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„Geistelic leven na sunte Augustinus regulen, statuten unde andere loveliken saten ...“. Aspekte aus der Geschichte des Augustinerkanonessen-Klosters Marienanger in Detmold

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Vierhundert Jahre Leopoldinum Detmold 1602 - 2002 / Hrsg.: Förderverein Leopoldinum Detmold und Vereinigung ehemaliger Leopoldiner. - Detmold: Bösmann, 2002. - S. 87-91.

Dies ist eine Kurzfassung. Der vollständige, erheblich umfangreichere Beitrag zur Geschichte des Klosters Marienanger in Detmold ist auf der zeitgleich zu dieser Festschrift erschienenen CD enthalten.

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Eine Reihe bekannter Kupferstiche dokumentiert die Silhouette der Stadt Detmold im 17. Jahrhundert. Aus südlicher Richtung auf das überschaubare Stadtareal blickend, setzten im Westen das Residenzschloss, in der Mitte die Stadt- oder Marktkirche sowie im Osten die mit einem Dachreiter versehene Kirche des ehemaligen Augustinerkanonessen-Klosters markante Akzente in dem sonst eher gleichförmigen Stadtbild. Während Schloss und Marktkirche heute noch die Altstadt dominieren, wurde die Klosterkirche bereits 1832 aufgrund ihres schlechten baulichen Zustandes abgebrochen, eine Tatsache, die bereits bei den Zeitgenossen auf Kritik gestoßen ist. Für die Geschichte des späteren Gymnasiums Leopoldinum hat dieser Sakralbau zentrale Bedeutung, denn im Zuge der Aufhebung des Kloster in den Jahrzehnten nach der Reformation verfügte im Jahre 1602 der Landesherr Graf Simon VI. zur Lippe die künftige Nutzung von Kirche und einigen Klostergebäuden durch die neu gegründete „Provinzial- und Landesschule“. Wie ein überlieferter Grundrissplan erkennen lässt, waren zu diesem Zwecke Kirchenschiff und Chor in zwei Stockwerke unterteilt. Während sich im unteren Geschoss die sechs Klassenräume befanden, wurde 1614 im Obergeschoß die umfangreiche „Gräflich Öffentliche Bibliothek“ aufgestellt, die von Simon VII. aus der Bibliothek seines Vaters für kirchliche Zwecke, für die Schule und für Regierungsbehörden gestiftet worden war; das Jahr 1614 ist zugleich die Geburtsstunde der Lippischen Landesbibliothek.

Die Gründung des einzigen Klosters in der Stadt Detmold reicht zurück in die Mitte des 15. Jahrhunderts, als die devotio moderna, eine geistliche Reformbewegung, von Holland aus auf Nordwestdeutschland übergegriffen und auch in Ostwestfalen Fuß gefasst hatte. Es entstanden zahlreiche Brüder- und Schwesternhäuser vom gemeinsamen Leben, in denen religiöse Männer und Frauen in wahrer Frömmigkeit, Demut und Armut in der Nachfolge Christi lebten; sie waren keiner einengenden Ordensregel unterworfen und erwirtschafteten ihren Unterhalt durch eigene Arbeit; die Brüderhäuser („Fraterherren“) vorrangig durch die Herstellung von Büchern, die Schwesternhäuser durch Textilherstellung und -verarbeitung. Die Stiftung einer Niederlassung devoter Schwestern in Detmold 1453 ist eng mit der Gründung des Schwesternhauses in Lemgo fünf Jahre zuvor verbunden; beide Häuser standen bis 1476 unter gemeinsamer Leitung einer mater genannten Vorsteherin und eines Priesters, der als Seelsorger und Berater den Schwestern zur Seite stand. Die Initiative, in den beiden lippischen Städten klosterähnliche Häuser zu etablieren, dürfte aus Kreisen Herforder Fraterherren, die wiederum enge Kontakte zum Brüderhaus in Hildesheim pflegten, ausgegangen sein; letztere trugen dafür Sorge, dass die Gründungskonvente für Lemgo und Detmold aus dem Schwesternhaus (niederdt. „Süsternhaus“) in Eldagsen nach Lippe kamen. 1453 erwarben die Schwestern in Detmold einen der drei Adelshöfe und das benachbarte Grundstück „de iodenstede“ von den Brüdern Heinrich und Konrad von dem Busche, Angehörigen einer der sieben adligen Burgmannenfamilien der Stadt Detmold. Es handelte sich um das große Eckgrundstück, das heute von der Schüler- und der Adolfstraße gebildet wird. Der Edelherr Bernhard VII. zur Lippe und sein Bruder Simon, der spätere Bischof von Paderborn, gestatteten als Lehnsherren diesen Verkauf und erteilten im Einvernehmen mit den Burgmannen und Stadt Detmold den frommen Frauen eine Reihe von Freiheiten, Rechten und Pflichten. Die Schwestern waren u.a. von städtischen Steuern und Abgaben befreit, durften Linnenlaken und Wolltuch herstellen und vermarkten, eine Walkmühle errichten, Gärten anlegen und ihr Vieh auf die städtischen Weiden treiben lassen. Um die Entstehung einer geistlichen Grundherrschaft von vornherein zu unterbinden, war ihnen zunächst der Besitz von Höfen, Zehnten und Pfandschaften untersagt. Darüber hinaus blieben sie weiterhin bei der St. Vitus-Kirche (Marktkirche) eingepfarrt, hatten diese zu besuchen und dem Pfarrherrn die ihm zustehenden Oblationen zu entrichten. In den landesherrlichen Brüdern Bernhard VII. und Simon zur Lippe, im Kreis der adligen Burgmannenfamilien sowie im Rat der Stadt sind die Stifter des Schwesternhauses in Detmold zu sehen, über deren Motive im Einzelnen allenfalls zu mutmaßen ist.

Die von den Schwestern gebildete neue Form religiösen Gemeinschaftslebens blieb nicht ohne Kritik beim etablierten Pfarr- und Ordensklerus. Die Diözesanbischofe sahen sich in der Folgezeit veranlasst, die Schwesternhäuser in das gewohnte System des Ordenswesens einzufügen, um sie einerseits durch diese kirchenpolitische Maßnahme vermehrt unter bischöfliche Kontrolle zu bringen, andererseits sie vor dem Verdacht häretischer Umtriebe in Schutz zu nehmen. Im Zusammenspiel mit den Prioren der Augustiner-Chorherrenstifte Böddeken und Möllenbeck als Visitatoren trieb Erzbischof Dietrich von Köln, damals zugleich Administrator des Bistums Paderborn und damit zuständiger Diözesanbischof, seit 1456 die Annahme der Augustinerregel durch die Häuser in Herford, Lemgo und Detmold voran. Nach anfänglichem Widerstand fügten sich die Schwestern und nahmen 1459 die Regel des hl. Augustinus sowie die von den Visitatoren ausgearbeiteten Statuten, die die innere Ordnung und den Tagesablauf für die Konventualinnen vorgaben, an. 1461 erfolgte die erforderliche päpstliche Bestätigung, womit das kirchenrechtliche Prozedere der Umwandlung eines Schwesternhauses vom gemeinsamen Leben in ein Augustinerkanonessen-Kloster in Detmold abgeschlossen war. Die Schwestern hatten nun das monastische Gelübde abzulegen, unterlagen der Klausur und den strengen Bestimmungen von Ordensregel und Statuten, Rückkehr ins weltliche Leben war ausgeschlossen. Im Gegenzug wurde ihnen u.a der Bau einer eigenen Kirche oder Kapelle, die Anlage eines Friedhofs, die Wahl der mater und eines geeigneten Beichtvaters sowie das Führen eines eigenen Siegels zugestanden. Augustinerregel und Statuten verhinderten nicht, dass gelegentlich die Visitatoren aus den Chorherrenstiften Möllenbeck und nun Blomberg in Disziplinarfragen eingeschaltet werden mussten.

Die Statuten und die urkundliche Überlieferung des Detmolder Augustinerinnenklosters geben Einblicke in dessen Binnenstruktur. Sämtliche Bereiche des Klosterlebens oblagen der „Mutter“, der alle Klosterangehörigen zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet waren, sie wurde vertreten durch die „Meisterin“, die besonders auf die Disziplin zu achten hatte. Eine „Prokuratorin“ war verantwortlich für die gesamte Wirtschaftsführung des Klosters. Bis etwa 1476 fungierte in Detmold nur eine Stellvertreterin der mater in Lemgo, dann auch hier eine eigene Vorsteherin. Der Eintritt in den Konvent stand Frauen aller sozialer Schichten offen, über deren Eignung man sich während eines einjährigen Noviziats vergewissern konnte. Aufgrund des wie anderenorts enormen Zulaufs sah sich der Landesherr 1475 veranlasst, die Klöster in Lemgo und Detmold auf je 40 Ordensfrauen zu beschränken. Die Mehrzahl rekrutierte sich aus Bürger- und Bauerntöchtern aus Detmold und der näheren und weiteren Umgebung, adlige Damen traten hingegen eher zurück. Zur klösterlichen familia zählten des Weiteren etliche Präbendare und Kinder sowie das Gesinde und andere Lohnleute.

Anfangs reichte der Steinhof der von dem Busche mit seinem Vorwerk und anderen Baulichkeiten für die Belange des Klosters aus, doch zwangen die zunehmende Größe des Konvents und die wachsende Wirtschaftskraft seit 1481 zum Erwerb angrenzender Grundstücke und Häuser, so dass das ummauerte Klostergeviert zu Beginn des 16. Jahrhunderts von der Schülerstraße (damals Jodenstrate, später Süsternstraße) bis zur Exterstraße reichte. Aus gleichem Grund gestattete der Landesherr Simon V. den Bau einer neuen Klosterkirche anstelle der bisherigen Marienkapelle. Damals entstand jene seit 1602 über 200 Jahre Schulzwecken dienende einschiffige spätgotische Hallenkirche mit drei Jochen und einem 5/8 Chorabschluß (Innenmaß 23 x 9 m). Deren Abbruch erfolgte im Mai 1832 so gründlich, dass 1982 durchgeführte archäologische Untersuchungen kaum Spuren des einst so massiven Gebäudes aufdecken konnten. Bis in unsere Tage erhalten blieb das 1506/1507 errichtete Pforthaus (heute Schülerstraße Nr. 23-25), das leider Anfang der 1980er Jahre abgetragen, dessen originale Fachwerkrückfassade allerdings dem Neubau als Kulisse vorgeblendet wurde. Lage und Funktion sonstiger Gebäude im Klosterareal sind nicht immer eindeutig zuzuordnen und sind ebenso wenig erhalten geblieben wie das Steinwerk und das Vorwerk, das der lippische Drost Adolf Schwartz im Zuge der Auflösung des Klosters 1575 erworben und zu einem repräsentativen Adelssitz ausgebaut hatte; diese Bauten wurden nach 1890 niedergelegt. Ein vom Archivar Knoch 1792 gezeichneter Situationsplan dürfte dem alten Zustand noch relativ nahe kommen.

Es entsprach der praktischen Religiosität der devotio moderna, die Arbeit einerseits als Mittel der Subsistenzsicherung, andererseits als unerlässlichen Bestandteil eines wahrhaft gottgefälligen Lebens zu begreifen; dem folgten auch die Detmolder Schwestern. Mit landesherrlicher Genehmigung und nicht immer im Einvernehmen mit den städtischen Gilden stellten sie im Werkhaus des Klosters vornehmlich Leinenlaken und Wolltuche her, die sie im ganzen oder en detail überall absetzen durften. Die erforderlichen Bedarfsgüter und Rohmaterialien wurden entweder selbst erzeugt oder in der Herrschaft Lippe gekauft. Die Wolle lieferte die klostereigene Schafherde und darüber hinaus in großem Umfang das Kloster Falkenhagen. In einer eigenen Walkmühle an der Berlebecke, die um 1459 mit Einverständnis des Edelherrn zur Lippe errichtet wurde, bearbeitete man die gewebten Tuche. Die Leinen- und Tuchmanufaktur bescherte dem Kloster alsbald eine gewisse Wohlhabenheit und ermöglichte damit den Ankauf von Grundstücken und Ländereien, die Inangriffnahme großer Baumaßnahmen, wie die Klosterkirche, und 1485 sogar die Übernahme einer erheblichen Schuldsumme der Stadt gegenüber dem Kloster Marienfeld. Abnehmer für die Textilprodukte fanden die Schwestern in der Herrschaft Lippe und darüber hinaus, selbst der Landesherr und sein Umfeld zählten zum Kundenkreis, was sicher für die Qualität der Erzeugnisse sprechen dürfte.

Die Leitung der für die Versorgung der vielköpfigen klösterlichen familia unabdingbaren Landwirtschaft lag in den Händen der Prokuratorin. Während die eher häuslichen Arbeiten, die Pflege der Obst- und Gemüsegärten sowie des Kleinviehs von den Konventualinnen selbst vorgenommen worden sein dürften, wurden die bis zu 18,5 ha großen landwirtschaftlichen Nutzflächen von Knechten und Lohnleuten bearbeitet; Stallmeister, Schmied und Hirte versahen die ihnen zugewiesenen Aufgaben. Die dem Kloster 1485 durch eine großzügige Schenkung des Landesherrn zugefallenen Ackerparzellen und Wiesen lagen im Bereich Hakedahl und Herberhausen; sie wurden in der Folgezeit durch weitere Ankäufe in den Fluren Hohenloh und Griemensiek arrondiert, so dass sich der klösterliche Grundbesitz im wesentlichen im Norden und Nordosten der Stadt konzentrierte. Der Viehbestand des Klosters, für den die gleichen Weiderechte wie für die städtischen Bürger galten, war mit bis zu 28 Milchkühen, 100 Schafen und 60 Schweinen recht beachtlich. Es ist nicht bekannt, ob die erzielten Erträge den Bedarf in vollem Umfang gedeckt haben; vermutlich musste Getreide und Schlachtvieh immer wieder zugekauft werden. Neben der Textilherstellung, dem Grundbesitz und der Landwirtschaft trugen Renteneinkünfte, fromme Stiftungen unterschiedlicher Art und testamentarische Vermächtnisse zur Existenzsicherung einer klösterlichen Gemeinschaft bei, fielen in Detmold allerdings nicht in dem Maße ins Gewicht, wie dieses anderenorts zu beobachten ist. Die Textilproduktion machte hier die Bonität des Klosters aus und gestattete immerhin, einen Konvent von mindestens 40 Ordensfrauen, zwei Priestern, eine nicht bekannte Anzahl von Pfründnern, Kindern und sonstigen Kostgängern sowie eine Reihe von Knechten, Mägden und Gewerken zu versorgen, Bauten zu errichten und zu unterhalten, ferner Schulden der Stadt zu begleichen und Ausgaben aller Art zu bestreiten.

Die Reformation, die in Lippe seit 1538 Raum griff, hat das Kloster Marienanger zunächst wenig berührt. Die in der Niederlassung verbliebenen Kanonessen wandten sich ohne Aufsehen der neuen Lehre zu. Zahlenmäßig geringe und seit der Mitte des 16. Jahrhunderts gänzlich eingestellte Zugänge ließen den Konvent ausdünnen und das Ordenshaus mehr und mehr zu einer Altenversorgungsstätte werden. Zwangläufig büßte das Kloster damit zunehmend an Wirtschaftskraft ein, eine Entwicklung, die durch die stete Verteuerung der Rohstoffe noch forciert wurde. Zwischen 1560 und 1577 waren die Schwestern gezwungen, zwei Drittel ihres Grundbesitzes außerhalb der Stadt und wesentliche Teile ihrer Keimzelle in Detmold, den Steinhof mit Vorwerk und Baumhof, zu veräußern, um die aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Als der wirtschaftliche Kollaps unaufhaltsam schien, griff Graf Simon VI. zur Lippe ein. In einem am 1. Oktober 1577 zwischen ihm und dem noch übrig gebliebenen Konvent geschlossenen Vertrag verzichteten die Klosterjungfern auf allen landwirtschaftlichen Besitz, auf ihre beschwerliche Haushaltung und auf die ihnen noch zustehenden Kornrenten zugunsten des Landesherrn. Im Gegenzug gewährte ihnen der Graf weiterhin Wohnrecht im Klosterbereich und verpflichtete sich, durch Getreide-, Fleisch- und sonstige Deputate den Lebensunterhalt der Schwestern bis zu deren Tode sicherzustellen. Simon VI. erlebte das Aussterben des Konventes nicht mehr, denn die letzte Konventualin starb hochbetagt erst zwei Jahre nach dem Grafen im Jahre 1615. Nach Lemgoer Vorbild, wo der Konvent des Schwesternhauses schon 1576 ausgestorben war und man nach entsprechenden Umbauten die Klosterkirche für die dortige Lateinschule hergerichtet hatte, war man in Detmold bereits im Jahre 1602 ans Werk gegangen und hatte die Raum bietende Klosterkirche von 1512 für Schulzwecke umgebaut und in den anliegenden Gebäuden Lehrerwohnungen eingerichtet. In den Mauern, in denen einst die geistlichen Gesänge frommer Klosterschwestern erklangen, wurde fortan die reformierte geistige Elite der Grafschaft Lippe herangebildet.