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Freiligrath und seine Briefe

Das Repertorium Ferdinand Freiligrath. Briefe. Kritisches und kommentiertes Gesamtverzeichnis als Online-Präsentation

von Volker Giel (Leipzig)

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 22.2003 (2003), S. 163-167.

Seit 2001 steht der interessierten Öffentlichkeit mit dem Repertorium Ferdinand Freiligrath. Briefe. Kritisches und kommentiertes Gesamtverzeichnis ein Instrumentarium zur Verfügung, das auf einer neuen, grundlegenden quellenkundlichen Basis einen einzigartigen, bisher so nicht möglichen Zugang zum Werk und der Persönlichkeit des Dichters Ferdinand Freiligrath eröffnet und damit zweifellos einen Meilenstein in der jüngeren Freiligrath-Forschung markiert. In zweieinhalbjähriger Arbeit hat der Verfasser mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in dem Repertorium sämtliche derzeit bekannten überlieferten Briefe Freiligraths, veröffentlichte wie unveröffentlichte, sowie darüber hinaus alle eindeutig erschließbaren Nachweise von Freiligrath-Briefen zusammengetragen und verzeichnet. Damit konnte erstmals eine Rekonstruktion des Gesamtbriefwerks Freiligraths erreicht werden. Die Ergebnisse sind in einer Briefdatenbank zusammengefasst, die online unter www.ferdinandfreiligrath.de ortsunabhängig und kostenfrei abrufbar ist.

Die Repertoriumsdatenbank enthält ca. 5.350 Einzeldatensätze zu Briefen oder briefähnlichen Dokumenten (Karten, Telegramme, Entwürfe u.ä.). Von fast 3.700 Zeugnissen konnte dabei ein direkter Nachweis anhand von Originalhandschriften, Drucken, Typoskripten oder Kopien geführt werden. Rund 2.300 davon sind unveröffentlicht. Von kaum mehr als einem Drittel der Dokumente (1.360) liegen überhaupt erst Veröffentlichungen vor, die zu einem Großteil aber nur in gekürzter oder editorisch unzureichender Form und weit verstreut in etwa 180 verschiedenen Publikationen, Briefauswahlen, Einzelveröffentlichungen, Werkausgaben, Zeitungen, Zeitschriften, Dissertationen, Memoiren, Katalogen u.a. aufbereitet worden sind. Aus dem Gesamtmaterial konnte darüber hinaus auf 1.660 Korrespondenzen ohne heutigen materiellen Überlieferungsnachweis geschlossen werden, die aber das Gesamtbild der Überlieferung in nicht unerheblichem Maße erweitern und arrondieren. Die Originale sind auf rund 70 Einzelstandorte in Bibliotheken, Archiven und Privatnachlässen des In- und Auslandes verteilt, von Russland, Estland, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, England und den USA bis zu den unterschiedlichsten Sammelpunkten im gesamten Bundesgebiet von Hamburg, Lübeck und Hannover bis München, Marbach und Stuttgart sowie von Berlin, Leipzig und Weimar bis Dortmund, Köln und Düsseldorf. Die größten Bestände befinden sich im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar mit über 800, in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund mit über 700, der lippischen Landesbibliothek Detmold mit über 300, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach mit knapp 300 sowie dem Internationaal Instituut vor Sociale Geschiedenis Amsterdam mit knapp 200 Einzelstücken. Wichtige Teilnachlässe mit einem Kontingent von mehreren Dutzend Briefautographen werden im Russischen Zentrum zur Aufbewahrung und zum Studium von Dokumenten der neusten Geschichte in Moskau, der Bayerischen Staatsbibliothek München, der Landesbibliothek Koblenz, dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, der Universitätsbibliothek Münster, dem Stadtarchiv Soest, dem Historischen Archiv der Stadt Köln und der Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt verwahrt. Aber auch in Privatnachlässen, wie z.B. denen von Gerhard Gelderblom in Unkel oder Klaus Goebel in Wuppertal, konnten diesbezüglich wertvolle Funde gemacht werden. Von den ausländischen Standorten besitzen noch die Bestände bei der Historical Society in Philadelphia, den Bibliotheken der University of Michigan in Ann Arbor, der Harvard University in Cambridge (Mass.), der Universität in Basel sowie der Zentralbibliothek Zürich und der Nationalbibliothek Wien größere Bedeutung.

Insgesamt stand Freiligrath mit nicht weniger als 800 Personen oder Institutionen in brieflichem Kontakt, mit rund 200 der Adressaten sogar in einer dauerhaften Weise. Der Brief war für Freiligrath der zentrale Ort von Selbstverständigung und Zeitauseinandersetzung. Freiligrath beherrschte alle Stilarten, vom humorig launigen Freundschaftsbeweis oder innigen Liebesschwärmen bis hin zum bekenntnishaften Offenbarungszeugnis und zum emotionsgeladenen Disputationsforum. Er zeigte sich darin als ein ebenso mitfühlender wie hilfsbereiter Charakter, aber auch als selbstbewusster, geschickt taktierender Verhandlungspartner und vorzüglicher Organisator und Manager. Literarische Fragen besprach er unter anderem mit solch bedeutenden Zeitgrößen wie Ludwig Uhland, Adelbert von Chamisso, Gustav Schwab, Karl Immermann, Hans Christian Andersen, Emanuel Geibel, Berthold Auerbach, Franz Dingelstedt, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Adolph Glaßbrenner, Moritz Hartmann, Gottfried Keller, Friedrich Hebbel und Henry Wadsworth Longfellow, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Von nicht minder großer Bedeutung sind seine umfänglichen Verlegerbeziehungen und Herausgeberkontakte, vor allem zu Johann Georg und Karl von Cotta sowie Joseph DuMont, aber auch zu Johann David Sauerländer, Wilhelm Langewiesche, Julius Campe, Heinrich Brockhaus, Nicolaus Trübner, Adolph Krabbe, Wilhelm Kaulen, Eduard Hallberger, Bernhard von Tauchnitz, Ferdinand Weibert, Wolfgang Menzel, Eduard Duller, Gustav Pfizer, Moritz Carriere, Paul Lindau, Franz Lipperheide oder Julius Rodenberg. In politischer Hinsicht herausragend sind wohl seine Briefwechsel mit Karl Marx und Friedrich Engels. Aber auch andere Weggefährten aus Freiligraths Sturm- und Drang-Zeit in der politischen Bewegung, wie Karl Heinzen, Arnold Ruge, Ferdinand Lassalle, Heinrich Zulauff, Jacob Schabelitz, Karl Schapper, Wilhelm Wolff oder György Klapka haben hier ihre Spuren hinterlassen. Bisher nur wenig beachtete Briefwechsel Freiligraths mit Freunden und Bekannten aus Jugend- und frühen Manneszeiten, die in vielen Fällen ein Leben lang aufrecht erhalten wurden und sowohl von den vielfältigen Themenfeldern her als auch wegen der darin verborgenen interessanten Detailfragen mannigfache Anknüpfungspunkte und weiterführende Implikationen bieten, bilden trotz all des bisher Genannten wohl unzweifelhaft den substanziellen Grundstock des Gesamtkomplexes der Freiligrathschen Korrespondenz. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang an erster Stelle sowohl die Kontakte zu den Dichterkollegen und Literaten Levin Schücking, Adelheid von Stolterfoth, Gottfried Kinkel, Karl Simrock, Christian Matzerath, August Schnezler, Wolfgang Müller von Königswinter, Wilhelm Ganzhorn, Karl Elze oder Oscar Ludwig Bernhard Wolff sowie die intensiven Freundschaftsbünde zu Ludwig Merckel, August Boelling, Theodor Eichmann, Wilhelm Buchner, Karl Heuberger, Ludwig Elbers, Wilhelm Rauschenbusch oder Karl Weerth. Abgerundet wird dieses Feld durch die Familienkorrespondenz Freiligraths, die zwar nur in Rudimenten, d.h. in größeren Beständen und Zusammenhängen lediglich mit seiner Stiefmutter Wilhelmine Freiligrath und den Schwestern Karoline und Gisbertine sowie seinen beiden Töchtern Katharine und Louise Freiligrath überliefert ist, aber einen besonders guten Einblick in die Privatsphäre und die seelische Befindlichkeit der Persönlichkeit Freiligraths erlaubt. Freiligrath war ein exzellenter Briefschreiber mit einer immer wieder bestechenden Offenheit und Klarheit in Sprache und Argumentation, von dem man behaupten kann, dass er die alte Tradition des Briefes als quasi literarischen Genres auf eindrucksvolle Weise fortgeführt hat.

Die Repertorisierung, das heißt die Aufnahme und Beschreibung der Dokumente erfolgte nach archivalisch-bibliographischen Grundsätzen, berücksichtigte aber auch schon die Möglichkeiten einer zukünftigen editorischen Verwertung und bezog darüber hinaus einen inhaltlichen Aufschluss des Materials in die Arbeit ein. Dadurch konnte ein gültig bleibender Standard in Bezug auf das Briefwerk Freiligraths erarbeitet werden, der sowohl eine eindeutige Identifizierung der Textzeugen hinsichtlich aller editionsrelevanten Parameter als auch einen Abgleich der Varianten (Handschriften/ Drucke) sowie überlieferungsgeschichtliche Informationen und eine inhaltlich thematische Präsentation als breit gefächerte spezifische Anwendungs- und Nutzermöglichkeit bietet. Insbesondere der inhaltliche Aufschluss der Dokumente barg eine solche Dichte und Komplexität von wichtigen literarischen, persönlichen und historischen Informationen, dass sich eine Weitung zu Regestdarstellungen als unumgänglich erwies. Im Ergebnis hat das aber zu dem positiven Wertüberschusseffekt geführt, dass über die Datensammlung des Verzeichnisses hinaus gleichzeitig eine Art Regestausgabe der Briefe Freiligraths entstanden ist.

Die Datenbank bündelt in verschiedenen Rubriken Daten zur Dokumentbeschreibung und Überlieferung, die durch einen umfassenden Kommentarteil ergänzt werden. Zur Dokumentverzeichnung gehören im Einzelnen Angaben zum Dokumententyp (Brief, Karte u.a.), zum Adressaten, dem Schreibdatum/-ort und dem Empfangsdatum/-ort sowie weiterer postalischer Vermerke (Poststempel etc.), ergänzt durch Incipitaufnahme, Umfangs-, Papier- und Erhaltungsbeschreibung der Handschriften. Die Überlieferung nennt die Aufbewahrungsstandorte mit Signatur und verzeichnet die Drucke. Im Kommentarteil wird ein Abgleich der Überlieferungszeugen vorgenommen (Vollständigkeit), werden Beilagen aufgeführt und schließlich die Regesten bereitgestellt oder der Erschließungsnachweis geführt.

Die Form der Online-Präsentation verbindet dabei einen möglichst breiten Ansatz für spezifische Auswertungsanforderungen der Benutzer mit der Möglichkeit zur ständigen Ergänzung und Vervollständigung des Materials und bringt alle Voraussetzungen für den schnellen modernen Datenaustausch und die Vernetzungen mit anderen Datenbanken mit. Dem Nutzer stehen Suchfunktionen nach Adressaten und/ oder Datumsangaben sowie über Volltextsuche auch ein gezielter selektiver Zugriff auf diverse Einzelinformationen zu Gebote.

Von der hier in seiner Dichte und Fülle bisher einmaligen Informationskonzentration sollten wesentliche Hinweise und Schlüsselerkenntnisse gewonnen werden können, die vielfältige Ansätze für neu zu beschreitende Pfade zum Dichter und seinem Werk zu geben in der Lage sind. Die Dokumente dieses in vielerlei Hinsicht einzigartigen Briefwechsels erweisen sich als Zeugnisse von so vielschichtiger Qualität, dass ihr Wert in all seiner Dimensionalität und Potenzialität noch kaum wirklich messbar erscheint. Es lassen sich an diesem Briefwechsel nicht nur die Lebenslinien des Dichters, die äußeren Stadien, Ereignisse und Erlebnisse wie auch die inneren geistigen und psychologischen Befindlichkeiten und Entwicklungen nachzeichnen, sondern es werden auch die Verästelungen mit dem Zeitgeist und die Spiegelungen der turbulenten gesellschaftlichen und politischen Sprünge und Veränderungen sichtbar, die mehr als nur Schlaglichter auf den sich rasant entwickelnden Literaturbetrieb zwischen Markt, Politik und Poetik werfen und Literatur quasi von der Innenseite ihrer historischen Produktionsverhältnisse her evident machen. Der Zugang zu einem literarhistorischen, einem historischen Grundzusammenhang wurde eröffnet, der Rückschlüsse unter anderem auch auf solch wichtige Eckpunkte wie die Literaturverhältnisse des In- und Auslandes, die Exilsituation in Belgien, der Schweiz und England, die politischen Entwicklungen im Umfeld der 48er Revolution und die Geschichte der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert zulässt. Von dem Repertorium gehen somit hoffentlich nicht nur wichtige editorische Impulse für das Oeuvre Freiligraths aus, sondern auch möglichst viele Anregungen für eine weiterführende literarhistorische Forschung im Umfeldkomplex des Vor- und Nachmärz.