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Ferdinand Düstersiek und Wilhelm Pecher – Zwei Detmolder Fotografen der Jahrhundertwende

von Frank Jendreck

Druckfassung in: Heimatland Lippe 93 (2000), 2, S. 49-53. →Link zum Artikel.

Ferdinand Düstersiek

Der in dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte Fotograf Ferdinand Düstersiek wurde am 15. Oktober 1856 in Detmold geboren. Seine Eltern, Fritz und Luise Düstersiek, wohnten der Lemgoer Straße 7. 1868 kam dort auch Ferdinands Schwester Julie zur Welt. Später zog die Familie in die Lange Straße 81, in das Haus der ehemaligen Gärtnerei von Christian Töberich.
Im Adress- und Geschäfts-Handbuch der Fürstlichen Residenzstadt Detmold aus dem Jahre 1891 findet sich der Eintrag: „Ferdinand Düstersiek Mechaniker Lagesche Straße 36 Detmold Anfertigung mathematischer Zeicheninstrumente. Anlage von elektrischen Haustelegrafen, Telephonen usw...“

1911 druckte der Fürstlich Lippische Kalender eine Anzeige, in der Ferdinand Düstersiek als Hof-Mechaniker und Optiker inserierte. Unter der Adresse Lange Straße 11 bot er neben Brillen, Fernrohren und Thermometern auch die Reparatur aller optischen und mechanischen Artikel an. Ferdinand Düstersiek wurde im Adressbuch aus dem Jahre 1930 unter obiger Adresse der Berufsbezeichnung Rentner geführt. Am 10. Oktober 1931 kaufte Ferdinand Düstersiek das Haus in der Langen Straße 11. Ferdinand Düstersiek verstarb am 4. Oktober 1945.

Ferdinand Düstersiek hat als einer der ersten Detmolder Amateurfotografen das städtische Leben von etwa 1900 bis 1930 dokumentiert. Das Gros seiner Arbeiten sind Ansichten von Häusern und Straßenzügen sowie zahlreiche Innenaufnahmen Detmolder Bürgerhäuser und des Fürstlichen Schlosses. Portraits sind auf wenige besondere Anlässe, wie bei Empfängen, Umzügen oder Aufführungen, beschränkt. Die Unhandlichkeit seiner Ausrüstung band ihn an das Detmolder Stadtgebiet. Allenfalls Ziele, die mit der elektrischen Straßenbahn erreichbar waren, wie die Stadt Horn oder die Detmolder Vororte, erlaubten freien Zugang. Bis auf zwei Stadtansichten, einmal von halber Höhe der Grotenburg aus, eine andere von der Sternschanze herab, hat Ferdinand Düstersiek den befestigten Untergrund mit seiner Kamera nicht verlassen.
Innerhalb dieser technisch bedingten Grenzen hat Ferdinand Düstersiek jedoch Außerordentliches geleistet, man beachte die Ansichten über die Dächer Detmolds hinweg, zu denen die Kamera auf Dachböden, Kirchen- und Schlosstürmen aufgestellt wurde, dazu die vielen Haus- und Straßenansichten aus den Fenstern der oberen Stockwerke heraus.

Die Wichtigkeit seines fotografischen Lebenswerkes ist außerordentlich groß, da seine Arbeiten nahezu die gesamte Detmolder Innenstadt am Beginn dieses Jahrhunderts in hervorragender fotografischer Qualität abbilden.

Detmold, Exterstraße 14, Diele des Hauses Kanne, um 1910.
Foto: Ferdinand Düstersiek

Seine Fotos sind Meisterwerke ausgewogener Komposition, er stellt die Ausschnitte der städtischen Welt Detmolds in fast grafischer Strenge zusammen, ohne jedoch die Bildinhalte zu reduzieren. Form und Inhalt sind sowohl in sich als auch gegeneinander ausgewogen. Die Bildelemente, wie Ofen, Wände und Treppenaufgang bei dem Foto des Hauses Kanne in der Exterstraße 14 stehen gleichwertig nebeneinander, gleichzeitig enthält sich die Bildaussage jeglichen Kommentars zu dem eher ärmlichen Ambiente, welches weder ästhetisiert noch beurteilt wird.

Die Fotos der gemauerten Ofen und Feuerstellen in den Dielen der Detmolder Bürgerhäuser waren für ihn letzte Zeugen des schwindenden Ackerbürgertums. Düstersiek suchte geradezu nach den Relikten aus alter Zeit, um sie fotografisch festzuhalten. In seinen seltenen Nahaufnahmen setzte er einen Ofenstein ebenso ins rechte Licht wie die Bürgermeisterlaterne aus dem alten Rathaus oder die Kostbarkeiten der Fürstlichen Schatzkammer. Dieses gleichberechtigte Nebeneinander zeigt die wahre Größe Düstersieks als des ersten sozialdokumentarischen Fotografen.

Hier wird der Hauptgedanke hinter dem fotografischen Schaffen Ferdinand Düstersieks sichtbar, die Dokumentation einer sich in schnellem Wandel befindlichen Umwelt. Er verstand sich als universeller Chronist des städtischen Lebens im Detmold der Jahrhundertwende, der den mit Marmor verkleideten Säulen in der Schalterhalle der Spar- und Leihekasse ebensolche Aufmerksamkeit widmete wie den Wäscheleinen in den Hinterhöfen der Stadt. Auffallend ist der besondere Zugang, den Düstersiek sowohl zu den Häusern der Herrschenden, wie dem Schloss und den Verwaltungsgebäuden, als auch zu den Dielen der einfachen Bürgerhäuser hatte.

Seine Herkunft als ortsansässiger Handwerker, der Telefone installierte, hat ihm sicher die Türen vieler Stadthäuser geöffnet. Die Innenaufnahmen des Fürstlichen Schlosses zu Detmold konnten jedoch nur mit Genehmigung oder auf Geheiß der Fürstlichen Verwaltung entstehen. Sowohl die dokumentarische Arbeitsweise Düstersieks als auch ein Portrait des Geheimen Archivrates Dr. Hans Kiewning (1864-1939) von ihm legen den Schluss nahe, dass Düstersiek im Auftrage eben dieses Dr. Kiewning die fotografische Dokumentation der Räume des Schlosses vorgenommen hat.

Es ist anzunehmen, dass die überragenden technischen Fähigkeiten Düstersieks im Bereich der Innenaufnahmen ihm diesen Vorzug verschafft haben. Wie sonst könnte sich ein bestenfalls semiprofessioneller Anbieter gegen die Konkurrenz alteingesessener Hoffotografen durchsetzen, welche schon seit ca. 1890 im Geschäft waren? Möglich ist aber auch, dass Ferdinand Düstersiek im Auftrag des Detmolder Bürgermeisters Wittje handelte, mit dessen Dienstsiegel einige Vergrößerungen Düstersieks gekennzeichnet sind.
Die korrekte Datierung seiner Arbeiten ergibt sich aus den Produktionszeiträumen der verwendeten Fotomaterialien. Als Negativmaterial benutzte Ferdinand Düstersiek Agfa Isolar Trockenplatten, die erst seit 1896 hergestellt wurden und die er von R. Heinemann aus der Detmolder Hofdrogerie bezog. Der Negativentwickler ist nicht mehr zweifelsfrei zu bestimmen, wahrscheinlich jedoch ist das ebenfalls von Agfa hergestellte, auch heute noch gebräuchliche Rodinal verwandt worden. Die frühen Papierabzüge von Ferdinand Düstersiek, angefertigt vor 1910, bestehen aus Bromidpapier, naheliegend dem Rotobromid oder Rotopan der Firma Liesegang, die späteren Abzüge vorwiegend mit Agfa Lupex-, seltener auch mit Agfa Brovirapapieren hergestellt, ersteres ab 1926, letzteres ab 1930 im Handel.

Wilhelm Pecher

Wilhelm Pecher wurde als Sohn des Detmolder Keksfabrikanten Carl Pecher am 10. Dezember 1873 geboren. Zusammen mit seinem Bruder Hermann Pecher war er Eigentümer des väterlichen Unternehmens, der Detmolder Biskuit- und Cakes-Fabrik C. Pecher, welche 1923 in die Carl Pecher AG umgewandelt wurde. Wilhelm Pecher war verheiratet mit seiner Frau Dora, Tochter einer Bremer Kaufmannsfamilie, ihre Ehe blieb kinderlos. Seit 1908 war Wilhelm Pecher Gründungsmitglied und langjähriger Schriftführer des Lippischen Bundes für Heimatschutz. 1910 erschienen im Jahresbericht des Lippischen Bundes für Heimatschutz die ersten gedruckten Fotografien von Wilhelm Pecher, Landschaftsaufnahmen aus dem Hiddeser Bent, von den Donoper Teichen und den Rethlager Quellen.

1912 schmückte den Jahresbericht eine kolorierte Fotografie des alten Friedhofs in Heiligenkirchen, ebenfalls von Wilhelm Pecher, der erste Farbdruck dieser Veröffentlichungsreihe. 1913 wurde Wilhelm Pecher in den Vorstand des Lippischen Bundes für Heimatschutz gewählt und veröffentlichte einen Artikel zum Schwalenberger Heimatfest im Jahresbericht.

1916 erschien ein weiterer Artikel von Pecher über den Naturschutzpark an den Donoper Teichen. 1917 wurden drei Postkarten mit Motiven aus dem Naturschutzpark gedruckt, als Beilage zum Jahresbericht des Lippischen Bundes für Heimatschutz. 1918 veröffentlichte Wilhelm Pecher im Jahresbericht ein Verzeichnis der im Jahre 1917 im Fürstentum Lippe noch vorhandenen Kirchenglocken. 1921 gab Wilhelm Pecher das Amt des Schriftführers auf, wegen „Großer beruflicher Belastungen“, wie es im Jahresbericht des Bundes für Heimatschutz hieß. Am 2. November 1943 verstarb Wilhelm Pecher in Detmold.

Das zentrale Thema in Wilhelm Pechers fotografischem Werk ist die Natur- und Landschaftsfotografie. Er begann sein Schaffen mit Fotos von dem damals noch nicht ausgewiesenen Naturschutzgebiet Hiddeser Bent und den Donoper Teichen. Der Kleidung seiner Frau nach zu urteilen, die ihm am Krebsteich Modell stand, entstanden diese ersten Fotografien anlässlich einer sonntäglichen Ausfahrt, anfangs noch mit der Kutsche, später mit dem Automobil. Pecher war von dem ursprünglichen Charakter dieser Landschaften fasziniert. In seinen Fotos der offenen Heidelandschaften, der feuchten Moore und spiegelnden Waldteiche, versuchte er, dem Betrachter die von ihm empfundene Schönheit der Natur nahezubringen.

Pechers Fotografien des „Naturschutzparks“ entstanden aus der Absicht heraus, das Besondere dieses Wald- und Heidegebietes aufzuzeigen und beim Betrachter Verständnis für die Schutzbedürftigkeit dieses Areals hervorzurufen. Er stellte seine fotografischen Arbeiten schon früh einer interessierten Öffentlichkeit vor. So heißt es im Jahresbericht des Lippischen Bundes für Heimatschutz 1913: „Eine besondere Anziehungskraft übte mit Recht der Vortrag des Herrn Wilhelm Pecher – Detmold aus, der im Februar im Arminiushotel in Detmold stattfand und in dem eine große Fülle stimmungsvoller Lichtbilder nach eigenen Aufnahmen des Vortragenden aus der nächsten Umgebung von Detmold gezeigt wurden“.

Getreideernte bei Detmold, 1908.
Foto: Wilhelm Pecher
Signatur: BA SP-LA-OTH-2

Ein weiterer gewichtiger Themenkreis im fotografischen Lebenswerk Wilhelm Pechers stellen Abbildungen aus dem dörflichen Leben und der Landwirtschaft dar. Pecher bereiste zwischen 1915 und 1930 mit seinem Automobil viele der kleinen lippischen Städte und Dörfer. Er hinterließ uns zum einen technisch hervorragende, zum anderen gestalterisch prägnante Bilder des Landlebens. Wie in der Natur, so suchte Pecher auch hier das „schöne Alte“, das romantische Idyll, das Abbild einer Zeit, die im Schwinden begriffen war. Die bäuerliche dörfliche Welt der lippischen Kleinstädte war, wenn auch mit Verspätung, dem Wandel zur industriellen Moderne ausgesetzt. Wilhelm Pecher versuchte hier mit rückwärts gewandter Perspektive eine Welt entstehen zu lassen, die es auch schon damals nur noch an Festtagen zu besichtigen gab. Diese gewann Gestalt in seinen Fotografien der Schwalenberger Trachtenfeste von 1904, 1908 und 1912. Hier fand Pecher jene Motive, die seiner Sichtweise nach einer heilen Welt entsprachen. Pecher flieht geradezu vor der Moderne in die scheinbar idyllische ländliche Welt, ohne jedoch persönlich mit ihr verwachsen zu sein. Viele Personen auf seinen Fotos tragen Trachten oder Festtagskleidung, selbst bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten auf dem Feld.

Wilhelm Pecher stellte in seinen Fotos das „einfache Leben“ nach, ihm ging es nicht um die genaue Dokumentation, sondern um die klischeehafte Bebilderung seiner romantischen Vorstellung ländlicher Idylle. Wilhelm Pecher sah in dieser ländlichen Welt die Ordnungsprinzipien der „guten alten Zeit“ gewahrt.
Als größtes Verdienst Wilhelm Pechers ist anzusehen, dass er sehr früh die Zeugnisse einer bäuerlichen Kultur als wertvoll und erhaltungswürdig erkannte und in seinen Fotografien überliefert hat. Seine fotografischen Reisen durch Lippe hinterlassen uns ein lebendiges Bild des Landes im ersten Drittel dieses Jahrhunderts. Gerade weil Pecher die Motive suchte, die sinnbildlich das bäuerliche Leben umfassten, sind sie für uns Heutige als seltene und frühe Bilder aus einer vergangenen Welt um so wertvoller. Nützlich und anschaulich für Forschung und Lehre für die einen, eine Brücke zur eigenen Erinnerung für die anderen.

Eine repräsentative Auswahl der Arbeiten dieser beiden Detmolder Fotografen wurde anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum des Landesverbandes im Institut für Landeskunde präsentiert und wird im Rahmen einer Wanderausstellung ab dem 29. März 2000 im Haus des Kurgastes in Holzhausen-Externsteine zu sehen sein. Es handelt sich hierbei um je 20 Vergrößerungen im Format 50 x 70 cm, die mittels eines hochauflösenden Verfahrens gescannt und anschließend digital gedruckt worden sind. Die technische Qualität dieses Verfahrens kann als hervorragend bezeichnet werden. Eine lohnende Ausstellung für alle, die einen Blick auf das Lippe der Jahrhundertwende werfen mögen, ebenso für jene, die sich von der bildnerischen Meisterschaft dieser Fotografen inspirieren lassen.