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„Er ist auferstanden, er ist nicht hier ...“. Das Einzelblatt „Die Frauen am Grabe“ aus dem 11. Jahrhundert in der Lippischen Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 94 (2001), 4, S. 74-75.

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Mscr 71

Die Evangelisten berichten in unterschiedlicher Ausführlichkeit und mit Abweichungen im Detail vom Geschehen am Ostermorgen am heiligen Grabe, erinnern wir uns: in aller Frühe eilen Maria Magdalena (von Magdala), Maria, die Mutter des Jakobus, und weitere zum Felsengrab. Sie haben sich mit wohlriechenden Ölen und Salben (aromata) versehen, um den Leichnam des Gekreuzigten der Tradition gemäß würdig herzurichten und zu salben. Zu ihrer Überraschung steht das Grabgewölbe offen, die schwere Grabplatte ist beiseite geschoben, das Grab selbst ist leer, nur Leichentuch und Schweißtuch lassen kürzlichen Gebrauch vermuten. Erschrocken nehmen die Frauen eine Lichtgestalt wahr, bei dessen Auftauchen die bewaffneten Wächter des Grabes jäh erstarren. Beruhigend spricht sie jedoch der Engel an und verkündet ihnen, dass Jesus von Nazareth, dessen Leichnam sie suchen, nicht mehr hier bestattet läge, sondern auferstanden sei, und dass er voraus nach Galiläa gegangen sei, wo man ihn sehen werde. Den Frauen wird aufgetragen, diese Botschaft an seine Jünger weiterzugeben.

Die Begegnung der Frauen mit dem Engel am Ostermorgen stellt bis in das 12. Jahrhundert hinein das übliche Bild von der Auferstehung Christi in der okzidentalen Kunst dar, denn die Evangelisten haben nur dieses Ereignis, nicht aber die Auferstehung des Herrn selbst beschrieben; erst später wagte man sich an dieses Mysterium des Glaubens auch von künstlerischer Seite heran. Bildliche Darstellungen des Geschehens am Ostermorgen sind als spätantike Fresken, ferner plastisch als Elfenbeindyptichen und auf Pilgergefässen seit der Mitte des 3. Jahrhunderts bekannt; seit dem frühen Mittelalter ziert das Ostermorgenbild in zunehmendem Maße und in variierender Ausgestaltung Evangeliare und liturgische Handschriften. Die Lippische Landesbibliothek besitzt mit einem  Einzelblatt der „Frauen am Grabe“ ein solch vorzügliches Zeugnis abendländischer Buchmalerei; das Pergamentblatt in den Maßen 22,4 : 15,4 cm ist etwa zwischen 1030 und 1050 entstanden und bedeutet damit zugleich die bisher älteste mittelalterliche Handschrift unserer Bibliothek.

Die Miniatur „Die Frauen am Grabe“ ist Überrest eines schon im Mittelalter zerschnittenen und damit für die Nachwelt verlorenen Manuskriptes, sie findet sich eingeklebt in den vorderen Einbanddeckel einer Textbearbeitung des „Evangelium ex quatuor [in] unum compilatum“ (Mscr. 71), eine Nacherzählung der vier Evangelien mit moralisierenden Glossen, die der Marienfelder Zisterziensermönch Hermann Zoest im Jahre 1441 während des Basler Konzils verfasst hat. Zoest hielt sich von 1433 bis 1442 in Basel auf, wohin er als mathematisch-astronomisch versierter Konzilsdeputierter seines Ordens vorrangig wegen der dort u.a. zur Verhandlung anstehenden Kalenderreform berufen worden war; darüber hinaus befasste er sich mit kirchengeschichtlichen und konzilstheoretischen Fragen. Er starb um 1445 im Kloster Marienfeld. Das in einer klaren Buchschrift, einer sog. „Gotico-Humanistica“, niedergelegte Werk ist noch zu Lebzeiten seines Autors entstanden und befand sich, wie Randbemerkungen, Korrekturen auf Rasur sowie ein Schriftenverzeichnis (Bl. 267v) von seiner Hand nahelegen, sogar in seinem Besitz. Der Codex ist in einen prächtigen spätgotischen sakralen Prachteinband aus poliertem Messingblech eingebunden. Aufgesetzt sind auf Vorder- und Rückendeckel Hochreliefmedaillons mit den Symbolen der vier Evangelisten, 34 Halbedelsteine schmücken den Einband, hinter dessen filigranem Gitter auf dem Vorderdeckel sich eine (verlorene) Elfenbeinschnitzerei einer biblischen Szene oder eine Reliquie befunden haben mögen. An gleicher Stelle ist in den Rückendeckel ein Bergkristall   (Durchmesser 58 mm) eingelassen. Der Einband wurde 1983 restauriert.

Die Miniatur „Die Frauen am Grabe“ wurde augenscheinlich bereits bei Herstellung und Einband des Codex im 15. Jahrhundert in den vorderen Einbandspiegel eingeklebt. Das belegt die nachträglich ausgeführte Randleiste des Blattes, deren derbe Blattbüschelranken auf kreuzschraffiertem Grund und die Umschrift in kräftiger Kapitalschrift von der gleichen Hand rühren, die auch im Inneren für die Zeichnung von acht Wappen und für weiteres Schmuckwerk verantwortlich ist. Die Umschrift lautet: DIXIT . ANGELVS . MVLIERIBVS / . SVRREXIT . NON . EST . HIC . ECCE . / LOCVS . VBI . POSVERVNT / . EV(M) . PRECEDET . ENI(M) . VOS . IN . GALILEA(M). (=Der Engel sprach zu den Frauen: Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Sehet da die Stätte, wo sie ihn niedergelegt haben. Er geht euch freilich voraus nach Galilea.)

Das auf der rechten Seite allerdings ohne Bildverlust stark beschnittene Einzelblatt zeigt in einer Kombination von Innen- und Außenansicht das leere Grab Christi am Ostermorgen: in einem durch flankierende Säulen mit Architrav (=der die Säulen verbindende Querbalken) und kuppeligem Baldachin geschaffenen Binnenfeld sitzt rechts auf dem geöffneten Steinsarkophag der Engel, die rechte Hand zum Friedensgruß erhoben, die Linke hält den Stab, sein weißes Übergewand flattert in die Bildmitte, die das Grab deckende Steinplatte ist zur Seite geschoben, darauf und auf dem Rand des Sarkophags liegen lose das Leichentuch und das zu einem Knäuel zusammengewickelte Schweißtuch; der Engel spricht die ihm gegenüber links ins Bild tretenden Frauen an. Folgt man der Überlieferung dieser Szene im Markus-Evangelium (Kap. 16,6), so stehen Maria Magdalena und Maria, Mutter des Jakobus, im Vordergrund, dahinter, von beiden nahezu verdeckt, Salome, sie sind in weite Gewänder – Tunika und Palla - gehüllt; die beiden Erstgenannten halten in der linken Hand eine Pyxa, ein Salbgefäß, Maria Magdalena schwenkt zudem mit der Rechten ein Weihrauchfaß; alle vier Gestalten sind mit einem Heiligenschein (Nimbus) versehen. Den Baldachin oberhalb des Architravs flankieren zwei schlafende Wächter mit Schild und Speer, das ganze wird eingerahmt durch zwei turmähnliche Bauwerke mit gekreuzten Giebeln. Die gesamte Darstellung ist in Deckfarbenmalerei ausgestaltet. Auf goldenem Hintergrund überwiegen weißliche Hellblau- und Lachsrosatöne sowie Gelb und Gelbgrün, Purpurrot und Mittelblau.

Die Bildkomposition geht auf Vorlagen der Reichenauer Buchmalerei zurück, die Gestaltung der Personen, namentlich der Gesichter, verrät jedoch Züge bayerischer Malerschule. Von bestechender Nähe in Komposition, Motiv, Stil, Farbgebung und Formenvorrat bis ins Detail ist das entsprechende Ostermorgen-Bild im Benediktionale (=liturgisches Buch für die Amtsführung des Bischofs im Kirchenjahr) des Bischofs Engilmar von Parenzo (heute im  J. Paul Getty Museum, Malibu, Calif./USA). Die Amtszeit dieses Bischofs zwischen 1028 bis 1045 geben nicht nur den zeitlichen Rahmen für diese für ihn hergestellte Handschrift ab, sondern bedeuten mit guten Gründen auch für das hier in Detmold vorliegende Einzelblatt den wahrscheinlichen Entstehungszeitraum: Denn ein jüngst aufgefundenes weiteres Handschriftenfragment deutet zweifellos darauf hin, dass das Einzelblatt aus der Lippischen Landesbibliothek aus einem heute verlorenen Benediktionale rührt, das etwa zur gleichen Zeit, also im 2. Viertel des 11. Jahrhunderts, im Skriptorium (=Schreibwerkstatt) einer geistlichen Gemeinschaft aus Regensburg - und hier wohl in der des Klosters St. Emmeram - entstanden ist; damit wird zugleich die bisher bereits von kunsthistorischer Seite ausgesprochene Vermutung nachhaltig bestätigt. Mithin dürfte es sich bei diesem kassierten Benediktionale, aus dem das Detmolder Einzelblatt rührt, um eine Schwesterhandschrift des Engilmar-Benediktionales handeln. Für letzteres wird aufgrund der Nähe des früheren Niederaltaicher Mönchs Engilmar zum Konvent von St. Emmeram gleichfalls dortige Herkunft nahegelegt.

In Komposition, Stil und einzelnen Form- und Figurenelementen verwandt und der Detmolder Redaktion vorausgehend oder zeitlich etwa parallel sind die entsprechenden Szenen des Ostermorgens in verschiedenen hervorragenden liturgischen Handschriften aus dem Kloster Reichenau oder dessen Umfeld, die sich heute in Bibliotheken in Bamberg, München, Oxford, Hildesheim und Utrecht befinden.

Das „Evangelium ex quatuor [in] unum“ und mit diesem auch das Einzelblatt der „Frauen am Grabe“ kam um 1570 mit weiteren Handschriften und Büchern aus dem Zisterzienserkloster Marienfeld an den Detmolder Patrizier, landesherrlichen Vogt und Kaufmann Christoph (II.) Schmerheim (1540-1623), dessen Besitzeinträge sich auf dem Vorsatzblatt und auf dem hinteren Buchdeckel befinden. Durch seine Erben gelangte die Handschrift zusammen mit dem übrigen Bücherbesitz der Familie im 17. Jahrhundert über den lippischen Landesherrn in die Gräflich Öffentliche Bibliothek, die heutige Lippische Landesbibliothek.