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Lippe 1848 – Von der demokratischen Manier eine Bittschrift zu überreichen

Ein Ausstellungsprojekt der Lippischen Landesbibliothek

von Julia Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: ProLibris 3 (1998) 4, S. 206-207.

→ PDF-Fassung hier.

Am Abend des 5. März gibt es in der Detmolder Ressource Gerede: Es solle dem Fürsten eine Petition überreicht werden. So schreibt es im Jahr 1848 der damalige Justizrat und Stadtverordnete Moritz Leopold Petri in sein Tagebuch. Zehn Tage zuvor ist in Paris nach Massendemonstrationen und Unruhen der Bürgerkönig Louis Philippe abgesetzt worden. „Revolution!“ Dieser Ruf erregt in den Märztagen überall die Gemüter. Und schnell sind die Nachrichten selbst in das bis dahin eher ruhige Fürstentum Lippe gedrungen.

Soziale Not, Arbeitslosigkeit und Hungerkrisen in ganz Europa, jahrzehntelange Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten, Zensur der Presse und Verfolgung der Kritiker einer Monarchie „von Gottes Gnaden“ sind diesen Frühlingstagen des Jahres 1848 vorausgegangen.

Am 6. März versammelt sich der Detmolder Gewerbeverein in den Räumen des Rathauses. Augenzeugen berichten von 300 bis 400 Bürgern – Intellektuellen, einigen Honoratioren, Kaufleuten und Gewerbetreitreibenden, die nicht nur aus Detmold zusammengekommcn sind, sondern auch aus den Nachbarstädten Lage und Horn. In hitzigen Debatten wird über eine Petition an den Fürsten Leopold II. beraten.

Der Advokat und spätere Redakteur der demokratischen Zeitschrift „Die Wage“, Karl Vette, erhält für seinen Petitionsentwurf begeisterten Zuspruch. Gewährung der Pressefreiheit und Öffentlichkeit der Landtagsverhandlungen – so lauten die wichtigsten Forderungen. Sie sollen im ganzen Land verbreitet und nach einem großen Volkszug dem Fürsten überreicht werden. Der Detmolder Magistrat und die Stadtverordneten mahnen zur Mäßigung, immerhin haben sie einen eigenen Petitionsvorschlag. In den nächsten Tagen überschlagen sich die Ereignisse. Die Revolution nimmt auch im Fürstentum Lippe ihren Lauf.

150 Jahre später – 1998, Jubiläumsjahr einer Revolution. Die Lippische Landesbibliothek veranstaltet aus diesem Anlaß vom 4. Oktober bis zum 18. Dezember 1998 die Ausstellung „Lippe 1848. Von der demokratischen Manier eine Bittschrift zu überreichen“. Neben einer Darstellung der Ereignisse im Fürstentum Lippe und ihrer historischen Hintergründe geht es um die Entstehung öffentlicher Kommunikation im revolutionären Prozeß.
Die Ausstellung wird in Kooperation mit dem Fachbereich Design der Fachhochschule Bielefeld und dem Fachbereich Innenarchitektur der Fachhochschule Lippe durchgeführt. Studierende dieser Fachhochschulen haben das Präsentationskonzept und das graphische Erscheinungsbild der Ausstellung entworfen und umgesetzt.

Für die Dauer der Ausstellung verwandelt sich die Landesbibliothek in eine Baustelle, denn die Ausstellungsarchitektun die Materialien von gegenwärtigen Baustellen verwendet, folgt dem Gedanken, daß der Entwurf einer neuen gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung in der Revolution von 1848/49 unfertig und unvollkommen sein mußte. Demokratie erscheint uns auch heute wie eine Baustelle, in der beständig Neues geplant, konstruiert und ausgeführt wird. Das Bild der Baustelle und des Gerüstes ist mit der Vorstellung von etwas Unfertiqem verbunden; zugleich aber auch mit der Hoffnung auf einen gelingenden Abschluß. Das Bild der Baustelle erinnert an Mühsal und Arbeiten unter schweren Bedingungen. Auch dies ist eine Konnotation, die der aktuelle politische Betrieb in einer Demokratie vermittelt.

Die Ausstellung ist montags, dienstags. mittwochs und freitags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr in den Räumen der Landesbibliothek zu sehen. Führungen können unter der Telefonnummer 05231/926600 vereinbart werden.

Zur Ausstellung ist ein Katalogbuch mit einem Umfang von 334 Seiten erschienen. Es ist für 25,00 DM plus Versandkosten in der Lippischen Landesbibliothek zu erhalten, kann aber auch über den Buchhandel bezogen werden.

Katalog:
Lippe 1848. Von der demokratischen Manier eine Bittschrift zu überreichen. Hg. von Harald Pilzer und Annegret Tegtmeier-Breit. Detmold : Lippische Landesbibliothek, 1998.
ISBN 3-9306297-0-8
(Auswahl- und Ausstellungskataloge der Lippischen Landesbibliothek Detmold ; 34).