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Die „Astronomiae instauratae mechanica“ (1598) des Tycho Brahe mit handschriftlicher Widmung an den Grafen Simon VI. zur Lippe

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 97 (2004), 3, S. 48-51.

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Titelblatt mit Widmung
Signatur: Nl 70.4°

Die Lippische Landesbibliothek zeigt bis zum 15. April 2004 mit dem farbig illustrierten Astronomie-Buch des Astronomen Tycho Brahe (Signatur: Nl 70.4°, →Hier online) einen ihrer schönsten Schätze aus der Frühzeit des Buchdrucks.

Tycho (Tyge) Brahe war der letzte und nach Hipparch wohl größte der mit bloßem Auge, d. h. noch vor der Erfindung des Fernrohres, beobachtenden Astronomen. Der in Knustrup in der damals noch dänischen Provinz Schonen 1546 geborene Sohn eines Edelmannes widmete sich bereits in ungen Jahren der Mathematik, der Astronomie und Astrologie. Nachdem ihn im Jahre 1560 eine  Sonnenfinsternis und vor allem deren präzise Vorhersage in den Bann gezogen hatten, ließen ihn die Sterne und Planeten Zeit seines Lebens nicht mehr los. Bald erkannte er erhebliche Fehler in den sog. Alfonsinischen Tafeln und sogar noch in den bereits nach dem kopernikanischen System aufgestellten Prutenischen Tafeln, Verzeichnisse vorausberechneten Örter der Planeten, des Mondes und der Sonne. Die Erkenntnisse veranlasste ihn früh, astronomische Instrumente zu erwerben, diese zu verbessern und später solche selbst zu entwickeln. Auf diese Weise gelangte er zu bisher nicht erreichter Perfektion und Präzision bei der Aufstellung der erforderlichen Messreihen, die spätere Erkenntnisse Johannes Keplers entscheidend vorbereiten sollten.

Die Entdeckung eines neuen, etwa 18 Monate sichtbaren Sterns, einer Supernova im Sternbild der Cassiopeia im Jahre 1572, die er in seinem Werk „De nova et nullius aevi memoria prius visa stella“ (Hafniae, 1573) beschrieb, machte ihn als Astronomen weltberühmt. Auf Reisen durch Deutschland und die Nachbarländergelangte Brahe im Jahre 1575 für kurze Zeit auch an den Hof des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen in Kassel, der neben Tycho zu den Begründern der beobachtenden Astronomie zählt und der sich auf dem Altan seines Residenzschlosses in Kassel die von den Zeitgenossen und der Nachwelt bewunderte erste Sternwarte der europäischen Neuzeit eingerichtet hatte.

Quadrans muralis sive Tychonicus
Einzelseite, Nl 70.4°

Der Empfehlung Wilhelms IV., mit dem Brahe von 1585 bis 1592 einen – bereits 1596 publizierten – gelehrten Briefwechsel geführt hatte, ist zu verdanken, dass der dänische König Frederik II. dem Astronomen ermöglichte, sich auf der kleinen Insel Ven (Hveen) im Sund zwischen Kopenhagen und Helsingör niederzulassen. Dort entstanden alsbald unter der Federführung der niederländischen Baumeister und Bildhauer Hans van Steenwinkel und Johan Gregor van der Schardt die Schlösser und Observatorien Uraniborg und Stjerneborg in unglaublicher Pracht und beobachtungstechnischer Ausstattung. Die Insel Ven wurde zum geistigen Zentrum und zum Treffpunkt der Astronomen und der an astronomisch-astrologischen Fragestellungen interessierten gelehrten und gesellschaftlichen Elite jener Zeit.

Nach dem Tode seines Gönners Frederik II. im Jahre 1588 kam es alsbald zu erheblichen Spannungen mit der Regentschaft, zu denen der Meister wohl durch sein despotischen und anmaßendes Auftreten selbst beigetragen hatte. Da zudem Christian IV. von Dänemark die astronomischen Interessen und die Sympathie gegenüber Brahe nicht in dem Maße wie sein Vater teilte, so sich Brahe im Jahre 1597 veranlasst, Dänemark den Rücken zu kehren, wobei die Hoffnung auf Rückkehr in Gnaden wohl nie ganz erloschen ist. Der Astronom ließ sich auf Einladung Heinrich Rantzaus (1526-1598), dänischer Statthalter in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, später auch Dithmarschen, zunächst für zwei Jahre in dessen Herrenhaus Wandsbek bei Hamburg nieder, wo er seine Arbeiten ungestört fortsetzen und den Kontakt zu Gelehrten aufrechterhalten konnte. Zu denen, die ihn in Wandsbek aufgesucht haben, zählte u. a. der ostfriesische Pastor und Astronom David Fabricius (1564-1617), mit dem Brahe bis dahin nur korrespondiert hatte.

Eigene und wohl von Rantzau unterstützte Bemühungen, einen den wissenschaftlichen Interessen und dem adligen Lebensstil angemessene neue Anstellung zu finden, hatten im Jahre 1599 den gewünschten Erfolg, als Kaiser Rudolf II. Tycho Brahe als seinen Hofastronomen nach Prag berief und ihm im Schloss Benatek (Benatky), etwa 30 km nordwestlich von Prag an der Iser, ein neues Observatorium einrichten ließ. Mithilfe seiner alsbald herbeigeschafften Instrumente setzte der Däne hier seine Forschungen fort und konnte dazu seinen früheren Schüler Christian Sörensen Longomontanus (1562-1647) und vor allem Johannes Kepler als Assistenten gewinnen. Kepler verwarf zwar in der Folgezeit das „Tychonische Weltbild“ (alle Planeten außer der Erde kreisen um die Sonne, die sich wiederum um die Erde bewegt), doch verdankte er den Beobachtungen Brahes die präzisen Angaben zur Entdeckung seiner Gesetze der Planetenumlaufbahnen. Das Vorhaben, auch Fabricius aus Resterhafe in Ostfriesland dauerhaft nach Prag zu holen, sollte sich allerdings nicht erfüllen. Braje starb bereits am 24. Oktober 1601 in Prag.

Redaktion und Druck des hier vorgestellten Werkes „Astronomiae instauratae mechanica“ [=Kunstwerke der erneuerten Astronomie] aus der Bibliothek des Grafen Simon VI. zur Lippefallen in die Zeit von Brahes Exil in Wandsbek. Unter teilweiser Benutzung schon vorliegender Holzschnitte von Instrumenten sowie bereits zu anderen Zwecken verfasster Beschreibungen wurde dieses umfassende Werk, das einen Großteil seines Lebenswerkes plastisch dokumentiert, im Jahre 1598 in Wandsbek (Wandesbvrgi) von dem Hamburger Buchdrucker Philipp von Ohr gedruckt, auf der eigens von Brahe mitgeführten Druckerpresse unter Aufsicht des Verfassers. Einen als Studienausgabe gedachten Neudruck des Werkes veranstaltete nach Tychos Tod der Nürnberger Verleger, Schriftsteller und Händler von mathematisch-astronomischen Instrumenten Levin Hulsius im Jahre 1602, nachdem er von den Erben die Holzschnitte und Stiche der „Mechanica“ hatte erwerben können.

Sextans astronomicus
Einzelseite, Nl 70.4°

Das Werk umfasst im Wesentlichen Abbildungen und Beschreibungen der 17 wichtigsten in Uraniborg und Stjerneborg benutzten astronomischen Instrumente: Quadranten unterschiedlicher Größe und Ausstattung, Sextanten, ferner Azimutalquadrant uns Armillarsphäre, Zodiakal- und Äquatorialarmillen, Torquetum, großer Himmelsglobus sowie zusätzlich der große Quadrant in Augsburg. Von besonderer Darstellungskraft und Detailtreue ist der Holzschnitt mit dem großen Mauerquadranten (Qvadrans mvralis sive Tychonicvs) mit dem Konterfei des Meisters selbst, der gerade mit drei Gehilfen den Stand der Sonne bestimmt; im Hintergrund ist neben den auf von Balustraden umgebenden Plattformen bereitstehenden Instrumenten in den Kellergewölben auch ein alchimistisches Laboratorium zu sehen. Abschließend folgen Schilderungen, Ansichten und Pläne von Uraniborg und Stjerneborg sowie Berichte über Forschungsarbeiten und Arbeitsmethoden auf Ven und ähnliches mehr; das Werk schließt mit einer Erörterung der verbesserten Visier- und Transversalteilung der Instrumente. Mit der aufwendigen Publikation verfolgte Brahe den Zweck, auf sich und seine Forschungen aufmerksam zu machen, um damit zugleich zu dokumentieren, welche Kapazitäten zurzeit in diesen Instrumenten brach lagen. Es war damit zugleich eine Animation für mögliche Mäzene, die Wissenschaften im Allgemeinen und ihn im Besonderen zu fördern.

Sorgfältig und individuell koloriert waren namentlich die Widmungsexemplare, die der Astronom an exponierte Persönlichkeiten versandte, von denen er sich Unterstützung erhoffte; darüber hinaus waren diese Exemplare mit besonders prächtigen Einbänden aus Samt oder Seide versehen. Das dem Grafen Simon VI. zur Lippe dedizierte Exemplar ist in blaue Seide gebunden und trägt auf dem vorderen Buchdeckel ein Supralibros in Goldprägung  mit dem Brutbild des Meisters, auf dem hinteren Deckel befindet sich das Wappen Brahes. Auf dem Vorsatzblatt weist die eigenhändige Widmung des Verfassers den hohen Empfänger aus: Illustrissimo D(omi)no, D(omi)no Simoni, Comiti et Nobili Domino in Lippa, p. Sa(c)rae Caes(are)ae Ma(jesta)ti à consiliis Aulae Imperialis, ac inferioris Circuli Saxonici Praefecto bellico generali, p. Domino meo clementi. Submisso offero Tycho Brahe O(ttonis) F(ilius) [=dem hochberühmten Herrn, Herrn Simon, Grafen und edlem Herrn zur Lippe, kaiserlichem Hofrat und des Niedersächsischen (so!) (Reichs-)Kreises Oberst, meinem gnädigen Herrn, überreiche ich untertänig, Tycho Brahe, Ottos Sohn].

Über seinen Vormund, den Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen, an dessen Hof in Kassel er sich wiederholt aufgehalten hat, dürfte der Kontakt zwischen Simon VI. und Tycho Brahe hergestellt worden sein; auch hat Simon in dem Landgrafen überhaupt das Vorbild für die Beschäftigung mit der Astronomie, aber auch den übrigen geheimen und magischen Wissenschaften gesehen. Bekannt ist, dass er über astronomische Instrumente und Bücher verfügt und entsprechende Studien und Beobachtungen von seinem, wohl allein zu diesen Zwecken und in dieser Form errichteten Schlossturm zu Brake vorgenommen hat; der Altan mit der Sternwarte des Kasseler Schlosses liest sich architektonisch wie der nicht zu Ende geführte Braker Schlossturm, der gleichfalls über einen Altan verfügt, über dem sich vier weitere Stockwerke mit Bibliothek, Studierzimmer und Gemach des Grafen befanden, bevor man den Turmumgang mit Beobachtungsplattform erreichte. Mit Recht ist der Turm des Schlosses Brake kürzlich als „die wohl interessanteste Bauform des Hochschlosses überhaupt“ qualifiziert worden.

Tycho Brahe und Simon VI. zur Lippe sind sich nie begegnet. Noch bevor der Graf zur Lippe am 1. Dezember 1601 zu seiner ersten Reise nach Prag aufbrach, war der große Astronom, den nicht nur der Kaiser als „den Seher, den eingeweihten in die Mysterien des Alls, den Wahrsager aus bestem Wissen um die kosmischen Zusammenhänge“ verehrte, bereits seit über einem Monat nicht mehr unter den Lebenden und hatte in den Grabgewölben der Prager Teyn-Kirche seine Ruhestätte gefunden; dort hält noch heute sein prächtiges Epitaph die Erinnerung an den großen Astronomen wach. Neben der Prachtausgabe der „Astronomiae instauratae mechanica“ befinden sich in der ehemaligen Bibliothek Simons VI. noch vier weitere Werke Brahes, von denen drei handschriftliche Widmungen des Kaiserlichen Rates Franz Gansneb genannt Tengnagel, Brahes Schwiegersohn, an den Grafen tragen. Es handelt sich dabei um: (1) Epistolae astronomicae, 1596, (2) Stellrum octavi orbis inerrantium accurata restitutio, 1598, (3) Astronomiae instauratae mechanica, 2. Aufl., 1602, und (4) De mundi aetherei recentioribus phaenomensis, 1603. Alle diese Werke befinden sich noch heute in der Lippischen Landesbibliothek Detmold und zeugen vom gelehrten Wissen und kundigen Interesse zweier herausragender Persönlichkeiten der Renaissance.

 

Die Lippische Landesbibliothek bietet einen Postkartensatz mit fünf Motiven aus Brahes Astronomie-Buch zum Kauf an.