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Zwischen Zeitferne und Weltnähe: der Nachlass des Schriftstellers Martin Simon

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Mindener Heimatblätter. - Minden. - 75 (2003) Nr.4. - (= Beilage zum Mindener Tageblatt Nr.136 vom 14.6.2003, S.26-27). - Auch in: Der Minden-Ravensberger : das Jahrbuch für Ostwestfalen. - 76 (2004). - S. 55-62. - Und in: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins. - 75 (2003), S. 53-64.

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Porträtfoto von vorn, leicht geneigter Kopf, schätzungsweise 20 Jahre alt
Martin Simon (1909-1942)

Die Lippische Landesbibliothek Detmold hat kürzlich den Nachlass des Schriftstellers Martin Simon übernommen. Martin Simon wurde am 5. September 1909 als Sohn eines Kaufmanns in Wuppertal-Barmen geboren. Er studierte ab 1928 Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft in Köln und Berlin. Einer seiner ihn nachhaltig prägenden akademischen Lehrer war der an der Universität Köln wirkende Literaturhistoriker Ernst Bertram (1884-1957), der auch als Lyriker hervortrat und zum Stefan George-Kreis gehörte; der freundschaftliche Briefkontakt mit Bertram bestand bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs.

Nach dem Konkurs des väterlichen Geschäfts infolge der Weltwirtschaftskrise musste Simon Anfang 1931 das Universitätsstudium abbrechen. Er ließ sich dann an der Pädagogischen Akademie in Dortmund zum Volksschullehrer ausbilden.

Abbildung des Briefes, in dem die Vorenthaltung befohlen wird
Vorenthaltung des Zeugnisses über die abgelegte erste Lehrerprüfung
Nachlass: Slg 43

Als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses bezog er Stellung gegen nationalsozialistische Übergriffe. Deshalb wurde ihm nach der Lehramtsprüfung im Februar 1933 die Aushändigung des Prüfungszeugnisses verweigert. Auf Weisung des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung wurde er zwecks „Nachweis der Bewährung“ zum freiwilligen Arbeitsdienst ins westfälische Oppenwehe geschickt. Dort weigerte er sich, einen Vortrag über „Volk und Rasse“ unter besonderer Berücksichtigung der „Judenfrage“ zu halten und schied aus dem Arbeitslager schon nach wenigen Tagen wieder aus. Anschließend leistete er den Arbeitsdienst auf dem Sigmarshof in Bethel, einer Einrichtung der Bodelschwinghschen Anstalten, ab. Doch auch nach Ablauf des Arbeitsdienstes wurde ihm das Prüfungszeugnis vorenthalten: „Das Zeugnis über die abgelegte erste Lehrerprüfung ist dem Martin Simon nicht auszuhändigen, weil keine Gewähr dafür gegeben ist, dass er sich als Jugenderzieher in nationalsozialistischem Sinne betätigen wird.“ Erst 1937, nach dreimaliger Ablehnung und einem „Bewährungssemester“ an der Pädagogischen Hochschule Weilburg/Lahn und nachdem er sich auf Drängen des Nettelstedter NSDAP-Ortsgruppenleiters zum Eintritt in die SA entschlossen hatte, erhielt er schließlich eine Anstellung an der Volksschule im westfälischen Nettelstedt.

Seitdem Simon im Rahmen seines Studiums im August 1931 ein Praktikum im Kinderheim Nettelstedt absolviert hatte, war er dem Kreis um den Nettelstedter Schulrektor Karl Meyer-Spelbrink (1890-1962) eng verbunden. Dieser hatte in der Ortschaft am Nordhang des Wiehengebirges, zwischen Minden und Lübbecke gelegen, die Nettelstedter Freilichtbühne begründet. Seit 1923 führten die Einwohner des Ortes hier jährlich an den Sommerwochenenden mit großem Erfolg klassische und moderne Volksstücke auf, die Spielleitung lag seit 1924 in den Händen des Lehrers Wilhelm Korte (1896-1957). Die Einnahmen waren zunächst für den Aufbau, später für die Erhaltung eines Kinderheims bestimmt, das tuberkulosekranken Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Kur ermöglichte. Die Tuberkulose war im Kreis Nettelstedt ein dringendes Problem. Das Kinderheim wurde als eine private Stiftung geführt; erst 1939 wurde es von der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt übernommen, Kinderheim und Freilichtspiel waren damit voneinander getrennt. Der Aufstieg der Freilichtbühne aber war bereits in den zwanziger Jahren kometenhaft, 1930 betitelte die Presse die Spielstätte auf dem Nettelstedter Hünenbrink als das „westfälische Oberammergau“.

Simon lebte seit 1934 ohne Anstellung als freier Schriftsteller in Nettelstedt. An die Mutter seines Freundes Hans Hartog schrieb er im maerz 1934: „Das Wichtigste ist nun, daß ich zu meiner Arbeit komme und ganz konzentriert und intensiv in ihr lebe. [...] Und nachdem nun diese Klarheit in mir da ist, will ich nichts anderes mehr, als still und mit ganzer innerer Gesammeltheit dieser Aufgabe nachgehen und sie zu erfüllen suchen, so tief und so gut es mir möglich ist.“

Neben der Arbeit bestellte er zur Selbstverpflegung einen kleinen Gemüsegarten; ein geringes Einkommen verschaffte er sich durch Nachhilfestunden. Außerdem war er führend an den Inszenierungen der Freilichtbühne beteiligt. Bald war er unverzichtbar, weshalb auch örtliche Parteidienststellen seine schließlich doch noch erfolgende Einstellung in den Schuldienst beförderten.

Im Sommer 1937 spielte die Nettelstedter Dorfgemeinschaft unter der Leitung von Hermann Schultze Simons niederdeutsche Freilichtspiel-Fassung des „Wehrwolfs“ von Hermann Löns (1910). Die Witwe Lisa Löns hatte die Dramatisierung und Inszenierung exklusiv genehmigt. „Der Wehrwolf“ schildert in 13 Kapiteln die Unternehmungen eines bäuerlichen Selbsthilfebundes gegen die Soldateska des Dreißigjährigen Krieges; aus dem Schutzbund entwickelt sich eine Räuberbande mit dem Namen „Die Wehrwölfe“, die blutrünstig und erbarmungslos Reisende überfällt, sich aber bis zum Ende des Krieges gegen jede militärische Bedrohung erfolgreich wehrt. Die positive Darstellung starker und mutiger Bauern in Löns’ Roman ließ diesen für eine von der Nettelstedter Landbevölkerung getragene Inszenierung besonders geeignet erscheinen. Andererseits war der Roman für die nationalsozialistische „Blut und Boden“-Ideologie stark vereinnahmt, und so war auch die Nettelstedter Inszenierung nicht frei von entsprechender Instrumentalisierung. Konsequent wurde die Laienspielbühne in den dreißiger Jahren völkisch ausgerichtet.

Simon schrieb auch selbst Theaterstücke, in westfälischer Mundart den Schwank „Dei däadschotene Haohn“ (1937), in dem es um einen abhanden gekommenen Hahn geht. Das völkische Feierspiel „Gericht des Volkes“, das im Juni 1938 auf dem Limberg aufgeführt und in einer von der Reichsjugendführung der NSDAP herausgegebenen Reihe „Spiele der deutschen Jugend“ gedruckt wurde, benutzt die Form eines „altdeutschen Gerichtstages“, an dem der Herzog seine Untertanen – Ritter, Bauern, Bürger – nach ihrem „Verdienst um Volkes Heil und Ehre“ richten lässt; es endet in einem vaterländischen Schwur, den die Zuschauer mitsprechen sollen. „Da das Spiel Weltanschauung verkündet, ist es für größere Anlässe, Führertagungen u.a. besonders gut geeignet“, heißt es im Vorwort.

Szenenfotos der Westfälinger-Aufführung. Das erste zeigt eine Gesprächssituation am Zaun, ein Mann, zwei Frauen.
Rüllken und Wiesken

Szenenfoto. Das Foto zeigt eine Abstimmungssituation, eine Gruppe von vorne, alle mit der rechten Hand erhoben.
Vincke ruft auf zum Bauernaufstand

Szenen aus dem 1939 in Nettelstedt uraufgeführten Volksspiel „Die Westfälinger“ von Martin Simon

Im Sommer 1939 spielten die Nettelstedter Simons Mundart-Volksspiel „Die Westfälinger“ über den bäuerlichen Widerstand im französischen Königreich Westfalen. Der erste Teil des Stückes spielt im April 1809: das Dorf Nettelstedt steht unter der Verwaltung eines französischen Statthalters, der die Bauern drangsaliert. Unter der Führung des Gutsherrn von Ledebur organisieren sie einen Volksaufstand, der aber niedergeschlagen wird. Der zweite Teil spielt im Oktober 1813 und zeigt den wieder aufgenommenen Freiheitskampf, der mit dem Sieg der Westfälinger und der „Befreiung vom welschen Joch“ endet. Die völkische Lesart bot Simon selbst im Vorwort an: „Der Kampf um Sprache und Art, den westfälische Menschen, als deutsche Menschen, gegen eine westische Überfremdung und ihre liberalen, undeutschen, weil rein rationalistisch und eudämonistisch gerichteten Ideen der französischen Revolution, gekämpft haben, findet seine Entsprechung in unseren Tagen. Und wie es des wiedererstandenen Reiches bedurfte, um die Ostmark und das Sudetenland zu befreien, bedurfte es damals des wiedererwachten Preußens, um dieses lebensunfähige, dem Hirn eines Südländers entsprungene Gebilde, das ‚Royaume de Westphalie’ zu zerschlagen.“ Für sein Theaterstück erhielt Simon 1940 den Karl Wagenfeld-Preis der Stadt Soest.

Erste Gedichte und Erzählungen verfasste Simon bereits als Student zu Anfang der dreißiger Jahre. Seit 1935 veröffentlichte er Gedichte und Aufsätze in wichtigen Zeitschriften wie "Das Innere Reich" oder "Die Hilfe", auch in "Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum" etc. Im Herbst 1936 erschien als erste selbständige Publikation der Gedichtband „Suchen und Trachten“ im Müller & I. Kiepenheuer Verlag, Berlin, in einer Auflage von 1000 Exemplaren. Irmgard Kiepenheuer schrieb im Herbst 1937 an ihren Autor, sie habe sich um den Absatz des Buches „leider fast ohne Erfolg bemüht, da das Sortiment, wenn es einen Dichter noch nicht kennt, sehr schwer zu gewinnen ist.“

Auch die Theaterstücke wurden gedruckt: die Bühnenfassung des Löns’schen „Wehrwolf“ und das „Gericht des Volkes“ im Leipziger Arwed Strauch Verlag, „Dei däadschotene Haohn“ und „Die Westfälinger“ im Verlag der Freilichtbühne Nettelstedt. 1940 veröffentlichte der Ellermann Verlag in Hamburg in der Reihe „Das Gedicht. Blätter für die Dichtung“ eine Folge „Schicksalsland“ mit Gedichten Simons.

Nach seiner Einstellung in den Schuldienst heiratete Simon am 14. Mai 1937 seine Lebensgefährtin Emmy Köppe, Lehrerin im benachbarten Gehlenbeck. Die beiden kannten sich bereits von der Pädagogischen Akademie her und waren seit dem Sommer 1931 ein Paar. Vier Tage vor der Eheschließung war Simon bei der Gestapo Bielefeld vorgeladen. Es ging um Simon und den Rektor Meyer-Spelbrink, die als politisch unzuverlässig denunziert worden waren. Offenbar fand auch eine Hausdurchsuchung statt. Die Verhörprotokolle sind im Nordrhein-Westfälischen Staatsarchiv Detmold erhalten. Dabei wurde Simon auch ein Brief vorgehalten, den er am 1. maerz 1933 aus Dortmund an Meyer-Spelbrink geschrieben hatte. An diesem Tag, an dem die neue NSDAP-Reichsregierung die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ erlassen und Grundrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit aufgehoben hatte, befand Simon sich „in einer dumpfen Verzweiflung, angefüllt mit Ekel bis zum Halse über das, was jetzt geschieht.“ Er äußerte sich gegenüber Meyer-Spelbrink offen und deutlich über die Nationalsozialisten, ihren Führer und die Vorgänge der Machtergreifung. Der Brief war Meyer-Spelbrink bereits 1933 von einer Mitarbeiterin entwendet und bei der Gestapo denunziert worden. Unmittelbare Folge davon war gewesen, dass Simon den freiwilligen Arbeitsdienst, den er zur „Bewährung“ ableisten sollte, nicht wie beabsichtigt im Kinderheim Nettelstedt antreten konnte. Als Simon nun vier Jahre später doch noch Lehrer in Nettelstedt wurde, übergab die Mitarbeiterin, obwohl längst aus den Diensten des Nettelstedter Kinderheims geschieden, den Brief an einen örtlichen SS-Sturmführer mit der erklärten Absicht, die Anstellung Simons zu verhindern bzw. rückgängig zu machen. Es kam zum Verhör durch die Gestapo, bei dem nicht nur Meyer-Spelbrink und Simon, sondern auch Wilhelm Korte und die Denunziantin aussagen mussten. Simon bezeichnete im Verhör seine früheren Äußerungen als Verfehlung, er habe sich erst allmählich in die Reihe der Nationalsozialisten einordnen können. Der Vorgang blieb glücklicherweise für die Betroffenen folgenlos.

Im Mai 1938 wurde die älteste Tochter Gisela geboren, im Januar 1940 die zweite Tochter Bernhild. Die dritte Tochter Margret, im Maerz 1943 geboren, hat ihren Vater nicht mehr kennen lernen können. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete Simon sich freiwillig als Soldat; er wurde am 9. Januar 1940 eingezogen und in Rostock bei der Infanterie ausgebildet. Im Mai/Juni 1940 nahm er am Frankreichfeldzug teil und kämpfte an der Maginot-Linie. Anschließend war er in Polen stationiert, wurde in Lehrgängen zum Unteroffizier ausgebildet. Seit Juni 1941 war er mit der 6. Armee an der Ostfront eingesetzt, zunächst in der Kesselschlacht von Bialystok-Minsk, dann im mittleren Abschnitt der Front. Für seine Tapferkeit wurden ihm das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse verliehen. Ein letzter Fronturlaub führte Simon im Mai 1942 ins heimische Nettelstedt. Mit Beginn der deutschen Sommeroffensive Ende Juni 1942 war Simon wieder in Russland. Er fiel am 31. August 1942 im Alter von 32 Jahren bei Rschew an der Wolga, 300 Kilometer nordwestlich von Moskau.

Emmy Simon hat den schriftlichen Nachlass ihres Mannes über Jahrzehnte treu gehütet. Sie hat sich, inzwischen nach Lemgo verzogen, 60 Jahre nach seinem Tod entschlossen, den Nachlass mit zahlreichen, auch unveröffentlichten Gedichten, Erzählungen und Theaterstücken der Lippischen Landesbibliothek Detmold als Schenkung zu übereignen.

Autograph des Gedichts "Eines Jahres Weise"
Nachlass: Slg 43

Die Werkmanuskripte sind sehr weitgehend erhalten, angefangen von einer Briefmappe mit früher Lyrik bis hin zu Kriegsgedichten und -erzählungen voll düsterer Vorahnung, die in Simons allerletztem Fronturlaub 1942 entstanden. Manch Schwankhaftes ist dabei, auch Mundartliches, Balladen, Märchen und Anekdoten. Frühen Ernst bezeugen die „Zwölf Briefe an den Tod“, die sich mit dem Freitod eines Mitschülers in den zwanziger Jahren auseinandersetzen. Einfühlung in die Sorgen und Probleme der westfälischen Bauern, Zigarrenarbeiter, Kriegsheimkehrer und ledigen Mütter in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg belegen Erzählungen wie „Der Weg der Magd“, „Der verborgene Musikant“, „Die Fahrt zu den Söhnen“ oder „Die Spur ins Leben“, die konkret auch politische Auseinandersetzungen mit einbezieht. In den Kriegsjahren ab 1940 entstehen Gedichte und Erzählungen, die das Kriegserlebnis und das Heimweh spiegeln und auf die Frage nach dem Warum erschreckende Antworten finden.

Anerkennung fand Simon vornehmlich als Lyriker. Seine frühen Gedichte sind noch sehr in einem „hohen Ton“ nach dem Vorbild Rilkes abgefasst, etwas blass und wenig bildstark. Er fand aber dann allmählich zu eigener Form und Ausdruck. Die Gedichte kreisen um existenzielle Fragen des menschlichen Daseins, um Leben und Tod, Schmerz und Liebe, Irdisches und Transzendentes – sie sind durchdrungen von tiefer Innerlichkeit und Religiosität.

Die 1936 veröffentlichte Sammlung „Suchen und Trachten“ ist ein beredtes Zeugnis dafür. Schon im Titel wird deutlich, dass der Autor sich als ein Suchender, ein auf dem Weg Befindlicher versteht; die Erkenntnis letzter Wahrheiten muss errungen werden, sie ist keineswegs gewiss. Es gibt viele schöne Naturgedichte von Simon, die unverändert auch heute noch Bestand haben – aber auch einen Zyklus „Totenzwiesprache“ zum Trauma des Ersten Weltkriegs, aus dem die Zeitschrift „Das Innere Reich“ mehrfach Gedichte veröffentlichte. Benno Mascher, deren Redakteur, schrieb 1938 an Simon: „Sehr überrascht hat mich in diesem Zusammenhang dann auch die Tatsache, dass Sie das Dialekt-Gedicht, und zwar gerade das Dialekt-Gedicht ernsten Charakters, so bewältigen. Gerade als Norddeutscher muss ich Ihnen sagen, dass in niederdeutscher Sprache mir nur sehr selten Gedichte von solcher Kraft und solcher Prägnanz des Ausdrucks vorgekommen sind.“

Manches erscheint aber auch problematisch. Der Freund Hans Hartog, dessen Briefe an Simon aus den Jahren 1933 bis 1940 im Nachlass fast vollzählig erhalten sind und dessen Familie 1936 die Veröffentlichung des Bandes „Suchen und Trachten“ finanziert hatte, schrieb ihm nach längerer Unterbrechung im Dezember 1940: „Ja, das Schweigen zwischen uns war so lang, dass es allmählich drückte. [...] Es ist letztlich wohl die Angst, unsere alte Freundschaft würde die Belastungsprobe nicht aushalten, die sich aus meiner Entfremdung Deinen Arbeiten gegenüber ergibt.“ Simons Bekenntnis zu Führer, Volk und Soldatentum in den Gedichten seit etwa 1938, das angesichts seines Werdegangs nicht zu erwarten war, verstörte den Freund. Er beschrieb das konkret anhand der Gedichtveröffentlichung „Schicksalsland“ von Mai 1940. Die religiöse Überhöhung der „Mutter Deutschland“, die Hypostasierung des Führers Adolf Hitler als Heilsbringer, die Verherrlichung von Blut und Boden, von Kampf und Todesopfer – in Verse gefasst durch seinen besten Freund – irritierten ihn zutiefst. Briefe aus dem ersten Kriegsjahr, in denen Simon die „Größe“ des Geschehens freudig begrüßt, seine Beteiligung daran als „beglückend“ apostrophiert und das gegenwärtige „Schicksal“ des deutschen Volkes sogar als eine „Gnade Gottes“ bezeichnet, beeinträchtigten das einstige Vertrauensverhältnis stark. In einem Aufsatz „Von deutschen Dingen“, der im Juli 1935 in der von Theodor Heuß herausgegebenen Zeitschrift „Die Hilfe“ erschien, hatte Simon die Verabsolutierung des Völkischen, die „Ineinssetzung von Immanenz und Transzendenz“, noch als „dämonische Verwirrung“ verurteilt. Doch scheint es so, als habe Simons ernsthafte Religiosität sich tatsächlich zeitweise in die völkische Idee transformiert. Diesem Rätsel kann sich wohl nur eine genaue Analyse der Texte nähern. Unterstützend kann dazu der im Nachlass überlieferte Briefbestand herangezogen werden.

Die Briefe im Nachlass geben einen Einblick in biographische Einzelheiten und Befindlichkeiten Simons. Amtliche Schriftwechsel klären seine politische Biographie. Verlagsbriefe informieren über die Umstände von Veröffentlichungen. Von dem frühen, 1929 einsetzenden und offenbar sehr intensiven Briefwechsel mit dem Schulfreund Horst-Günther Schnell sind leider nur die Briefe Schnells erhalten. Der Musiker und Komponist Schnell (1911-1943) stammte wie Simon aus Wuppertal-Barmen, war Schüler von Hubert Pfeiffer (1891-1932) und studierte in den Jahren ab 1930 bei dem Komponisten Heinrich Kaminski (1886-1946) in Ried/Oberbayern. Dort verbrachte Simon nach seiner Lehramtsprüfung im Jahr 1933 einige Monate als Hauslehrer für Kaminskis fünf Kinder, bevor er im August auf ministerielle Weisung in den Arbeitsdienst eintrat. Schnell heiratete 1939 die Schriftstellerin Luise Rinser und war dann Kapellmeister in Braunschweig und Rostock. 1943 fiel er als Angehöriger einer Strafkompanie an der Ostfront. Näheres über ihn ist auch aus Rinsers Lebenserinnerungen „Den Wolf umarmen“ zu erfahren. Die Briefe Schnells an Simon enden ohne ersichtlichen Grund im Jahr 1937. Die Briefe Simons an Schnell sind, sofern er sie aufbewahrt hat, in den Bombenangriffen auf Rostock vernichtet worden.

Besonders aufschlussreich ist der umfangreiche Briefwechsel mit dem Bielefelder Freund Hans Hartog († 1995). Er umfasst 188 Briefe aus den Jahren 1933-1942. Hartog studierte zunächst Indologie bei Walther Wüst in München; ebenfalls mit Horst-Günther Schnell befreundet, verkehrte auch er Anfang der dreißiger Jahre im Hause des Komponisten Heinrich Kaminski im oberbayerischen Ried. Seit 1937 studierte er zusätzlich Theologie in Marburg; er promovierte dort 1939 bei Friedrich Heiler mit einer Arbeit „Zur Frage des frühvedischen Sündenbegriffes“ und legte noch kurz vor seiner unfreiwilligen Einberufung zur Wehrmacht im Januar 1940 das theologische Examen ab. Wie auch in den Briefen Schnells ist im Briefwechsel zwischen Hartog und Simon oft von der gerade aktuellen Lektüre die Rede; Bücher werden hin- und hergesandt – sicher ließe sich aus diesen Informationen auch etwas gewinnen zum Verständnis der literarischen Interessen und Vorbilder Simons. Die Freunde teilen sich ihre Sorgen, Nöte und Zweifel, aber auch ihre Einsichten und Hoffnungen mit; so gibt der Briefwechsel auch Zeugnis von ihrer persönlichen und geistigen Entwicklung. In mancher Hinsicht sind die zwischen den Freunden gewechselten Briefe ein beeindruckendes Zeugnis der „inneren Emigration“, in der die junge Generation Mitte der dreißiger Jahre ihre „innere Freiheit“ gegen die äußeren Zwänge verteidigte. Eine erste Differenz in der Beurteilung politischer Vorgänge kam zwischen beiden erstmals im April 1936 auf. Die eigentliche Entfremdung setzte erst mit Beginn des Krieges ein.

Interessant ist auch der 30 Briefe umfassende Schriftwechsel mit Hjalmar Kutzleb (1885-1959) aus den Jahren 1936-1942. Der Lehrer und Schriftsteller, dessen Drama „Die Schlacht bei Minden“ die Nettelstedter Bühne 1936 aufführte, stammte aus der Wandervogelbewegung. Seine literarischen Werke widmen sich ausnahmslos Stoffen aus Geschichte und Vorgeschichte. Kutzleb war bis 1935 Studienrat in Minden, dann Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Weilburg/Lahn, wo er Simon 1936 zu dem „Bewährungssemester“ verhalf, das dieser an einer nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt absolvieren sollte. Simon verfasste auch einen Aufsatz über Kutzleb, den die Zeitschrift „Heimat und Reich“ im Mai-Heft 1937 veröffentlichte. Die umfangreichen Briefwechsel Simons mit seiner Frau Emmy und mit Elisabeth Lorentz in Bielefeld gehören ebenfalls zur Nachlass-Schenkung, befinden sich aber zur Zeit noch in der Obhut von Emmy Simon und konnten daher für diesen Beitrag nicht berücksichtigt werden.

Auch Urkunden und Fotos in geringer Anzahl sind Bestandteil des Nachlasses. Dazu hat Emmy Simon die Veröffentlichungen ihres Mannes – Bücher, Zeitschriftenhefte und Zeitungsausschnitte – der Landesbibliothek übergeben. Die Bibliothek hat den Nachlass bereits für eine wissenschaftliche Bearbeitung erschlossen; er empfiehlt sich bestens für eine germanistische Magister- oder Examensarbeit.

Durch seinen frühen Tod ist dem Schriftsteller Martin Simon ein breiteres Interesse versagt geblieben. Es wäre nun Zeit für eine Wiederentdeckung.

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Zu Martin Simon siehe auf unseren Seiten auch:

→ Bibliographie Martin Simon
→ Nachlassübersicht Martin Simon