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Nr. 5 Jacob van Maerlant: Der naturen bloeme

von Detlev Hellfaier

Pergament, um 1285, Südholland oder Flandern.
141 Blätter, 20,2 x 15,6 cm
LLB Detmold, Mscr. 70.

Der aus Flandern stammende Jacob van Maerlant (Jacob de coster van Merlant) hat als einer der bedeutendsten niederländischen Schriftsteller des Mittelalters zu gelten. Zu Unrecht ist er gelegentlich als ›Vielschreiber‹ abgewertet worden. Allein seine erhalten gebliebenen erzählerischen und wissenschaftlichen Werke umfassen etwa 250.000 paarweise sich reimende Verse; sie sind ausnahmslos in der Volkssprache, nämlich mittelniederländisch abgefaßt. Eines der bekanntesten Werke Maerlants dürfte neben ›Der naturen bloeme‹ das berühmte Reimepos ›Van den vos Reynaerde‹ (Reineke Fuchs) sein. Die zu erschließende Hauptschaffensperiode des Schriftstellers lag zwischen 1271 und 1291; er wurde wohl 1220/ 1240 in Westflandern geboren und hat wahrscheinlich in einem Kloster zu Brügge eine sehr gediegene Ausbildung erfahren.

›Der naturen bloeme‹, was als Metapher übersetzt soviel wie ›Das Beste aus der Natur‹ bedeutet, ist ein Handbuch der Natur, eine mittelalterliche Naturenzyklopädie. Allerdings hat nicht Jacob van Maerlant sie verfaßt, sondern er übersetzte, ergänzte, kommentierte und überarbeitete den ›Liber de natura rerum‹ des Brabanter Dominikaners Thomas von Cantimpré (Thomas Cantimpratensis) (1201 bis 1270), eines Schülers des Albertus Magnus. In ca. 16.680 Versen, unterteilt in 13 Bücher, werden nacheinander der Mensch, die Tiere, die Pflanzen, die Quellen, die Steine und die Metalle abgehandelt. Berücksichtigt werden darüber hinaus Wesen aus Mythologie und Fabelwelt, zum Beispiel das Einhorn und die Sirene.

Das enzyklopädische Werk ›Der naturen bloeme‹ fand im Mittelalter eine vergleichsweise große Verbreitung. Elf vollständige und acht fragmentarische Handschriften davon sind erhalten geblieben. Eine Reihe von diesen ist reich illuminiert, denn jede beschriebene Spezies ist durch eine Miniatur veranschaulicht. Mit der in Detmold aufbewahrten Handschrift liegt ein besonders schönes Exemplar vor; sie enthält über 500 farbige Miniaturen, zum Teil mit Goldblattauflage. Die Handschrift Mscr. 70 der Lippischen Landesbibliothek war in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Gegenstand der philologischen, kodikologischen und kunsthistorischen – vor allem der niederländischen – Forschung, so daß in absehbarer Zeit mit neuen Ergebnissen zur Text-, Überlieferungs- und Kunstgeschichte zu rechnen ist.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte die Handschrift auf bisher unbekanntem Wege in den Besitz des Detmolder Bürgermeisters Christoph Smerheim; von ihm selbst oder von seinen Erben wurde sie Simon VI. zur Lippe übereignet.

Literatur

  • F. W. Wellner: Erster Versuch einer Nachricht von der Hochgräflich-Lippischen öffentlichen Bibliothek zu Detmold, worin zugleich einige Handschriften auf Pergament näher beschrieben werden. (Provincial-Gymn. Detmold, Progr. 1773). Lemgo 1773, S. 12-15.
  • Mittelalterliche Buchmalerei aus Westfalen. Bearb. von H. Zink. Ausstellung Hamm 1954, S. 12, Nr. 16, Abb. 8.
  • Stadt Detmold. Bearb. von O. Gaul (BuKD Westfalen, 41/1). Münster 1968, S. 427, Abb. 538-549.
  • Jacob van Maerlant’s Der naturen bloeme. (Ausstellungskatalog). Utrecht 1970.
  • Jacob van Maerlant, Der naturen bloeme.Uitg. door M. Gysseling. (Corpus van Middelnederlandse teksten, Reeks II. deel 2). ’s-Gravenhage 1981.
  • F. P. van Oostrom, Maerlant tussen noord en zuid. Leiden 1990.
    Sirenès m’étaient contées. (Ausstellungskatalog). Bruxelles 1992, S. 147 Nr. 29, Abb. auf d. Titelbl.
  • A. Berteloot: Jacob van Maerlant, Der naturen bloeme. In: Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Die Dycksche Handschrift. Red.: B. Haller. Berlin 1992, S. 22-39.