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Geistige Anregung für Soldaten. Aufsehen erregender Zeitungsfund in der Lippischen Landesbibliothek

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Lippische Landes-Zeitung Nr. 190 vom 17. August 2005, S. 28.

Die Lippische Landesbibliothek hat eine überraschende Entdeckung gemacht. Bei ihr lagert, jahrzehntelang unberührt, ein Stapel seltener deutscher Feldzeitungen aus dem Ersten Weltkrieg. Vorgefunden wurden die Zeitungen nach Nummern geordnet, in Umschlägen, die der damalige Bibliotheksdirektor Ernst Anemüller selbst beschriftet hat.

In den Jahren 1914 bis 1918 hatte die damals noch Fürstliche Landesbibliothek eine sogenannte „Kriegssammlung“ angelegt und neben Feldzeitungen auch Flugblätter, Plakate und andere Kriegsdrucksachen gesammelt. Sie legte Wert darauf, von möglichst vielen unterschiedlichen Feldzeitungen wenigstens einige Exemplare zu besitzen. Dann aber hat sie diese Drucksachen nicht eingearbeitet, und die Zeitungen gerieten in Vergessenheit.

Soldaten- oder Feldzeitungen, die an der Front mit mobilen Vervielfältigungsapparaten oder in den Druckereien besetzter Städte hergestellt wurden, hat es auch schon in früheren Kriegen gegeben. Im Ersten Weltkrieg aber spielten sie eine besondere Rolle, da der Angriffskrieg an allen Fronten sehr schnell in einen langwierigen und zermürbenden Stellungskrieg überging. Die Frontverläufe änderten sich kaum mehr, und die Soldaten waren abgesehen vom Artilleriebeschuss hauptsächlich mit Wachdienst und dem Ausbau der Schützengräben beschäftigt. Mit der Zeit wuchs das Bedürfnis nach Abwechslung und nach geistiger Anregung.

Die ersten deutschen Feldzeitungen erschienen schon bald nach Kriegsbeginn im Herbst 1914. An der Westfront saßen die deutschen Truppen schon nach der Marneschlacht im September in den Schützengräben fest. Das Wochenblatt Der Landsturm mit dem Untertitel Einziges deutsches Militair-Wochenblatt auf Frankreichs Flur, dessen ersten fünf Nummern die Landesbibliothek besitzt, wurde bereits ab 11. Oktober 1914 im französischen Vouziers gedruckt. Die 3. Kompanie des Königlich Sächsischen Landsturm-Infanterie-Bataillons Nr. 1 aus Leipzig –  ältere Leute, die im Etappendienst Verwendung fanden –  produzierte gleich eine Auflage von 30.000 Exemplaren. Sie wurde in der Druckerei der Zeitung L’Impartial de Vouziers gefertigt, die für die Dauer der deutschen Besetzung ihr Erscheinen „entgegenkommenderweise eingestellt“ hatte. Mit der 5. Nummer nahm das humorvolle Blatt, das sich inhaltlich vor allem den Belangen des eigenen Bataillons widmete, bereits von Vouziers Abschied.

Der schnelle Erfolg der ersten Feldzeitungen führte zu rasanten Auflagensteigerungen und ließ bald bei vielen Truppenteilen an der Westfront ähnliche Blätter entstehen. In kurzer Zeit wurde daraus eine Angelegenheit der Heeresleitung, die für den Frontdienst untaugliche Redakteure, Setzer und Drucker zur Feldpresse abkommandierte und für regelmäßige Papierlieferungen sorgte. Verlassene Druckereien, so wird berichtet, „fand man genug“. Mit deren Schriftmaterial konnte natürlich nur in der lateinischen Antiqua gedruckt werden. Umlaute und ß-Typen waren gar nicht vorhanden, oft auch Vokale ohne Akzentzeichen und w- oder k-Lettern nicht in ausreichender Menge. Wurde eine Feldzeitung in Fraktur gedruckt, so stammte das Satzmaterial aus dem Reich und war an die Front geschafft wurden. So verhielt es sich zum Beispiel bei Der Champagnekamerad, der Feldzeitung der 3. Armee, die seit Dezember 1915 erschien. Die Zeitung wurde anfangs mit französischen Antiqua-Typen, dann in einer Etappendruckerei in Charleville in Fraktur gedruckt. Die Landesbibliothek besitzt vier Ausgaben von Juli 1918 – da versuchte die 3. Armee gerade erfolglos, das nahe Reims in einer letzten Offensive zu erobern.

Auch an der Ostfront entstanden Feldzeitungen für deutsche Armeeangehörige. Hierher musste allerdings erst Schriftmaterial aus dem Reich transportiert werden, denn mit den kyrillischen Lettern besetzter Druckereibetriebe konnte man gar nichts anfangen. In Weißrussland, gleich hinter der Front, wurde ab Januar 1916 zweimal wöchentlich die Kriegszeitung von Baranowitschi gedruckt, die mit 230 Nummern in Detmold fast vollständig erhalten ist. Im weißrussischen Lida begann zu gleicher Zeit der Druck der Wacht im Osten. Auch von den Nebenkriegsschauplätzen in Serbien, Rumänien und Ungarn sind Beispiele erhalten, etwa die Ostgalizische Feldzeitung, die ab Januar 1917 in Lemberg erschien.

Inhaltlich hatten die Feldzeitungen ein unterschiedliches Profil. Manche waren vor allem Nachrichtenblätter, die ihre Leser über die neuesten politischen und militärischen Entwicklungen und über die aktuelle Kriegswirtschaft informierten. Da aber die Tageszeitungen aus dem Reich zumindest an der Westfront fast ohne zeitlichen Verzug verfügbar waren, waren sie in dieser Eigenschaft nicht unverzichtbar. Andere lieferten nicht nur Nachrichten, sondern ließen auch Platz für Erlebnisberichte von Kompanieangehörigen und für Geschichten aus der Heimat; sie druckten kleine Erzählungen und Gedichte von Soldaten, belehrten über die Geschichte der eroberten Städte, lieferten Anekdoten und die neuesten „Grabenwitze“, boten eine Schach- oder Rätselecke. Diese Unterhaltungsfunktion verlieh den Zeitungen ihren eigentlichen Wert für die Frontsoldaten. Einige Zeitungen beschränkten sich auch ganz auf sie und verzichteten auf jede Nachrichtenberichterstattung.

Außer den Zeitungen kleinerer Heeresverbände, die mit bescheidenen Mitteln unweit der Schützengräben für die eigene Truppe erstellt wurden, entstanden bald auch die Zeitungen der Armeen, die für viele Regimenter zugleich bestimmt waren. Sie wurden weitab der Front unter vorteilhafteren Bedingungen gedruckt. Wegen ihres größeren Publikums waren sie inhaltlich allgemeiner gehalten und hatten oft auch einen amtlicheren Charakter. In der Landesbibliothek sind mit den Zeitungen der 2., 3., 4., 5., 6. und 7. Armee, die während der ganzen Krieges an der Westfront eingesetzt waren, der 9. Armee in Rumänien, der 10. Armee in Polen, der 11. Armee in Serbien, der 12. Armee und der Bugarmee in Weißrussland Beispiele von allen erschienenen Armeezeitungen erhalten. Sie starteten als reine Nachrichtenorgane und entwickelten sich dann bedarfsgerecht auch zu Unterhaltungsblättern.

Der Vorzug der Feldpresse vor den Unterhaltungsblättern aus der Heimat war der, dass sie die Gemütslage ihrer Leser genau kannte und abbildete. Redakteure, Einlieferer und Leser waren Kriegskameraden, durch die gleichen Erfahrungen verbunden. Während die deutschen Sonntagsblätter ihren Lesern ein Kriegsidyll vorgaukelten und den Alltag an der Front zum Indianerspiel verzerrten, hatten die Feldzeitungen immer den Vorteil größerer Authentizität und Glaubwürdigkeit. Als Zeitungen von Soldaten für Soldaten boten sie Zerstreuung und ein wenig Belehrung, vertrieben die Langeweile und bemühten sich, die Soldaten ihre Erlebnisse und Stimmungen wiederfinden zu lassen.

Eine wichtige Rolle in den Feldzeitungen spielten die Bilder. Die meisten Illustrationen stammten von den Soldaten selbst. Sie zeigten Land- und Ortschaften aus den besetzten Gebieten, Episoden aus den Schützengräben oder Skizzen aus dem Niemandsland dazwischen, sehr oft aber karikierten sich die Soldaten selbst in ihren Freizeitbeschäftigungen, ihren Urlaubswünschen, ihrer Findigkeit bei der Lebensmittelbeschaffung oder den Eigenheiten der Soldatensprache. Zeitungen mit Schwerpunkt auf der Textberichterstattung gaben, nachdem sie sich etabliert hatten, Bildbeilagen auf Kunstdruckpapier heraus. Berühmt unter diesen wurde die Liller Kriegszeitung als Feldzeitung der 6. Armee. Für deren Bildbeilage arbeitete der Zeichner Karl Arnold vom Münchener Simplicissimus, einer der bedeutendsten Karikaturisten des 20. Jahrhunderts.

Einige Zeitungen räumten der künstlerischen Gestaltung Vorrang ein, lieferten hochwertige Reproduktionen von Kreide- oder Federzeichnungen oder beschäftigten professionelle Zeichner. Dazu gehörte etwa Die Sappe, die der Münchner Theatermaler Karl M. Lechner für das Bayerische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 19 ab Oktober 1915 an wechselnden Kriegschauplätzen herausgab. Der Name der Zeitung war ein militärischer Fachbegriff: eine Sappe ist ein Laufgraben oder Erdwall vor feindlichen Festungen, der die vom Gegner unbemerkte Truppenverteilung erleichtern und die angreifenden Soldaten vor feindlichem Beschuss schützen sollten. Im Steindruck, mit je einem zweifarbigen Bogen hergestellt, war das Blatt, das nur literarische und graphische Beiträge enthielt, künstlerisch ausgesprochen ambitioniert. Ebenfalls von Anfang im Zweifarbendruck lithographisch produziert wurde die kunstsinnige Vogesenwacht, die die Bayerische Sanitätskompanie Nr. 19 in Colmar drucken ließ. Ihr Zeichner Rudolf Eberle betätigte sich auch als Illustrator von Bildgeschichten und als politischer Karikaturist.

Nicht alle Feldzeitungen wurden gedruckt. Manche sind auch hand- oder maschinenschriftlich auf Matrizen geschrieben und mittels eines Hektographen vervielfältigt worden. Ein Beispiel dafür ist Die Scheuener Kriegs-Zeitung, ein humoristisches Blatt, das eine Landsturmabteilung auf dem Marineflugplatz Scheuen bei Celle herstellte. Die Landesbibliothek besitzt mit der Nummer 22/23 die sogenannte „Hamster-Nummer“ aus dem Kriegswinter 1917/18, die in Wort und Bild mit dem „Hamstern“ von Lebensmitteln und dem Erfinden ständig neuer „Ersatzstoffe“ die weit fortgeschrittene Mangelwirtschaft auf die Schippe nimmt.

Als Lazarettzeitung ist Der Eigenbrödler, die Kriegszeitung für das Kaiserliche Genesungsheim Gembloux im besetzten Belgien, eine Besonderheit unter den Detmolder Feldzeitungen. Dieses Blatt diente der Information und Unterhaltung deutscher Soldaten, die an der Westfront verwundet worden waren und sich zur Rehabilitation in Gembloux befanden. Es wurde von Ärzten herausgegeben. In den vier Nummern aus dem Jahr 1918 wird auch von den Konzerten, Theaterabenden und Vorträgen für die Kranken berichtet, und am 22. April 1918 wurde der 50.000. Patient des Genesungsheims gefeiert.

A propos Belgien: mehr als 700.000 Belgier flüchten während der deutschen Invasion 1914 in die neutralen Niederlande, Zehntausende kehrten während des gesamten Krieges nicht zurück. Im niederländischen Zeist gab es ein Internierungslager für belgische Zivilisten, denen die Wochenzeitung De Kampbode bzw. Le Courrier in niederländischer und französischer Sprache angeboten wurde. Die vier in der Landesbibliothek vorhandenen Nummern aus dem März 1918 können erst nach Kriegsende in die Landesbibliothek gekommen sein, denn es ist kaum denkbar, dass die Bibliothek sie sich auf direktem Wege beschafft hat. Und wie sollte die Bibliothek während der Kampfhandlungen an die Nummer 552 der ebenfalls zweisprachig erscheinenden belgischen Soldatenzeitung De Legerbode gekommen sein, die in Le Havre gedruckt wurde, jenseits der Front, im unbesetzten Frankreich?

In der „Kriegssammlung“ der Landesbibliothek haben sich auch Exemplare von zwei Zeitungen gefunden, die von deutschen Kriegsgefangenen in britischen Lagern herausgegeben wurden. Die Stobsiade war die Zeitung des deutschen Kriegsgefangenenlagers Stobs in Schottland und erschien seit September 1915. Sie konnte auch von Deutschland aus abonniert werden. Allerdings ist einer Notiz in der in Detmold vorliegenden Nummer zu entnehmen, dass der Versand ins Ausland direkt von der Druckerei in Hawick aus erfolgen musste und die Redaktion vom Lager aus nichts verschicken durfte. Exemplare, zu denen Gefangene Zugang gehabt hatten, hätten nämlich für Mitteilungen genutzt werden können, die auf diese Weise der Zensur entgingen. Quosque Tandem war eine Zeitschrift für das Kriegsgefangenenlager Knockaloe auf der Isle of Man, wo 28.000 deutsche Soldaten interniert waren, und erschien nur einmal im Oktober 1916. Beide Zeitungen berichteten über kulturelle und sportliche Veranstaltungen in den Lagern, gaben handwerkliche Tipps und druckten kleine Erzählungen und Gedichte.

Ein Beispiel für jene Zeitungen, die für ausländische Gefangene in deutschen Lagern erschienen, ist das französischsprachige Bulletin, das 1914/15 als Wochenzeitung in der Druckerei des General-Anzeigers Wesel gedruckt wurde, ein Nachrichtenblatt, das auch Vermisstenanzeigen enthielt. Nur zwei Nummern fehlen von der Wochenzeitung Le Z illustré (→hier online), die belgische und französische Zivilinternierte ab Januar 1916 in der Baracke 30 des Lagers Staumühle in der Senne herausgaben und die in Paderborn gedruckt wurde. Die Zeitung berichtete von Theateraufführungen, Konzerten und Sportereignissen, gab die Termine von Gottesdiensten und Lehrveranstaltungen bekannt. Die Herausgeber empfahlen ihre Zeitung als „Souvenir de captivité“ und veröffentlichten auf der letzten Seite gelegentlich scherzhafte Anzeigen wie die folgende Annonce für einen Kuraufenthalt in „Senne-les-Eaux. – Hôtels meublés. – Villas sans étages. –  Hydrothérapie, douches. – Interprètes. –  Cure merveilleuses pour les personnes obèses.”

Als Quelle für die Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs sind die in der Landesbibliothek wiederentdeckten Zeitungsnummern ein wichtiger und willkommener Fund. Die Detmolder Landesbibliothek hat, wie auch ein Blick in das Bibliotheksarchiv erweist, unter den Kriegssammlungen zum Ersten Weltkrieg eine führende Rolle gespielt. Sie wird dieses Stück der eigenen Geschichte nun aufarbeiten und die Zeitungen für die Forschung erschließen.