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Schiller in Detmold

Eine Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek zum 200. Todestag des Klassikers

von Julia Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe  98 (2005), H. 5/6, S. 87-89.

Schiller in Detmold? Nein, der am 9. Mai 1805 in Weimar gestorbene Dichter ist nie hier gewesen im Iippischen Kleinstaat des Fürsten Leopold I., in dem die Musen kein rechtes Zuhause hatten. Aber in der Lippischen Landesbibliothek ist eine überraschende Fülle von Materialien überliefert, die es wert ist, in einer Ausstellung zum 200. Todestag des Klassikers der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Die Bibliothek verfügt über einen reichen Besitz an Originalen, die es anderswo nicht gibt: Bücher; Musikalien, Handschriften, Rollenhefte, grafische Blätter und Plakate illustrieren Leben und Werk des Dichters und seine frühe Rezeptionsgeschichte. 143 Stücke sind insgesamt zu sehen.

Aus dem Besitz der Fürstin Pauline etwa stammen zahlreiche Erstausgaben von Schillers Dramen: Die Fürstin hat 1787 noch in Ballenstedt Schillers Don Carlos gelesen, aber auch seine Geschichte des dreyßigjährigen Kriegs, die 1791-1793 im Calender für Damen gedruckt wurde. In Detmold zählten zur Jahrhundertwende seine Dramen Wallenstein, Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans und Die Braut von Messina zu ihrer Lektüre.

Unautorisierte Nachdrucke von Schillers Theaterstücken, etwa seiner frühen Dramen Die Räuber und Die Verschwörung des Fiesko zu Genua, an denen die Verleger verdienten, ohne dass Schiller daraus Einnahmen erzielt hätte, finden sich ebenso im Bestand der Lippischen Landesbibliothek wie die historischen Schriften aus seiner Zeit als Jenaer Geschichtsprofessor in den Jahren 1789-1793. Die von Schiller herausgegebenen Zeitschriften, mit denen er lange Jahre seinen Lebensunterhalt zu bestreiten versuchte – die Thalia, die Horen und der Musenalmanach – sind im Original vorhanden. Auch diejenigen Zeitschriften, in denen seine Gedichte, Romane, Dramen, philosophischen und historischen Schriften zu ihrer Zeit besprochen wurden, stehen in den Bibliotheksregalen – denn ohne die Jenaer Allgemeine Literatur-Zeitung, das wichtigste Rezensionsorgan seiner Zeit, kam auch die Detmolder Regierungsbibliothek nicht aus. Grafische Blätter veranschaulichen in der Ausstellung Personen und Orte aus Schillers Wirkungskreis und Szenen aus seinen Werken. Für die Qualität der Bilder bürgen so namhafte Künstler wie Daniel Chodowiecki, Anton Graff, Johann Christian Reinhart, Wilhelm Kaulbach, Carl von Piloty, Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Pecht und andere.

Handschriftliches und gedrucktes Notenmaterial zu Gedichtvertonungen ist oft überhaupt nur bei uns in Detmold überliefert; von besonderem Interesse sind hier die Schiller-Vertohungen des ab 1826 am Detmolcler Hoftheater beschäftigten Komponisten Albert Lortzing. Schillers berühmte Ode An die Freude hat Lortzing 1840 für vierstimmigen gemischten Chor und Orchester vertont; die bis heute ungedruckte Komposition ist in Lortzings eigenhändiger, mit zahlreichen Korrekturen versehener Handschrift im Besitz der Landesbibliothek. Veranstaltungsbesprechungen zufolge wurde das Lied bei der Uraufführung in Leipzig vom ganzen Publikum mitgesungen. Ungleich berühmter ist Beethovens Vertonung der Ode als Schlusschor in der Neunten Sinfonie, hier konnen wir in der Ausstellung die seltene Erstausgabe der Partitur von 1826 zeigen, die aus dem Notenbestand der Fürstlichen Hofkapelle stammt.

Reichhaltig überliefert ist das Schiller-Repertoire des Detmolder Hoftheaters aus dem 19. Jahrhundert. Dazu gehören die Rollenhefte zu Schillers Dramen, die die Detmolder Schauspieler über Jahrzehnte hinweg immer wieder zum Einstudieren ihrer Schiller-Rollen benutzt haben. Oder das Notenmaterial zu den Schauspielmusiken, die bei Schiller-Aufführungen in Detmold zu Gehör gebracht wurden und einen Theaterbesuch attraktiver machen sollten: Die Ouverturen zu Don Carlos und Die Braut von Messina von Ferdinand Ries sind ebenso in Erstausgaben vorhanden wie die Ouverturen zu Die Jungfrau von Orleans von Robert Schumann und Ignaz Moscheles. Schillers Wilhhelm Tell wurde von Gioacchino Rossini als Oper vertont, auch hier verfügen wir über den seltenen Erstdruck und das gesamte Notenrnaterial der Detmolder Erstaufführung von 1837.

Besonderes Interesse verdienen auch die Theaterzettel der Schiller-Inszenierungen, die der lnspizient in der Residenz plakatierte und die bekannt gaben, wann und in welcher Besetzung ein Theaterstück Schillers in Detmold gespielt wurde. In großer Menge könnte die Lippische Landesbibliothek diejenigen Bücher zeigen, die Schiller selbst gelesen hat und die für seine zumeist auf historische Stoffe gegründeten Theaterstücke als Quelle gedient haben, aber hier beschränkt sich die Ausstellung auf eine kleine Auswahl. Gezeigt werden Werke zur Geschichte Großbritanniens und zur Geschichte der Schweiz, die Schiller fur Maria Stuart und Wilhelm Tell genutzt hat. Gezeigt werden aber auch die philosophischen Schriften Immanuel Kants, die für Schillers kunsttheoretische Schriften eine ungemein wichtige Rolle gespielt haben.

Natürlich kann Schiller in Detmold nicht ohne Christian Dietrich Grabbe auskommen. Auch das ist in der Ausstellung zu sehen. Grabbe hat 1819 als Schüler des Detmolder Gymnasiums aus Schillers Lied von der Glocke vortragen müssen. Er hat 1830 in seiner Wohnung am heutigen Marktplatz eine ätzende Kritik des von Goethe in sechs Bänden herausgegebenen Briefwechsels zwischen Schiller und Goethe niedergeschrieben. Und er hat 1835/36 als Theaterkritiker in Dusseldorf eine Aufführung von Wallensteins Tod ausgesprochen wohlwollend, eine Aufführung von Maria Stuart aber durchaus negativ besprochen. Offenkundig mochte er das Drama nicht: Es sei ein Werk, „welches Schiller in den matteren Momenten seiner sonst so hinreißenden Begeisterung geschrieben hat“, schreibt er und die Hauptdarstellerinnen „konnten nicht dazu, dass sie aus ihren Rollen, die mehr Rhetorik als von Dramatik enthalten, nicht mehr machten, als was dieselben sind.“ Die Kritik ist nur in einer Detmolder Handschrift erhalten.

Da heute eine allgemeine Kenntnis Schillers und seiner Werke nicht mehr vorausgesetzt werden kann, sind die Ausstellungsstücke in einen informativen Überblick dazu eingeordnet. Dabei ist es nicht das Ziel der Ausstellung, eine bestimmte Sicht auf den in den letzten 200 Jahren für ideelle Zwecke aller Art instrumentalisierten Dichter zu vermitteln oder ihn für unsere Zeit zu aktualisieren. Die Lippische Landesbibliothek möchte auf den so oft unverstandenen und missverstandenen und heute vielen nur noch als Sprüchelieferant bekannten Klassiker aufmerksam machen und das Publikum mit der reichhaltigen Überlieferung aus ihrem Besitz bekannt machen.

Die Ausstellung ist unter der Adresse www.llb-detmold.de mit sämtlichen Texten und einer Vielzahl Abbildungen als virtueller Ausstellungskatalog ins Internet gestellt.

Führungen durch die Ausstellung können über das Sekretariat der Bibliothek verabredet werden (0 52 31/ 9 26 60-0) und werden für eine angemessene Spende an die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbir bliothek gern durchgeführt.