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Das Schülerprogramm der Lippischen Landesbibliothek

von Julia Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 91 (1998), S. 233-236.

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Ob in der Schule, in der Ausbildung, im Studium oder im späteren Beruf: die Forderung, sich selbständig Information zu bestimmten Themen und Fachgebieten zu beschaffen, begegnet jedem jungen Menschen früher oder später. Je zeitiger er lernt, diese Informationsbeschaffung erfolgreich und effizient zu organisieren, desto früher ist er zu selbständiger geistiger Arbeit imstande. In unserer heutigen Informationsgesellschaft ist Informationskompetenz eine Schlüsselqualifikation. Deshalb ist es wichtig, daß Jugendlichen aller Schulformen bis zum Ende ihrer Schulzeit auch die Fähigkeit zu eigenständiger Informationsbeschaffung vermittelt worden ist.

Bibliotheken als Informationseinrichtungen mit ihrem großen Potential an Informationsspezialisten können daran mitwirken, diese Selbständigkeit frühzeitig zu fördern. Wissenschaftliche Bibliotheken können außerdem dazu beitragen, Schülern der Oberstufe bereits vor Schulabschluß eine wissenschaftspropädeutische Grundbildung zu vermitteln und ihnen damit den Einstieg in ein späteres Studium wesentlich zu erleichtern. Seit sich in den letzten Jahren unter Schulpädagogen die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß das „entdeckende Lernen“ außerhalb der Schule eine Wichtige Ergänzung und Bereicherung des schulischen Lernens darstellt, sind Bibliotheken als „außerschulische Lernorte“ auch für die Schulen attraktiv geworden.

Immer schon sind Schülergruppen zu Führungen in die Lippische Landesbibliothek gekommen. Immer schon haben Lehrer ihre Schüler zur Informationsbeschaffung und zur Literatursuche in die Bibliothek geschickt. Und immer schon haben die Informationsexperten der Bibliothek bei der Materialsuche für Referate oder Hausarbeiten und bei der Vorbereitung auf Prüfungsthemen weitergeholfen. Daraus hat sich ein bibliothekspädagogisches Programm entwickelt, das ausbildungs- und studienvorbereitend zur Benutzung einer wissenschaftlichen Bibliothek anleitet, allen Interessenten unentgeltlich zur Verfügung steht und bei Lehrern und Schülern aller Schulformen regen Zuspruch findet.

Schülerführungen in der Landesbibliothek

Die meistgenutzte Möglichkeit die Bibliothek kennenzulernen ist eine Bibliotheksführung. Viele, die den Schritt hinter die klassizistische Kulisse des Bibliotheksgebäudes allein vielleicht nicht tun würden, haben hier zunächst einmal unverbindliche Gelegenheit, sich über die Aufgaben und Dienstleistungen ihrer Landesbibliothek zu informieren. Die Schüler erfahren etwas über die Geschichte der Bibliothek und ihres Hauses. Sie bekommen auch Bereiche der Bibliothek zu sehen, die den Benutzern in der Regel nicht zugänglich sind: der Blick in die Magazine, in denen ca. 400.000 Bücher aus dem historischen Bibliotheksbestand aufgestellt sind, hat noch bei jedem der jungen Besucher den Eindruck hinterlassen, daß ihm hier ein unermeßlicher Speicher des Wissens zur Verfügung steht. Vor allem aber lernen die Schüler alle Benutzungsbereiche kennen und erhalten Orientierung im Umgang mit den konventionellen und elektronischen Informationsmitteln der Bibliothek.

Benutzungstraining für Schüler

Sehr beliebt ist die Verbindung einer Bibliotheksführung mit einem sich direkt anschließenden Benutzungstraining. Die Schüler bearbeiten selbständig verschiedene Arbeitsblätter, die sie mit der Recherche in den Katalogen der Bibliothek vertraut machen. Sie probieren gegebenenfalls auch die Literatursuche in Bibliographien und Datenbanken aus. An einem unterrichtsnahen Beispiel üben die Schüler sich in die Strategien der Literatur- und Informationsbeschaffung zu Einzelthemen ein. Sie erhalten dabei nicht nur die Hilfe der Bibliothekspädagogin, sondern tatkräftige Unterstützung durch alle Mitarbeiter des Publikumsservice. Die so erworbene Benutzungskompetenz können die Schüler später im „echten“ Benutzungsfall zum Einsatz bringen.

Klassensätze der Arbeitsblätter gibt es bisher für die Fächer Deutsch, Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Berufskunde. Die für die selbständige Katalogrecherche entwickelten Arbeitsblätter können bei Bedarf aber auch für alle weiteren Schulfächer angeboten werden. Geeignet sind dabei vor allem literaturintensive Fächer wie Musik, Geographie, Medienkunde, Politik, Sozial- oder Rechtskunde. Selbstverständlich ist es auch immer möglich, die Arbeitsblätter speziell auf gegenwärtig im Unterricht behandelte Themen hin abzuwandeln.

Studientage in der Landesbibliothek

Über das benutzungsorientierte Schulungsprogramm hinaus bietet die Landesbibliothek Schülergruppen die Möglichkeit zu ein- oder mehrtägigen themenbezogenen Arbeitsaufenthalten in der Bibliothek. Dieses Angebot eignet sich besonders für Leistungs- und Projektkurse, die eine längere Abwesenheit vom Schulalltag schulintern organisieren können.

Eigentlich zu jedem Thema kann mit der aktuellen Sachliteratur der Landesbibliothek geforscht werden. Besonders interessant ist es selbstverständlich dann für die Schüler, wenn mit den historischen Buchbeständen gearbeitet wird. Authentisches Quellenmaterial längst vergangener Zeiten haben die meisten vorher noch nicht in der Hand gehabt. Bei der Arbeit mit diesen Materialien können die jungen Leute nicht nur ein Gespür für alte Bücher und ein lebendiges Interesse an vergangenen Epochen entwickeln. Es wird auch ihr Forscherdrang geweckt und eine praxisnahe Vorstellung von wissenschaftlicher Tätigkeit vermittelt.

Vor allem für Schülergruppen, die an Themen arbeiten, die sich konkret auf die Region Lippe beziehen, ist ein solcher Forschungsaufenthalt ideal: bietet doch die Landesbibliothek als lippische Regionalbibliothek dazu eine Vielzahl gedruckter Quellenmaterialien. Die Forschungsliteratur zu Lippe besitzt sie nahezu vollständig, gut erschlossen und leicht zugänglich.

Wie sich gezeigt hat, ist dieses Angebot auch für auswärtige Schülergruppen interessant. So haben etwa im Jahr 1997 zweimal Schülergruppen der Gesamtschule Spenge im Rahmen von Projektwochen zu literatur- und alltagsgeschichtlichen Themen in der Landesbibliothek geforscht.

Die Studienaufenthalte von Schülergruppen werden von der Bibliothekspädagogin gründlich vorbereitet und entsprechend betreut, um einen erfolgreichen Verlauf zu garantieren, Natürlich ist es unerläßlich, daß das Forschungsthema vor dem Bibliotheksbesuch in der Schule bereits inhaltlich geklärt ist und daß die einzelnen Fragestellungen weitgehend präzisiert sind, damit sogleich gezielt mit der Literatursuche begonnen werden kann.

Die Arbeitsmöglichkeiten der Landesbibliothek für solche Schülergruppen sind ideal. Alle Dienstleistungen der Bibliothek sind kompakt im Haus an der Hornschen Straße zusammengefaßt. Erfahrungsgemäß finden sich die Schüler in kürzester Zeit problemlos im Haus zurecht. Der Vortragsraum im Dachgeschoß der Bibliothek bietet die Möglichkeit zur ungestörten und konzentrierten Gruppenarbeit.

Schüler-Ausstellungen in der Landesbibliothek

Möglich ist es auch, daß Schülergruppen zu den anhand der Bibliotheksbestände erarbeiteten Themen kleinere Ausstellungen vorbereiten und auf diese Weise die Ergebnisse ihres Studienaufenthalts in der Landesbibliothek der Öffentlichkeit präsentieren. Dazu bieten sich vor allem lippische Themen an, aber auch Sachgebiete wie die deutsche Literaturgeschichte, vor allem der durch das Literaturarchiv der Landesbibliothek in Detmold besonders gut repräsentierten Epoche des Vormärz und des jungen Deutschland, Themen aus der Musik- und Theatergeschichte, der Erd- und Völkerkunde, der Geschichte der Technik und der Naturwissenschaften oder der Kunst und Architektur. Die Landesbibliothek leistet dabei die nötige Unterstützung und übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit für das Ausstellungsprojekt.

Schülerwettbewerbe

Immer wieder profilieren sich auch lippische Schüler als angehende Forscher, wenn sie an regionalen und überregionalen Schülerwettbewerben teilnehmen, etwa am Wettbewerb „Jugend forscht“, am Wettbewerb des Bundespräsidenten zur deutschen Geschichte oder an Wettwerben zur politischen Bildung. Diesen Schülern, die sich mit Phantasie, Neugier und Erfindungsgeist ernsthaft an die wissenschaftliche Arbeit machen, bietet die Landesbibliothek ihre „geistige Unterstützung“. Sie ist die Institution, die über die Schule hinaus den Einstieg in selbständiges wissenschaftliches Arbeiten ermöglichen kann und will. Sofern die Wettbewerbsbeiträge als Gruppenarbeiten erstellt werden, bietet sich auch ein gut vorbereiteter Studienaufenthalt in der Landesbibliothek an.

Schüler als Bibliotheksbenutzer

Bereits heute nutzen zahlreiche Schüler selbständig die Landesbibliothek als Informationseinrichtung. Viele greifen oft und ausgiebig auf das Internet-Angebot der Bibliothek zu, lassen sich aber auch auf die gedruckten Bibliotheksbestände ein, wenn sie erkennen, daß etwa die für den Deutschunterricht erforderliche Information über einen Schriftsteller sehr viel schneller aus einem der dicken Autorenlexika zu holen ist als aus dem Internet. Andere bewegen sich ganz selbständig im Freihandbereich der Bibliothek, ziehen sich das für sie Richtige aus dem Regal und nehmen im Vorübergehen auch mal einen Reiseführer, ein paar Klaviernoten oder ein EDV-Handbuch für ihre „privaten“ Zwecke mit.

Um die Nutzung der Bibliothek durch die Schüler, ihre Informations- und Bildungskompetenz zu fördern, sind Schüler von den Benutzungsgebühren ausgenommen: Alle Dienstleistungen der Bibliothek sind für sie völlig kostenlos.

Besuch in Lehrerkonferenzen

Gern nimmt die Landesbibliothek die Möglichkeit wahr, die Fachlehrer vor allem der musischen, historischen und gesellschaftskundlichen Fächer gezielt über das bibliothekspädagogische Angebot zu informieren. Lehrerkonferenzen bieten dazu ein gutes Forum. Hier haben auch Lehrer, die vom Angebot der Landesbibliothek bisher keinen Gebrauch gemacht haben, Gelegenheit, Wünsche und Anregungen für eine Weiterentwicklung des Schülerprogramms zu formulieren und über das bibliothekspädagogische Konzept zu diskutieren.

Schülerpraktika in der Landesbibliothek

Schülern, die die Bibliothek nicht nur aus der Perspektive des Benutzers kennenlernen wollen, bietet die Landesbibliothek die Möglichkeit eines Schülerpraktikums. Schülerpraktika werden als Schulveranstaltung in allen Schulformen in unterschiedlichen Klassenstufen durchgeführt. Regelmäßig finden sich auch Schüler, die sich für die Arbeit einer Bibliothek interessieren. Sie können Organisation und Arbeitsgänge des Hauses näher kennenlernen, kleinere Aufgaben selbst erledigen und sich gründlich über die einzelnen bibliothekarischen Berufe informieren. Auch wenn aus den meisten der Schüler wohl niemals Bibliothekare werden, so finden sich die Jugendlichen am Ende des Praktikums doch selbständig in der Bibliothek zurecht und beenden ihren Gastaufenthalt als versierte Bibliotheksbenutzer mit Kenntnissen, auf die sie als Nutzer auch jeder anderen Bibliothek später jederzeit zurückgreifen können.

Information über die bibliothekarischen Berufe

Die meisten Benutzer einer Bibliothek wissen gar nicht, daß es im Bibliothekswesen eine Vielzahl verschiedener Tätigkeitsfelder und Berufe gibt. Sie begegnen in der Regel nur den Mitarbeitern, die gerade im Publikumsservice eingesetzt sind. Selbstverständlich bietet die Landesbibliothek Jugendlichen, die an einer bibliothekarischen Ausbildung interessiert sind, jederzeit die Möglichkeit, mehr über die einzelnen Berufe, ihre Ausbildungsmöglichkeiten und Zugangsvoraussetzungen zu erfahren. Zugleich nutzt sie die Chance, ihre Ausbildungsmöglichkeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren und Jugendliche, die noch in der Berufsfindungsphase sind, auf bibliothekarische Informationsberufe aufmerksam zu machen. Die Ausbildungsgänge sind im Moment sehr im Wandel begriffen; dennoch bieten sich für flexible und serviceorientierte Interessenten im innovativen Dienstleistungsbereich Information auch künftig zahlreiche Berufschancen.