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Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme“ - die Detmolder Handschrift in einer Ausstellung in Den Haag

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 89 (1996) 11, S. 330-336.

Das Jahr 1996 hat nicht nur als das mutmaßliche 700. Todesjahr Jacob van Maerlants Geltung zu beanspruchen, sondern bedeutet zugleich einen Markstein in der Forschung urn diesen wohl bedeutendsten niederländischen Schriftsteller des Mittelalters: im Frühjahr erschien das mittlerweile preisgekrönte, umfangreiche Werk des Literaturwissenschaftlers und Maerlant-Spezialisten Frits Pieter van Oostrom (Universität Leiden), der unter dem eher unverfänglich-zurückhaltenden Titel „Maerlants wereld“ (Prometheus-Verlag, Amsterdam, 563 S.) Leben, Werk, Zeithintergrund und Wirkungsgeschichte dieses großen Autors des 13. Jahrhunderts detailkundig umreißt; der derzeitige Stand der Forschung hat damit eine solide und zukunftsweisende Basis gefunden. Jubiläumstodesjahr und Erscheinen des gelehrten Werkes haben das „Museum van het boek, Meermanno-Westreenianum“ in Den Haag veranlaßt, eine Ausstellung über das in zahlreichen Handschriften des 13. bis 15. Iahrhunderts überlieferte literarische, historiographische und enzyklopädische Werk Jacob van Maerlants zu konzipieren. Unter dem bezeichnenden Titel „Jacob van Maerlant - De middeleeuwse wereld op schrift“ sind derzeit nahezu 70 größtenteils illuminierte mittelalterliche Handschriften oder deren Fragmente sowie einige wenige frühe Drucke aus 20 in- und ausländischen Bibliotheken, Archiven und Museen im traditionsreichen Haus an der Prinsessegracht versammelt. Die Stätte dieser Ausstellung komte sicher kaum würdiger gewählt werden: das Museum Mermanno-Westreenianum ist der Geschichte der Schrift, des alten und des modernen Buches, der Buchdruckerkunst, der Buchmalerei und -illustration verpflichtet; es verwaltet eine erlesene Sammìung aus allen Perioden der Geschichte des abendländischen Buches von der mittelalterlichen Handschrift über die Inkunabel bis hin zum modernen Malerbuch und Pressendruck. Das Museum konnte sogar aus eigenem Bestand zwei Redaktionen von Maerlants „Rijmbijbel“ aus dem 14. und 15. Jahrhundert beisteuem, was die Initiatoren zweifellos angespornt und in ihrem Vorhaben nur bestärkt haben dürfte. Daß aber eine wertvolle Handschrift aus der Lippischen Landesbibliothek Detmold in dieser hochkarätigen Ausstellung zu sehen ist und darüber hinaus noch einen ganz besonderen Akzent setzt, führt uns in Lippe erneut vor Augen, welch bedeutsame Quellen für die wissenschaftliche Forschung von internationalem Rang im Bibliotheksgebäude an der Hornschen Straße in Detmold ruhen!

Jacob van Maerlant, Der naturen bloeme
Ms 70, Bl. 24v: Elefant

Bevor auf das Exponat aus Detmold und einige weitere Glanzstücke der Ausstellung einzugehen sein wird, sind wenige biographische Notizen über den mittelalterlichen Autor zum besseren Verständnis des Folgenden unverzichtbar. Jacob van Maerlant wurde offenbar schon von seinen Zeitgenossen ein besonderer Rang zuerkannt; vor allem die Tatsache, daß er alle seine Werke und Kompilationen gereimt in der Volkssprache, nämlich mittelniederländisch, und nicht üblicherweise in Latein, verfaßt hat, brachte ihm bereits das emphatische Lob des nur um eine Generation jüngeren Jan van Boendale († 1350) ein, der ihn in seinem Werk Der leken spiegel „de vader van alle dichters in de volkstaal“ nannte. Während wir über Jacobs Gesamtoeuvre recht gut unterrichtet sind, bleiben seine Lebensumstände weitgehend im Dunkel: er wurde um das Jahr 1230 in der Gegend von Brügge geboren, war also Flame und augenscheinlich nichtadliger Herkunft. Seine Sprachgewandtheit und seine intimen Kenntnisse der klassischen und mittelalterlichen Autoren setzen voraus, daß er eine gediegene Schulbildung in einer Stifts- oder Klosterschule durchlaufen hat; dafür in Frage kamen die Schulen des Sint-Donaas-Kapitels in Brügge oder der benachbarten Zisterzienserklöster Ter Doest und Ter Duinen, die als Zentren der Wissenschaften galten und über dementsprechend gut ausgestattete Bibliotheken verfügten. Die Priesterweihe hat er wohl nicht erlangt, allerdings könnte ihm ein niederer Weihegrad zuteil geworden sein, der ihn um 1260 zum Amt des Küsters – meist verbunden mit dem des Lehrers – an der Sint-Pieters-Kirche im später wüstgefallenen Maerlant nahe Brielle auf der Insel Voorne qualifizierte. In seinem um 1261 entstandenen Werk „Historie van den Graal/Boek van Merlijn“ nennt sich der Dichter selbst Jacob de coster van Merlant, im „Spiegel historiael“ von 1283/88 heißt es über ihn een Jacopijn, een predicare; der ausgegangene spätere Wirkungsort und nicht der Geburtsort bildete also das Substrat für den Herkunftsnamen. Seit der Zeit auf Voorne tritt die Nähe zum holländischen Grafenhaus, namentlich zum Grafen Florenz V. (Floris) und dessen Umfeld, deutlich zutage. Etwa zehn Jahre später – um 1270 – kehrte Jacob in seine Flämische Heimat zurück, um sich in Damme, dem Hafen Brügges, niederzulassen. Über die Gründe, die ihn zu diesem Ortswechsel bewogen haben, läßt sich nur spekulieren: politischer Auftrag, Dienst in der städtischen oder Hafenverwaltung, Nähe zum Gelehrtenzentrum Brügge mit seinen reich sortierten Bibliotheken zur Fortsetzung des literarischen Werkes wurden genannt, ohne daß letztendlich Klarheit darüber zu gewinnen ist. Wohl um das Jahr 1296 starb er in Damme und soll der Tradition zufolge unter dem Turm der Großen Kirche (Onze Lieve Vrouwe Kerk) begraben worden sein.

Konzipierung und erste Niederschrift von „Der naturen bloeme“ fallen bereits in die Zeit in Damme. Aufgrund eindeutiger Indizien ist davon auszugehen, daß dieses bekannte und weit verbreitete Werk um 1270 niedergelegt worden sein dürfte. Der Titel „Der naturen bloeme“ ist als Metapher zu verstehen und bedeutet übersetzt soviel wie „Das Beste aus der Natur“, mithin handelt es sich um ein Handbuch der Natur, um eine mittelalterliche Naturenzyklopädie. Allerdings gebührt nicht Jacob van Maerlant die Verfasserschaft, sondern vielfältigem Brauch das Mittelalters und damit dem Stil der Zeit folgend, übersetzte, kommentierte und überarbeitete er den Liber de natura rerum des Brabanter Dominikaners Thomas von Cantimpré (Thomas Cantimpratensis, 1201-1270), eines Schülers des Albertus Magnus. In etwa 16.680 Versen, unterteilt in 13 Bücher, werden nacheinander die Menschenrassen, die Tiere – Vierfüßer, Vögel, Fische, Insekten –, die Pflanzen, die Quellen, die (Edel-)Steine und die Metalle abgehandelt. Unter den beschriebenen Spezies befinden sich gleichwohl Wesen aus Mythologie und Fabelwelt, zum Beispiel Zyklopen, Zentauren, Amazonen, Einhorn, Vogel Greif, Phönix und verschiedene Meeresungeheuer wie Sirene, Seehirsch, Seemönch und andere. Jacob van Maerlant steht mit diesem Werk in der langen Reihe der Texte, die, beginnend mit dem um das Jahr 200 in Alexandria entstandenen Physiologus, das Wissen um die bestehende Welt von der Spätantike in das abendländische Mittelalter überlieferten, ergänzten und stets verfeìnerten. Gewidmet war „Der naturen bloeme“ seinem offenbaren Auftraggeber Nicolaas van Cats, Herm von Noord-Beveland, Lehnsmann und Rat Graf Florenz’ V. von Holland.

Das enzyklopädische Werk „Der naturen bloeme“ fand im Mittelalter eine vergleichsweise große Verbreitung: elf vollständige und acht fragmentarische Handschriften sind davon erhalten geblieben. Eine Reihe von diesen ist reich illuminiert, indem jede beschriebene Art durch eine Miniatur veranschaulicht wird. Unter diesen prächtig ausgestatteten Handschriften kommt „Der naturen bloeme“ aus der Lippischen Landesbibliothek Detmold (Mscr. 70, Pergament, 141 Blätter, 20,2 x 15,6 cm) unstreitig ein besonderer Rang zu: zum einen handelt es sich um die ältesterhaltene Redaktion dieses naturkundlichen Werkes, zum anderen erfolgte deren Niederschrift um 1287 wahrscheinlich im Auftrag des Stiftskapitels von Sint-Omaars in Brügge, also noch zu Lebzeiten des Verfassers und in dessen unmittelbarer räumlicher Nähe; sie dürfte mithin eine der zuverlässigsten Quellen für Jacobs Werke und für die Erforschung seiner Sprache darstellen. Der Gedanke, daß der Autor die Entstehung dieser Detmolder Handschrift vielleicht sogar begleitet und sie in den Händen gehalten hat, ist faszinierend – und noch nicht einmal völlig abwegig! Neben der Detmolder Pergamenthandschrift reichen nur noch Fragmente eines verlorenen Codex von „Der naturen bloeme“, die sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München und in der Stadtbibliothek Trier befinden, sowie eine Redaktion der „Rijmbijbel“ aus der Königlichen Bibliothek in Brüssel in das 13. Jahrhundert zurück, so ist nicht auszuschließen, daß mit dem Detmolder Exemplar die älteste Maerlant-Handschrift überhaupt vorliegt. Die recht genaue Datierung und Lokalisierung verdanken wir einem ausgesprochen glücklichen Umstand: Vorgeschaltet wurde dem Prolog ein Kalendarium und eine sogenannte Ostertafel (tabula paschalis), die die Lage des Osterfestes für die Zeit von 1287 und 1319 angibt; während die im Kalendar berücksichtigten Heiligen wohl den unzweifelhaften Blick auf Brügge lenken, gibt die Tafel den entscheidenden Hinweis auf die Datierung der vorliegenden Handschrift – nämlich auf das Jahr 1287.

Über das Gesagte hinaus besticht die Handschrift der Lippischen Landesbibliothek durch die Qualität ihrer Buchmalerei: in nahezu 500 Miniaturen werden die beschriebenen Spezies illustriert, dabei beeindrucken die Klarheit und Kraft der Farben nach mittlerweile über 700 Jahren ebenso wie der filigrane Federstrich, der den Gestalten mittels angedeuteter Gestik und Mimik gleichsam Leben und Aussagekraft vermittelt; nicht wenige der Miniaturen sind mit Blattgold unterlegt. In der Ausstellung im Museum van het boek Meermanno-Westreenianum sind zwei Blätter aus dem Buch über die (Edel-)Steine aufgeschlagen: auf Blatt 132ra (links oben) ist ein wasserklarer Stein zu sehen, der als Brennglas benutzt werden kann. Eine interessante Beobachtung zur Praxis der Buchmalerei ist dagegen am äußeren Rand von Blatt 131v zu machen, denn dort befinden sich neben den Miniaturen knappe Farbanweisungen für den Illuminatur, wie dieser die Steine auszumalen hatte: alse kerstal (als Kristall) und sward (schwarz). Diese und andere knappe Anweisungen unterstreichen den arbeitsteiligen Prozeß bei der Entstehung einer illuminierten Handschrift, an dem Schreiber (scriba, scriptor), Illuminator/Miniator, Rubrikator und andere beteiligt waren. Weniger signifikant als die herausragenden Miniaturen ist die Schrift, eine gelegentlich unruhige gotische Minuskel, der in Brügger Skriptorien gegebenenfalls noch weiter nachgegangen werden sollte. Das Pergament ist von eher zurückhaltender Qualität, der Originaleinband oder überhaupt Spuren eines früheren Einbands sind nicht erhalten, was zu bedauern ist, da mit seiner Hilfe mögliche Vorbesitzer hätten greifbar werden können. So trägt diese so schöne Handschrift heute einen schmucklosen hellen Pergamenteinband aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu unbekanntem Zeitpunkt und wohl kaum im vergangenen Jahrhundert wurde sie zum Zwecke des (Neu-)Einbandes erheblich beschnitten, dadurch wurden einige Miniaturen arg in Mitleidenschaft gezogen, ein Frevel, der nicht rückgängig zu machen ist.

Die Überlieferungsgeschichte der Handschrift „Der naturen bloeme“ der Lippischen Landesbibliothek weist nach wie vor große Lücken auf. Es spricht sicher nichts gegen die Annahme, daß sie für die Stiftsbibliothek in Brügge angefertigt wurde; bis auf weiteres könnte davon ausgegangen werden, daß die Handschrift bis zum ausgehenden Mittelalter dort auch verblieben ist. Ein Benutzer (=Besitzer?) des Codex’ hatte offenbar noch während der Zeit des  Mittelalters ein nachhaltiges Interesse an medizinischen Sachverhalten, denn die einschlägigen Textstellen wurden mit einem marginalen nota versehen und waren damit leicht auffindbar. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte die Handschrift jedenfalls in den Besitz des Detmolder Bürgermeisters Christoph Smerheim (Smerimen), er versah den Vorsatz mit seinem Besitzvermerk. Angehörige dieser äußerst wohlhabenden Familie bekleideten nicht nur das Bürgermeisteramt, sondern waren auch als gräfliche Räte in der landesherrlichen Verwaltung tätig. Die Smerheims erbauten auch nach dem großen Stadtbrand 1547 unter Verwendung aufwendiger Baumaterialien das prächtige Bürgerhaus in der Langen Straße (Nr. 14) im Stil der Weserrenaissance, dessen Giebel die Jahreszahl 1587 trägt, und erwarben aus offenbar frühen antiquarischen Interessen – auf ihren Handelsreisen (?) – auch mittelalterliche Handschriften; das kostbare Evangelium ex quatuor in unum der Lippischen Landesbibliothek (Mscr. 71) gleichfalls aus ihrem Von Christoph Smerheim oder seinen z.T. gleichnamigen Erben gelangten die Handschriften in die Bibliothek Simons VI. zur Lippe, und mit seiner Büchersammlung fanden sie letztendlich den Weg in ihre jetzige Aufbewahrungsstätte.

Zum Abschluß unserer Ausführungen bedarf es noch einiger Anmerkungen zum weiteren, umfangreichen Werk Jacob van Maerlants, wie es in der Den Haager Ausstellung so eindrucksvoll dokumentiert wird; zunächst noch einmal zu „Der naturen bloeme“. Neben dem Detmolder Exemplar können noch weitere sechs ebenfalls hervorragend illuminierte Abschriften von der Naturenzyklopädie im Museum van het boek besichtigt und miteinander verglichen werden: die nächst jüngere Redaktion entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Südholland und wird heute in der Königlichen Bibliothek Brüssel aufbewahrt, vier weitere sind in die Zeit um 1350/60 zu datieren, eine gehört der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an, drei entstanden wahrscheinlich in Utrecht, sie befinden sich heute in der Königlichen Bibliothek Den Haag und in der Universitätsbibliothek Leiden. Bei den anderen beiden handelt es sich eher um ein Kuriosum, wie es dem Handschriftenforscher oder -bibliothekar allerdings gelegentlich begegnet: mit den Exemplaren aus der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, und aus der Nationalbibliothek Wien liegen zwei verschiedene Teile ein und derselben Handschrift vor; beide Stücke ergeben zusammen eine komplette Redaktion von „Der naturen bloeme“, Schriftduktus und Illumination lassen an der ursprünglichen Zusammengehörigkeit keinen Zweifel aufkommen. Unbekannt bleibt, wann, wo und vor allem warum die Handschrift zerlegt wurde und wie es zu den getrennten Wegen, die nach Berlin und Wien führten, gekommen ist, auch konnte ihr Skriptorium bisher nicht ermittelt werden. Um so erfreulicher ist es, die Exponate in Den Haag erstmals wieder einträchtig nebeneinander zu sehen. Den Gewährsleuten der Ausstellung ist es zudem gelungen, ein – allerdings späteres – Exemplar des Vorlagewerkes für Jacob van Maerlant, nämlich Thomas von Cantimprés „De natura rerum“ zu beschaffen; dieses war ursprünglich wohl Bestandteil der Klosterbibliothek von Sint-Amand und wurde nun von Bibliothèque Municipale in Valenciennes zur Verfügung gestellt.

Das weitere Oeuvre Jacob van Maerlants der Vollständigkeit und Anschaulichkeit halber in tabellarischer Form:

In Maerlant auf der Insel Voorne entstanden

  • ca. 1259 Alexanders geesten (Die Taten Alexanders des Großen), in 14.000 gereimten Versen, Hauptquelle war die lateinische Alexandreis des Franzosen Gaulthier de Chatillon; Auftraggeberin dürfte Aleide van Avesnes, eine nahe Verwandte des jungen Grafen Florenz V. gewesen sein. Ausgestellt sind u.a. zwei Handschriften der „Geesten“ (14. Jh.), heute in Leiden und in München, sowie eine Handschrift der „Alexandreis“ (13. Jh.) aus dem Museum van het Boek.
  • ca. 1261 Historie van den Graal/Boek van Merlijn (Über die Herkunft des Gral, die Geschichte des jungen Königs Artus/Arthur und seines Ratgebers Merlin), in 10.000 gereimten Versen, Vorlage waren die lateinischen Dichtungen des Franzosen Robert de Boron Joseph d’Arimathie und Merlin; als Auftraggeber zeichnete wahrscheinlich Albrecht van Voorne, ein Vormund des jungen Grafen Florenz V. Zu sehen sind neben der einzig erhaltenen Handschrift in mittelniederdeutscher Übersetzung (Westfalen, Anf. 15. Jh.) aus Privatbesitz weitere motivverwandte Werke.
  • ca. 1261 Roman van Torec (Artusroman über den jungen Held Torec), etwa 4.000 gereimte Verse, nicht im Originaltext Maerlants erhalten, sondern in einer Lancelotcompilatie (Brabant, ca. 1320) aus der Königlichen Bibliothek Den Haag.
  • 1262/1264 Somniariis & Lapidariis (Buch über die magischen Kräfte der Steine und Traumdeutung), das Werk gilt bisher als verschollen, möglicherweise ist das Buch über die Steine in den entsprechenden Teil von „Der naturen bloeme“ eingegangen.
  • ca. 1264 Historie van Troje (Geschichte des Trojanischen Krieges und der Eroberung Italiens durch Aeneas), 40.000 gereimte Verse, als Vorlage dienten der Roman de Troye des Benoit de Ste. Maure (Mitte 12. Jh.) und eine Reihe klassischer Autoren; wahrscheinlich ebenfalls für den jungen Grafen Florenz kompiliert. In die Ausstellung gelangten neben Fragmenten des „Roman de Troie“ (1264) zwei künstlerisch wertvolle Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts aus West-Flandern und Kleef.
  • ca. 1266 Heimelijkheid der heimelijkheden (Fürstenspiegel und Gesundheitslehre), 2.000 gereimte Verse; die Autorschaft Jacob van Maerlants galt gelegentlich als nicht ganz sicher, da nur zwei der vier überlieferten Redaktionen Jacob als Verfasser nennen, man darf jedoch davon ausgehen, daß das Werk für den jungen Grafen Florenz V. auf Veranlassung seiner Vormünder auf der Grundlage des älteren Secretum secretorum niedergelegt wurde. Eine Abschrift der lateinischen Vorlage aus dem Kloster Ten Duinen (13. Jh.), drei weitere Exemplare der „Heimelicheit“ datieren aus dem 14. und 15. Jahrhundert.

In Damme entstanden die Werke

  • ca. 1270 Der naturen bloeme, wie vorgestellt.
  • 1271 Rijmbijbel und De wrake van Jerusalem (Biblische Geschichte und Zerstörung Jerusalems durch die Römer), etwa 35.000 gereimte Verse, Übersetzung und Ergänzung von Peter Comestors Historia scolastica (1169-1175) sowie von De bello judaico und Antiquitates judaicae des Flavius Josephus. Erstmalige Übersetzung der historischen Bücher des Alten Testaments ins Niederländische. Die Ausstellung bietet neun, z.T. hervorragend illuminierte Handschriften vom beginnenden 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts sowie drei Redaktionen der Vorlagen des Peter Cornestor vom Anfang des 13. Jahrhunderts.
  • ca. 1275 Sinte Franciscus leven (Leben des heiligen Franz von Assisi, †1226), 10.000 gereimte Verse, Übertragung der Legenda sancti Francisci des Bonaventura († 1276) ins Niederländische auf Veranlassung des Franziskanerpaters Alaert aus Utrecht. Ausgestellt sind zwei Handschriften aus Leiden und St. Truiden aus der ersten Hälfte des 14. und der Mitte des 15. Jahrhunderts. – Eine gleichfalls von Jacob verfaßte Heiligenvita der Clara von Assisi ist heute verloren.
  • 1283-1288 Spiegel historiael (Weltchronik von der Schöpfung bis 1250), ca. 91.000 gereimte Verse, weitere 66.000 Verse wurden später von Philip Utenbroeke und Lodewijc van Velthem ergänzt, Grundlage bildete das Speculum historiale des Vincentius von Beauvais, gewidmet wurde das Werk später den Herren van Voorne. Die Ausstellung bietet vier Handschriften 1310/30-ca. 1450, ferner die Vorlage des Vincentius aus Nordfrankreich von 1297 sowie Handschriften der Fortsetzer.

Zu bisher unbekanntem Zeitpunkt schuf Jacob didaktisch-moralisierende strophische Gedichte, dazu gehören die „Martijns“ (Dialoge), „Die clausule van der bibele“, „Der kerken claghe“ und „Van den lande van over zee“, die insgesamt noch einmal rund 3.500 Verse umfassen. Das Gesamtwerk Jacob van Maerlants umfaßt zwischen 250.000 und 300.000 gereimte Verse, eine enorme Leistung, die selbst dem an Superlative gewöhnten Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts Respekt abnötigt, zumal dann, wenn er das heute über viele Länder verstreute Werk in der mittelalterlichen Kalligraphie und Illumination für kurze Zeit wieder zusammengeführt plastisch vor Augen sieht; die Gelegenheit ist derzeit in der großartigen Handschriftenschau im Museum van het Boek/ Meermanno-Westreenianum gegeben.

Abbildungen der Druckfassung:
1. B. 24v, Ausschnitt
2. Bl. 40v, Ausschnitt
3. Blatt 131v, ganz
4. Blatt 133v, Ausschnitt