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Mittelalterliche Handschriften und frühe Drucke aus Detmold und Paderborn

Ausstellung aus den Sammlungen der Lippischen Landesbibliothek Detmold und der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn in der Sparkasse Detmold

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 88 (1995), S. 50-58.

Was ist eine „Handschrift“, was eine „Inkunabel“?
Das Corveyer Evangeliar
Das Evangeliar des Hermann Zoest
Perlbibel und Kölner Bibel
Abdinghofer Kollektar und Graduale
Augustinus’ Varia Opuscula, Falkenhagener Vita Jesu Christi
Drei weltliche Handschriften

„Manuscripta pretiosa et incunabulae illuminatae“ – wertvolle Handschriften und mit Buchmalerei versehene Drucke bis zum Jahre 1500 – ist der Titel einer Ausstellung, die noch bis zum Ende des Monats Februar in der Sparkassenzentrale Detmold zu sehen ist. Die Lippische Landesbibliothek Detmold und die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek Paderborn geben in dieser gemeinsam erarbeiteten Ausstellung Einblicke in ihre Kostbarkeiten, die sonst aus verständlichen Gründen, vor der Öffentlichkeit verborgen und nur einer überschaubaren Anzahl von Fachwissenschaftlern bekannt, in den Magazinen der Bibliotheken sicher aufbewahrt werden. Die Lippische Landesbibliothek, die Regionalbibliothek für Ostwestfalen-Lippe, die auf den vielseitig gebildeten Renaissancefürsten Simon VI. zur Lippe († 1613) zurückgeht, deren Altbestände aber noch weit vor die Regierungszeit dieses für Lippe so bedeutenden Landesherrn zurückreichen, und die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek, die in gewisser Hinsicht sogar die Tradition der Bibliothek des ehrwürdigen Paderborner Domstifts, etlicher Klosterbibliotheken und der Bibliothek des Jesuitenkollegs aufnimmt, verfügen über hervorragende Sammlungen aus dem Mittelalter, aus dem Zeitalter der Renaissance und des Barock. In diesen beiden Bibliotheken dokumentiert sich mithin ein Stück ostwestfälisch-lippischer Geschichte und Kultur.

Was ist eine „Handschrift“, was eine „Inkunabel“?

In der Ausstellung werden 18 Exponate vorgestellt, darunter sind zehn Handschriften und acht Inkunabeln jeweils zur Hälfte aus beiden Bibliotheken. Bevor herausragende Werke vorgestellt werden, sind sicher einige wenige Erläuterungen zu den Begriffen „Handschrift“ und „Inkunabel“ zum Verständnis des Folgenden unerläßlich. Unter einer Handschrift werden in der Buchkunde die Bücher („Codices“) oder auch Einzelblätter verstanden, die vor der Erfindung der Buchdruckerkunst handschriftlich in klösterlichen Skriptorien („Schreibschulen“), später auch in kommerziellen Schreibwerkstätten und gelegentlich in landesherrlichen Kanzleien angefertigt wurden. Der Großteil der erhaltenen Handschriften ist auf Pergament, also auf entsprechend bearbeiteten Kalbs-, Schaf- oder Ziegenhäuten geschrieben, vom 14. Jahrhundert an mehr und mehr auf Papier; geschrieben wurde mit Gänsefedern und verschiedenen Tinten und Farben, für die es zahlreiche Rezepturen gab. Häufig wurden die Handschriften mit reicher Buchmalerei und hier insbesondere mit Miniaturen sowie mit Initialen, also Anfangsbuchstaben, die sich durch Größe, Verzierung oder Farbe aus dem übrigen Schriftspiegel hervorhoben, versehen. An der Anfertigung eines Codex waren ein oder mehrere Schreiber, der Illuminator, also der eigentliche Buchmaler, und der Rubrikator, der für die meist mit roter Farbe ausgezeichneten Kapitelanfänge und  die Initialen zuständig waren, beteiligt. Man geht heute davon aus, daß ein geübter(!) Schreiber für die Abschrift einer Bibel etwa ein Jahr benötigte.

Als Inkunabeln werden die ersten Drucke und Bücher bezeichnet, die von der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg vom Jahre 1445 bis 1500 hergestellt wurden; im Deutschen spricht man auch von „Wiegendrucken“, was nichts anderes als eine gekürzte Übersetzung des Lateinischen „in cunabula“, d. h. „in der Wiege“, darstellt. Im übertragenen Sinne handelt es sich also um Drucke, die entstanden sind, als der Buchdruck noch in der Wiege lag. Die Inkunabeln lehnten sich noch sehr eng an die vorausgegangenen Handschriften an; das gilt namentlich für die Gestaltung der Schrift, die häufige Verwendung von Abbreviaturen, also Abkürzungen und deren Zeichen für bestimmte Buchstaben, Silben und ganze Wörter, sowie von Ligaturen, d. h. Buchstabenverbindungen. Wie die Handschriften verfügen auch die Inkunabeln lange Zeit über kein Titelblatt im heutigen Sinne, diese Angaben befinden sich noch in einer eigenen Schlußschrift, im sog. „Kolophon“ am Ende des Werkes. Buchmalerei und Initialen wurden auch in den Inkunabeln mit der Hand nachträglich in vom Drucker im Satzspiegel frei gehaltene Räume eingebracht; u. a. dadurch weist eine große Zahl dieser frühen Druckerzeugnisse noch ihre unverwechselbare Identität auf. Wie die Ausstellung belegt, bedeutete die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen und damit wiederverwendbaren Lettern nicht das Ende der Handschriftenzeit; Druck und Handschrift gingen bei der Herstellung von Büchern noch fast ein Jahrhundert lang parallel, wenngleich die Handschriftenproduktion aus Gründen der Wirtschaftlichkeit immer mehr abnahm. Bedeutende Buchdrucker, die sich bei ihren Zeitgenossen einer ähnlichen hohen Achtung ihrer Kunst wie die Schreiber der Handschriften erfreuten, waren neben Johannes Gutenberg der Mainzer Peter Schöffer und Anton Koberger aus Nürnberg, von dem auch die Ausstellung zeugt.

Das Corveyer Evangeliar

Corveyer Evangeliar, Kanontafel, um 840

Die Ausstellung aus Detmolder und Paderborner Beständen ist nicht thematisch gebunden; gezeigt werden sowohl sakrale als auch profane Handschriften. Evangeliare und Bibeln finden sich mithin neben naturkundlichen, philosophischen und juristischen Werken. Zeitlich abgedeckt werden das 9., 11. und 13. Jahrhundert sowie die Inkunabelzeit, also das 15. und beginnende 16. Jahrhundert. Damit wird bewußt ein möglichst breiter Querschnitt angeboten, der in die Thematik einführen, Interesse wecken und neugierig machen soll. Für die kurze Einführung hier werden der Einfachheit halber und um Wiederholungen zu vermeiden einige sachliche Schwerpunkte mit signifikanten Einzelbeispielen behandelt. Die Präsentation eröffnet das vielleicht wertvollste, sicher aber älteste Exponat aus der Gruppe der geistlichen Handschriften, das nach seinem ursprünglichen Aufbewahrungsort, dem Benediktinerkloster Corvey, benannte „Corveyer Evangeliar“ aus der Zeit um 840. In die Reichsabtei an der Weser gelangte dieser Codex wahrscheinlich mit der Grundausstattung der Klosterbibliothek aus dem Mutterkloster Corbie; er darf als hervorragendes Zeugnis für den hohen Stand der Buchkunst in diesem nordfranzösischen Kloster gelten. Wie in den meisten Evangeliaren gehen den in schöner karolingischer Minuskelschrift niedergelegten vollständigen Evangelientexten die sog. „Kanontafeln“ voraus. Sie stellen in zehn Kanones eine Synopse für die in den vier Evangelien enthaltenen Parallelstellen auf und gliedern die Texte in sinnvolle Abschnitte für den liturgischen Gebrauch. Durch die Bogenarchitektur („Kanonesbögen“) wird die Einheit der neutestamentlichen Evangelien und ihrer Botschaft veranschaulicht. Besonderen Hinweises bedarf es auf ein Gesangsstück mit dem Text der Abstammungsgeschichte Jesu aus dem Evangelium des Lukas, wo zwischen den Zeilen linienlose Neumen eingefügt sind; sie haben sich aus den Handzeichen des Dirigenten entwickelt und lassen das Auf und Ab des Dirigierens noch deutlich erkennen. Diese frühen Noten im Corveyer Evangeliar stellen eine der wenigen alten musikalischen Überlieferungen dieser Art dar.

Das Evangeliar des Hermann Zoest

Hermann Zoest, Evangelium, 1445

Eine weitere Evangelienhandschrift ganz besonderer Art rührt aus der Detmolder Landesbibliothek: Der Zisterziensermönch Hermann Zoest aus dem Kloster Marienfeld überarbeitete während des Konzils zu Basel (1431-1449) die Evangelien und versah sie mit moralisierenden Glossen. Die Handschrift besticht zum einen durch die hervorragende Qualität des verwendeten Pergamentes und die Akanthuszierleisten, die mit Initialen oder Miniaturen (Evangelisten Johannes und Matthäus) verbunden sind, zum anderen durch den prächtigen spätgotischen Einband aus poliertem Messingblech; der Einband ist verziert mit Halbedelsteinen, Hochreliefmedaillons mit den Symbolen der Evangelisten, einem großen Bergkristall, darüber hinaus befand sich hinter filigranem Gitter früher wohl eine Elfenbeinschnitzerei, die heute leider verschollen ist. Besonders wertvoll ist dieser aus dem 15. Jahrhundert stammende Codex jedoch durch eine nachträglich in  den vorderen Einbandspiegel eingeklebte Miniatur „Die Frauen am Grabe“. Aufgrund eines weiteren Fragmentenfundes konnte ich jüngst feststellen, daß diese Miniatur zu einem verlorenen Benediktionale gehörte, das um 1050 im Kloster St. Emmeram in Regensburg entstanden ist.

Perlbibel und Kölner Bibel

Unter den vier ausgestellten Bibeln ganz unterschiedlicher Art und Provenienz sind vor allem eine sog. „Perlbibel“ aus Paderborner und ein Exemplar der zweibändigen „Kölner Bibel“ aus Detmolder Besitz hervorzuheben. Beeindrucken die Kölner Bände gerade auch durch ihr wuchtiges Folioformat, so fasziniert die Perlbibel durch ihre zierliche gotische Minuskel, die trotz ihrer geringen Größe aufgrund ihrer Klarheit noch gut zu lesen ist. Die Buchstabenkörper sind exakt einen Millimeter groß, jede Textspalte enthält auf nur 10,6 cm 59 Zeilen, und obgleich die Handschrift den vollständigen Text des Alten und des Neuen Testamentes auf 400 Blättern enthält, ist der Codex gerade 4 cm dick. Insgesamt eine Leistung des ausführenden Klosterbruders aus der Zeit um 1200; der wir heute nur mit ausgesuchter Bewunderung begegnen können. Verwendung fanden diese in Paris entstandenen Perlbibeln („Perlschrift“) auf Reisen sowie in Schulen und Universitäten; das hier ausliegende Exemplar gehörte zur Corveyer Klosterbibliothek. Demgegenüber ist der Vorbesitzer der gewichtigen „Kölner Bibel“, einer 1478/79 in der rheinischen Metropole gedruckten Inkunabel, nicht ohne weiteres auszumachen. Berühmtheit erlangte diese Bibel zum einen, daß sie – 50 Jahre vor der Bibelübersetzung durch Martin Luther – bereits in niederdeutscher Sprache erschien, zum anderen fand der reiche Bilderschmuck allseits Anerkennung; insgesamt 113 Holzschnitte und Randleisten zieren die vorliegende Ausgabe. Interessant für die Geschichte des Buchdruckes und der -illustration ist es, daß die Holzstöcke an verschiedene Druckereien weitergegeben oder von diesen nachgeschnitten wurden; noch ein halbes Jahrhundert später fanden sie in der sog. „Halberstädter Bibel“ von 1522 Verwendung.

Abdinghofer Kollektar und Graduale

In den Kreis der liturgischen Handschriften und damit zugleich in das berühmte Skriptorium des Paderborner Benediktinerklosters Abdinghof, einer Gründung des großen Bischofs Meinwerk († 1036), weisen ein Kollektar aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert und ein Graduale in Großfolio aus dem Jahre 1507. In einem Kollektar sind die Hauptorationen der Messe zusammengestellt; diese Gebete hießen „Collecta“. Das vorliegende Exemplar enthält zahlreiche mit Gold ausgefüllte Initialen und fleuronnales Rankenwerk, das den gesamten Blattrand überzieht. Imposant erscheint dem Beschauer auch das „Abdinghofer Graduale“, das sämtliche Chorgesänge der Messe beinhaltet und als Chorbuch Verwendung fand. Die Ausmaße des Buches (Höhe 55 cm) und die Größe von Schrift und Noten waren notwendig, damit diese auch noch aus einiger Entfernung von den Schülern oder Konventsmitgliedern eingesehen werden konnten. Neben der illuminatorischen Ausgestaltung ist auch der gotische Originaleinband des Graduals mit feinen, Klosterpatrone und Apostel aufweisenden Blindstempeln und filigranen Spitzbogenformen bei Beschlägen und Schließen aus Messing ausgesprochen bemerkenswert.

Augustinus’ Varia Opuscula, Falkenhagener Vita Jesu Christi

Augustinus, „Varia opuscula“, 1472, Initiale C mit dem Heiligen

Den Bereich der Werke der Kirchenväter, der Exegese und des Erbauungsschrifttums berühren wir mit einer Handschrift verschiedener Werke des heiligen Augustinus aus dem Augustiner-Chorherrenstift Böddeken bei Paderborn vom Jahre 1472, mit einem Wiegendruck des Psalmenkommentars des Petrus Lombardus von 1478 aus dem gleichen Stift sowie einer Lebensbeschreibung Jesu Christi, einer Handschrift aus dem lippischen Kreuzherrenkloster Falkenhagen vom Jahre 1468. Namentlich das Stift Böddeken erreichte auf dem Gebiet der Buchmalerei im 15. Jahrhundert in Verbindung mit dem Anschluß an die Windesheimer Reformbewegung einen künstlerischen Höhepunkt. Von den frühen christlichen Schriftstellern nahmen natürlich die Werke des hl. Augustinus eine besondere Stellung ein. Die hier ausliegende Handschrift der ,,Varia Opuscula“ weist einen reichen Initialenschatz auf, so die Bildeinschlußinitiale C (Bl. 163r), die den Heiligen als Bischof mit Mitra, Bischofsstab, Buch und seinem besonderen Attribut, dem glühenden Herzen zeigt. Auch die Inkunabel des Petrus Lombardus († 1164) „Glossa magistralis in psalmos“ rührt aus Böddeken. Sie zeichnet sich als seltener Zweifarbendruck rot/schwarz aus; König David mit der Harfe, der in der jüdisch- christlichen Tradition als Verfasser des Psalters gilt, findet sich in einer besonders schönen B-Initiale.

Wieder in die engere lippische Region führt uns die dreiteilige Papierhandschrift „Vita Jesu Christi“, die aus der Klosterbibliothek Falkenhagen stammt und wahrscheinlich auch dort geschrieben und illuminiert worden ist. Ein nicht allzu häufiges Phänomen ist bei dieser Handschrift zu beobachten: mit dem Priester Ludolphus Hoppmann und Hermann Vorstenouwe nennen sich Schreiber und Buchmaler namentlich im Kolophon. Die Falkenhagener Kreuzherren widersetzten sich bekanntermaßen als einziger Konvent in Lippe mit Erfolg der Aufhebung ihres Klosters nach der Reformation und hielten trotz massiven Druckes durch den Landesherrn an der alten Lehre fest. Erhebliche Mißstände führten im Jahre 1596 aufgrund eines Vertrages zwischen Simon VI. und Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg zur Aufhebung des Klosters und zur Teilung des Besitzes zwischen Lippe und Paderborn. Die Klosterbibliothek gelangte an die Paderborner Jesuiten und mit ihr kam auch die hier behandelte Handschrift auf diesem Umweg später in die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek.

Drei weltliche Handschriften

Jacob van Maerlant, „Der naturen bloeme“, um 1285

Zum Schluß unseres kleinen Rundganges durch die Ausstellung „Manuscripta pretiosa et incunabulae illuminatae“ soll der Blick noch auf drei weltliche Handschriften, alle aus dem Besitz der Lippischen Landesbibliothek, gelenkt werden. In die Entstehungsregion Südholland oder Flandern weist die wahrscheinlich schönste Handschrift der Detmolder Bibliothek, die Naturenzyklopädie des bedeutendsten mittelalterlichen niederländischen Schriftstellers Jacob van Maerlant „Der naturen bloeme“, niedergeschrieben um 1285 in mittelniederländischer Mundart. In ca. 16.680 paarweise sich reimenden Versen, unterteilt in 13 Bücher, werden die Menschenrassen, die Tiere, die Pflanzen, die Quellen, die Gesteine und die Metalle abgehandelt; auch Wesen aus Mythologie und Fabelwelt, wie die Sirene und das Einhorn, werden berücksichtigt. Die Handschrift enthält über 500 reizende Miniaturen fast aller behandelter Spezies in leuchtenden Farben und z. T. mit Goldblattauflage.

In das ernste Gebiet des Rechts dagegen führt der Sachsenspiegel, das älteste deutsche  Rechtsbuch, das von dem sächsischen Edelfreien und Schöffen Eike von Repgow um 1224 in mittelniederdeutscher Sprache verfaßt wurde. Inhaltlich gliedert sich das Werk in Landrecht und Lehnrecht, angeschlossen sind hier noch Erläuterungen für die Schöffen. Die Detmolder Handschrift, eine Mischhandschrift halb aus Pergament, halb aus Papierlagen bestehend, wurde  nach dem Incipit, dem Einleitungssatz, im Jahre 1408 niedergelegt; sie rührt allem Anschein nach aus der alten Ratsbibliothek der Stadt Blomberg, wurde aber mit Sicherheit dort nicht geschrieben. Im Gegensatz zu den weithin bekannten Sachsenspiegel-Handschriften aus Dresden, Heidelberg, Oldenburg und Wolfenbüttel, deren Texte mit zahllosen aussagekräftigen  Miniaturen kommentiert werden, liegt mit der Detmolder Redaktion eine in der Ausstattung eher bescheidende Gebrauchshandschrift vor, die, von gelegentlichen Füllmustern, Initialen mit Federstrichdrolerien und einigen Rubrica abgesehen, über keine Illuminationen verfügt. Hans-Peter Wehlt machte die Handschrift im Jahre 1970 durch einen lesenswerten Aufsatz in dieser Zeitschrift der Forschung erstmalig bekannt.

In einer Handschriftenausstellung mit maßgeblicher Beteiligung der Lippischen Landesbibliothek darf sicher eine Handschrift nicht fehlen, nämlich die des „Lippiflorium“. Bei diesem Werk handelt es sich um ein lateinisches Lobgedicht in 513 Distichen (Doppelversen) auf den Edelherrn Bernhard II. zur Lippe († 1224); es ist zugleich die älteste erzählende Geschichtsquelle Lippes. Vom Typus her gehört das epische Gedicht zu den Fürstenloben oder Fürstenspiegeln, in denen das Musterbild eines Fürsten vorgestellt wird: als Lebensbeschreibung berühmter Fürsten oder als dichterisch frei gestaltetes Idealbild geschichtlicher Persönlichkeiten. Verfaßt wurde das „Lippiflorium“ von dem Magister Justinus von Lippstadt (de Lippia), dem Vorsteher (scholasticus) der Stiftsschule des Stifts St. Marien zu Lippstadt. Das Werk dürfte im Frühjahr 1247 fertiggestellt worden sein, was mit der unmittelbar bevorstehenden Erhebung Simons zur Lippe zum Bischof von Paderborn in Zusammenhang zu bringen ist. Da offenbar alle älteren handschriftlichen Fassungen dieses für die lippische Geschichte und die mittelalterliche Geschichtsschreibung so bedeutenden Werkes verschollen sind, muß die ausliegende Handschrift aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, die den lateinischen und den niederdeutschen Text leider ohne Illuminationen enthält, als derzeit älteste Textüberlieferung gelten.

Mit dem „Lippiflorium“ schließt sich gleichsam der Kreis unseres ersten Einblickes in die Ausstellung, der mit dem „Corveyer Evangeliar“ aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts begonnen hatte und nun im beginnenden 16. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft zum Weserkloster endet. Lassen wir den Magister Justinus sprechen, der sich im Epilog selbst ein Denkmal gesetzt hat: „Jeder, der künftig spricht: ‘In Frieden ruhe Justinus’ Seele, des Mannes, der einst dichtete diesen Gesang’.“

Zur Ausstellung sind ein Katalog (DM 20,-) und eine Schmuckmappe mit zwei der schönsten Miniaturen nebst  Beschreibungen (DM 5,-) erschienen, die über die Sparkasse Detmold oder die  Lippische Landesbibliothek Detmold erhältlich sind.