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Nr. 6 Eike von Repgow: Sachsenspiegel

von Detlev Hellfaier

Pergament und Papier, 1408, ostfälisch oder südniedersächsisch.
91 Blätter, 29,5 x 20,5 cm
LLB Detmold, Mscr. 60

Diese nicht illumimierte Handschrift enthält das Sächsische Landrecht (Bl. 1-49), das Sächsische Lehnrecht (Bl. 50-71) und die Schöffenglosse (Bl. 72-91).

Beim Sachsenspiegel handelt es sich um das erste bedeutende deutschsprachige Prosawerk des Mittelalters und – neben dem Mühlhauser Reichsrechtsbuch – um das älteste deutsche Rechtsbuch. Der Verfasser der Rechtskompilation, der Schöffe und Edelfreie Eike von Repgow, stammte aus der Nähe von Dessau; er wird zwischen 1209 und 1233 mehrfach urkundlich erwähnt. Eike hat als ausgezeichneter Kenner des seinerzeit praktizierten Rechts seiner ostsächsischen Heimat zu gelten. Nach dem Selbstzeugnis in der Vorrede hatte er zunächst eine lateinische Urfassung, wohl den ›Auctor vetus de beneficiis‹, angefertigt, die er auf Veranlassung seines Lehnsherren, des Grafen Hoier von Falkenstein, ins Niederdeutsche übertrug. Die erste (nieder-) deutsche Fassung wird um 1224/25 entstanden sein. Vorgelesen waren die Rechtssätze damit für jedermann zu verstehen.

Der Sachsenspiegel zeichnet bestehendes ungeschriebenes und durch Gerichtsgebrauch überliefertes Gewohnheitsrecht der elbostfälischen Heimat seines Verfassers, also etwa der Raum zwischen Dessau und Quedlinburg, im Stile erzieherisch-vorbildhafter Lebensregeln auf; den bezeichnenden Titel wählte Eike in seiner Vorrede selbst:

Spegel der sassen
scal dit buk sin genant
vent Sassen recht is hir an bekant,
alse an eneme spegele de vrowen
er antlite scowen.

Inhaltlich gliedert sich das Werk in das Landrecht, also Grundstücks- und Erbrecht, Ehegüter-, Nachbar-, Straf- und Gerichtsverfahrensrecht, und in das Lehnrecht, worunter Heerschildordnung, Lehenspyramide und Lehensgericht zu verstehen sind. Der Sachsen spiegel erlangte bald Gesetzescharakter und beeinflußte entscheidend das Rechtsdenken weit über Deutschland hinaus nach Ost- und Südosteuropa; in Thüringen und Anhalt blieb er sogar bis zum Jahre 1900 in Kraft.

Seine handschriftliche Verbreitung war enorm; heute sind 341 Landrechts- und 94 Lehnrechtstexte als Manuskripte überliefert; insgesamt geht man derzeit von 465 Handschriften und Fragmenten aus. Wegen ihrer umfangreichen kolorierten Illuminationen nehmen die Exemplare aus Dresden, Heidelberg, Oldenburg und Wolfenbüttel eine herausragende Stellung ein; diese Handschriften prägen weithin Kenntnis und bildliche Vorstellung vom Sachsenspiegel, obgleich die erdrückende Mehrzahl eher bescheiden ausgestattete oder überhaupt schmucklose Gebrauchshandschriften sind.
Um eine solche handelt es sich bei der Redaktion der Detmolder Handschrift, die in der Buchkursive der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert geschrieben, keine Bilder, dafür aber einen recht abwechslungsreichen Schmuckformenschatz enthält: Artikel und Kapitel sind durch eingefügte rote Paragraphenzeichen hervorgehoben, über zwei Zeilen gehende rote Initialen markieren den Anfang eines neuen Kapitels. Weiterhin finden sich am Beginn des Werkes und an jedem seiner Bücher übergroße vergoldete Initialen, die mit Füllmustern in Ranken-, Spiralen- und Schneckenform rot, grün und blau ausgestaltet sind, ferner Großbuch staben, die sich bis an den Blattrand hochziehen, um sich in Spiralen und Ranken aufzulösen. Ein bemerkenswertes Spezifikum bilden die ebenfalls spiral- und rankenförmig in den Rand hineinreichenden Initialen mit menschlichen Köpfen im Profil oder en face, die Phantasie und Humor des Rubrikators nahelegen. Weitere nennenswerte Illuminationen fehlen, womit der Gebrauchscharakter der Handschrift unterstrichen wird.

Die vorliegende Redaktion war der Forschung bis zum Jahre 1970 unbekannt. Sie enthält verschiedene, bisher nicht überlieferte Textzeugen, deren nähere Untersuchung noch aussteht. Die Handschrift zählte wahrscheinlich zur alten Blomberger Ratsbibliothek und gelangte 1862 als Geschenk des Magistrats der Stadt Blomberg in die Lippische Landesbibliothek. Wenn auch die Überlieferungsgeschichte dieser 1408 erfolgten Abschrift noch nicht hinreichend geklärt ist, darf es jedoch als gesichert gelten, daß sie nicht in Lippe entstanden ist.

Literatur

  • K. A. Eckhardt: Sachsenspiegel, Land- und Lehnrecht, T. 1- 2. 3. Ausg. Göttingen 1973.
  • H.-P. Wehlt, Die Blomberger Sachsenspiegelhandschrift in der Landesbibliothek Detmold. In: Heimatland Lippe 63 (1970), S. 24-30.
  • M.-D. Oppitz: Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters Bd. 2. Köln1990, S. 463-464.