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Schlangen, Monster, Fabelwesen – Jacob van Maerlant „Der naturen bloeme“ – unter besonderer Berücksichtigung der Detmolder Handschrift aus dem späten 13. Jahrhundert

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Tota Frisia in Teilansichten : Hajo van Lengen zum 65. Geburtstag / Hrsg. von Heinrich Schmidt u.a. - Aurich, 2005. - S. 223-234.

Der nachstehende Beitrag war ursprünglich als Vortrag konzipiert; die Vortragsform wurde beibehalten.

Zu den zahlreichen Gemeinsamkeiten der Ostfriesischen Landschaft und des Landesverbandes Lippe gehört, dass beide Verbände wissenschaftliche Bibliotheken unterhalten: die Landschaftsbibliothek in Aurich auf der einen, die Lippische Landesbibliothek in Detmold auf der anderen Seite. Gerade nach dem Verlust staatlicher Selbständigkeit sind es diese beiden regionalen Bibliotheken, die als „Schatzhäuser“ der geistigen Überlieferung die Identität des historischen Raumes in ganz besonderer Weise dokumentieren und diese nachhaltig bewahren; in der gemeinsamen Ausstellung „Frühe Buchkultur Nordwestdeutschlands und der Niederlande“, die im Jahre 1996 zuerst in Aurich und später in Detmold gezeigt wurde, haben beide Bibliotheken dies mit einer Auswahl aus dem reichen Fundus ihrer historischen Bestände deutlich gemacht. Besonders die in der Lippischen Landesbibliothek Detmold unter der Signatur Mscr. 70 aufbewahrte Redaktion von Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme“ aus dem späten 13. Jahrhundert löste allenthalben Faszination aus und es überrascht nicht, dass diese reich illuminierte Handschrift besonders die Besucher in Aurich, darunter viele Fachkollegen und Bibliophile aus den nahen Niederlanden, in ihren Bann gezogen und Anlass zu vielen Fragen gegeben hat. Diese Tatsache mag Grund genug sein, die Handschrift, ihren Verfasser und sein Gesamtwerk noch einmal in einem Sammelband für einen Freund vorzustellen, der sich über Jahrzehnte um die so fruchtbare partnerschaftliche Verbindung zwischen Ostfriesland und Lippe hohe Verdienste erworben hat.

Mscr 70, Bl. 13r: verschiedene Monsterrassen aus der Lombardei, Burgund, Frankreich und Sizilien

In den Eingangsreimen des „Prologs“ zu „Der naturen bloeme“ lesen wir:

Jacob van merlant die dit dichte
omme te sendene tere ghifte
wil dat men dit boec nome
in vlaems der naturen bloeme
want noch noint in dietscen boeken
ne gheen dichtre wilde soeken
hiet te dichtene van naturen
van so messeliken creaturen
alse in desen boeken staen
niemene nebbe dies waen
dat ic die materie vensede
els dan ic die rime pensede
want de materie vergaderde recht
van Colne meester Albrecht ...

Nicht immer haben wir in der mittelalterlichen Überlieferung das Glück, dass sich der Verfasser selbst beim Namen nennt, und noch seltener dürfte es vorkommen, dass er seinem Werk einen Titel mit auf den Weg gibt: Jacob van Maerlant „Der naturen bloeme“. Und dass der letztzitierte Vers, in dem von einem Meister Albrecht von Köln die Rede ist, hinter dem sich kein geringerer als Albertus Magnus verbirgt, auf einem Irrtum beruht, mindert in keiner Weise den hohen Aussagewert der Vorrede.

Um Jacob van Maerlant also geht es im Folgenden, den Autor, der heute mit Recht als der bedeutendste mittelalterliche Schriftsteller des niederländischen Kulturkreises gilt. Von der älteren literaturwissenschaftlichen Forschung wurde er bisweilen wenig ernst genommen und als Vielschreiber apostrophiert. Zu Unrecht, denn nicht nur die sehr ausgedehnte Forschung der Gegenwart hat seinen hohen eigenständigen Wert längst erkannt und entsprechend gewürdigt. Die moderne Wissenschaft befindet sich damit in guter Gesellschaft, denn schon von seinen Zeitgenossen wurde diesem Verfasser zahlreicher Reimepen, Geschichtswerke, Erbauungsschriften und Heiligenviten ein besonderer Rang zuerkannt. Vor allem die Tatsache, dass er alle seine Werke und Kompilationen gereimt (!) und in der Volkssprache und nicht, wie in der gelehrten Welt üblich, in Latein verfasst hat, brachte ihm bereits das emphatische Lob Jan van Boendales (1279-1350) ein. Dieser nur eine Generation jüngere gelehrte Schriftsteller nannte ihn in seinem Werk „Der leken spiegel“ den vader van alle dichters in de volkstaal, und diese volkstaal war zu jener Zeit dietsch, wie im Prolog genannt.

Während wir über Jacobs Gesamtoeuvre recht gut unterrichtet sind, bleiben seine Lebensumstände weitgehend im Dunkel. Unser Wissen schöpfen wir hauptsächlich aus den Werken des Verfassers selbst, zum Teil auch aus Äußerungen seiner Zeitgenossen und zuletzt auch aus volkstümlicher Tradition; letztere ist aber mit Vorsicht zu genießen, denn wie wir wissen, neigt diese schnell zur Legendenbildung und damit zur Verselbständigung, und es fällt gelegentlich schwer, die historisch gesicherten Zusammenhänge herauszufiltern; dies gilt in besonderem Maße auch für Jacob van Maerlant.

Geboren wurde er irgendwann zwischen 1220 und 1240, man neigt zu 1230/35, in der Gegend von Brügge, war also ein Flame und augenscheinlich nichtadliger Herkunft. Im Prolog seines Werkes „Sinte Franciscus leven“ entschuldigt sich Jacob bei seinem Gönner, dem  Franziskanermönch Alaert aus Utrecht, dafür, dass er vielleicht das eine oder andere Wort benutze, das in Utrecht nicht jedem geläufig sei. Er sei eben ein Flame und in Flandern rede man eben anders als im Norden. Im übrigen gebe er sich große Mühe und suche passende Reimwörter auch außerhalb seiner Muttersprache, etwa im Brabantischen, Seeländischen, Französischen, Lateinischen, Griechischen und Hebräischen. En passant hat er damit dem Leser mitgeteilt, welche Sprachen er beherrscht, das heißt, wie gebildet er ist. Das Jahrzehnt seiner Geburt lässt sich aus relativen Zeitangaben in einzelnen Werken ungefähr erschließen, z. B. „als ich vor 13 Jahren in Damme ... schrieb“ und ähnliches.

Seine Sprachgewandtheit und seine intimen Kenntnisse der klassischen und mittelalterlichen Autoren setzen voraus, dass er eine gediegene Schulausbildung in einer Stifts- oder Klosterschule durchlaufen hat. Dafür infrage kamen die Schulen des Sint-Donaas-Kapitels in Brügge, das war ein Kanonikerstift, oder die Schulen der benachbarten Zisterzienserklöster Ter Doest oder Ter Duinen. Diese drei galten seinerzeit durchaus als Zentren der Wissenschaft und Gelehrsamkeit, sie verfügten über dementsprechend gut ausgestattete Bibliotheken.

Die Priesterweihe hat er wohl nicht erlangt, allerdings könnte ihm ein niederer Weihegrad zuteil geworden sein, etwa lector, accolitus oder diaconus. Denn solcher Weihegrad war Voraussetzung, um sich 1260 für das Amt des Küsters (custos) und Lehrers (scholasticus) an der Sint-Pieters-Kirche im Ort namens Maerlant zu qualifizieren. Maerlant lag in der Nähe von Brielle (Den Briel) auf der Insel Voorne im Rhein-Maas-Delta, das Patronatsrecht über die Kirche St. Pieter nahmen die Herren von Voorne wahr; der Ort existiert heute nicht mehr. In seinem 1261 entstandenen Werk „Historie van dem Graal - Boek van Merlijn“  nennt sich der Dichter selbst Jacob de coster van Merlant. Das bedeutet zugleich, dass der später wüst gefallene zeitweilige Wirkungsort „Maerlant“ das Substrat für den Herkunftsnamen gebildet hat und das „van“ nicht als Adelsprädikat zu verstehen ist.

Mscr 70, Bl. 36r: Bulldogge (?), Mischwesen und löwenähnliches Tier mit Menschenkopf

Seit der Zeit auf der Insel Voorne tritt die Nähe zum holländischen Grafenhaus, namentlich zum Grafen Floris V. (1254-1296) und dessen Umfeld, deutlich zu Tage. Bei diesem Grafen handelte es sich bekanntlich um den ältesten Sohn Wilhelms von Holland, der von 1247 bis 1265 – und damit während des sog. Interregnums - die römisch-deutsche Königswürde bekleidet hat. Man sieht einmal mehr, dass mit nationalstaatlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts hier nicht weit zu kommen ist: im Mittelalter zählte das vom Grafen beherrschte Gebiet selbstverständlich zum Römisch-deutschen Reich und der Graf von Holland war ein Reichsfürst. Doch zurück zu Jacob van Maerlant. Etwa zehn Jahre später – also um 1270 – kehrte dieser in seine flämische Heimat zurück, um sich in Damme, dem Hafen Brügges, niederzulassen. Über die Gründe für diesen Ortswechsel wurde viel spekuliert: politischer Auftrag, Dienst als Stadtschreiber (scepenclerc) oder in der Hafenverwaltung, ein attraktives geistliches Amt; letzteres gilt bisher als am wahrscheinlichsten. Sein Todesdatum bleibt unbekannt. Das vermutlich letzte Lebenszeichen findet sich in dem kleinen Reimepos „Van den lande van overzee“, in dem er noch die Eroberung der Kreuzfahrerburg Akkon durch die Mohammedaner im Jahre 1291 erwähnt. Kurz danach dürfte er gestorben sein. Im Jahre 1996 feierte man in den Niederlanden und in Flandern seinen 700. Todestag durch Ausstellungen, Vorträge und Symposien, obgleich man sich selbstverständlich im Klaren darüber gewesen ist, dass es bisher keine gesicherte Erkenntnis darüber gibt. Spätmittelalterlicher Tradition zufolge, die auf einer erstmals im 15. Jahrhundert erwähnten, aber verlorenen Grabinschrift fußt, soll Jacob in Damme unter dem Turm der Großen Kirche (Onze Lieve Vrouwen Kerk) begraben worden sein. Die Flamen und besonders die Einwohner von Damme sind jedenfalls noch heute davon überzeugt und haben ihm schon vor vielen Jahren ein beeindruckendes Denkmal errichtet.

Wenden wir uns nun seinem Werk zu. Konzeption und erste Niederschrift von „Der naturen bloeme“ fallen bereits in die Zeit in Damme. Aufgrund eindeutiger Indizien ist davon auszugehen, dass dieses bekannte und weit verbreitete Werk um 1270 niedergelegt worden sein dürfte. Der Titel „Der naturen bloeme“ ist als Metapher zu verstehen und bedeutet soviel wie „das Beste aus der Natur“, mithin handelt es sich um ein Handbuch der Natur, um eine mittelalterliche Naturkunde oder besser um eine mittelalterliche Naturenzyklopädie.

Allerdings, so muss man gleich einräumen, gebührt nicht allein Jacob van Maerlant die Verfasserschaft, sondern üblichem Brauch der mittelalterlichen Gelehrsamkeit folgend, übersetzte, kommentierte und überarbeitete er den „Liber de natura rerum“ des Thomas von Cantimpré (1201-1270), eines Dominikaners aus Brabant und Schülers des Albertus Magnus in Köln. Dieser Thomas Cantimpratensis war durch das Auftauchen einer lateinischen Aristoteles-Handschrift, vor allem von „De animalibus“, angeregt worden, zwischen 1220 und 1240 eine Naturkunde zu verfassen. Eine Abschrift davon muss in einer der Jacob van Maerlant zugänglichen Stifts- oder Klosterbibliotheken in Brügge oder Umgebung vorhanden gewesen oder dorthin ausgeliehen worden sein, so dass er sie von Damme aus benutzen konnte. Im übrigen glaubte Jacob wahrscheinlich zeitlebens, Albertus Magnus selbst habe diese „natura rerum“ verfasst, denn Thomas von Cantimpré wurde nicht müde, seinen großen scholastischen Lehrer zu rühmen. Und man kann wahrscheinlich sogar davon ausgehen, dass Maerlants Vorlage von „de natura rerum“ tatsächlich Albertus Magnus als Urheber genannt hat, denn wie sollte er sonst im Prolog sagen können want de materie vergaderde recht / van Colne meester Albrecht. Etliche Redaktionen tragen in der Tat diese falsche Zuweisung, ohne dass man Maerlants Quellentext bisher hat identifizieren können.

Thomas von Cantimpré, Jacob van Maerlant und der spätere deutsche Bearbeiter des Textes, Konrad von Megenberg (1309-1374), stehen mit ihren Bearbeitungen in der langen Reihe der enzyklopädischen Texte, die das Wissen um die bestehende Welt von der Spätantike in das abendländische Mittelalter überlieferten, ergänzten und stets verfeinerten. Das Ganze beginnt herkömmlicherweise mit dem sogenannten „Physiologus“ eines anonymen Verfassers aus dem späten 2. Jahrhundert in Alexandria. Wichtig ist dazu Folgendes zu wissen: schon im „Physiologus“ war das Raster der Naturbeschreibung vorgegeben, und an dieses Raster haben sich alle späteren Bearbeiter über weite Strecken gehalten, auch Jacob von Maerlant: die Tiere, die Pflanzen und die Steine werden aufgrund der Vorstellung von einer den Kosmos beherrschenden Sympathie aller Dinge symbolisch gedeutet. Der Physiologus ist ein Zeugnis frühchristlich-mittelalterlicher Spiritualität, welche die geschaffene Natur als Kosmos von Zeichen verstand, durch die Gott zu den Menschen spricht. Die augustinische Vorstellung  vom „Buch der Natur“, in dem der Mensch die Offenbarung Gottes gleichsam „lesen“ kann, ist die dem Mittelalter selbstverständlich geläufige Anschauung.

Das muss man sich vor Augen halten, wenn Jacob van Maerlant dem Publikum an zahlreichen Stellen seines Werkes den Zweck seines Tuns mitteilt. Schon in der Vorrede informiert er den Leser über sein Vorhaben: „Wer sich über Fabeln aufregt, und wen nutzlose Lügen ärgern, der lese hier Nützliches und Wahres. Er möge erfahren, dass die Natur nie auch nur die kleinste Kleinigkeit umsonst erschuf; sogar die wertloseste Kreatur ist zu einem Zwecke gut, denn es ist kaum anzunehmen, dass Gott, der weise ist, irgendetwas ohne Sinn gemacht hätte“. Daraus wird deutlich, dass es ihm weniger um enzyklopädischen Wissen im modernen Sinne geht. Die Natur wird nicht empirisch beobachtet, sondern in Anlehnung an die eben genannten traditionellen Vorbilder beschrieben. Auf Lehren, die man aus der Natur ziehen kann, kommt es an. An vielen Stellen werden denn auch von ihm praktische Hinweise für ein gesundes leibliches und geistiges Leben eingeflochten.

In etwa 16.680 gereimten Versen, verteilt auf 13 Bücher, werden nacheinander die Menschenrassen, die Tiere – Vierfüßer, Vögel, Schlangen, Fische, Insekten –, die Pflanzen, die Quellen, die (Edel-)Steine und die Metalle abgehandelt. Unter den beschriebenen Spezies befinden sich Wesen aus Mythologie und Fabelwelt, zum Beispiel Zyklopen, Zentauren, Amazonen, Einhorn, Vogel Greif, Phönix und verschiedene Meeresungeheuer wie Sirene, Seehirsch, Seemönch und andere. Die jeweiligen Arten sind jeweils nach dem ersten Buchstaben ihres lateinischen Namens alphabetisch geordnet. Eine enorme Leistung und man stellt sich zwangsläufig die Frage, warum er sich dieser ebenso anspruchs- wie entsagungsvollen Arbeit unterzogen hat. Die Antwort darauf überrascht nicht, denn ungeachtet des vorauszusetzenden wissenschaftlichen Interesses und der gelehrten Neugier handelte es sich, wie auch bei anderen Werken Jacobs, bei „Der naturen bloeme“ um eine Auftragsarbeit, und Jacob war im modernen Sprachgebrauch ein Privatgelehrter, der Honorar dafür erhielt. Sein Auftraggeber war der Adlige Nicolaas van Cats, Herr von Nord-Beveland, auch im Rhein-Maas-Delta gelegen. Das war ein ausgemachter Haudegen und verlangte das Werk kaum für den eigenen Hausgebrauch, ob er überhaupt des Lesens kundig gewesen ist, steht dahin, aber er war Lehnsmann und Rat des Mächtigsten im Lande, und das war immer noch Graf Floris von Holland. Für ihn und seinen Hof dürfte das umfangreiche Werk letztendlich bestimmt gewesen sein. Aufgrund dieser Tatsache und Hinweise auch in der Auftraggeberschaft von anderen Werken Maerlants hat man bisweilen die These vertreten, Jacob sei möglicherweise einer der Erzieher dieses jungen Grafen von Holland gewesen. So reizvoll diese Vorstellung auch sein mag, über die bloße Vermutung kommt man auch hier nicht hinaus.

Bl. 83v: Narwal, Seemönch und Nereide

„Der naturen bloeme“ fand im Mittelalter eine vergleichsweise große Verbreitung: elf vollständige und acht fragmentarische Handschriften sind bisher bekannt und erhalten geblieben. Eine Reihe von ihnen ist reich illuminiert, indem jede beschriebene Art durch eine Miniatur veranschaulicht wird. Unter den auf diese Weise prächtig ausgestatteten Handschriften kommt einer ein besonderer Rang zu, nämlich der Handschrift aus der Lippischen Landesbibliothek in Detmold (Signatur: Mscr. 70): zum einen handelt es sich um die älteste erhaltene Redaktion dieses Werkes überhaupt, zum anderen erfolgte deren Niederschrift (oder Abschrift) um 1287 wahrscheinlich in Brügge und vielleicht im Auftrag der Stiftskapitels von Sint Omaars (d.i. St. Omer In Nordfrankreich) oder auch, wie jüngst geäußert wurde, eines Privatmannes im westflandrischen Raum, mithin wohl noch zu Lebzeiten des Verfassers und in dessen räumlicher Nähe; denn Jacob van Maerlant befand sich bekanntlich zu dieser Zeit in Damme, vielleicht sogar in Brügge. Der Gedanke, dass der Autor die Entstehung dieser Detmolder Handschrift vielleicht sogar begleitet und sie in den Händen gehalten hat, ist sicher faszinierend, aber leider rein spekulativ!

Neben der Detmolder Pergamenthandschrift reichen nur noch Fragmente eines verlorenen Codex von „Der naturen bloeme“ (heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München und in der Stadtbibliothek Trier) sowie eine Redaktion seiner „Rijmbijbel“ (heute in der Königlichen Bibliothek Brüssel) in das 13. Jahrhundert und damit in die Lebenszeit ihres Verfassers. Die Detmolder Handschrift ist heute vielleicht die älteste Maerlant-Handschrift überhaupt. Die recht genaue Datierung und die grobe Lokalisierung verdanken wir nicht nur paläographischem Befund, sondern einem ausgesprochen glücklichen Umstand: vorgeschaltet wurde dem Prolog ein Kalendarium und eine sogenannte Ostertafel (tabula paschalis), die die - kalendarische - Lage des Osterfestes für die Zeit von 1287 bis 1319 angibt. Während die im Kalender berücksichtigten Heiligen wohl den unzweifelhaften Blick auf den Brügger und den angrenzenden nordfranzösischen Raum lenken, gibt die Tafel den entscheidenden Hinweis auf die Datierung der vorliegenden Handschrift – nämlich auf das Jahr 1287. Folgt man der jüngsten Forschung für diese Gesamtproblematik, so lässt sich zusammenfassend der vorsichtige Schluss ziehen, dass die Detmolder Handschrift wohl im nordwestlichen Teil Flanderns wahrscheinlich nach einer seeländischen Vorlage abgeschrieben wurde.

Über das Gesagte hinaus besticht die Handschrift der Lippischen Landesbibliothek durch die Qualität ihrer Buchmalerei: in genau 500 Miniaturen werden die beschriebenen Spezies illustriert. Klarheit und Kraft der Farben beeindrucken nach mittlerweile über 700 Jahren ebenso wie der filigrane Federstrich, der den Gestalten mittels angedeuteter Gestik und Mimik gleichsam Leben und Aussagekraft vermittelt. Nicht wenige der Miniaturen sind mit Blattgold unterlegt. Gelegentlich lässt sich sogar noch der Entstehungsprozess der Buchmalerei verfolgen, denn zum Beispiel im Kapitel über die Steine finden sich an Blatträndern neben den Miniaturen knappe Farbanweisungen für den Illuminator, wie dieser die Steine auszumalen hatte: alse kerstal und sward. Diese und andere kurze Anweisungen unterstreichen den arbeitsteiligen Prozess bei der Entstehung einer illuminierten Handschrift, an dem Schreiber (scriba, scriptor), Illuminator, Miniator, Rubrikator und andere beteiligt gewesen sind. Vorbilder für die Illustrationen scheinen nach Arras und auch in die Diözese Terouanne, in der auch St. Omer liegt, zu weisen, was durchaus mit der diskutierten Lokalisierung korrespondieren würde. Auf jeden Fall stützt die Illumination die Datierung der Handschrift in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts. Weniger signifikant als die herausragenden Miniaturen ist die Schrift, eine gelegentlich unruhige gotische Minuskel, der in den einschlägigen Skriptorien noch intensiver nachgegangen werden sollte, da sie entscheidende Hinweise für die Überlieferungsgeschichte geben könnte. Das Pergament ist von eher mäßiger Qualität. Der Originaleinband oder überhaupt Spuren eines früheren Einbandes sind nicht erhalten, was zu bedauern ist, da mit seiner Hilfe mögliche Vorbesitzer hätten greifbar werden können. So trägt diese so schöne Handschrift heute einen schmucklosen hellen Pergamenteinband aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Überlieferungsgeschichte dieser Detmolder „Naturen bloeme“-Handschrift weist nach wie vor große Lücken auf. Es spricht sicher nichts gegen die oben geäußerte Annahme, dass sie möglicherweise für die Stiftsbibliothek in St. Omer angefertigt worden sein könnte. Dass es sich um eine Auftragsarbeit gehandelt hat, lässt sich im übrigen auch daran erkennen, dass sie exakt 500 Miniaturen aufweist, keine mehr und keine weniger. Der Auftraggeber hatte eben nur für diese Anzahl bezahlt, und so blieben die letzten Kapitel ohne Illumination. Wie lange die Handschrift in der Region um Brügge verblieben ist, bleibt bisher unbekannt. Wie ich kürzlich nachweisen konnte, befand sie sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Besitz des Zisterziensermönchs Hermann Zoest im Kloster Marienfeld in der Diözese Münster. Wo sie dieser mathematisch und astronomisch versierte Gelehrte, der auch Teilnehmer des Konzils in Basel gewesen ist und dort als Sachverständiger in Kalenderfragen vorgetragen hat, erwerben konnte, bleibt ungeklärt. Nach seinem Tod verblieb sie zunächst im Kloster Marienfeld. Dort erhielt sie um 1570 der wohlhabende Detmolder Patrizier und Vogt des Grafen zur Lippe Christoph Schmerheim, dessen Name und Devise CMT (Christus mein Trost) das – verlorene – Vorsatzblatt zierten. Von seinen Erben gelangte die Handschrift im späten 17. Jahrhundert in die Gräflich-öffentliche Bibliothek, die heutige Lippische Landesbibliothek in Detmold.

Das weitere Oeuvre Jacob van Maerlants kann abschließend in eher tabellarischer Form vorgestellt werden:

In Maerlant auf der Insel Voorne wurden geschrieben:

  • ca. 1259 „Alexanders geesten“ (Die Taten Alexanders des Großen) in 14.000 gereimten Versen. Hauptquelle war die lateinische „Alexandreis“ des Franzosen Gaulthier de Chatillon; Auftraggeberin dürfte Aleide van Avesnes, eine nahe Verwandte des jungen Grafen Floris V. von Holland, gewesen sein.
  • ca. 1261 „Historie van den Graal - Boek van Merlijn“ (Über die Herkunft des Gral, die Geschichte des jungen Königs Artus und seines Ratgebers Merlin) in 10.000 gereimten Versen. Vorlage waren die lateinischen Dichtungen des Franzosen Robert de Boron „Joseph d’Arimathie“ und „Merlin“; gewidmet war das Werk Albrecht van Voorne, Burggrafen von Seeland, einem Vormund des Grafen Floris V.
  • ca. 1262 „Roman van Torec“ (Artusroman über den jungen Held Torec) etwa 4.000 gereimte Verse, nicht im Originaltext Maerlants erhalten, sondern in einer „Lancelotcompilatie“ (Brabant, ca. 1320) aus der Königlichen Bibliothek in Den Haag.
  • 1262/1264 „Somniariis et Lapidariis“ (Buch über die magischen Kräfte der Steindeutung). Das Werk gilt bisher als verschollen. Möglicherweise ist das Buch über die Steine in den entsprechenden Teil von „Der naturen bloeme“ eingegangen.
  • ca. 1264 „Historie van Troje“ (Geschichte des Trojanischen Krieges und der Eroberung Italiens durch Aeneas) in 40.000 gereimten Versen. Als Vorlagen dienten der Roman „de Troye“ des Benoit de Ste. Maure (Mitte 12. Jh.) und eine Reihe klassischer Autoren. Wahrscheinlich war dieses Werk ebenfalls für den Grafen Floris V. kompiliert worden.
  • ca. 1266 „Heimelijkheid der heimelijkheden“ (Fürstenspiegel und Gesundheitslehre) in 2.000 gereimten Versen. Die Autorschaft Maerlants galt gelegentlich als nicht ganz sicher, da ihn nur zwei der vier überlieferten Redaktionen als Verfasser nennen. Man darf jedoch davon ausgehen, dass das Werk für den jungen Grafen Floris V. auf Veranlassung seiner Vormünder auf der Grundlage des älteren „Secretum secretorum“ niedergelegt wurde.

In Damme entstanden die folgenden Werke:

  • ca. 1270 „Der naturen bloeme,“ wie vorgestellt, ca.16.680 gereimte Verse.
  • 1271 „Rijmbijbel“ und „De wrake van Jerusalem“ (Biblische Geschichte und Zerstörung Jerusalems durch die Römer) in etwa 35.000 gereimten Versen. Übersetzung und Ergänzung von Peter Comestors „Historia scolastica“  (1169-1175) sowie von „De bello judaico“ und „Antiquitates judaicae“ des Flavius Josephus. Erstmalige Übersetzung der historischen Bücher des alten Testaments ins Niederländische.
  • ca.1275 „Sinte Franciscus leven“ (Leben des heiligen Franz von Assisi, + 1226). 10.000 gereimte Verse. Dabei handelt es sich um die Übertragung der „Legenda sancti Francisci“ des Bonaventura († 1276) ins Niederländische, die auf Veranlassung des Franziskanerpaters Alaert aus Utrecht erfolgte. – Eine gleichfalls von Jacob verfasste Heiligenvita der Clara von Assisi, der Schwester des heiligen Franz, ist heute verloren.
  • 1283-1288 „Spiegel historiael“ (Weltchronik von der Schöpfung bis 1250), ca. 91.000 gereimte Verse, weitere 66.000 Verse wurden später von Philip Utenbroeke und Lodewijc van Velthem ergänzt. Grundlage bildete das „Speculum historiale“ des Vincentius von Beauvais, gewidmet wurde das Werk später den Herren van Voorne.

Zu bisher unbekanntem Zeitpunkt schuf Jacob didaktisch-moralisierende strophische Gedichte, dazu gehören die „Martijns“ (Dialoge), „Die clausule van der bibele“, „Der kerken claghe“ und „Van den lande van overzee“, die insgesamt noch einmal rund 3.500 Verse umfassen. Das Gesamtwerk Jacob van Maerlants beläuft sich also auf zwischen 250.000 und 300.000 gereimte Verse, eine enorme Leistung, die selbst den an Superlative gewöhnten Menschen unserer Tage zu großem Respekt nötigt.

Quellen und Literatur (Auswahl)

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  4. Hellfaier, D., und M. Tielke (Hrsg.): Frühe Buchkultur Nordwestdeutschlands und der Niederlande in der Landschaftsbibliothek Aurich und der Lippischen Landesbibliothek Detmold, Aurich 1996.
  5. HELLFAIER, D.: Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme“ – die Detmolder Handschrift in einer Ausstellung in Den Haag, in: Heimatland Lippe 89, 1996, S. 330-336. →Hier online.
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