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Neu in der Landesbibliothek: Nachlass des Schriftstellers Martin Simon

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 97 (2004), H. 9/10, S. 255.

Die Lippische Landesbibliothek Detmold hat kürzlich den Nachlass des Schriftstellers Martin Simon übernommen. Martin Simon wurde am 5. September 1909 in Wuppertal-Barmen geboren. Er studierte ab 1928 Germanistik in Köln und Berlin. Nach dem Konkurs des väterlichen Geschäfts infolge der Weltwirtschaftskrise musste er 1930 das Universitätsstudium  abbrechen.

Er ließ sich dann an der Pädagogischen Akademie in Dortmund zum Volksschullehrer ausbilden. Als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses bezog er Stellung gegen nationalsozialistische Übergriffe. Deshalb wurde er nach der Lehramtsprüfung im Februar 1933 nicht in den Sohuldienst eingestellt. Erst vier Jahre später, nach dreimaliger Ablehnung und einem „Bewährungssemester“ an der Pädagogischen Hochschule Weilburg/Lahn erhielt er schließlich eine Anstellung an der Volksschule im westfälischen Nettelstedt.

Seitdem Simon im Rahmen seines Studiums 1931 ein Praktikum im Kinderheim Nettelstedt absolviert hatte, war er dem Kreis um den Nettelstedter Lehrer Karl Meyer-Spelbrink eng verbunden. Dieser hat in der Ortschaft am Nordhang des Wiehengebirges, zwischen Minden und Lübbecke gelegen, die Nettelstedter Freilichtbühne begründet. Seit 1923 führten die Einwohner des Ortes hier jährlich mit großem Erfolg klassische und moderne Theaterstücke auf. Simon lebte seit 1934 als freier Schriftsteller in Nettelstedt und war führend an den lnszenierungen der Freilichtbühne beteiligt. Er schrieb auch selbst Theaterstücke; 1939 spielten die Nettelstedter sein Volksspiel „Die
Westfälinger" über den bäuerlichen Widerstand im französischen Königreich Westfalen (1807 bis 1813).

Erste Gedichte und Erzählungen verfasste Simon bereits als Student zu Anfang der dreißiger Jahre. Seit 1935 veröffentlichte er Gedichte und Aufsätze in wichtigen Zeitschriften wie „Das Innere Reich“, „Die Hilfe“, „Heimat und Reich“ etc.; auch Gedichtbände und Theaterstücke wurden publiziert.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldete Simon sich freiwillig als Soldat; er nahm am Frankreichfeldzug teil und kämpfte seit 1941 an der Ostfront. Simon fiel am 31. August 1942 im Alter von 32 Jahren bei Rschew. Er hinterließ seine Witwe Emmy und drei Töchter.

Emmy Simon hat den schriftlichen Nachlass ihres Mannes über Jahrzehnte treu gehütet. Sie hat sich 60 Jahre nach seinem Tod entschlossen, den Nachlass mit
zahlreichen, auch unveröffentlichten Gedichten, Erzählungen und Theaterstücken der Lippischen Landesbibliothek als Schenkung zu übereignen.
Die Werkmanuskripte sind vollständig erhalten, angefangen von einer Briefmappe mit früher Lyrik bis hin zu Kriegsgedichten und -erzählungen voll düsterer Vorahnung, die in Simons allerletztem Fronturlaub im Juli 1942 entstanden. Manch Schwankhaftes ist dabei, auch Mundartliches, Balladen,
Märchen und Anekdoten. Es gibt wunderbare Naturgedichte von
Simon, aber auch einen Gedichtzyklus „Totenzwiesprache“ zum
Trauma des Ersten Weltkriegs. In seiner literarischen Haltung zwischen Zeitferne und Weltnähe steht Simon als Lyriker in einer Reihe mit Altersgenossen wie Peter Huchel oder Gunter Eich.

Etliche Briefe geben einen genauen Einblick in biografische Einzelheiten und Befindlichkeiten Simons. Amtliche Schriftwechsel klären seine politische Biografie. Verlagsbriefe informieren über die Umstände von Veröffentlichungen. Auch die Veröffentlichungen selbst, Bücher, Zeitschriftenhefte und Zeitungsausschnitte, hat Emmy Simon der Landesbibliothek übergeben. Die Bibliothek hat den Nachlass bereits für eine wissenschaftliche Bearbeitung erschlossen; er empfiehlt sich bestens für eine germanistische Magister- oder Examensarbeit.

Durch seinen frühen Tod ist dem Schriftsteller Martin Simon eine breitere Wirkung versagt geblieben. Nun ist es Zeit für eine Wiederentdeckung.