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Von Brügge nach Detmold. Anmerkungen zur Überlieferungsgeschichte der Detmolder Naturen-Bloeme-Handschrift

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme“ und das Umfeld : Vorläufer – Redaktionen – Rezeption / hrsg. von Amand Berteloot und Detlev Hellfaier. - Münster [u.a.] : Waxmann, 2001. - (Niederlande-Studien ; 23). - S. 119-134.

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Nach dem derzeitigen Stand der Forschung können wir davon ausgehen, daß die Handschrift um das Jahr 1287 im nordwestlichen Teil Flanderns, also in oder um Brügge, entstanden ist; abgeschrieben wohl nach einer seeländischen Vorlage. Diese Lokalisierung stützt sich einerseits auf sprachliche Charakteristiken, andererseits ist der beigegebene Kalender, der die wesentlichen Heiligen der flämischen Diözesen aufführt, geeignet, diese Bezugsregion zu postulieren. Auch die kunsthistorische Einordnung scheint dieser räumlichen Zuschreibung zumindest nicht zu widersprechen, wenngleich ein unmittelbarer Anschluss an anderweitig bekannte Vorbilder oder die Zuweisung zu einer bestimmten Malerschule bisher nicht zu erkennen sind.

Nicht ermittelt ist bislang das ausführende Skriptorium. Überhaupt scheint eine auf die Detmolder Handschrift bezogene systematische Durchsicht der Urkunden- und Handschriftenfonds der infrage kommenden geistlichen Gemeinschaften, Pfarrkirchen, vielleicht sogar Kommunen des flämischen Raumes noch gar nicht oder allenfalls lückenhaft vorgenommen worden zu sein. Ungeachtet der erheblich zunehmenden Schriftlichkeit dürfte das kein uferloses Unterfangen sein: bleibt doch maximal ein Zeitraum zwischen 1270 und 1320, wahrscheinlich sogar enger, zu berücksichtigen.Vor allem die urkundliche Überlieferung wird in ihrer paläographischen Aussagefähigkeit im Bezug auf Buchschriften gelegentlich unterschätzt, doch ist sie oft hinreichend geeignet, Schreiberhände in Buchschriften zu identifizieren und damit zu lokalisieren. Der entscheidende Vorteil gegenüber sonstiger schriftlicher Überlieferung liegt bei der Urkunde naturgemäß darin, daß sie datiert ist. Ähnlich wie bereits für Holland und Seeland wäre die Paläographie der urkundlichen Quellen auch für den Raum Brügge im 13. Jahrhundert zu untersuchen. Den zu erzielenden Forschungsergebnissen dürfte man auch für die Frage nach dem Entstehungsort der Detmolder Maerlant-Handschrift mit gespanntem Interesse entgegensehen. Nicht bekannt ist, wie bisher von der kodikologischen und paläographischen Forschung gerade im Bezug auf die Detmolder Handschrift methodisch vorgegangen worden ist. Gelegentlich wird der Textzeuge ohne nachvollziehbare Begründung dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts zugewiesen; über das Skriptorium ist bisher jede verbindliche Aussage zu vermissen.

Die genaue Lokalisierung ist und bleibt somit eine offene Frage. Zunächst gehen wir aber weiterhin mit guten Gründen vom nordwestlichen Flandern aus. Hält man auch am Entstehungszeitpunkt, nämlich um 1287 fest, und dagegen spricht überhaupt nichts, braucht es mehr als dreier Jahrhunderte bis die Handschrift weit entfernt in Detmold wieder auftaucht. Zu fragen ist, was die Handschrift selbst an Anhaltspunkten bietet und was sie leider nicht oder nicht mehr bietet, um diese große Zeitspanne ihrer Überlieferung zu überbrücken.

Besitz-, Schenkungs- oder Stiftungsvermerke aus dem Mittelalter sind in der Handschrift nicht enthalten. Der Originaleinband und auch ein weiterer Einband, der leicht zu erschließen ist, sind nicht überliefert. Vorhandene Fragmente zumindest des zweiten Einbandes wurden offensichtlich im Zuge des Neueinbandes im 19. Jahrhundert abgetrennt und vernichtet; auf eine bescheidene Ausnahme ist später noch einmal zurückzukommen. Damit entfällt die Chance, die ausführende Werkstatt anhand der Einbandmaterialien, Einbandtechnik und vor allem Einbandornamentik auch nur annähernd zu bestimmen. Ferner scheint bisher jeder Beleg für die Existenz der Handschrift vom ausgehenden Mittelalter bis in die frühe Neuzeit zu fehlen: weder wurde sie von einem der Kompilatoren der Folgezeit nachweislich benutzt und identifizierbar zitiert, noch taucht sie im Katalog einer Konvents-, Rats- oder Privatbibliothek auf.

Trotz dieser zweifellos enttäuschenden Aufzählung von offensichtlichen Defiziten enthält die Handschrift einige wenige Hinweise zu ihrer Überlieferungsgeschichte, denen nachzugehen lohnt. Da ist zunächst der dem Text vorgeschaltete Kalender mit Ostertafel. Beide bilden zwar einen eigenen Quaternio und wurden von einer anderen, allerdings gleichzeitigen Schreiberhand niedergelegt, doch hat Amand Berteloot überzeugend nahegelegt, daß diese beiden Hilfsmittel der Zeitrechnung zusammen mit dem Maerlant-Text von Anfang an als Einheit konzipiert worden sind. Daß der Kalender die wesentlichen Lokalheiligen aus den flämischen Diözesen enthält, wurde bereits ausgeführt. Nun hat allerdings schon Maurits Gysseling festgestellt und dies auch in seiner Edition kenntlich gemacht, dass zwei Heiligenfeste von einer Schreiberhand des 15. Jahrhunderts mit hellerer Tinte nachgetragen worden sind: nämlich für den 10. Oktober der hl. Viktor (victoris) und für den 16. Oktober der hl. Gallus (galle). An beiden Tagen existierte bis dahin kein Eintrag im Kalender.

Für die Detmolder Handschrift bedeutet der Nachtrag dieser beiden Heiligen, daß sich die Handschrift im 15. Jahrhundert augenscheinlich an einem Ort oder in einer Region befunden haben muss, in der sowohl Viktor als auch Gallus besondere Verehrung genossen und ihre Festtage mit einem geistlichen Offizium gefeiert wurden; denn sonst macht das ausdrückliche Festhalten gerade dieser beiden Tage wenig Sinn. Viktor, der zusammen mit Gereon und anderen mit dem Martyrium der Thebäischen Legion in Zusammenhang gebracht wird, mag mit seinem Traditionszentrum in Xanten, und damit fast im Zentrum des nordwestdeutsch-niederländischen Raumes gelegen, nicht sonderlich überraschen. Beim heiligen Gallus, Ire oder Räto-Alemanne, dessen Verehrung natürlich vom Bodensee-Gebiet ihren Ausgang genommen hat, liegt das in dem so umschriebenen Raum sicher nicht ohne weiteres auf der Hand. Nun hat die Überprüfung der Festkalender der Diözesen des deutschen Sprachgebietes und der angrenzenden Länder ergeben, daß nur zwei Diözesen infrage kommen, in denen sich beide Heilige - Viktor und Gallus - entsprechender Verehrung erfreut haben: das sind die Diözese Utrecht und die Diözese Münster.

Für die Diözese Utrecht gilt, dass der 10. Oktober, also Viktor und Gereon (Victoris et Gereonis martyrum), im Kirchenjahr einen hohen Festgrad besaß, am 16. Oktober, am Tag des heiligen Gallus (Galli confessoris), wurde zumindest eine Messe gelesen, d.h. die Feste wurden auch tatsächlich gefeiert. Dass die Stifte, Klöster und Pfarrkirchen den Festkalender ihrer Diözese im wesentlichen übernommen haben, ist der Regelfall. Bereits eine ältere Zusammenstellung der „Dietsche(n) Kalender" bestätigt dieses erwartungsgemäß: von den 18 wahrscheinlich aus der Diözese Utrecht stammenden Kalendarien des ausgehenden 14. und des 15. Jahrhunderts, die untersucht und ediert wurden, führen 17 Viktor und Gallus auf. Viktor meist vergesellschaftet mit Gereon oder summarisch ende sijn gesellen. Gallus tritt in der lateinischen Namensform oder volkssprachlich auf, nämlich Galle confessoir oder sunte Galle abt ende confessoer. Erinnert sei nur daran, daß auch der Kalender der Detmolder Handschrift galle aufweist, was aber zugegebenermaßen für sich allein genommen nicht viel besagen muss, denn auch in der Diözese Münster sprach man schließlich niederdeutsch.

Überhaupt scheinen in der Diözese Münster die Dinge ähnlich gelegen zu haben wie in Utrecht. Das Fest der hl. Viktor und seiner Märtyrer-Gefährten zählte auch hier zu den besonders feierlich begangenen Heiligenfesten. Schon die Angaben im Domordinarius aus dem späten 13. Jahrhundert weisen darauf hin, daß es sich um ein Fest „mit Duplexcharakter" gehandelt hat, dem Tag also ein hoher Festgrad zugekommen sein muß. Das Gallusfest wurde hingegen nur mit einer collecta gefeiert.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß auch den Patrozinien der beiden Heiligen in den Diözesen Utrecht und Münster nachgegangen wurde. Wie zu vermuten war, treten Viktor und auch Gallus vereinzelt als Patrone auf, nie jedoch gemeinsam in einer Kirche, Kapelle oder einem Altar. Und selbst wenn solches der Fall wäre, brächte es für die Lokalisierung unserer Handschrift keine neuen Erkenntnisse. Bleibt also nur das vorläufige Fazit: die Detmolder Handschrift von Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme" mit ihrem zugehörigen Kalender wird sich im 15. Jahrhundert mit einiger Wahrscheinlichkeit an einem bisher unbekannten Ort in den Diözesen Utrecht oder Münster befunden haben. Über die Qualität ihres Besitzers kann man gar nichts sagen: geistlicher Konvent, Pfarrkirche, einzelner Kleriker oder auch Laie, Adliger mit Burgkapelle, Inhaber eines Kirchenlehens.

Der Kalender weist noch weitere Nachträge auf, doch führen diese schon ins 16. Jahrhundert: eine Hand aus dieser Zeit hat jeweils über die mittelniederländischen Monatsnamen deren deutsche Bezeichnung sowie die Anzahl der Monatstage in römischen Zahlen hinzugesetzt; offensichtlich wußte man im ausgehenden 16. Jahrhundert in deutschen Territorien mit Monatsnamen wie Loumaent (Januar), Sporcle (Februar), Woedemaent (Juni), Hoest (August), Pietmaent (September) usw. nichts mehr anzufangen. Ich möchte nun nicht so weit gehen und behaupten, dies sei ein Indiz dafür, daß der Kalender etwa 300 Jahre nach seiner ersten Niederschrift noch im Gebrauch gewesen sei. Aber ein gewisses gelehrtes Interesse an Altertümern der Chronologie oder überhaupt muss man unterstellen, und dafür kommen nur Angehörige der Detmolder Familie Schmerheim (Smerheim, Smerem, Smerrimen, Smeremius) infrage.

Wie wir eingangs festgestellt haben, ist von einem früheren Einband der Handschrift nichts erhalten geblieben, daraus ließe sich heute leicht ein Vorwurf formulieren. Doch hat der verantwortliche Bibliothekar der damaligen Fürstlichen Öffentlichen Bibliothek zumindest dafür Sorge getragen, daß ein Besitzeintrag erhalten geblieben und in den Neueinband wieder eingeklebt worden ist. Es handelt sich um ein kleines Stück Papier (7,8 x 2,2 cm) vom früheren Vorsatzblatt mit dem Vermerk einer Hand des 16. Jahrhunderts: C.M.T. Christoff Smerheim (Abb. 2). Die vorangestellte Abkürzung hat bisher viel Kopfzerbrechen bereitet, man hat u.a. ein Namensakronym vermutet, doch verbirgt sich dahinter eine der Devisen, wie sie in der reformatorischen und nachreformatorischen Zeit gern benutzt und vor allem auf Stammbuchblättern, in Libri amicorum und eben auch in Büchern verwendet wurden. Der Wahlspruch, der Angehörige der Familie Schmerheim durch das Leben begleitete, lautet schlicht Christus, mein Trost.

Die Familie Schmerheim, frühere Angehörige wurden Monnink genannt, bildete im 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts über vier Generationen lang gemeinsam mit etwa zehn weiteren Familien die soziale Elite der Stadt Detmold. Sie besaßen Ländereien und Meierhöfe in näherer und weiterer Umgebung der Stadt, empfingen gräfliche Lehen, erwarben Renten und halfen wiederholt dem Landesherrn mit ansprechenden Geldsummen aus. In der Zeit etwa zwischen 1530 und 1640 stellten die Schmerheims in der landesherrlichen Verwaltung mindestens vier Drosten, Vögte und Amtleute in Detmold und in anderen lippischen Ämtern, einen gräflichen Rat, einen gräflichen Oberforstmeister und darüber hinaus drei Detmolder Bürgermeister. Mindestens drei Familienmitglieder besuchten auswärtige Hochschulen. Mit adligen Burgmannenfamilien und anderen Familien der bürgerlichen Führungsschicht - nicht nur aus Detmold - waren sie Konnubia eingegangen, sie erbauten bzw. erwarben und bewohnten in Detmold drei ebenso große wie prächtige Häuser im seinerzeit modernen Stil der Weserrenaissance. Von diesen drei Häusern waren zwei aus Stein gebaut, sie weisen prächtige Giebel, Utluchten und die allegorische Ornamentik der Zeit auf, das dritte war ein mächtiger Fachwerkbau. Allen drei Häusern ist gemeinsam, daß sie an der von Süd nach Nord verlaufenden Hauptstraße der Stadt und damit an prominenter Stelle gelegen waren. Das Haus Lange Straße 14, das noch heute „Schmerrimen-Haus" genannt wird, galt um das Jahr 1600 als das beste Bürgerhaus der Stadt. Ihre erhebliche Finanzkraft lässt vermuten, dass sie zugleich als Kaufleute und hier möglicherweise im Tuch- oder Leinenhandel tätig gewesen sind.

Ein Mitglied dieser Sippe, Christoph Schmerheim, war laut handschriftlichem Eintrag zumindest zeitweiliger Besitzer unserer Maerlant-Handschrift. In der Literatur liest sich das meistens so: „Besitzer war Christoph Schmerheim, der von 1550 bis 1584 das Amt des Bürgermeisters in Detmold bekleidet hat". Diese Aussage rührt offenbar aus einer nicht ganz stimmigen Liste der Detmolder Bürgermeister und kann so pauschal nicht länger vertreten werden. Denn wie die Stammtafel der Familie Schmerheim ausweist, hörten drei Personen auf den Vornamen Christoph, nämlich Onkel, Neffe und Großneffe, so daß wir zunächst feststellen müssen, welchem der drei der Besitzeintrag und damit die Maerlant-Handschrift zuzuweisen ist, und das gelingt mit Hilfe von Resten der Schmerheimschen Bibliothek.

Im Altbestand der Lippischen Landesbibliothek sind neben der Handschrift von „Der naturen bloeme" noch eine weitere mittelalterliche Handschrift, eine Inkunabel sowie 10 Bände des 16. Jahrhunderts überliefert, die aufgrund von Besitzvermerken und Bucheinbänden eindeutig der Bibliothek dieser Detmolder Patrizierfamilie zuzuweisen sind. Ich beschreibe sie hier nur allgemein:

Die Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit dem Titel „Evangelium ex quatuor [in] unum" enthält eine Nacherzählung der Evangelien, eine Evangelienharmonie. Ihr Verfasser ist Hermann Zoest, ein Zisterziensermönch aus dem Kloster Marienfeld in der Diözese Münster. Auf ihn ist später noch einmal zurückzukommen. Mit der Inkunabel von 1480 liegt eine Straßburger Ausgabe der oft gedruckten Predigtsammlung „Sermones dormi secure" des Kölner Minoriten Johannes de Verdena (von Werden) vor. Die anderen Bücher sind zwischen 1558 und 1601 erschienen, es handelt sich um vier reformatorisch-theologische Werke, darunter ein Melanchthon-Text, vier Geschichtswerke und zwei klassische Autoren, nämlich Cicero und Sueton, sieben Werke sind deutschsprachig, die anderen Latein.

Unsere eingangs gestellte Frage, um wessen Autograph es sich in der Maerlant-Handschrift gehandelt hat, kann angesichts der Reste dieser Bibliothek eindeutig beantwortet werden: es ist jener Christoph II., dessen Lebenszeit mit 1540-1623 bestimmt werden kann. Auf ihn gehen beide mittelalterliche Handschriften und die Inkunabel zurück, also Maerlant, die Evangelienharmonie und Johannes von Werden. Bis auf eines gehörten ihm auch alle hier ermittelten Bücher, sein gleichnamiger Sohn dürfte allerdings in zwei Werken zusätzlich seinen Namen und die Devise CMT hinzugefügt haben. Eine Schlüsselstellung für die Zuweisung an Christoph II. nimmt ein Helmstedter Druck von 1581 ein, dessen Einband das Monogramm C S (Christoph Schmerheim) und dazu das Jahr des Einbandes 1582, also ein Jahr nach Erscheinen des Buches, aufweist; Christoph I. war zu diesem Zeitpunkt schon tot, Christoph III. wahrscheinlich noch gar nicht geboren. Ein anderer Einband weist die Jahreszahl 1570 und ein weiterer die Initialen C S B für Christoph Schmerheim Bracensis auf, denn Christoph II. war zeitweilig gräflicher Amtmann in Brake; daneben ist natürlich auch der Schriftduktus eindeutig.

Wir wissen über diesen Christoph Schmerheim leider immer noch viel zu wenig. Er nahm verschiedene Funktionen im landesherrlichen Dienst wahr: gräflicher Vogt in Detmold und in Lage, Amtmann in Brake und Schloßhauptmann wieder in Detmold. Sein Wirken fällt im wesentlichen in die Regierungszeit des Grafen Simon VI. zur Lippe (1554-1613), der bis zum Jahr 1579 noch unter Vormundschaft stand und 1587 seine Hauptresidenz in das damals neu errichtete Schloss Brake vor den Toren der Stadt Lemgo verlegt hatte. Christoph II. Schmerheim hatte von seinem gleichnamigen Onkel, der offenbar kinderlos geblieben war, eines der beiden prächtigen Weserrenaissance-Steinhäuser in Detmold geerbt und zwischen 1570/80 fertiggestellt. Dort, in diesem Haus, das heute das Hotel „Detmolder Hof" (Lange Straße 19) beherbergt (Abb. 4), stand seine Bibliothek und befand sich damit auch über Jahrzehnte die Handschrift von Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme". Christoph II. muss über einen hohen Bildungsgrad verfügt haben; wahrscheinlich hatte er wie seine beiden Brüder Simon (+1594) und Johann (+1607) an einer Universität studiert oder ein Gymnasium illustre besucht, wenngleich bisher ein sicherer Nachweis dafür nicht beigebracht werden kann. Er war jedenfalls des Lateins kundig, me juste possidet ließ er das Evangeliar auf dessen pergamentenem Vorsatz sprechen. Augenscheinlich verfolgte er die für den gelehrten Menschen der Renaissance typischen antiquarischen Interessen: Maerlant-Handschrift und Evangelienharmonie dürfte wohl eher der Rang von Kuriositäten aus alter Zeit zugekommen sein als ernsthafte Quellen der Belehrung und Bildung. Ansätze zu einer Kunst-, Wunder- und Raritätenkammer im städtischen Bürgertum, das dem Adel nacheiferte, lassen sich hier wohl erkennen.

Um zu Erkenntnissen für die Überlieferungsgeschichte der Naturen-bloeme-Handschrift zu gelangen, sind die auf uns gekommenen Exemplare aus seiner Büchersammlung nach Spuren ihrer Provenienz zu befragen. Denn man darf sicher davon ausgehen, und es entsprach bekanntlich dem Gebrauch der Zeit, daß Bücher zwar auch einzeln erworben wurden, gern aber ganze geschlossene Sammlungen oder Teile davon den Besitzer wechselten. Drei Schriften aus dem Restbestand des Schmerheimschen Bücherbesitzes bieten sich für eine solche Untersuchung an.

Da ist zunächst die Inkunabel, das Werk des Johann von Werden „Sermones Dormi secure". Nach Ausweis eines getilgten Eintrages, schenkte ein honorabilis dominus Johannes Kruckeberg das Buch dem Kloster des hl. Jacobus in Rinteln an der Weser. Das war ein Benediktinerkloster und Johann Kruckeberg dessen Propst; zwischen 1471 und 1518 ist er nachzuweisen. Bis zur Auflösung des Klosters durch den protestantischen Grafen Otto von Schaumburg im Jahre 1563 dürfte sich das Buch mit seinem schönen spätgotischen Einband in der Klosterbibliothek befunden haben. Danach stand es wahrscheinlich mit der übrigen fahrenden Habe zur Disposition. Ob es unmittelbar in den Besitz Christoph Schmerheims gekommen ist, bleibt unbekannt; möglicherweise hatte sein Onkel Simon (I.) Schmerheim die Hand im Spiel, denn dieser war zu jener Zeit lippischer Amtmann in Varenholz; das liegt etwa in Sichtweite der Stadt Rinteln. Verbindungen zum sonstigen Buch- und Handschriftenbesitz sind nicht zu erkennen, es mag ein zufälliger Einzelerwerb vorliegen.

Erfolgversprechender scheint da die „Chronica der alten christlichen Kirchen", ein Straßburger Druck von 1558 aus der Feder des Caspar Hedio, eines protestantischen Theologen und Historikers, zu sein. Auf dem Titelblatt findet sich nämlich der ausgestrichene Eigentumsvermerk des Vorbesitzers Johannes Hollen, Prior des Zisterzienserklosters Marienfeld in der Diözese Münster. Hollen ist dort nachzuweisen, und wie der Buchbesitz nahelegt, zeigte er zumindest zeitweilig Interesse an reformatorischer Geschichtsschreibung oder sympathisierte gar mit der neuen Lehre. Spätestens 1572 erstickte eine durchgreifende katholische Visitation solche Ansätze im Kloster, und man darf vermuten, daß sowohl die Klosterbibliothek als auch der Bücherbesitz der Konventualen einer kritischen Durchsicht unterzogen wurden.

Die Erwähnung des Zisterzienserklosters Marienfeld in der Diözese Münster lässt aufhorchen. Aus eben jenem Kloster stammte auch Hermann Zoest, der Verfasser des „Evangelium ex quatuor in unum", neben Maerlant die zweite mittelalterliche Handschrift aus dem Besitz Christoph Schmerheims. Hermann Zoest verfaßte die Evangelienharmonie nach eigener Aussage 1441 in Basel während des dortigen Konzils, an dem er von 1433 bis 1442 als einer der Vertreter des Zisterzienserordens teilgenommen hat. Die hier vorliegende Handschrift war in seinem persönlichen Besitz, sie trägt von seiner Hand Korrekturen, Marginalglossen und am Schluß ein Verzeichnis seiner eigenen Schriften, also seine Personalbibliographie. Sein Autograph kennen wir aus einer Sammelhandschrift in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, die eine Reihe seiner Werke überliefert; diese Wolfenbütteler Sammelhandschrift wurde im übrigen in der gleichen Schreibwerkstatt wie die Evangelienharmonie geschrieben und befand sich im 17. Jahrhundert bezeichnenderweise im Besitz des Münsteraner Bischofs Ferdinand von Fürstenberg.

Hermann Zoest wurde um 1380 in Münster geboren, er besuchte dort die Stiftsschule St. Liudgeri und trat in das Zisterzienserkloster Marienfeld ein. Studiert hat er wahrscheinlich in Prag, vielleicht auch in Köln. Seine Werke sind kirchengeschichtlichen, konzilstheoretischen und kalendarisch-astronomischen Inhalts, gelegentlich wird er auch als mathematicus und astronomus bezeichnet. Am Konzil in Basel hat er auf Geheiß des Abtes von Citeaux vor allem wegen der dort zur Verhandlung anstehenden Kalenderreform teilgenommen. Wie die Konzilsakten ausweisen, trug er zweimal 1434 und 1440 in Fragen der Kalenderverbesserung vor der Generalkongregation vor. Fünf seiner insgesamt 23 Werke befassen sich mit Fragen des Kalenders; zwei dieser kalendarischen Schriften, nämlich die Phaselexis sive de correctione paschalis errore und das Compendium paschale haben, wie die Titel bereits hinreichend ausweisen, das kalendarische Osterfest zum Inhalt. Und er berichtet u.a. darin, daß er für die Osterfeste vom Jahr 1441 an auf 532 Jahre eine tabula terminorum, also eine Ostertafel berechnet habe.

Hermann Zoest starb im Kloster Marienfeld um das Jahr 1445. Die Handschriften aus seinem Besitz dürften im Kloster verblieben sein, eine gelangte im 17. Jahrhundert an den Bischof von Münster, die andere, nämlich die Evangelienkompilation, findet sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zusammen mit einem weiteren Buch aus Marienfeld, der „Chronica" des Marienfelder Priors Hollen, im Besitz Christoph Schmerheims. Und es überrascht sicher nicht, daß dieser Detmolder Bürger und landesherrliche Vogt im Zisterzienserkloster Marienfeld kein Unbekannter gewesen ist: am 16. Oktober 1569 weilte er dort zu Gast, Abt Hermann Fromme verehrte ihm ein wertvolles Schnupftuch (snuivelldoeck) und Christoph erwarb vom Abt für 42 Taler ein fuchsfarbenes Pferd (den voeß), das letzterer selbst erst kürzlich von seinem Schreiber gekauft hatte. Die Verbindungen der Schmerheims zum Kloster Marienfeld dürften allerdings schon älter sein und mit ihrer Tätigkeit im landesherrlichen Dienst zusammenhängen, denn sowohl Christophs Vater Arnd als auch später er selbst (1571) versahen das Amt des gräflichen Vogtes in der Vogtei Lage, zu der insbesondere auch Stapelage gehörte. Dort besaß Marienfeld seit alters her das Patronatsrecht, ferner den zur Kirche gehörenden Hof, den Zehnten sowie andere Länderein.

Wir fassen nunmehr zusammen:

  • zwei mittelalterliche Handschriften - die Evangelienharmonie und „Der naturen bloeme" - gelangen im 16. Jahrhundert nach Detmold an den gleichen Besitzer, nämlich Christoph Schmerheim, die Evangelienharmonie stammt sicher aus dem Kloster Marienfeld
  • ein theologischer Druck rührt ebenfalls aus Marienfeld und findet sich in Detmold ebenfalls bei Christoph Schmerheim
  • Beziehungen Christoph Schmerheims zum Kloster Marienfeld sind nachzuweisen
  • ein gelehrter Zisterzienser aus Marienfeld, der sich intensiv mit Fragen des Kalenders und hier besonders mit der Lage des Osterfestes befaßt, verfaßte und besaß die Evangelienharmonie
  • die Maerlant-Handschrift verfügt über einen Kalender mit vorgeschalteter Ostertafel für die Jahre 1287 bis 1319.

Angesichts dieses Gesamtbefundes darf mit guten Gründen die These aufgestellt werden, daß 1569 oder zeitnah auch die Handschrift von Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme" aus dem Kloster Marienfeld den Besitzer wechselte und mit den anderen Stücken nach Detmold verschenkt oder verkauft worden ist. Und ihr früherer Eigentümer dürfte kein geringerer als der Zisterziensermönch Hermann Zoest gewesen sein, der als der bedeutendste Gelehrte und Schriftsteller Westfalens im 15. Jahrhundert gilt. Der dürfte sie an bisher unbekanntem Ort erworben haben, weniger wegen ihres naturkundlichen Inhalts, sondern eher wegen des vorgebundenen Kalenders mit der Ostertafel, denn die benötigte er für seine eigenen kalendarischen Studien, in denen zwangsläufig der Berechnung des Osterfestes eine besondere Bedeutung zukam. Nicht zu vergessen ist darüber hinaus: Marienfeld liegt in der Diözese Münster und dort verehrte man im Festkalender auch Viktor und Gallus. Grund genug, beide im Kalendarium nachzutragen. Damit schließt sich dieser Kreis.

Haus und Bibliothek Christoph II. Schmerheims gingen sicher noch zu Lebzeiten an seinen gleichnamigen Sohn Christoph III. Der war nun tatsächlich Bürgermeister der Stadt Detmold von 1616 bis 1627, und wiederum über dessen Sohn, der früh verstarb, fielen das Haus und das gesamte Inventar an einen Vetter namens Arnd. Dieser besaß schräg gegenüber das andere großartige Gebäude aus Stein, das „Schmerrimen-Haus"; dorthin wanderten wohl auch Bücher und Handschriften. Hoch verschuldet war Arnds Witwe im Jahre 1659 gezwungen, das Haus mit allem Zubehör an den Landesherrn abzutreten, und der überwies die Druck- und Handschriften der Familie Schmerheim an die Gräfliche Öffentliche Bibliothek, die seit 1614 in der Kirche des ehemaligen Augustinerinnenklosters aufgestellt war und dort zugleich als Schulbibliothek für das Detmolder Gymnasium fungierte (Abb. 5). In den Bibliothekskatalogen von 1665 und 1707 finden sich jedenfalls alle Bücher der früheren Privatbibliothek Christoph Schmerheims verzeichnet; die mittelalterlichen Handschriften, und das waren nicht nur Maerlant und die Evangelienharmonie, hatte man allerdings in diese Kataloge gar nicht aufgenommen. Das darf nicht verwundern, sie taugten längst nicht mehr für den Schulgebrauch, sie waren Relikte aus vorreformatorisch-papistischer Zeit und für eine Schule, in der die künftige geistige und geistliche Elite der reformierten Grafschaft Lippe herangebildet werden sollte, völlig ungeeignet. Bleibt zu ergänzen, daß der Konrektor der Provinzialschule Franz Wilhelm Wellner, in dessen Obhut sich die Bibliothek befand, im Schulprogramm des Jahres 1773 die Handschrift von „Der naturen bloeme" mit den anderen Handschriften auf Pergament erstmals beschrieben hat: „Eine wahre Seltenheit" sei sie unstreitig und von beträchtlichem Alter, „eine Art Naturgeschichte, welche Herr Jacob van Meerland durch verschiedene eingestreuete Bemerkungen practisch zu behandeln bemühet ist". Er konnte die Handschriften vorbehaltlos beschreiben, denn auch in der Grafschaft Lippe hatte die Aufklärung längst Fuß gefaßt.