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„Du bist mir eine Stimme in der Wüste gewesen“. Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) zum 200. Geburtstag

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 94 (2001), 6/7, S. 107-108.

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Christian Dietrich Grabbe. Nach einer Kreidezeichnung von Wilhelm Pero (1836)

Am 28. April 1827 hatte der Frankfurter Buchhändler Georg Ferdinand Kettembeil an den Detmolder Rechtsanwalt Christian Dietrich Grabbe geschrieben und ihm angeboten, seine Jugenddramen in Verlag zu nehmen. Grabbe antwortete postwendend und schüttete dem Studienfreund sein ganzes Herz aus:

„Ich stehe erträglich und verdiene auch erträglich – aber ich bin nicht glücklich, werde es auch wohl nie wieder. Ich glaube, hoffe, wünsche, liebe, achte hasse nichts, sondern verachte nur noch immer das Gemeine; ich bin mir selbst so gleichgültig, wie es mir ein Dritter ist; ich lese tausend Bücher, aber keines zieht mich an; Ruhm und Ehre sind Sterne, derenthalben ich nicht einmal aufblicke; ich bin überzeugt alles zu können, was ich will, aber auch der Wille erscheint mir so erbärmlich, dass ich ihn nicht bemühe; ich glaube ich habe so ziemlich die Tiefen des Lebens, der Wissenschaft, und der Kunst genossen; ich bin satt von dem Hefen [...]. Meine jahrelange Operation, den Verstand als Scheidewasser auf mein Gefühl zu gießen, scheint ihrem Ende zu nahen: der Verstand ist ausgegossen, und das Gefühl zertrümmert.“

Wie immer bei Grabbe waren diese Äußerungen eine bildhafte Mischung aus echter Depression und stilisierter Pose, aus Selbstoffenbarung und berechnetem Effekt. Doch das Pathos war der Situation angemessen, denn der unerwartete Brief Kettembeils wurde für den jungen Juristen zu einer Lebenswende. Hatte Grabbe sich in Detmold gerade einigermaßen eingerichtet, eine bürgerliche Karriere begonnen, seine literarischen Arbeiten zur Seite gelegt und seine hochfliegenden Träume von einem epochalen Erfolg als Theaterschriftsteller begraben, so erschütterte dieser Brief von neuem seine ganze Lebensplanung.

Als Sohn des Zuchtmeisters Adolph Henrich Grabbe am 11. Dezember 1801 in der Dienstwohnung des Detmolder Zuchthauses geboren, stammte Grabbe aus einfachen Verhältnissen, hatte aber eine sorgfältige Erziehung genossen. Seine Eltern hatten ihrem einzigen Sohn eine höhere Schulbildung ermöglicht und Grabbe war auf dem fürstlichen Gymnasium in Detmold ein fleißiger und guter Schüler gewesen. Früh schon fiel er durch seinen gewaltigen Lesehunger auf; bereits als Schüler brachte er seinen weitherzigen Vater immer wieder dazu, ihm über die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo auch durchaus kostspielige Bücher zu besorgen. Erste poetische Versuche des 16-Jährigen fanden Anerkennung in der Schule und bestärkten ihn in seiner Zuversicht, ein Leben als freier Schriftsteller vor sich zu haben.

Im Sommersemester 1820 nahm Grabbe, gefördert durch ein Stipendium der Fürstin Pauline, an der Leipziger Universität ein Jura-Studium auf. Hier lernte er auch Georg Ferdinand Kettembeil kennen. Nach vier Semestern wechselte er an die Berliner Universität. Dort besuchte er allerdings kaum noch Vorlesungen, verfolgte statt dessen vorrangig seine literarischen Ambitionen. In Berlin schloss er sein erstes Drama „Herzog Theodor von Gothland“ ab, schrieb das Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ nieder, begann ein Geschichtsdrama unter dem Titel „Marius und Sulla“ und ein Trauerspiel „Nannette und Maria“. In einer Gruppe junger Gleichgesinnter als poetisches Genie gefeiert, von der Anerkennung seiner dichterischen Begabung durch eine Berühmtheit wie Ludwig Tieck beflügelt, täuschte Grabbe sich über seine Erfolgaussichten als fortschrittlicher Dramatiker und gab sich der Illusion hin, er habe große Chancen am Theater. Den beruflichen Einstieg dort hoffte er als Schauspieler zu finden; aber damit scheiterte er völlig. Sowohl in Dresden als auch in Leipzig, Braunschweig und Hannover gelang es ihm nicht, einen Intendanten von seinem Schauspieltalent zu überzeugen und eine Anstellung zu finden. Diesen Misserfolg erlebte Grabbe als Absturz ins Bodenlose. Als seine Barschaft völlig aufgezehrt war, kehrte er nach Detmold ins Elternhaus zurück.

Hier rebellierte er einige Monate lang gegen seine vermeintliche Niederlage, mied jeden Kontakt und wehrte sich gegen die Vorstellung, sich „in der Kleinstädterei anzusiedlen“. Dann aber siegte die Vernunft: Grabbe arrangierte sich mit den gegebenen Umständen und fasste doch noch eine andere berufliche Perspektive als die des freien Schriftstellers ins Auge. Er beantragte bei der Fürstlich Lippischen Regierung die Zulassung zum juristischen Examen, bereitete sich auf die Prüfung intensiv vor und erhielt im Juni 1824 mit dem Bestehen des Examens die Erlaubnis, in Detmold als Rechtsanwalt zu arbeiten.

Dem Freund Kettembeil berichtete er: „Meine Praxis vermehrte sich bald, mein juristischer (denk Dir!) Ruf wuchs, ich machte alle wilden Zeiten vergessen, selbst die ersten Personen des Landes beehrten mich mit ihrem Zutrauen, ja, ohne dass ich irgend angetragen hatte, übertrug mir, dem Menschen, der hier im Lande keine bedeutende Connexion besitzt, die Regierung die Geschäfte des Militärauditeurs, also die Gerichtsbarkeit über 1200 Mann Soldaten [...].“

Drei Jahre lang also hatte Grabbe sich als Jurist in Detmold bestens bewährt, seine dienstlichen Obliegenheiten verlässlich, solide und zur höchsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten versehen. An seine „dramatischen Geschöpfe“ hatte er in dieser Zeit keinen Gedanken verwendet. Da wühlte Kettembeils Brief die alten Träume wieder auf. Die vorangehenden drei Jahre stellten sich plötzlich als Unglück dar, als Zeit der Lethargie und des Selbstbetrugs. Die spätere Forschung zu Grabbes exzentrischer und faszinierender Dichterpersönlichkeit ist dessen eigener Geringschätzung gefolgt, hat seine juristische Tätigkeit als „Broterwerb“ und die Detmolder Jahre zwischen 1824 und 1827 als zwangsläufig erfolglosen „Anpassungsversuch“ diskreditiert: Grabbe in der lippischen Wüste – ein Dasein im gänzlich Unfruchtbaren, dem Leben abgewandt, der Leere ausgesetzt.

Georg Ferdinand Kettembeil, dessen Stimme unverhofft in diese „Wüste“ drang, hatte im April 1827 die J. C. Hermann’sche Buchhandlung in Frankfurt am Main übernommen und offenbar sofort daran gedacht, dem Studienfreund den Druck seiner bewunderten Frühwerke anzubieten. In fliegender Eile überarbeitete Grabbe die Manuskripte von „Herzog Theodor von Gothland“, „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, „Nannette und Maria“ und das Fragment „Marius und Sulla“ für den Druck, sandte sie schon am 1. Juni 1827 an Kettembeil ab und ergänzte im Juli noch seinen Aufsatz „Über die Shakespearo-Manie“. Im Oktober 1827 erschienen seine „Dramatischen Dichtungen“ in zwei Bänden im Verlag der J. C. Hermann’schen Buchhandlung.

Grabbe war ängstlich besorgt um Herstellung, Verkauf und Preisgestaltung. Das Erscheinen seines Buches sollte eine literarische Sensation werden, deshalb sorgte er für eine beachtliche Reklame. Und er konnte mit dem Resultat zufrieden sein: Sein Werk erregte das gewünschte Aufsehen. Es wurde in den führenden literarischen Zeitschriften besprochen, und wenngleich die Kritik zwiespältig war, so wurde ihm doch überall ein außerordentliches Talent bescheinigt.

Grabbe fühlte sich von der Leere befreit, sah sich „der Litteratur zurückgegeben“. Sofort stürzte er sich in neue literarische Projekte, teilte Kettembeil immer neue Vorhaben mit. In den Jahren 1827/28 entstand seine Tragödie „Don Juan und Faust“, die – als einziges von Grabbes Theaterstücken noch zu seinen Lebzeiten – im Maerz 1829 am Detmolder Hoftheater uraufgeführt wurde. Sie erschien im Januar 1829 bei Kettembeil im Druck. Im gleichen Jahr verlegte dieser mit „Kaiser Friedrich Barbarossa“ auch das erste von Grabbes Hohenstaufen-Dramen.

Georg Ferdinand Kettembeil
(1802-1857)

Im August 1829 schloss Grabbe mit dem Freund Kettembeil für die Dauer von vier Jahren einen Verlagsvertrag, der vorsah, dass Grabbe ab Januar 1830 jährlich mindestens drei Dramen liefern und dafür ein monatliches Honorar von 24 Reichstalern beziehen solle. Kettembeil war berechtigt, ungeeignete Arbeiten zurückzuweisen und gegebenenfalls das Honorar zu kürzen; er konnte die Zahlungen an Grabbe auch einstellen, falls dieser nicht wenigstens alle vier Monate ein Manuskript vorlegte.

Trotz seines neu erwachten immensen Schaffensdranges bewältigte Grabbe dieses Pensum nicht. Zu ersten Unstimmigkeiten kam es, als Kettembeil das dramatische Märchen „Aschenbrödel“ nicht als vertragsgemäße Leistung anerkannte und als er den Druck des ihm unfertig erscheinenden zweiten Hohenstaufen-Dramas „Kaiser Heinrich VI.“ in Erwartung einer verbesserten Fassung fast ein Jahr lang hinauszögerte. Im Mai 1830 setzte er die Zahlungen an Grabbe aus. Grabbe ließ es sich gefallen, bat nur gelegentlich noch um Vorschüsse.

Die Julirevolution 1830 lenkte seinen Blick weg vom mittelalterlichen Hohenstaufen-Stoff auf ein zeitgenössisches Thema. Im Mai 1831 erschien bei Kettembeil sein Theaterstück „Napoleon oder die hundert Tage“, das als sein Meisterwerk und eines der wichtigsten Geschichtsdramen der Weltliteratur gilt. Es schildert die Rückkehr Napoleons aus Elba 1815 und setzt die Entscheidungsschlacht gegen ihn wirkungsvoll in Szene. Dabei sprengt das Stück nicht nur die konventionelle geschlossene Form des klassischen Dramas. Grabbes Napoleon ist auch kein klassischer Dramenheld mehr, der in einer tragischen Konstellation durch einen Gegenspieler zu Fall kommt, sondern einer, der beim Versuch, den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen, an den gegebenen Verhältnissen scheitert, ohne dass darin irgendein höherer Sinn zu finden wäre. Damit wies Grabbe weit über seine Zeit schon voraus in die Moderne.

Ab Herbst 1830 verschärften sich Grabbes gesundheitliche Probleme; er begann seine Dienstgeschäfte zu vernachlässigen. Auch seine dichterischen Impulse erlahmten. Die im Maerz 1833 geschlossene, von Anfang an konfliktträchtige Ehe mit Louise Christiane Clostermeier warf ihn vollends aus der Bahn. Grabbe bat um Versetzung in den Vorruhestand, die ihm aber nicht gewährt wurde. Daraufhin reichte er seinen Abschied ein und wurde, als er nach einem halbjährigen, wenig hilfreichen Erholungsurlaub immer noch darauf bestand, zum Ende des Jahres 1834 ohne Pension aus dem Staatsdienst entlassen.

Seine Hoffnung richtete sich nun auf Kettembeil, der ihm dabei helfen sollte, sich endlich doch noch als freier Schriftsteller zu etablieren. Die „Hannibal“-Tragödie im Koffer, traf er im Oktober 1834 in Frankfurt ein. Was auch immer Kettembeil ihm vorgeschlagen haben mag: Grabbe in seiner übersteigerten Empfindlichkeit sah es als Zumutung an, fühlte sich gedemütigt und ließ es zum endgültigen Zerwürfnis kommen. Er schleppte schon zuviel Wüste mit sich, als dass Kettembeils Stimme ihn noch einmal hätte daraus befreien können.

Der Bruch mit Kettembeil war so entscheidend für Grabbe wie der Anfang ihrer Verlagsbeziehung im Mai 1827: Er leitete einen Prozess der endgültigen Verwüstung ein. Grabbe überließ sich seinem Alkoholismus, verdämmerte die Tage auf seinem Zimmer oder in Schankstuben, war auf fremde finanzielle Hilfe angewiesen. Für kurze Zeit fasste er unter Karl Immermanns Einfluss in Düsseldorf noch einmal Tritt, beendete den „Hannibal“, das „Aschenbrödel“ und begann mit der Niederschrift seines letzten Werkes „Die Hermannsschlacht“. Gesundheitlich ruiniert und beruflich ohne Perspektive kehrte er schließlich ein zweites Mal als Gescheiterter nach Detmold zurück, wo er am 12. September 1836 starb.

Zum Jubiläum seines 200. Geburtstages beschäftigen sich Schriftsteller, bildende Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Bibliothekare und Theaterleute in Detmold mit Grabbes Leben und Werk. In den Monaten September bis Dezember 2001 wird ein vielfältiges Programm mit Lesungen, Konzerten, Vorträgen, Ausstellungen und Theateraufführungen die vielen Facetten von Grabbes Dichterpersönlichkeit beleuchten. Ab dem 13. Dezember zeigt Ihnen die Lippische Landesbibliothek Grabbe „im Original“. Das Literaturarchiv der Landesbibliothek, das die weltweit größte und bedeutendste Grabbe-Sammlung besitzt, präsentiert umfassend seine Schätze an Handschriften, Büchern, Briefen, Bildern und Theatermaterialien.