Sie befinden sich hier: Startseite » 


Der „ExpressService“ im „BibliothekenVerbund OstwestfalenLippe“

Ausgangslage und Intentionen, Projektziele und Verfahren, Erfahrungen und Perspektiven. Beitrag zu dem Planungs- und Diskussionsforum „Öffentliche Bibliotheken und Verbundsysteme: Möglichkeiten der Zusammenarbeit“, 25.-26. April 1996 in Göttingen

von Harald Pilzer

Druckfassung in: Deutsches Bibliotheksinstitut: Bibliotheken ans Netz! Öffentliche Bibliotheken als Partner moderner Informationsverbünde. Hg. von Uta Kasminsky und Susanne Thier. Berlin: Dt. Bibliotheksinst., 1997 (Dbi-Materialien ; 161), S. 163-167.

→ Zur PDF-Version.

Ausgangslage und Intentionen des Projektes

Die dem 1990/1991 formulierten Projektkonzept zugrundeliegenden Intentionen dürften zum damaligen wie heutigen Zeitpunkt bibliothekarische communis opinio darstellen, wenngleich es zum damaligen Zeitpunkt wohl nur wenige konkrete Anstrengungen auf diesem Feld gegeben hat:

  1. Sowohl in Zeiten hoher wie auch niedriger finanzieller Ausstattung mit Erwerbungsmitteln waren und sind Bibliotheken mit unterschiedlicher Konzeption und unterschiedlichen Aufgabenspektren nicht in der Lage, die Gesamtheit des erscheinenden Schrifttums und anderer Informationsträger zu erwerben, zu verzeichnen und zu erschließen. Bibliothekarische Kooperationsunternehmen besitzen daher eine relativ lange Tradition; der Zwang zur Kooperation untereinander im Interesse einer flächendeckenden Informationsversorgung verstärkt sich mit jedem neuen Sparpaket der öffentlichen Träger in Bund, Ländern und Gemeinden.
  2. Mithin bot es sich an, exemplarisch in einem als „Region“ definierten geographischen Raum vorhandene Bibliotheksressourcen in öffentlicher Trägerschaft zu vernetzen und gegenseitig zugänglich zu machen.
  3. Der als eines der ältesten bibliothekarischen Kooperationsunternehmen bestehende Auswärtige Leihverkehr ist ob der Bearbeitungsfristen und Laufzeiten wiederholt kritisiert worden. Vernetzung der Ressourcen und Öffnung der Nachweissysteme waren daher unmittelbar mit einer verbesserten Dokumentenlieferung von besitzender zu anfordernder Bibliothek zu verbinden.

Projektziele und Verfahren

Projektziele

Das auf zwei Jahre angelegte und zwischen 1992 und 1994 durchgeführte Projekt wurde vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft unter dem Arbeitstitel „Optimierung des Bibliotheksangebotes in einer Region durch Vernetzung der vorhandenen Ressourcen in wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken“ in einem Gesamtumfang von rund 500.000 DM gefördert. In einem zweiten, gesondert geförderten Projektteil sollten die erstellten Entwicklungen auf den einzurichtenden „Regionalen Dienstleistungsverbund Thüringer Bibliotheken (ThBV)“ übertragen werden.
Der Projektentwicklung wurde aufgegeben, ein praktisches Verfahren zur gegenseitigen Nutzung der jeweiligen elektronischen Nachweissysteme der beteiligten Bibliotheken, zur Auslösung und Übermittlung von Bestellungen an die besitzende Bibliothek und zur schnellen Übermittlung der rückgabepflichtigen und nicht-rückgabepflichtigen Dokumente an die bestellende Bibliothek zu entwickeln. Ziel des Projektes war es also, unter den genannten Bibliotheken ein „Schnellbestell- und Liefersystem“ einzurichten, innerhalb dessen das von einer zur anderen Bibliothek zu versendende Bibliotheksgut in einer möglichst kurzen Zeit seinen Empfänger erreichen sollte.
Dabei sollten in einer ersten Projektphase drei Bibliotheken unterschiedlicher öffentlicher Trägerschaft miteinander den Kern eines „Dienstleistungsverbundes“ bilden: die Bibliothek der Universität Bielefeld in der Trägerschaft des Landes Nordrhein-Westfalens, die Stadtbibliothek Bielefeld in der Trägerschaft der Stadt Bielefeld und die Lippische Landesbibliothek Detmold in der Trägerschaft des Landesverbandes Lippe, einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das zu schaffende System sollte aber unbedingt um weitere anbietende Bibliotheken erweiterbar und zudem so offen sein, um auch die Teilnahme einer solchen Bibliothek zu ermöglichen, die über keinen eigenen elektronischen Katalog verfügt, aber einen DOS-PC, ein Modem und einen Telefonanschluß besitzt und die Angebote im Verbund für Bestellungen und Recherchen nutzen will.

Die drei genannten Bibliotheken verfügten zum damaligen Zeitpunkt bereits über elektronische Kataloge oder standen, wie die Lippische Landesbibliothek, unmittelbar vor der Einführung eines integrierten Bibliothekssystems. Damit waren die Voraussetzungen gegeben, ohne Schaffung einer Verbunddatenbank Nachweise über Besitz und Verfügbarkeit von Bibliotheksmaterialien zu erhalten.

Technik

Das technische Konzept sah vor, im Mittelpunkt eines sternförmigen Netzes in der Universitätsbibliothek Bielefeld einen Verbundrechner aufzusetzen, auf dem die nachstehend genannten Programme laufen sollten. Die Zugriffe auf diesen Rechner sollten über Datex-P, X.25 im WIN des DFN e.V. und über eine serielle telefonische Verbindung erfolgen:

  1. Automatisierte Verbindungsaufnahme zu den OPACs der teilnehmenden Bibliotheken bei Anwahl und emulative Nachbildung der Tastaturfunktionen der unterschiedlichen Kataloge resp. Systeme; Downloadfunktion, um gefundene Titeldatensätze in die
  2. Bestellverwaltung überführen zu können. Sämtliche Transaktionen zwischen einer anfordernden und einer liefernden Bibliothek waren gemäß einer Teilsumme aus den Kategorien des Interlibrary-Loan(ILL)-Standards in der Bestellverwaltung zu hinterlegen, wobei keine Schnittstellen zu den jeweiligen Ausleihsystemen der Bibliotheken vorgesehen waren. Alle Ausleihfälle waren ferner statistisch nach den Kriterien der DBS zu erfassen.
  3. Mailing. Bestellungen waren in einem regelmäßigen Turnus an die gebenden Bibliotheken zu versenden. In der empfangenden Bibliothek sollte dann auf einem dezidierten Drucker automatisiert eine Druckausgabe erfolgen, die die Grundlage der weiteren Bearbeitung bilden konnte.
  4. Benutzer-Selbstbedienung. Geplant war, das gesamte Verfahren als Selbstbedienungsverfahren den Bibliothekskunden anzubieten. Ein Selbstbedienungsmodul ist erst in der Thüringer Variante des Systems entwickelt worden und bislang im OWL-Verbund nicht eingesetzt worden.

Versand und Lieferung

Kann mit Hilfe der skizzierten Instrumente eine schnelle und möglichst papierlose Bestellung erfolgen, so muß durch organisatorische Maßnahmen in den beteiligten Bibliotheken sichergestellt werden, daß die eingetroffenen Bestellungen präferiert bearbeitet werden, und die ja nahezu ausschließlich in konventioneller Form vorliegenden Dokumente innerhalb der dem Bibliothekskunden zugesicherten Lieferfrist von 48 Stunden in der bestellenden Bibliothek eintreffen. Genutzt werden hierzu die regelmäßig verkehrenden Leihverkehrsfahrzeuge des Hochschulbibliothekszentrums des Landes Nordrhein-Westfalen und mit gutem Erfolg auch die Dienste der Deutschen Post AG. Zur Zeit ist mit einem Eintreffen der Lieferungen innerhalb von 2 bis 4 Tagen zu rechnen – eine Frist, die bislang eher Anerkennung und Akzeptanz seitens der Bibliothekskunden gefunden hat als Beanstandungen wegen des Überschreitens der 48-Stunden-Frist.

Marketing und Werbung

Das Vorhaben wurde als Beitrag zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur der Region angesiedelt; in Marketing und Werbung sollte diesem Aspekt Rechnung getragen werden. Dazu wurden in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Design der Fachhochschule Bielefeld ein Logo und verschiedene Werbeträger wie Plakat, Faltblatt und Flyer entwickelt. Gerade für die kleineren und kleinen Bibliotheken der Städte und Gemeinden bedeutet die Teilnahme an OWL-Verbund und ExpressService mittlerweile einen höheren Prestigegewinn, als aus der Entwicklung der absoluten Zahlen abgeleitet werden könnte.

Erfahrungen und Weiterentwicklung

Die insgesamt positiven Erfahrungen und die gute Resonanz, die der ExpressService seitens der Bibliothekskundschaft gefunden hat, lassen es als nützlich erscheinen, diesen Dienst auch weiterhin anzubieten, auch wenn sein Kernkonzept hinsichtlich der Vernetzung unterschiedlicher Bibliotheksressourcen und hinsichtlich der Öffnung der zumeist internen Kataloge eingeholt und überholt erscheint. Auch haben sich in technischer Hinsicht wichtige Veränderungen seit Konzipierung und Inbetriebnahme des ExpressService ergeben. Es bietet sich an, die weitgehend im MAB-Format vorhandenen Daten der UB und Stadtbibliothek Bielefeld sowie der Lippischen Landesbibliothek und der neu hinzugekommenen Bibliothek der Fachhochschule Lippe in eine Datenbank einzuspielen und im Internet/WWW unter einer grafischen WWW-Browser-Oberfläche anzubieten. Aus anderen Online-Bestellsystemen, wie dem nordrhein-westfälischen JASON-System könnten Bestell- und Mailingmodule sowie eine Endnutzeroberfläche übernommen werden, so daß der ExpressService dann zur Selbstbedienung durch die Bibliothekskunden eingerichtet werden könnte. Bei einer derartigen Umstellung entfielen die Direktzugriffe auf die OPACs der Teilnehmerbibliotheken und damit die Auskunft über die Verfügbarkeit eines gesuchten Titels; andererseits ergibt sich eine leichtere Handhabung des Systems, da nur in einer Datenbank und mit einem schnell vertraut werdenden Suchformular gearbeitet werden könnte und zudem die Bestellungen ja durch die Bibliothekskunden selbstständig durchgeführt werden könnten. Organisatorisch gesichert sein muß auf jeden Fall die präferierte Behandlung der eingehenden Anfrage durch die befragte Bibliothek, sei es nun durch eine Absage oder durch Erledigung und Zusendung. Kann ein Kunde über Internet/WWW bestellen, so spricht auch nichts dagegen, den Direktversand von Bibliotheksmaterialien an die Bibliothekskundschaft einzuplanen. Die vermittelnde Rolle der für den Bibliotheksbenutzer bestellenden Bibliothek entfiele, und wir bewegten uns hin zur „Virtuellen Versandbibliothek“.

Literatur

  • Dienstleistungsverbund für Bibliotheken in Ostwestfalen-Lippe: Pilotprojekt. Antrag 1990. Unveröffentlichtes Typoskript.
  • Axel Halle / Dirk Hasselhoff / Birgit Hollmann: Dienstleistungsverbund Ostwestfalen-Lippe: ein Werkstattbericht. Vortrag vor der Nutzergruppe Bibliotheken im DFN-Verein. Unveröffentlichtes Typoskript. 1992
  • Karl-Wilhelm Neubauer / Birgit Hollmann: Vernetzung der Bibliotheksressourcen in einer Region am Beispiel Ostwestfalen-Lippe. Konzeption und Struktur des Verbundes. Vortrag auf der VBB- Jahrestagung 1992. Unveröffentlichtes Typoskript.
  • Dr. Holthaus + Heinisch. Zentrum für Rechnerkommunikation GmbH: OWL-Bestellverwaltung. Benutzerhandbuch. Version 1.0 ff., 1993 ff.
  • Harald Pilzer: Ziel und Konzeption des OWL-Projektes. In: Elektronische Fernleihe und Dokumentlieferung. Referate anläßlich eines Symposiums in Bonn vom 29.9. bis 1.10. 1993. Hrsg. von Klaus Franken und Karl-Wilhelm Neubauer. Konstanz 1994: 153-161 (Bibliothek aktuell. Sonderheft 11).
  • Harald Pilzer: Zweimal Express Bielefeld-Detmold und zurück. Universitätsbibliothek Bielefeld, Stadtbibliothek Bielefeld und Lippische Landesbibliothek Detmold richten einen Expreßservice für Bücher und Zeitschriftenaufsätze ein. In: Heimatland Lippe, 87 (1994), H. 3: 88-93. → Hier online.
  • Martina Wiedemann: Der Bibliothekenverbund Ostwestfalen-Lippe: Entwicklung, Organisation und technischer Aufbau. In: ProLibris 4/1996, S. 234-237.