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Aufruf an alle Lipper zur Rettung lippischen Kulturgutes

Versteigerung von Grabbe-Handschriften am 13./14. November

[von Julia Hiller von Gaertringen]

Druckfassung in: Heimatland Lippe 94 (2001), H. 9, S. 150.

Aufruf an alle Lipper zur Rettung lippischen Kulturgutes

„Kein Sterblicher übertrifft die Deutschen in den Waffen und in der Treue“: mit diesen Worten spricht Hermann der Cherusker seinen Getreuen Mut im Kampf zu, als diese in der Dörenschlucht gegen die Römer ins Gefecht ziehen. Der Satz steht in einem Entwurf zur Szene „Erster Tag“ aus Christian Dietrich Grabbes Geschichtsdrama Die Hermannsschlacht, der jetzt zur Versteigerung angeboten wird.

Das Berliner Auktionshaus Stargardt wird am 13./14. November dieses Jahres sechs Handschriften des Detmolder Dramatikers Christian Dietrich Grabbe versteigern. Es handelt sich dabei um einen Brief Grabbes an seine spätere Frau Louise Christiane Clostermeier aus dem Jahr 1830, zwei Briefe an seinen Düsseldorfer Verleger Carl Georg Schreiner aus den Jahren 1835/36 sowie um drei Bruchstücke aus den Werkhandschriften zu Grabbes 1835/36 entstandenem Drama Die Hermannsschlacht. Dass diese Dokumente gerade jetzt, zum 200. Geburtstag Grabbes, auftauchen, ist eher ein Zufall, denn sie sind Teil einer größeren privaten Sammlung, die nun komplett zur Versteigerung ansteht. Da diese Sammlung der Forschung nicht zugänglich war, sind auch die Grabbe-Handschriften bisher völlig unbekannt geblieben.

Mehr als 50 Bruchstücke aus Christian Dietrich Grabbes Entwürfen zur Hermannsschlacht besaß die Lippische Landesbibliothek schon im 1938 von Alfred Bergmann erworbenen Grabbe-Archiv. Seit 1949 sind weitere Hermannsschlacht-Manuskripte hinzugekommen. Bereits der erste Autographenkauf des Landesverbandes Lippe für die Landesbibliothek im März 1950 umfasste ein eigenhändiges Fragment Grabbes aus diesem Geschichtsdrama.

Grabbes letztes Stück Die Hermannsschlacht gestaltet die Entstehung einer gegen die römische Herrschaft gerichteten „nationalen“ Befreiungsbewegung der germanischen Stämme unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius/Hermann. Die Germanen kämpfen am Teutoburger Wald siegreich für ein freies, einheitliches Vaterland. Das Theaterstück, das erst 1838 aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, hat Grabbe in den Jahren 1835/36 immer wieder überarbeitet und erweitert. Aus den verschiedenen Entwürfen und einzelnen Fassungen des Dramas sind weit über hundert einzelne Fragmente erhalten. Die meisten dieser Handschriften besitzt das Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek, einzelne Bruchstücke befinden sich auch in Berlin, Coburg, Cologny, Dortmund, Hamburg, München und Weimar.

Im April 1951 konnten für die Detmolder Sammlung drei Fragmente der Hermannsschlacht, darunter ein Blatt mit dem vielzitierten Satz des Kaisers Augustus „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!“, aus Privatbesitz erworben werden, damals – ihrem unterschiedlichen Umfang entsprechend – zum Preis von 350, 400 und 550 DM. Die uns heute vergleichsweise gering erscheinenden Beträge liegen, betrachtet man die Preissteigerungen seither, nicht unter den heute verlangten Preisen.

Nachdem lange Zeit überhaupt keine Grabbe-Handschriften auf den Markt gelangt waren, bezahlte die Landesbibliothek 1960/61 bei Versteigerungen schon das Vierfache für Grabbe-Briefe und für ein Fragment der Hermannsschlacht. Bis zum Ende der sechziger Jahre erhöhten sich die Preise für einzelne Blätter aus Werkhandschriften bereits auf Beträge bis 5.000 DM. Seither konnten noch drei Fragmente aus der Hermannsschlacht ersteigert werden: 1975 ein Entwurf zur Szene „Erster Tag“, in der Hermann die Römerrüstung bedeutungsträchtig gegen seinen alten Hermelinmantel vertauscht, 1988 ein verschollen gewesenes Fragment der Szene „Eingang. 5. Fuß der Grotenburg“, und 1990 ein kleines Stück der Szene „Eingang“ aus einer Entstehungsphase, in der Grabbe seinen Helden noch „Armin“, nicht „Hermann“ nannte.

Die Grabbe-Autographen, die jetzt zur Versteigerung anstehen, stammen aus der Sammlung des Hamburger Bankiers Max Warburg (1867-1946). Die Sammlung umfasst auch Eigenhändiges von Goethe, Schiller, Kleist, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, Puschkin und Schopenhauer. Entsprechend hoch sind die Preisvorstellungen der jetzigen Besitzer. Die Schätzpreise für die Hermannsschlacht-Fragmente belaufen sich auf 6.000 bis 8.000 DM, die Schätzpreise für die Briefe auf 12.000 bis 20.000 DM. Selbst wenn bei der Auktion die Landesbibliothek nicht überboten würde und die Handschriften zum Schätzpreis erhielte, entspräche die bei der Versteigerung erzielte Summe noch lange nicht den tatsächlichen Kosten, denn es sind noch einmal 15% als Aufgeld für das Auktionshaus und 7% Mehrwertsteuer hinzuzurechnen. Nach den bisherigen Erfahrungen muss die benötigte Summe auf ca. 120.000 DM geschätzt werden.

Das Lippische Literaturarchiv umfasst konkurrenzlos die weltweit größte und bedeutendste Sammlung aus Büchern, Handschriften, Bild- und Theatermaterialien zu Grabbe, darunter 250 eigenhändige Briefe Grabbes und neun vollständige Werkhandschriften, insgesamt über 600 Autographen. Es steht in Fachkreisen außer Frage, dass es als herausragende kulturelle und wissenschaftliche Einrichtung verpflichtet ist, auch die jetzt angebotenen Handschriften zu erwerben. Allerdings ist die Landesbibliothek derzeit nicht in der Lage, diesen Kauf aus dem laufenden Etat zu bestreiten. Sie ist auf die tätige Mithilfe all derer angewiesen, die in Christian Dietrich Grabbe den bedeutendsten Dichter erkennen, den Lippe in seiner Geschichte hervorgebracht hat, und die es für richtig halten, dass Lippe in die Bewahrung seiner ureigenen Kulturgüter investiert.

Wenn, wie erst vor kurzem geschehen, die Fürstlich Fürstenbergische Bibliothek in Donaueschingen mit 120.000 Bänden über ein angloamerikanisches Antiquariat in alle Winde zerstreut wird, weil keine öffentliche Einrichtung in Deutschland in der Lage ist, die exorbitanten Preisvorstellungen der Besitzer zu erfüllen, oder wenn – ein aktuelles Beispiel aus dem Juli dieses Jahres – eine handgefertigte Weltkarte des Freiburger Kartographen Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507 zu überhöhtem Preis an die Kongress-Bibliothek in Washington verkauft wird, obwohl sie auf der Liste der vom Verkauf ins Ausland ausgeschlossenen Kulturgüter stand und der Verkauf einer Ausnahmegenehmigung des Staatsministers für Kultur bedurfte, dann wird national wertvolles Kulturgut unwiderruflich seinem historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhang entrissen.

Lippe sollte die Chance ergreifen, die Handschriften seines größten Dichters für die eigene Region zu retten. Die Handschriften wären im Lippischen Literaturarchiv nicht nur öffentlich zugänglich. Sie könnten auch in Zusammenhang mit den schon vorhandenen Autographen gebracht werden und ihrerseits dazu beitragen, die literaturwissenschaftliche Forschung voranzutreiben. Dies ist um so wichtiger, als die zu erwerbenden Handschriften in die letzte Lebens- und Schaffensphase Grabbes gehören, die noch nicht hinreichend durch Quellen belegt ist und daher immer wieder den Blick für eine objektive Beurteilung des Dramatikers Grabbe verstellt hat. Der Erforschung von Grabbes Leben und Lebenswerk würde ein großer Dienst erwiesen.

Ein Spendenkonto bei der Sparkasse Detmold ist eingerichtet. Der aktuelle Kontostand ist – täglich aktualisiert – auf der Homepage der Landesbibliothek unter http://www.llb-detmold.de nachzulesen. Dort sind auch die Namen der Sponsoren genannt, sofern sie dies nicht ausdrücklich ausschließen. Für Beträge ab 50 DM wird gern eine Spendenbescheinigung ausgestellt.
Wenn die Lippische Landesbibliothek es schafft, den Zuschlag für die versteigerten Grabbe-Handschriften zu erhalten, werden die „neuen“ Autographen zu Grabbes 200. Geburtstag, vom 13. Dezember 2001 bis zum 28. Februar 2002, im Rahmen der Ausstellung „Grabbe im Original“ in der Lippischen Landesbibliothek gezeigt.

Spendenkonto: Sparkasse Detmold BLZ 476 501 30,
Konto-Nr. 46 112 009, Stichwort: Grabbe.