Vielzahl der wertvollen Kulturgüter Lippes aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts – Handschriften, Druckwerke, Kupferstiche und anderes mehr – kamen diese Maßnahmen zu spät, sie waren unwiederbringlich verloren. Und es bedurfte augenscheinlich erst eines solchen Unglücks, um auch in Lippe den Blick für vorbeugende Maßnahmen zum Schutz des historischen Erbes und des aktuellen Bildungsgutes zu schärfen. Sarkastisch bemerkte der Kommentator der Lippisches Tageszeitung in der Ausgabe vom 23. November 1921 unter anderem: „... eine Landesbibliothek abgebrannt! Ist so etwas möglich im 20. Jahrhundert? Ja, in Lippe, in Detmold, im Land ohne Licht – da war es möglich! Eine traurige Sonderstellung!“