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Ein unbekanntes Stammbuchblatt von Grabbe für Freiligrath

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch. - 17/18. 1998/99 (1999), S. 231 – 237.

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„‘Unter der Wehme’ aber hin ich geboren, und Freiligraths Geburtshaus und Grabbes Sterbehaus liegen Wand an Wand nebeneinander“, so faßte Ferdinand Freiligrath die Beschreibung der Örtlichkeit seines Elternhauses in einem Brief vom 3. November 1867 an Emil Rittershaus zusammen.(1) Zu persönlichen Begegnungen zwischen dem Dramatiker und dem neun Jahre jüngeren Lyriker kam es indessen nur selten, der Altersunterschied und die verschiedenen Lebenswege der beiden Detmolder Dichter standen dem entgegen; Grabbe kehrte nach dem Studium erst 1823 nach Detmold zurück, und 1825 verließ der fünfzehnjährige Freiligrath seine Vaterstadt, um in Soest die Kaufmannslehre zu beginnen. „Obgleich im nämlichen Orte geboren, haben wir uns doch nur einige Mal gesprochen“, schrieb Freiligrath 1837 an Hermann Kunibert Neumann,(2) „[...] eigentlich kennen lernte ich ihn erst 1830, im Hause seiner nachherigen Frau“ – also eben in dem Nachbarhaus, das dem Archivrat Clostermeier gehörte und das Grabbe nach seiner Heirat mit dessen Tochter bewohnte.

Freiligrath hat sich in seinen Briefen wiederholt über Grabbe geäußert. Insbesondere in seinem von 1830 bis 1846 geführten Briefwechsel(3) mit „Demoiselle“ Louise Christiane Clostermeier, später Frau Grabbe, finden sich nur Worte der Verehrung und der Hochachtung des jüngeren Dichters für den älteren. Gegenüber seiner Verlobten Lina Schwollmann formulierte er am 27. Februar 1838 differenzierter: „Mich hat Grabbe, seit ich ihn erkannte, auf eine merkwürdige Weise angezogen, abgestoßen, bewegt und erschüttert!“(4)

Schon vor dem 1836 entstandenen, tief empfundenen Gedicht „Bei Grabbes Tod“ hatte Freiligrath in einem anderen, dem „Wintermärchen“ (1830), von Grabbe gesprochen, da allerdings „auf eine äußerst abgeschmackte Weise“, wie er am 12.1.1832 Louise Christiane gestand:

Und daß ich bei Grabbe, dem Gärenden, verwichne Ostern war;
Bei dem Sprudler, dem Dramengebärenden, mit dem wirren, weißlichen Haar.
Er ließ sich just rasieren vom Blassen Tonsor Schmerz,
Und wies mir seine Orgel und sein sogenanntes zerrißnes Herz (V. 129-132).

Daß Grabbe von diesem Gedicht Kenntnis erhalten hatte, war Freiligrath umso peinlicher, als es fatalerweise unter den acht poetischen Versuchen gewesen war, die er am 31. März 1831 an seine Detmolder Briefpartnerin sandte, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, daß Grabbe sie prüfen und an Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände“ schicken würde. Grabbe leitete die Gedichte tatsächlich über seinen Frankfurter Verleger Kettembeil an das Morgenblatt weiter, gedruckt wurden sie dort aber nicht.

Freiligrath an Williams & Norgate

Aufmerksam verfolgte Freiligrath Grabbes dramatisches Schaffen. Er erkundigte sich bei Louise Christiane, ob „Heinrich VI.“ wohl erschienen und „Napoleon oder die hundert Tage“ schon vollendet sei (13.6.1830), und berichtete am 12. Februar 1832 an sie:

„Sogar hier in dem prosaischen Amsterdam wird Hrn. Grabbes Genius verehrt. In einer Buchhandlung, wo ich vor acht Tagen seinen Napoleon kaufte, um ihn gleich darauf im Café francais zu verschlingen, wurde mir gesagt, daß Alles, was aus Hrn. Grabbes Feder käme, reißend abginge. Was haben wir denn zunächst von ihm zu erwarten ?“

Über die „Hermannsschlacht“ urteilte er: „Die Schlacht ist köstlich, ganz Grabbisch kurz, gedrungen, prägnant, schlagend!“ (8.4.1838). Noch im Jahre 1859 bestellte der Bücherfreund und -sammler Freiligrath, seit vielen Jahren im Exil lebend, bei der Londoner Buchhandlung Williams & Norgate mit einem Schreiben vom 30. August – es konnte von der Lippischen Landesbibliothek 1997 auf einer Auktion erworben werden – außer anderen „Grabbeschen Schriften“ ausdrücklich auch die Ausgabe von „Don Juan und Faust“.

lm zweiten Jahrgang des von ihm mit Ignaz Hub und August Schnezler herausgegebenen Almanachs „Rheinisches Odeon“ auf das Jahr 1838 druckte Freiligrath „mit Grabbes Bildniss“ dessen Gedicht „Barbarossa“ und ein Fragment aus der „Hermannsschlacht“ ab. Und schon bald nach Grabbes Tod verfolgte er den Plan einer Gesamtausgabe von dessen Werken, der jedoch nicht verwirklicht werden konnte.

Grabbe äußerte sich über seinen jungen Dichterkollegen mehrmals in Billetten an Louise Christiane Clostermeier.(5) „Freiligrath ist wirklich ein guter Junge. Phrasen macht er aber auch, und schreibt seine Briefe erst in Concept“ (27.9.1831). Über die Dichtungen bemerkte er: „Freiligrath ist nach aus der Matthisson’schen Schule, überflügelt uns vielleicht bald, denn er ist jünger“ (17.7.1831). Eins der von Freiligrath übersandten Gedichte war das 1829 entstandene „Barbarossas erstes Erwachen“. Es sagte Grabbe weniger zu, aber es gab ihm gerade dadurch den Anstoß zu einer eigenen Dichtung, „Friedrich der Rothbart“:

„Wie Menschen verschieden sind, zeigt das tolle Ding von Barbarossa, welches ich von meiner Hand beilege. Es entstand heute, als ich Freiligraths Traum von Conradin und Friedrich von Oestreich las“ (17.7.1831).

Glaubt man Grabbes Witwe, beschäftigte sich Grabbe auch weiterhin mit Freiligrath:

„Grabbe sprach oft von Ihnen, u. selbst noch in den letzten Lebenstagen. Er äußerte, ich möchte Ihnen schreiben, Sie möchten doch Ihre Gedichte nicht aus der Ferne holen, Sie möchten hier bleiben. Das waren seine eignen Worte. Auch wünschte er sehr etwas ausführliches, etwas großes, von Ihnen zu lesen, das würde Ihnen sehr gelingen“ (29.4.1837).

Die Beziehungen zwischen den beiden in Wesen und Werk so verschiedenen Detmolder Dichtern waren also vielfältig, aber überwiegend nur mittelbar. Sogar seinen Dank für Grabbes Bemühungen für seine Gedichte ließ Freiligrath von der gemeinsamen Bekannten, der Demoiselle Clostermeier, ausrichten:

„Wie sehr bin ich Herrn Auditeur Grabbe für die gütige Besorgung meiner geringfügigen Versuche an die Redaction des Morgenblattes verpflichtet! Haben Sie die Güte, mich ihm freundschaftlichst zu empfehlen, und ihn meines Dankes für seine große Gefälligkeit zu versichern“ (12.2.1832).

Einen Briefwechsel zwischen Grabbe und Freiligrath hat es nicht gegeben.

Stammbuchblatt, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Aut. W. M. v. Goethe, Nr. 817.

Gleichwohl hatte Freiligrath den Wunsch, von Grabbe etwas Schriftliches zu besitzen. Wieder war es seine Brieffreundin Louise Christiane, die er vertrauensvoll um Hilfe bat. Am 12. Februar 1832 schrieb er aus Amsterdam an sie:

„Ehe Sie weiter lesen, möche ich Sie bitten, mich nicht auszulachen. Sie werden nämlich anliegend ein leeres Stammblatt finden, welches ich gern von Hrn. Aud. G.’s Hand beschrieben hätte. Ich habe noch keinen einzigen Dichter in meinem Stammbuche, und würde mich glücklich schätzen, wenn der erste, der sich darin einschriebe, ein so eminenter wäre, wie Hr. G. ist. Sollte er’s aber auch wohl thun?“

Alfred Bergmann, der Herausgeber des Briefwechsels, bemerkt zu dieser Stelle: „In den beiden Stammbüchern, die sich in der Freiligrath-Sammlung der Detmolder Landesbibliothek befinden, ist ein Blatt von der Hand Grabbes nicht vorhanden.“(6) Das ist richtig. Doch Freiligraths zweifelnde Frage „Sollte er’s aber auch wohl thun?“ kann bejaht werden: Grabbe hat es getan.

Bei der Bearbeitung des umfangreichen wissenschaftlichen Nachlasses von Alfred Bergmann in der Lippischen Landesbibliothek tauchte die Fotografie eines Stammbuchblattes auf. Sein Text: „Herrn Ferdinand Freiligrath zum Andenken an Grabbe. Detmold den 17ten Febr 1832.“ Über den Aufbewahrungsort des Originals von Grabbes Autogramm gab eine maschinenschriftliche Notiz auf dem Umschlag der Fotografie den Hinweis „Universitätsbibliothek Jena“. Eine Anfrage bei der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek bestätigte, daß sich das Autograph tatsächlich in ihrem Besitz befindet, und zwar in der Autographensammlung von Goethes Enkel Wolfgang Maximilian.

Das Blatt kann identifiziert werden. Eines der Stammbücher von Freiligrath in der Lippischen Landesbibliothek besteht aus 54 losen Blättern mit 44 Eintragungen von Freunden und Bekannten aus Detmold, Soest, Amsterdam und Barmen aus den Jahren 1825 bis 1837. Darunter sind seine Eltern und Geschwister, seine Lehrer F. G. Althaus, Chr. F. Falkmann. F. L. Preuß, der Superintendent August Rohdewald, Archivrat Chr. G. Clostermeier mit seiner Frau und Tochter Louise Christiane, die Schulfreunde Carl Weerth und Ludwig Merckel, Heinrich Jerrentrup in Soest und Wilhelm Rauschenbusch in Barmen. Die Blätter haben alle das Querformat 161:99 mm, sie bestehen aus leicht bräunlichem Papier, und der Papierblock ist auf allen vier Seiten mit Goldschnitt versehen. Das Blatt in Jena hat die gleichen Maße, sein Papier ist ebenfalls bräunlich, und auf allen vier Seiten ist der Goldschnitt deutlich erkennbar. Es ist also zweifellos jenes einzelne Blatt, das Freiligrath diesem seinem Stammbuch entnahm und dem Brief vom 10./12. Februar 1832 beilegte, damit „der erste [Dichter], der sich darin einschriebe, ein so eminenter wäre, wie Hr. G. ist“.

Die Bitte um den Stammbucheintrag wurde seinerzeit unverzüglich erfüllt, die Rücksendung des Blattes erfolgte jedoch nicht postwendend. Noch am 20. September 1832 schrieb Freiligrath:

„Sollte Herr Auditeur Grabbe das Ihnen früher gesandte Stammblättchen vielleicht beschrieben haben, so bedarf es dessen besondrer Zurücksendung keineswegs. Ichwerde früher oder später doch gewiß noch einmal nach Detmold kommen, und kann es dann ja selbst in Empfang nehmen.“

Es vergingen mehrere Jahre, bis er es in Empfang nehmen konnte. Erst am 12. Mai 1837, nachdem er aus Amsterdam nach Soest zurückgekehrt war, und nach einer vierjährigen Unterbrechung des Briefwechsels mit Louise Christiane, der inzwischen verwitweten Frau Grabbe, sandte sie ihm, zusammen mit einem langen Brief und einem Grabbe-Porträt, das ersehnte Blättchen von Grabbes Hand:

„Das Stammblatt, welches Sie mir einst für Grabbe mitgetheilt u. das ich schon 5 1/4 Jahr von ihm beschrieben für Sie verwahrt, wünschte ich bisher bei dem sehnsüchtig gehofften Besuch, Ihnen selbst einzuhändigen, jetzt aber füge ich solches dem Bildniß bei. Möchte es doch wohl behalten bei Ihnen anlangen!“

Nach all dem ist es einigermaßen erstaunlich, daß das Blatt sich nun in der Autographensammlung von Wolfgang Maximilian von Goethe befindet. Wann und unter welchen Umständen es den Besitzer wechselte, ist unbekannt. Vielleicht trifft folgende Vermutung zu. Nach einer Tätigkeit als Kontorist in Barmen (1837/39) war Freiligrath an den Rhein gezogen und hatte sich in Unkel niedergelassen, wo er von September 1839 bis zum Herbst 1840 als freier Schriftsteller ein an Geselligkeiten, äußeren und inneren Erlebnissen und vielfältigen literarischen Unternehmungen reiches Jahr verlebte. Unter den vielen Gästen, die den seit der Publikation seiner „Gedichte“ (1838) berühmten Dichter aufsuchten, war wiederholt auch Wolfgang Maximilian von Goethe, der zu dieser Zeit in Bonn studierte. „Ein feiner, liebenswürdiger Bursch, und dem alten Herrn wie aus den Augen geschnitten“, beschrieb ihn Freiligrath in einem Brief vom 20. Dezember 1839 an Wolfgang Müller von Königswinter.(8) In den Folgejahren blieb ein freundschaftlicher Kontakt zwischen ihnen bestehen, davon zeugt ihr Briefwechsel in den Jahren 1840 bis 1848. 1847 wurde der Goethe-Enkel sogar Pate von Freiligraths Sohn Wolfgang. Es ist denkbar, daß Freiligrath ihm, der ein passionierter Autographen-Sammler war – seine Sammlung umfaßte schließlich 2186 Stücke – bei diesem Anlaß das kostbare Grabbe-Autograph verehrt hat.

Entdeckt hat Alfred Bergmann das Stammbuchblatt auf einer Forschungsreise in die damalige DDR gegen Ende des Jahres 1955. Im Mai 1956 sandte ihm die Universitätsbibliothek Jena die erbetene Fotografie.

Zum Schluß bleibt die Frage, warum Alfred Bergmann die Existenz des Stammbuchblattes nicht publik machte, nachdem er davon Kenntnis erhalten hatte. Im 4. Band der von ihm betreuten historisch-kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Grabbes, der 1966 erschien, hat er fünf Stammbuchblätter für verschiedene Empfänger – Peter Harkort, Louise Christiane Grabbe, Wilhelm Gerstel, Karl Immermann – abgedruckt. Sie zeichnen sich alle durch längere Texte aus als das hier vorliegende für Ferdinand Freiligrath, das in seiner Knappheit die Minimalforderung an ein Gedenkblatt gerade noch erfüllt. Vielleicht war dies der Grund, weshalb das Blättchen unter der Fülle der Papiere, die Alfred Bergmann bei seinen Arbeiten über Grabbe sichtete und sammelte, in Vergessenheit geriet.

Anmerkungen

  1. Wilhelm Buchner: Ferdinand Freiligrath. Ein Dichterleben in Briefen. Bd 1.2. Lahr 1882, hier Bd 2, S. 377.
  2. Ebenda, Bd 1, S. 237.
  3. Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier in Detmold, insbesondere mit Louise Christiane, der späteren Gattin Grabbes. Hrsg. von Alfred Bergmann. Detmold 1953.
  4. Gisberte Freiligrath: Beiträge zur Biographie Ferdinand Freiligraths. Minden 1889. S. 85.
  5. Christian Dietrich Grabbe: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe in 6 Bänden, Bearb. von Alfred Bergmann. Bd 5. Emsdetten 1970.
  6. Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier, a.a.O. S. 57, Anm. 26.
  7. Signatur: ThULB Jena: Aut. W. M. v. Goethe, Nr. 817. – Für die Genehmigung der Publikation des Stammbuchblattes sowie freundlich erteilte Auskünfte danke ich auch an dieser Stelle Frau Dr. I. Kratzsch, Leiterin der Abt. Handschriften und Sondersammlungen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena.
  8. Buchner, a.a.O., Bd 1, S. 334.