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Die „Bericher Bibel“ der Lippischen Landesbibliothek
Überlieferung, Ausstattung und Restaurierung einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 90 (1997), S. 351-354.

Mittelalterliche Handschriften mit ihren farbenprächtigen Illuminationen, alte Drucke mit kunstvollen handgesetzten Lettern und schöne lederne Bucheinbände mit reichem Dekor begeistern den Betrachter; kaum jemand, der nicht ihrer Faszination erliegt. Bekanntermaßen verfügt auch die Lippische Landesbibliothek Detmold neben ihrem aktuellen Buch- und Medienbestand sowie ihren modernen Dienstleistungen über einen reichen Fundus an Handschriften und alten Drucken, die zum einen der Forschung unverzichtbares Quellenmaterial an die Hand geben, zum anderen Ausstellungen vielfältiger Thematik bereichern. Erst jüngst konnten Detmolder und Paderborner Kostbarkeiten unter dem Titel „Manuscripta pretiosa et incunabula illuminata“ in der Sparkassenzentrale in Detmold der Öffentlichkeit vorgestellt werden (vgl. den Bericht in dieser Zeitschrift Jg. 88, 1995). Gerade der alle Erwartungen übertreffende Besuch dieser Ausstellung und die zahlreichen positiven Kommentare und Reaktionen im ausliegenden Gästebuch belegen einmal mehr, wie weitreichend das Interesse an diesen sonst verborgenen Schätzen ist. Zu den damals ausgestellten Stücken zählte auch die sogenannte „Bericher Bibel“ (Lippische Landesbibliothek, Signatur: Mscr. 1.4°), eine ausgesprochen reizvolle Bibelhandschrift aus der Zeit zwischen 1250 und 1270; Allerdings präsentierte sich der aus dem 16. Jahrhundert rührende Ledereinband in ausgesprochen desolatem Zustand; hier war nach Abschluß der Ausstellung dringender Handlungsbedarf geboten, wollte man nicht Gefahr laufen, wertvolles Kulturgut weiterem Verfall preiszugeben. Dankenswerterweise hat im Zuge der genannten Präsentation die Sparkasse Detmold die Patenschaft für die Einbandrestaurierung übernommen. Zwischenzeitlich konnte diese Restaurierung durch eine einschlägige Fachwerkstatt zum Abschluß gebracht werden, so daß es sicher beste Gelegenheit ist, dieses buchkundliche Kleinod noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Bei dieser lateinischen „Bericher Bibel“ handelt es sich um den ältesten vollständigen Pergament-Codex der Lippischen Landesbibliothek; er umfaßt 438 Blätter aus sehr feinem Pergament in den Maßen 18,0 x 26,8 cm. Die Bibel ist zweispaltig in einer ausgesprochen kleinen, aber sehr klaren und gleichmäßigen Buchminuskel, einer sogenannten Textura, geschrieben. Wie ihr Name bereits ausweist, rührt die Handschrift nicht aus der Bibliothek eines lippischen Konvents, sondern zählte zuvor zum Ensemble des liturgisch-geistlichen Buchbestandes des im Jahre 1196 gegründeten Augustinerinnenklosters Berich in der alten Grafschaft Waldeck. Ein Besitzeintrag aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts vermerkt auf Blatt 380: Liber monasterii sanctorum Laurencii et Katherine martyrum in Beriche (= Buch des Klosters der heiligen Märtyrer Laurentius und Katharina in Berich).

Kloster und Dorf Berich gingen 1914 im aufgestauten Eder-Stausee unter; vor der Flutung des Edertales wurde allerdings die aus dem 14. Jahrhundert stammende gotische Klosterkirche abgebrochen und unter Verwendung der originalen Baumaterialien in alter Form, allerdings um zwei Joche verkürzt, in der Nähe von Arolsen wieder aufgebaut und mit der alten Ausstattung versehen; mithin ein schönes frühes Zeugnis praktischer Denkmalpflege zu einer Zeit, als deren Umsetzung weithin noch in den Kinderschuhen steckte. Das Kloster Berich wurde im Gefolge der in der Grafschaft Waldeck seit 1530 Fuß fassenden Reformation säkularisiert und 1566 nach dem Tod der letzten Priorin von den Grafen von Waldeck in eine Domäne („Meierei“) umgewandelt. Einkünfte aus Grundbesitz und Gerechtsamen überwies die Landesherrschaft im Jahre 1577 zum Unterhalt des Gymnasiums in Korbach, womit man zumindest wieder in die Nähe des einst frommen Stiftungszwecks rückte. Jedoch zurück zur Bibelhandschrift. Wie wir wissen, ist die Bibel allerdings nicht in Berich entstanden, sondern sie zählte wohl zu einer Memorienstiftung, die der Kölner Bürger Johannes Rink um die Mitte des 15. Jahrhunderts veranlaßt hatte. Rink stammte aus Korbach, also aus dem Waldeckischen, und blieb seiner Heimat bis zu seinem Tode eng verbunden; auch als Stifter der St.-Nicolai-Kirche in seiner Vaterstadt Korbach ist er nachgewiesen. Auf dem letzten Blatt der Bibel (Bl. 438r) dokumentiert ein zeitgenössischer lateinischer Eintrag die Stiftung an das Kloster Berich, dort ist zu lesen: Liber canonicarum regularium monasterii beate Katherine martyris et virginis in Beriche prope Waldegke, quem contulit nobis Iohannes Ryngk de Corbecke, civis Coloniensis (= Buch der (Augustiner-) Regularkanonikerinnen des Stifts der seligen Katharina, der Märtyrerin und Jungfrau, in Berich bei Waldeck, das uns Johannes Rink aus Korbach, Bürger zu Köln, dargebracht hat). Über die Nachricht von der Provenienz der Biblia sacra latina hinaus gewährt diese Quelle Einblick in die Stiftsverfassung und belegt, daß es sich in Berich um ein reguliertes Chorfrauenstift vom heiligen Augustinus gehandelt hat, dessen Insassinnen unter Einhaltung strenger Klausur vor allem die Verrichtung des großen Offiziums, die Übung der Gastfreundschaft und die Lehrtätigkeit oblagen. Die Handschrift ist zurückhaltend illuminiert.

Bericher Bibel: König David am Anfang der Psalmen
Signatur: Ms 1

Den Hauptschmuck machen die meist mit zarter Goldblattauflage versehenen Initialen aus. Sie sind in der Mehrzahl als Randleisteninitialen mit Drachenköpfen, Lindenwürmern und Vögeln, als Fleuronnée- und als Bildeinschlußinitialen von z. T. beachtlicher künstlerischer Qualität ausgestaltet; ein schönes Beispiel stellt eine Initiale B (Beatus vir, qui non abiit in consilio impiorum et in via peccatorum non stetit = Selig der Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht ...) am Beginn des Psalters dar. Sie zeigt im Binnenfeld das beliebte Motiv König Davids mit der Harfe, denn der jüdisch-christlichen Tradition zufolge gilt dieser als Verfasser und Sänger der Psalmen. Ferner treten als Schmuck Zierleisten mit Spiralen, sogenannte „Laufende Hunde“, und andere Motive auf.

Die Initialminiaturen weisen in ihrer Gestaltung niederrheinisch-flämische Stilverwandtschaft auf, so darf vermutet werden, daß der Schenker, ein wohlhabender Kaufmann, sie in Köln oder auf Geschäftsreisen nach Holland und Flandern, vielleicht sogar Nordfrankreich, erworben hat. Die genaue Herkunft des Codex ist bisher noch unerforscht.

P-Initiale, Genesis
Signatur Ms 1

Mit einiger Sicherheit gelangte die Handschrift über die Gräfin Katharina von Waldeck, Gemahlin des Grafen Bernhard VIII., und Mutter Simons VI., zunächst an deren Schwager Hermann Simon zur Lippe-Pyrmont und Spiegelberg. Als Geschenk oder testamentarisches Vermächtnis – Neueinband von 1567 – ging sie an Justus (Jobst) Schneidewindt († 1606), lippischer Kanzler zu Pyrmont, der sie seinem gleichnamigen Sohn übertrug. Von diesem dürfte sie in der Folgezeit in den Besitz Simons VI. zur Lippe und mit dessen Büchersammlung in die spätere Lippische Landesbibliothek gekommen sein.

Wie der originale mittelalterliche Bucheinband dieser Handschrift ausgesehen hat, wissen wir nicht. Diese Tatsache ist umso mehr zu bedauern, da auch der Einband geeignet gewesen wäre, mehr Licht in die Herkunfts- und Überlieferungsgeschichte zu bringen. Im Jahre 1567, also zu der Zeit, als sie sich im Schloß Pyrmont befand, erhielt die Handschrift den heute noch vorhandenen Renaissance-Einband in dunkel eingefärbtem Schweinsleder. Die Einbandornamentik besteht aus Streicheisenlinien, Rollenstempeln mit Akanthus-Blüten und mythologischen Figuren (Venus, Luna, Paris usw.) sowie zwei schönen, mit Goldauflage versehenen Plattenstempeln, für die bekannte Holzschnitte als Vorlagen gedient haben: auf dem Vorderdeckel erneut König David mit der Harfe zu Psalm 85,12 (Bibl. sacr. volg.): Confitebor tibi Domine Deus meus in toto corde meo (= Ich will Dich preisen, Herr, mein Gott, von ganzem Herzen), auf dem Rückendeckel die Taufe Jesu Christi nach Matth. 3,17: Hic est filius meus i(n) qu(o mihi conplacui) (= Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe).

Der nun mit Unterstützung der Sparkasse Detmold restaurierte Einband stellte sich in bedauernswertem und unwürdigem Zustand dar: seit dem Neueinband im 16. Jahrhundert hatte er keine Pflege, geschweige denn eine Restaurierung erfahren. Häufiger Standortwechsel – Schlösser Pyrmont und Brake, Augustinerinnenkloster Detmold (Bibliothek der Provinzialschule), Reitstallpavillon (östlicher Pavillon der heutigen Stadthalle) und letztendlich Bibliotheksgebäude an der Hornschen Straße in Detmold –, unsachgemäßer Aufbewahrung, wenig pfleglicher Umgang und daraus resultierender Schädlingsbefall führten zu erheblichen Schäden, so daß letztendlich der Verlust wesentlicher Teile des schönen Renaissance-Einbandes zu befürchten war.

Zur Restaurierung wurde der Band zerlegt und völlig neu aufgebunden; die fünf erhabenen, mehrfach gebrochenen Bünde mußten ersetzt und das Kapitalband erneuert werden. Die Buchenholzdeckel waren unrettbar von Holzwürmern zerfressen. Ein farblich angepaßter, aber bewußt abgesetzter Schweinsledereinband wurde unterlegt und die noch brauchbaren originalen Einbandstücke aufgezogen; dabei sind Vorder- und Rückendeckel noch einigermaßen vollständig, der Rücken selbst nur noch in Bruchstücken erhalten. Immerhin zeugen auch diese Fragmente noch heute von der einst stattlichen buchbinderischen Arbeit. Die ziselierten Messingecken konnten nach Reinigung wieder aufgenagelt, dagegen mußte eine verlorene Schließe aus gleichem Material neu angefertigt werden. Die Vorsätze bestehen heute aus säurefreiem Papier. Auf ein Verschließen der Wurmstiche im Inneren des Bandes wurde aus Kostengründen verzichtet. Vor der Restaurierung wurde der zerlegte Band begast, so daß sichergestellt ist, daß sich keine Schädlinge mehr im Pergament oder in anderen organischen Teilen des Einbandes befinden dürften.

Die „Bericher Bibel“ stellt sich dem Beschauer nunmehr wieder in (fast) altem Glanz dar, sie dokumentiert die im Mittelalter hohe Kunst des Bücherschreibens und der Buchmalerei sowie die Einbandkunst der Renaissance; sie ist ebenso Zeugnis bürgerlicher Frömmigkeit und Sorge um das Seelenheil wie klösterlichen Buchbesitzes. Ihre Überlieferung verdanken wir sicher einer ganzen Reihe von historischen Zufälligkeiten, dazu gehören über die Konfessionsgrenzen hinweg reichendes adliges Traditionsempfinden der Familie der gräflichen Klosterstifter, frühe antiquarische Interessen der beamteten lippischen Elite und letztendlich fürstlicher Sammeleifer. Sie alle trugen dazu bei, daß die Handschrift heute den alten Bücherschatz der Lippischen Landesbibliothek bereichert.