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18. Justinus von Lippstadt: Lippiflorium

von Detlev Hellfaier

Papier, 1. Viertel 16. Jh. 233 Blätter,19,5 x 16,6 cm
LLB Detmold, Mscr. 73

Mit dem Lippiflorium liegt ein lateinisches Lobgedicht in 513 Distichen auf den Edelherrn Bernhard II. zur Lippe († 1224), späteren Abt von Dünamünde und Bischof von Selonien vor, es bedeutet zugleich die älteste erzählende lippische Geschichtsquelle. Gewidmet ist die Schrift Bernhards Enkel Simon zur Lippe († 1277), Bischof von Paderborn.

Der Verfasser nennt sich im Epilog selbst, wo es in den Versen 1020/1021 heißt:

Posthac qui dicet: ›Iustini quiescat
Spiritus; hic huius carminis autor erat‹.
Jeder der künftig spricht: ›In Frieden ruhe Justinus’
Seele, des Mannes, der einst dichtete diesen Gesang‹.

Auch der Name des kleinen Werkes rührt vom Verfasser in Anspielung auf das lippische Wappenbild, die Rose:

Flore metri florem quia Lippensem gerit in se,
Lippifloriger hic dicitur inde liber.
In der Blume des Liedes erblüht hier die lippische Blume:
Lippifloriger drum habe ich das Büchlein genannt.

Der genannte Justinus dürfte mit dem ›magister Iustinus rector scolarum in Lippia‹ des Lippstädter Stifts St. Marien und dem 1263 genannten Familiaren des Stifts Cappel identisch sein. Für die Gleichsetzung mit dem Vorsteher der Klosterschule spricht, daß er sein Epos auch für den lateinischen Unterricht bestimmte. Die Abfassung wurde bisher in die Zeit zwischen 1259 und 1264 gesetzt, doch haben neuere Forschungen ergeben, daß der Anlaß zur Anfertigung wohl in der unmittelbar bevorstehenden Erhebung Simons zur Lippe auf den Paderborner Bischofsstuhl gesehen werden muß, mithin das Werk in das Frühjahr 1247 zu datieren ist. Als Auftraggeber wird der Konvent des Stifts St. Marien in Lippstadt wohl zu Recht vermutet.

Das epische Gedicht gehört in die Gattung der Fürstenlobe oder Fürstenspiegel, also Schriften, in denen das Musterbild eines Fürsten vorgestellt wird, und zwar als Lebensbeschreibung berühmter Fürsten oder als dichterisches ldealbild geschichtlicher Persönlichkeiten; sie enthalten ethische Vorstellungen über Rechte und Pflichten, über Befugnisse und Begrenzungen fürstlicher Macht. Das Lippiflorium wurde mit historischen Begebenheiten aus dem Leben Bernhards II. angereichert, die dem Verfasser aus mündlicher Tradition bekannt gewesen sein dürften, dazu gehören Schwertleite mit Turnier, Gründung Lippstadts und Heidenmission in Livland. Während der Quellenwert als eher bescheiden qualifiziert werden muß, stellt der Autor jedoch eine gute Belesenheit durch die Benutzung einer ganzen Reihe klassischer und mittelalterlicher Schriftsteller unter Beweis.

Die ausgestellte, sehr spät entstandene Handschrift bedeutet dennoch zugleich die älteste bisher bekannte Redaktion; weitere jüngere Abschriften befinden sich gleichfalls in der Lippischen Landesbibliothek sowie im Nordrhein-Westfälischen Staatsarchiv Detmold. Aus dem Jahre 1487 rührt eine niederdeutsche Reimübersetzung, die im Anhang zur hier vorgestellten Handschrift überliefert ist. Der schmale Band gehörte, wie der Einband ausweist, in die Bibliothek Simons VI. zur Lippe. In welchem Zusammenhang die schmucklose, aber für die Haustradition und das adlige Selbstverständnis der Edelherren zur Lippe so bedeutende Handschrift entstanden ist, bleibt bisher unbekannt.

Literatur:

  • Das Lippiflorium, ein westfälisches Heldengedicht aus dem 13. Jahrhundert. Bearb. von H. Althof. Leipzig 1900.
  • B. U. Hucker: Das Lippiflorium Justins von Lippstadt, ein Fürstenlob aus dem Jahre 1247 — In: Westfälische Zeitschrift 142 (1992), S. 243-246.