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Der Nachlass des Schriftstellers Hermann Griebel

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 97 (2004), H. 9/10), S. 210-211. Unter dem Titel „Ein Lebenswerk ist wieder zu entdecken. Der Nachlass des Schriftstellers Hermann Griebel“ in: Der Minden-Ravensberger : das Jahrbuch für Ostwestfalen 78 (2006), S. 12-18.

Porträtfoto von Hermann Griebel
Hermann Griebel, 1892-1932

Die Lippische Landesbibliothek hat den Nachlass Hermann Griebel übernommen. Der Schriftsteller, Theaterspielleiter und Maler Hermann Griebel (1892-1932) lebte in seinen letzten beiden Lebensjahren in Nettelstedt am Wiehengebirge. Er war dort als Dramaturg für die Nettelstedter Freilichtspiele engagiert, die 1931 seine Bearbeitung des „Reineke Fuchs“ aufführten und nach seinem Tod seine Dramen „Der Herrgott von Bentheim“ und „Beowulf“ zur Uraufführung brachten. Der Nachlass steht inhaltlich in engem Zusammenhang mit dem bereits im Jahr 2002 übernommenen Nachlass des Schriftstellers Martin Simon; für die Erforschung der Nettelstedter Freilichtbühne bietet die Landesbibliothek in Detmold somit jetzt vielfältiges Material.

Hermann Griebel wurde am 6. April 1892 als erstes von drei Kindern des Feldjägers Emil Griebel im thüringischen Saalfeld geboren. Nach dem Abitur im März 1911 trat Griebel als Einjährig-Freiwilliger in das 19. Infanterie-Regiment zu Erlangen ein; gleichzeitig nahm er an der Erlanger Universität das Studium der Fächer Germanistik und Geschichte auf. Nach dem vierten Semester wechselte er an die Universität Berlin. Zu Beginn der Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, schon am 30. Mai 1915 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Die folgenden sechs Jahre verbrachte Griebel als Kriegsgefangener in Sibirien, geriet dort immer wieder auch zwischen die Fronten des russischen Bürgerkriegs. Im März/April 1921 gelangte er mit einem Rot-Kreuz-Transport von Wladiwostok an der russischen Pazifikküste aus durch den Indischen Ozean, das Rote Meer und das Mittelmeer per Schiff nach Hause zurück.

Während der Seereise entstanden die „Geschichten vom Klabautermann“, versponnene Prosamärchen aus der fernöstlichen Welt, die Griebel in eine schwarze Kladde notierte. Dies waren aber keineswegs die ersten literarischen Versuche des Autors; schon in der Schul- und Studienzeit hatte Griebel Gedichte und dramatische Entwürfe verfasst, deren Manuskripte sich im Nachlass erhalten haben. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft immatrikulierte Griebel sich an der Universität München, aber als inzwischen Dreißigjähriger dachte er kaum noch an einen Studienabschluss, er hielt sich in den Inflations- und Notjahren der Weimarer Republik als Gärtner, Landwirtschaftshelfer und Hauslehrer über Wasser.

Im Jahr 1924, nach der Fertigstellung seines Dramas „Beowulf“  als „Gleichnisspiel von Volkes Not und Wende“, entschloss er sich zu einer Existenz als Schriftsteller. Als angehender Dramatiker suchte er zugleich, sich auf Dauer mit einer Theateranstellung Broterwerb zu verschaffen. Mit Aussicht auf eine Anstellung als Dramaturg am Meininger Landestheater absolvierte er dort in der Spielzeit 1925/26 ein Volontariat; eine Vergütung für seine Leistungen erhielt er aber nicht, und nach dem Volontariat war von einer Anstellung nicht mehr die Rede. Auch Bewerbungen an anderen Theatern blieben erfolglos. Im Sommer 1926 engagierte Griebel sich vornehmlich im Bereich der bildenden Kunst; es entstanden viele eigene künstlerische Arbeiten, und Griebel begründete im Juli den Meininger Kunstverein mit. Bilder Griebels waren in Meiniger Ausstellungen 1927 und 1931 zu sehen, auch die Bremer Kunsthalle zeigte 1931 Bilder Griebels.

Im September 1926 heiratete Griebel die Berlinerin Herta Mehner, die er im Sommer 1924 in Steingaden/Oberbayern kennen gelernt hatte. Das Paar wohnte zunächst in Weimar, wo Griebel als Hauslehrer und seine Frau als Näherin tätig war. Dazu kamen erste kleine Honorare für literarische Veröffentlichungen in den Zeitschriften „Thüringen“ und in der Hildburghauser „Dorfzeitung“.

Im Februar 1927 wurde Griebel als Leiter der Bentheimer Freilichtspiele engagiert. Er zog mit seiner Frau nach Bentheim um, im Mai wurde dort der älteste Sohn Hermann geboren. Im Sommer 1927 inszenierte Griebel in Bentheim Friedrich Lienhards Stück „Wieland der Schmied“, im Sommer 1928 Ernst von Wildenbruchs  „Rabensteinerin“ und im Sommer 1929 Friedrich Hebbels „Nibelungen“. Die Honorarzahlungen für die Bentheimer Regiearbeit allerdings reichten bei weitem zum Lebensunterhalt der bald auf vier Köpfe angewachsenen Familie nicht aus; das monatliche Honorar von 200 RM wurde nur in den Sommermonaten gezahlt, und die Einnahmen Griebels aus Regiearbeit, Veröffentlichungshonoraren und gelegentlichen Bilderverkäufen betrugen nie mehr als 30 % der Haushaltsausgaben. Die Familie blieb jahrelang auf Unterhaltszahlungen der Familie Mehner angewiesen. Hertha Griebels Haushaltsbücher, die sich im Nachlass erhalten haben, geben ein detailliertes Bild davon.

Griebels literarische Arbeit blieb davon unbeeinflusst. Er stellte für die Bentheimer Freilichtbühne das Heimatspiel „Der Herrgott von Bentheim“ fertig, schrieb ein Märchenspiel „Jorinde und Joringel“, das 1928 in Bentheim gedruckt wurde, verfasste das Drama „Tiele, der den Tod sieht“ und eine Bearbeitung des „Reineke Fuchs“ als Spiel um die Frage nach der „höheren Gerechtigkeit“. In den „Blättern für Laienspiel und Volkstum“ (später: „Das Volksspiel“) und anderwärts veröffentlichte er immer wieder kleinere Spielszenen und Aufsätze über das Laienspiel.

Ohne es ursprünglich beabsichtigt zu haben, wurde Griebel in diesen Jahren ein führender Vertreter der deutschen Laienspielbewegung. Schon in einem Aufsatz „Theater und Freilichtbühne“ 1927 unterwarf er die moderne Bühnendichtung dem Verdikt der Unwahrhaftigkeit und erklärte, die Naturbühne dagegen biete die „Möglichkeit, herauszukommen aus der Verengung unseres inneren Lebens und Erlebens durch die Vorherrschaft der Maschine, sie bietet die einzige Möglichkeit, aus dieser Erweiterung der seelischen Lebensmöglichkeiten und -notwendigkeiten das Spiel zu gestalten, das als Dichtung und Darbietung den bestimmenden Wert für die zukünftige Kunst- und Kulturschaffung unseres Volkes bildet.“ Hier könne eine Kultstätte wiedererstehen, an der die Seele des einzelnen „jene Quellen wiederfinden kann, die den Mut zur Bejahung des Lebens, nicht nur zu dessen sklavischer Erduldung gewähren, die Quellen geistiger Erhebung und Freuden aus denen allein unser Volk wieder Heilung schöpfen kann.“ Ganz offenbar wird hier auch Griebels Lebensgefühl, das in einer Zeit wirtschaftlicher Depression und materieller Not nach einer „Wiedergeburt deutschen Menschtums“ strebt.

Endlich schien 1929 die persönliche finanzielle Misere an ein Ende zu kommen. Griebel wurde als Bühnenbildner an eine holländische Berufsbühne in Arnheim verpflichtet, das Angebot war lukrativ und versprach regelmäßige Einnahmen auch in den Wintermonaten. In Arnheim ließ man ihn allerdings weder die vertraglich zugesicherte Arbeit machen noch zahlte man ihm das Gehalt. Die Bühne war in finanziellen Schwierigkeiten, Griebel erhielt nur Teilzahlungen und kehrte zur Familie nach Bentheim zurück. Den dortigen Posten aber hatte er mit dem Arnheimer Unternehmen verloren, er war wieder arbeitslos.

Mit der Freilichtbühne Nettelstedt schloss Griebel Bekanntschaft, als er im Sommer 1930 über die dortige Inszenierung schrieb. In der Ortschaft am Nordhang des Wiehengebirges hatte der Schulrektor Karl Meyer-Spelbrink 1923 ein Laientheater begründet. Die Einwohner des Ortes führten hier jährlich an den Sommerwochenenden mit großem Erfolg klassische und moderne Volksstücke auf. Die Einnahmen waren zunächst für den Aufbau, später für die Erhaltung eines Kinderheims bestimmt, das tuberkulosekranken Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Kur ermöglichte. Die Tuberkulose war im Kreis Nettelstedt ein dringendes Problem. Das Kinderheim wurde als eine private Stiftung geführt. Der Aufstieg der Freilichtbühne war bereits in den zwanziger Jahren kometenhaft, 1930 betitelte die Presse die Spielstätte auf dem Nettelstedter Hünenbrink als das „westfälische Oberammergau“.

Die Nettelstedter engagierten Griebel als Dramaturg, zwar ohne Gehalt, doch gegen mietfreies Wohnen. Hertha Griebel arbeitete zunächst gegen Gehalt in der Küche des Kinderheimes mit. Im Sommer 1931 spielte die Freilichtbühne Nettelstedt Griebels „Reineke Fuchs“ vor insgesamt 56.000 Zuschauern. Gleichzeitig wurde das Spiel an der Bentheimer Freilichtbühne inszeniert, für die es 1930 geschrieben worden war. Im Vorwort zur Druckausgabe des Dramentextes schrieb Griebel, „daß ein solches Spiel gerade in unserer Zeit am Platze ist. Gegen einen hemmungslos anwachsenden Pessimismus will es kämpfen, will Erschlaffung der Lebenslust und Lebenskraft wandeln helfen in Lebensmut. Und wenn ‚Reineke Fuchs’ nur das Zwerchfell jedes Zuschauers herzhaft erschüttern sollte, so ist schon damit, gerade heute, viel gewonnen. Denn ein herzhaftes Lachen hat nur ein Gesunder, wer lachen kann, ist gesund und bleibt es auch. Wer aber tiefer zu schauen vermag und die Sehnsucht danach in sich trägt, wird hinter dem fröhlichen Satyrspiel Möglichkeiten und Wege genug finden, sich am Spiel zu spiegeln, sich in sich zu versenken. Denn das Tierspiel ist ja nur ein Maskenspiel unserer selbst. Und vielleicht erwächst aus Einsicht und lachender Selbsterkenntnis jedes Einzelnen und vieler Gesamtheiten endlich einmal die ersehnte Besserung.“

Im darauffolgenden Sommer wurde in Nettelstedt Goethes „Götz von Berlichingen“ in Griebels Bearbeitung aufgeführt. Hermann Griebel starb am 14. Juli 1932 in einem Bielefelder Krankenhaus an einer zunächst unerkannten Hirnhautentzündung. Er hinterließ seine Witwe Herta mit drei Kindern. Sie hat über Jahrzehnte den literarischen Nachlass ihres Mannes bewahrt und an ihre Kinder weitergegeben, die sich nun entschlossen haben, ihn der Lippischen Landesbibliothek Detmold als Schenkung zu übereignen. Der Nachlass umfasst Manuskripte und Maschinenschriften zu 17 Erzählungen und zu 21 verschiedenen Theaterstücken, dazu Notizbücher mit Gedichthandschriften und Gedichtmanukripte wie -typoskripte auf losen Blättern. Ebenfalls erhalten sind Aufsatzmanuskripte, Zeichnungen, Korrespondenzen, Personenstandsdokumente, Ausbildungszeugnisse, Bühnen- und Verlagsverträge, Fotos, Plakate, Druckschriften und Zeitungsausschnitte. Die Bibliothek hat den Nachlass bereits für eine wissenschaftliche Bearbeitung erschlossen; er empfiehlt sich bestens für eine germanistische Magister- oder Examensarbeit.

Die Nettelstedter ehrten und förderten den verstorbenen Autor, indem sie mit großem Erfolg 1933 sein Drama „Der Herrgott von Bentheim“ von 1927 und 1935 sein Drama „Beowulf“ von 1924 uraufführten. Zum „Hermann-Griebel-Gedenkjahr“ 1952 wurden seine Stücke „Der Herrgott von Bentheim“ und „Reineke Fuchs“ wiederaufgeführt. Seither ist dem Werk Hermann Griebels eine Rezeption versagt geblieben. Seine Rolle in der Laienspielbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre und seine Theaterstücke für die Freilichtbühne wären einmal wissenschaftlichen Untersuchung wert, aber auch als Protagonist einer „verlorenen“ Generation des Ersten Weltkriegs und als Erzähler und Lyriker ist Hermann Griebel noch zu entdecken.

Zur Bibliographie Hermann Griebel, 2004 (von Julia Hiller von Gaertringen)
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