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Lippisches Literaturarchiv Detmold

von Julia Hiller von Gaertringen.

Druckfassung in: Sichtungen 3 (2000), S. 240-243.

Online ebenfalls unter: http://www.onb.ac.at/sichtungen/berichte/lla-1b.html

[Grundeintrag] Das Lippische Literaturarchiv, eine Einrichtung der Lippischen Landesbibliothek Detmold, befindet sich seit 1990 in der Detmolder Innenstadt im Grabbe-Haus, dem Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes (1801-1836). Es widmet sich vorrangig den aus Detmold stammenden Dichtern Christian Dietrich Grabbe, Ferdinand Freiligrath (1810-1876) und Georg Weerth (1822-1856) und ist Sammelstätte literarischer und wissenschaftlicher Nachlässe aus der Region. Das Archiv wird durch Autographenankäufe und Erwerbung von Nachlässen fortwährend ergänzt; 1999 konnten drei Freiligrath-Briefe, ein Brief an Freiligrath und zwei Briefe Eduard Dullers erworben werden. 2000 kam ein Brief Malwida von Meysenburgs hinzu. Der Bestand an Archivalien und Drucken ist durch alphabetische und sachlich-systematische Zettelkataloge erschlossen; seit 1990 erfolgt die Katalogisierung mittels EDV.

Besonders hervorzuheben ist das Grabbe-Archiv, das der Literaturwissenschaftler Alfred Bergmann 1938 an die Landesbibliothek übergeben hat. Es umfaßt neun vollständige Werkhandschriften sowie zahlreiche Fragmente von Grabbes Dramen, 42 von ihm verfaßte Theaterrezensionen, ca. 250 Briefe von Grabbe und ca. 200 Briefe und Manuskripte von anderen Verfassern, dazu biographische Dokumente wie Schulzeugnisse, Verlagskontrakte oder Protokolle aus Grabbes juristischer Tätigkeit. Der Illustration von Grabbes Biographie dienen 300 zeitgenössische Porträtstiche und Stadtansichten. Ergänzt wird das handschriftliche Material durch eine 13.000 Bände zählende Bibliothek, in der außer der gesamten Primär- und Sekundärliteratur einschließlich der Rezensionen zu Bühnenaufführungen des Detmolder Dramatikers auch die motivverwandte und die von Grabbe rezipierte und kritisierte Literatur in Erstausgaben sowie die Werke seiner Zeitgenossen in Gesamtausgaben zu finden sind.

Den Grundstock zur Freiligrath-Sammlung legte der Dichter selbst im Jahr 1862 mit der Schenkung von acht Gedichtmanuskripten an die Landesbibliothek. Heute umfaßt die Sammlung 44 Gedichtautographen, ca. 350 Briefe von Ferdinand Freiligrath und ca. hundert an ihn, dazu mehrere Stammbücher, die Akten über die Freiligrath-Dotation von 1867 und Porträts. Auch die 34 Bände zählende Jugendbibliothek Freiligraths hat den Weg ins Lippische Literaturarchiv gefunden.

Für das Georg-Weerth-Archiv konnten bei seiner Gründung 1970 noch ein Gedichtautograph und zwanzig Briefe des ersten sozialistischen Dichters erworben werden, sein weitaus größerer literarischer Nachlaß war schon viel früher ins Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis nach Amsterdam gelangt. Mehr als 400 Briefe jedoch zählt der Briefwechsel zwischen den Eltern Georg Weerths und seinen Brüdern Carl, Wilhelm und Ferdinand. Der umfangreiche Briefwechsel des Weerth-Biographen Karl Weerth mit verschiedenen Wissenschaftlern bildet eine weitere wertvolle Ergänzung. Wie zu Grabbe wird auch zu Freiligrath und Weerth die relevante Literatur im Lippischen Literaturarchiv mit größtmöglicher Vollständigkeit gesammelt.

Das Lippische Literaturarchiv betreut die handschriftlichen Nachlässe und Sammlungen von zur Zeit vierzig Autoren, die in Lippe geboren wurden oder hier gelebt und gearbeitet haben; dazu kommen etwa 290 Einzelautographen. Die Nachlasser gehören nach ihren Lebensdaten dem 19. und 20. Jahrhundert an. Die Bestände wurden und werden der Landesbibliothek in der Regel als Schenkung übereignet. In der Reihe der literarischen Nachlässe erscheinen unter anderen die Namen Ludwig Altenbernd, Friedrich Begemann, Friedrich Fischer-Friesenhausen, Otto Franzmeier, Ernst Hierl, Luise Küchler, Wilhelm Oesterhaus und seine Tochter Bertha, Friedrich Reuter, Heinrich Schäfertöns und Günther von Stünzner.

Von den übrigen Nachlassern im Lippischen Literaturarchiv seien genannt: der Archivrat Christian Gottlieb Clostermeier, der Kanzler Friedrich Ernst Ballhorn-Rosen und sein Sohn - der Diplomat und Orientalist Georg Rosen -, der Historiker Ernst Helwing, der Regierungsrat Moritz Leopold Petri, der Justizrat Otto Preuß und der Schulrat Heinrich Schwanold. Der Nachlaß des einzigen Literaturwissenschaftlers unter ihnen, Alfred Bergmann, ist mit 1.200 Archiveinheiten der umfangreichste im Literaturarchiv: Bergmanns ausgedehnter Briefwechsel mit über 500 Korrespondenzpartnern, Behörden, Bibliotheken, Archiven, Buchhändlern und Verlagen und die Vorarbeiten, Entwürfe und Typoskripte zu über hundert seiner literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen sind hier überliefert.

Schließlich besitzt das Lippische Literaturarchiv einige Familienarchive (von Meien, Schönfeld, von Stünzner / von Tresckow) und Vereinsarchive (Detmolder Bildungsverein, Vereinigte Frauenvereine Detmold).

Im »Grabbe-Jahrbuch«, das die Grabbe-Gesellschaft herausgibt, veröffentlicht das Literaturarchiv fortlaufende Personalbibliographien zu Grabbe, Freiligrath und Weerth.

Durch Ausstellungen macht das Literaturarchiv seine Schätze einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Vom 7. November bis zum 17. Dezember 1999 präsentierte es in Detmold die Ausstellung »Denkmalpflege literarisch. Autographenerwerbungen der Landesbibliothek 1949-1999«. 
 
[Aktualisierung 2000]

Das Lippische Literaturarchiv hat im Jahr 2000 seinen Autographenbestand nur um einen undatierten Brief Malwida von Meysenbugs an Nadine Helbig ergänzen können. Der Graphikbestand vermehrte sich um fünf Schauspieler-Portraits von Richard Sprick zu Grabbe-Inszenierungen in Münster 1935 und 1941. Der Musiksammlung der Lippischen Landesbibliothek wurde ein Teilnachlaß des Detmolder Komponisten August Weweler als Schenkung übereignet, der neben Wewelers Totenmaske Schriftwechsel, Aufzeichnungen, Aktenmaterial, Programmhefte und eine Zeitungsausschnittsammlung enthält.