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Vom Altbestand zum „Heimatkunde“-Server. Die Lippische Landesbibliothek im Wettbewerb

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 92 (1999), 10/11, S. 279-280.

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„Provinz ist nur dort, wo alles beim alten bleibt – die Lippische Landesbibliothek auf neuen Wegen“, so lautete der Titel eines Beitrages in dem Sonderheft dieser Zeitschrift zum 40jährigen Jubiläum des Landesverbandes Lippe im Jahre 1989. Dieser programmatische Titel hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt, wenngleich die damals beschriebenen und prognostizierten Wege ohne Ausnahme längst überschritten worden sind. Das Beschreiten immer neuer Wege, um bei diesem Bild zu bleiben, ist ein permanenter Prozess, dem heute nahezu alle Lebensbereiche unterliegen. Und dass gerade die Institutionen, die sich mit Information, Dokumentation und Wissenstransfer zu befassen haben, besonders gefordert sind und sich zudem heute in stetem Wettbewerb mit anderen Anbietern vergleichbarer Dienstleistungen befinden, liegt auf der Hand. Denn gerade die Bibliothekslandschaft ist seit  den letzten zehn Jahren einem starken Wandlungsprozess unterworfen, dessen Intervalle immer kürzer werden. Vermeintliche Konsolidierungszeiten, die bisweilen von Außenstehenden gern als „Nischen“ kolportiert werden, gibt es – zumindest im Bibliothekswesen – schon seit langem nicht mehr, im Gegenteil: Kompetenz und Professionalität, Schritthalten und Flexibilität sind angesagt.

Der Landesverband Lippe hat dieser Entwicklung Rechnung getragen, indem die Lippische Landesbibliothek vor allem seit den frühen 1990er Jahren kontinuierlich modernisiert worden ist, um den aktuellen Ansprüchen an eine Bibliothek auf der Höhe der Zeit gerecht zu werden und um den Anschluss an die Entwicklung der wissenschaftlichen Bibliotheken in unserem Bundesland und darüber hinaus nicht zu verlieren.

So wurde 1992 die EDV-gestützte Katalogisierung im Verbund der nordrhein-westfälischen wissenschaftlichen Bibliotheken aufgenommen und die Erledigung aller bibliothekarischer Geschäftsgänge sowie der Ausleihe und der Informationsvermittlung mit Hilfe eines integrierten Bibliotheks- und Informationssystems (SISIS-ONL) eingeführt. Mit der Freihandaufstellung von rund 100.000 Bänden – das sind etwa 22% des gesamten Buchbestandes – nach durchgreifendem Umbau des Bibliotheksgebäudes hat die Bibliothek seit 1992/93 deutlich an Akzeptanz gewonnen. Zur Stärkung dieser Akzeptanz durch das Bibliothekspublikum, das wir als Kunden begreifen, haben auch neue Servicebausteine beigetragen. Dazu zählen öffentliche Internetzugänge in den Bibliotheksräumen und eigene Internetangebote, Zugang  zum elektronischen Katalog über das World Wide Web, ein umfangreiches Schülerprogramm für die weiterführenden Schulen unserer Region und erweiterte kundenfreundliche Öffnungszeiten. Die Digitalisierung von Bibliotheksinformationen, seien es nun bibliographische Informationen oder Volltextinformationen, ist eine unbedingte Anforderung an die Bibliothek. Die Erwartungen der Kunden gehen in Richtung auf einen dezentralen, elektronischen und damit komfortablen Dokumentenzugang; die Bibliothek befindet sich hier bereits in der Entwicklungsphase, der eine möglichst kurzfristige Umsetzung in den Routinebetrieb folgen wird. Thesen zur Digitalisierung von Landesbibliotheksbeständen wurden formuliert: sie reichen vom alten Buch des 16. Jahrhunderts bis zum elektronischen Preprint eines aktuellen Congress Papers. Was die regionalen „Lippe“- Bestände angeht, so bilden die seit 1987 elektronisch durch die Dienststelle Regionaldokumentation erfassten und mittlerweile auch auf CD-ROM verfügbaren Dokumente aller Lebensbereiche der Region die Basis für eine weitreichende Digitalisierung auf dem Weg zu einem umfassenden regionalen Informationssystem („Heimatkunde“- Server).

Ein wesentliches Kapitel der Landesbibliothek ist ihr historischer Altbestand des 16.-19. Jahrhunderts, über den schon des öfteren in dieser Zeitschrift berichtet worden ist. Dieser wertvolle Quellenbestand für die historisch arbeitenden Disziplinen macht die Lippische Landesbibliothek angesichts gleichförmiger Literaturbestände jüngerer Hochschulbibliotheken nahezu konkurrenzlos; ihm ist daher erheblich vermehrte Aufmerksamkeit im Hinblick auf Erschließung, Restaurierung und sonstiger bestandserhaltender Maßnahmen zu schenken.

Aber über allen Zwang zur Digitalisierung auf der einen und Bestandserhaltung auf der anderen Seite darf nicht vergessen werden, dass der Kauf und die schnelle und unkomplizierte Bereitstellung der aktuellen Literatur nach wir vor den wesentlichen Lebensnerv einer Bibliothek ausmachen. Ein Einfrieren des Erwerbungsetats ohne jede Anpassung an Preisentwicklungen auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt oder gar Etatkürzungen schaffen nie wieder zu schließende Lücken und können die Bibliothek um Jahre zurückwerfen. Gleichsam als Fazit muss festgehalten werden: der Informationssektor, auf dem die Landesbibliothek aktiv ist, ist ein äußerst dynamischer, dessen Entwicklung uns keine großen Verschnaufpausen, Investitionsaufschübe oder -aussetzungen gönnt, das gilt für den Bestandsaufbau  gleichermaßen wie für die technische Infrastruktur.

Wie die Landesbibliothek wettbewerbsfähig bleiben kann und was sie unternimmt, um wettbewerbsfähig zu bleiben, lässt sich mit einigen Punkten, die sich leicht vermehren ließen, enumerativ beschreiben: die Bibliothek tut dies durch

  • Sicherung der Verbundfähigkeit
  • Aktuellhaltung der technischen Infrastruktur, namentlich der EDV
  • eigene Internetangebote, mehr Internet-PCs für Kunden
  • aktive und passive Teilnahme an der „Digitalen Bibliothek“
  • Aufbau des regionalen Informationssystems „Heimatkunde“-Server
  • räumliche Erweiterung auf dem Bibliotheksgelände, Einbeziehung des Nebengebäudes
  • Ausbau der Freihand-Präsentation
  • Retrokonversion des noch nicht maschinenlesbar erfassten Altbestandes
  • Verschlankung der Geschäftsprozesse und Outsourcing peripherer Arbeitsbereiche
  • flexiblen Personaleinsatz und moderne Organisationsformen
  • offensive Öffentlichkeitsarbeit und fachwissenschaftliche Forschung
  • Orientierung zum Kompentenz-Center