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Zeitspuren: die Geschichte der Historischen Fotografischen Bildersammlung

von Frank Jendreck

Druckfassung in: Heimatland Lippe 89 (1996), 7/8, 220-227.

Einleitung
Die Technik
Die Motive
↓ Die Fotografen
Die Zukunft
Anmerkungen

Die Bedeutung der Abbildung eines Gegenstandes oder einer Örtlichkeit zum Zwecke der Dokumentation des gegenwärtigen Zustandes einer sich in ständigem Wandel befindlichen Welt fand im Bereich der lippischen Landeskunde schon früh Berücksichtigung durch die Maßnahmen des Oberjustizrats Otto Preuß. Als nebenamtlicher Leiter der Bibliothek erteilte er von 1838-1890 den Künstlern Ludwig Menke, Emil Zeiß, Carl Dewitz, und anderen den Auftrag, „alle Sehenswürdigkeiten des Lipperlandes, vor allem die baulichen Altertümer“(1)  in Form von Zeichnungen und kleineren Aquarellen darzustellen. Diese grafischen Blätter befinden sich im Besitz der Lippischen Landesbibliothek, fotografische Reproduktionen davon können aus der Historischen Fotografischen Bildersammlung des Instituts für Lippische Landeskunde ausgeliehen werden. Sie sind die ältesten bildnerischen Zeugnisse lippischer Landeskunde in dieser Sammlung.(2)  Den Grundstock der fotografischen Sammlung legte Bibliotheksdirektor Dr. Eduard Wiegand in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts, indem er die politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten der NSDAP in Fotoausstellungen präsentierte. Neben dieser Parteiarbeit sammelte er zeitgeschichtlich und landeskundlich interessantes Fotomaterial, darunter das komplette Bildarchiv der Volkswohlfahrt in Schötmar. Seine intensive Parteiarbeit erleichterte sicherlich die Stiftung des Pecher-Nachlasses, die eines der Schmuckstücke der Sammlung ist. Ob die Sammlung Düstersiek vor oder nach Kriegsende 1945 gestiftet wurde, ist nicht mehr eruierbar. Später kam als weiterer wichtiger Einzelposten die Sammlung das Oberlehrers i. R. Friedrich Richter aus Detmold hinzu, die er für das von ihm geleitete Stadtmuseum angelegt hatte, ferner die Fotosammlung des Heimatforschers Dr. August Meyer-Böke, der zwischen 1954–1958 eine Artikelserie unter dem Titel „Zick-Zackfahrten durch Lippe“ herausbrachte und zahlreiche Fotodokumentationen für den Lippischen Heimatbund anfertigte. 1966 die ostwestfälische Regionalzeitung „Freie Presse“ ihr Erscheinen ein. Nur der Initiative von Dr. Arnold Eberth und Bibliotheksdirektor Dr. Karl Alexander Hellfaier ist es zu verdanken, daß das Bildarchiv der Detmolder Redaktion in den Bestand der Sammlung aufgenommen werden konnte. Reste des Lemgoer Bestandes konnten mit Mühe von Rektor R. Wilhelm Süvern gerettet werden. Wilhelm Süvern hatte um 1960 eine Fotosammlung für das Stadtarchiv Lemgo angelegt, aus deren Bestand mit Hilfe des Stadtarchivars Dr. Hoppe wichtige Dokumente mittels Reproduktion in die Historische Fotografische Bildersammlung übernommen werden konnten. Auch der Lippische Heimatbund stellte Teile seiner Fotosammlung als Reproduktionen zur Verfügung. 1969/70 führten der Fotograf Friedrich W. Pahmeier und Wilhelm Süvern ein Projekt zur Dokumentation und Katalogisierung alter Lippischer Torbögen durch, welche flächendeckend diese Zeugnisse bäuerlicher Baukunst in Wort und Bild festhielt. Die Bildarchive der Lippischen Landeszeitung und der Lippischen Rundschau ließen oft großzügig ihre Duplikate in die Sammlung einfließen. Die vielen Privatleute hier zu nennen, ohne deren Mithilfe und Stifterwillen die Historische Fotografische Bildersammlung schwerlich ihren Umfang erreicht hätte, wäre müßig. Ihnen allen sei an dieser Stelle noch einmal herzlich Dank gesagt.

Die Technik

Die Daguerreotypie, das erste durch Schwärzung lichtempfindlicher Silbersalze hervorgerufene fotografische Verfahren, lieferte schon 1839 Abbildungen mit bestechender Schärfe, von denen jedoch keine Vervielfältigungen hergestellt werden konnten, weil der Träger des Bildes eine Metallplatte sein mußte. Einige Jahre später entwickelte der englische Physiker William Henry Fox Talbot das erste Positiv-Negativ-Verfahren mit einer lichtdurchlässigen Trägerschicht aus Papier, die Vervielfältigungen – wenn auch mit geringerer Schärfe – ermöglichte, die Talbotypie. Um 1850 gelang es Gustav Le Gray und Dr. Scott Archer unter Verwendung von Kollodium, die lichtempfindlichen Silberhalogensalze auf einer durchsichtigen Glasplatte zu fixieren; das die nächsten 30 Jahre vorherrschende „nasse Verfahren“(3)  war geboren. Hierbei wurde die lichtempfindliche Emulsion direkt vor der Aufnahme hergestellt und auf die Glasplatte aufgebracht, d. h. der Fotograf mußte eine komplette Dunkelkammer zum Ort der Aufnahme transportieren, Durch diesen Herstellungsprozess ist auch die älteste Fotografie der Sammlung, ein Papierabzug aus dem Jahre 1871, entstanden. Sie zeigt den Detmolder Marktplatz, auf dem über der Langen Straße ein geschmückter Ehrenbogen mit Eisernem Kreuz „Einzug unserer siegreichen Truppen“ steht. Das Foto wurde aufgenommen von Th. Kliem, Detmold, Lange Straße, und der Sammlung übereignet von Marktsekretär Wilhelm Tölke.

Das nasse Verfahren, welches die Dunkelkammer am Ort der Aufnahme voraussetzte, beschränkte die Fotografie entweder auf ein Atelier oder ließ Außenaufnahmen nur unter größtem technischem Aufwand zu. Trotz dieser Schwierigkeiten verbreitete sich die Fotografie zu einem echten Massenmedium, 1862 produzierte die Firma Voigtländer & Sohn ihr zehntausendstes Kameraobjektiv, 1867 setzte das Wiener Atelier Krziwanek über 1,5 Millionen Portraits ab, 1868 gelangen Aime Civiale erste Hochgebirgsaufnahmen in 3000 Meter Höhe, für die er fünfundzwanzig Träger zum Transport der Ausrüstung benötigte. An dieser Stelle sei auf die außerordentlichen gesundheitlichen Belastungen der frühen Lichtbildner hingewiesen, deren Handwerkszeug so hochgiftige Substanzen wie Eisenvitriol, Pyrogallol oder Brenzkatechin einschloss. Die Historische Fotografische Bildersammlung des Instituts für Lippische Landeskunde besitzt etwa hundert dieser Glasplattennegative, die an den Unregelmäßigkeiten im Aufbringen der Trägerschicht zu erkennen sind.

Die technischen Anforderungen des nassen Verfahrens hielten den Kreis der Anwender relativ klein, erst die Erfindung des englischen Arztes R. L. Maddox, der 1871 die Trockenplatte, d.h. ein transportables und lagerfähiges Glasplattennegativ herstellte, erlaubten eine Anwendung der Fotografie in breiteren Bevölkerungskreisen. Der Durchbruch zur Amateurfotografie gelang erst durch den amerikanischen Geistlichen Hannibal Goodwin, dem es gelang anstelle von Glas eine dünne Zelluloidfaser als Träger zu verwenden. Dies ermöglichte den Bau einfacherer und leichterer Kameras, die auch von weniger begabten Laien zu bedienen waren. Der auf Zelluloidbasis gefertigte Rollfilm senkte die Kosten für ein Foto auf ein für Viele erschwingliches Niveau.

Foto von Th. Kliem: Detmold, Marktplatz, 1871

Der weitaus größte Teil der Glasplattennegative aus der Historischen Fotografischen Bildersammlung besteht aus o. g. Trockenplatten bis zum Format 18 X 24 cm, wobei die Mehrzahl in kleineren Formaten bis 9 x 12 cm vorhanden ist. Der Erhaltungszustand dieser Negative ist überraschend gut, was auf die saubere chemische Verarbeitung durch die damaligen Fotografen zurückzuführen ist, die aggressive Substanzen wie Fixiersalze nahezu rückstandsfrei entfernten. Der Bestand an Glasplattennegativen beträgt etwa 4.000 Stück, Plan- und Rollfilmnegative stellen mit ca. 10.000 Stück den größten Teil der Negativsammlung. Der Gesamtbestand an historischen Papierabzügen beträgt etwa 30.000 Positive, hinzu kommen noch ca. 4.000 Diapositive.

Die Motive

Fotograf Wilhelm Pecher: Beim Melken auf der Weide, 1907

Wie beschrieben waren die Anfänge der Fotografie mit großem technischem Aufwand verbunden, so daß sich eine positive Bilanz nur durch eine große Zahl von Vervielfältigungen erzielen ließ. Entweder mußten die abgebildeten Ereignisse, Personen oder Örtlichkeiten einzigartig und interessant für jedermann sein, um davon eine große Anzahl Kopien zu verkaufen, oder der technische Aufwand mußte auf ein Minimum reduziert und standardisiert werden, damit ein günstiger Preis für wenige Kopien erreicht werden konnte. Resultierend aus der ersten Voraussetzung entstanden Fotoexpeditionen in entlegene Weltgegenden, um die Neugier der Menschen nach Exotik und Abenteuer zu befriedigen. Die reduzierte und standardisierte Variante konnte sich im Bereich der Portraitfotografie entfalten und führte neben einer Vereinheitlichung des Interieurs, zum Beispiel die obligatorische griechische Säule zum Abstützen des Arms, zu einer Schematisierung der Abbildung: das Portrait existiert fast als ausschließlich als Brustbild.

Fotograf Ferdinand Düstersiek: Kamin des Hauses Lange Straße 14 in Detmold, 1939

Zwischen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich die Fotografie als vermeint1ich objektives Medium zur Dokumentation in der Wissenschaft, der Kunst, der Medizin, dem Militärwesen und in der Berichterstattung durch. Aufgrund der Weiterentwicklung von Kamera- und Filmtechnik erweiterte sich der Kreis der Lichtbildner aus der Keimzelle engagierter Bastler und Improvisateure auf die Gruppe der technisch versierten Laien. Die ersten „idiotensicheren“ Kameras wie zum Beispiel die Agfa Clack kommen 1904 auf den Markt und erobern große Kundenkreise. Gleichzeitig findet ein grundlegender Wandel in der Motivauswahl statt, neben Dokumentation und Kommerz entstehen Bilder aus dem persönlichen Erleben, eine private Weltsicht auf das alltägliche Umfeld. Das fotografische Portrait eines großen Ereignisses, zum Beispiel einer Hochzeit, bildet sich als wichtigstes Zeugnis, als dauerhafter Beleg heraus. Die Authentizität wird durch die fotografische Existenz belegt.

Diese in der ersten Blüte des Mediums erworbene Glaubwürdigkeit der fotografischen Abbildungen und filmischen Darstellungen machten sich die Agitatoren unterschiedlichster politischer Couleur zunutze. Während der russischen Oktoberrevolution fuhren Agitationszüge mit eingebauten Filmentwicklungslaboren durch die Weiten Sibiriens, um am Haltepunkt nicht nur die Errungenschaften des neuen politischen Systems vorzuführen, sondern auch den Fortgang der Erhebung zu dokumentieren. So konnten die Menschen die gefilmte Revolution, wie sie in ihrer Nachbarstadt vonstatten ging, in der Projektion nacherleben und als Vorbild für ihr eigenes Handeln begreifen. Auch die Nationalsozialisten haben sich der suggestiven Wirkung realitätsnaher Abbildungsweisen bedient, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. Der Kult um die realistische Darstellung ging so weit, alle nicht wirklichkeitsnahen Darstellungsweisen als entartet zu brandmarken und zu verbieten.

Fotograf Fritz Ostmann: Arbeitsleben: Alte Frau bei Kartoffelernte

Die Fotografen

Die Historische Fotografische Bildersammlung beinhaltet zum jetzigen Stand der Recherche 97 verschiedene Fotografen. Hier jeden Einzelnen zu würdigen hieße den Rahmen dieses Artikels zu sprengen; es bleibt Raum nur für die herausragenden Fotografen in chronologischer Reihenfolge.

Wilhelm Pecher, dem Sohn einer Detmolder Fabrikantenfamilie, verdankt die Bildersamrnlung etwa 1.500 verschiedene Glasplatten und Filmnegative, die sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht einzigartig sind. Zwischen 1900 und 1940 entstanden in Städten und Dörfern Aufnahmen, die uns einen umfassenden Einblick in das damalige ländlich geprägte Leben in der Region vermitteln.

Pecher fotografierte nach strengen gestalterischen Regeln, seine Bildkompositionen sind ausgewogen und harmonisch. Er bildete die Menschen bei ihren täglichen Arbeiten ab, erlaubte ihnen jedoch in der Zeit, die er zur Vorbereitung der Aufnahme benötigte, ihre guten Kleider anzulegen, so daß viele Aufnahmen mit Personen im Sonntagsstaat bei der Feldarbeit entstanden. Auf uns heutige Betrachter wirken diese Motive gestellt, damals wurde so der Respekt vor den fotografierten Menschen und die Besonderheit dieser Aufnahmen betont.

Fotografin Carola Kleesiek: Torbogen in Blomberg aus dem Jahre 1773; 1956

Ferdinand Düstersiek, Mechanikermeister aus Detmold, stiftete der Sammlung mehr als 500 Glasplatten, welche uns im wahrsten Sinne in die Kochtöpfe der Detmolder Innenstadt um die Jahrhundertwende sehen lassen. Diese Bilder besitzen außerordentliche formale Qualitäten, sind aber vor allem von dem Wunsch nach ungeschönter Dokumentation beseelt. Sie bilden die Menschen eher zufällig am Rande ab, im Mittelpunkt steht die sachliche Auseinandersetzung mit dem Sujet.

Friedrich Ostmann arbeitete nebenberuflich als Pressefotograf für die „Freie Presse“ und andere Zeitungen der Region. Seine sachlichen Dokumentationen sind bis zur Kommentarlosigkeit karg und reduziert. Die Menschendarstellung dagegen ist teilnehmend, einfühlsam und läßt in jeder Situation ein zutiefst humanistisches Menschenbild erkennen.

Carola Kleesiek arbeitete eng mit dem Heimatforscher August Meier-Böke zusammen und zeichnet sich durch die meisterhafte Darstellung landeskundlicher Motive aus. Sie erfaßt das darzustellende Objekt in seinem Umfeld, die Verarbeitungsqualität ihrer Fotografien sucht ihresgleichen.
Selbstverständlich sind noch viele gute Fotografen, deren Arbeiten die Historische Fotografische Bildersammlung bereichern, ungenannt. Sie mögen mir verzeihen.

Die Zukunft

Die Zukunft der Historischen Fotografischen Bildersammlung ist – wie die vieler anderer Bereiche – digital. Um die Unzulänglichkeiten der früheren Katalogisierung zu verbessern und die Sammlung einer genaueren Recherche zu erschließen, wurde ein großer Teil der Bilder in das Datenbankprogramm Lidos eingegeben. Dieses ermöglicht den schnellen Zugriff auf den inventarisierten Bestand und die kombinierte Suche nach selbstdefinierten Kriterien. Damit ist der erste Schritt zur digitalen Bildverarbeitung getan. Wünschenswert wäre eine Fortsetzung dieser Bestrebungen in Hinblick auf die Erfassung und Verarbeitung der Fotos selbst. Im „world wide web“ könnten diese dann allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden.

Anmerkungen

(1) Wilhelm Süvern: Die heimatkundliche Bildsammlung des Landesverbandes Lippe, ungedrucktes Manuskript, 1971.

(2) Veröffentlichungen in Wilhelm Hansen: Lippische Ansichten ans alter Zeit, Detmold, 1967. – Heinrich Haxel: Lippe vor 100 Jahren. Aus dem Antiquarischen Album der Lippischen Landesbibliothek, Detmold, 1971.

(3) Sonderdruck Werkszeitschrift „Unser Werk“: Beiträge zur hundertjährigen Firmengeschichte der Agfa, Leverkusen, 1963.

Siehe auch:

Frank Jendreck:
Lippe im historischen Foto : Erfolge öffentlicher Archivarbeit. - Lemgo, Detmold : Inst. für Lipp. Landeskunde, 2001. - 48 S. : zahlr. Ill.
Signatur in der Landesbibliothek: ZXHB 110