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Ziel und Konzeption des OWL-Projektes „Regionalisierung der Provinz“ und Modernisierung der Informationsversorgung

Der „Expreßservice“ des Bibliothekenverbundes Ostwestfalen-Lippe

von Harald Pilzer

Druckfassung in: Elektronische Fernleihe und Dokumentlieferung / Hrsg.: Klaus Franken ... - Konstanz, 1994. - (Bibliothek aktuell : Sonderheft ; 11). - S. 153-161.

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Einleitung

Ostwestfalen-Lippe gilt sicherlich nicht nur im Bundesland Nordrhein-Westfalen mit seiner eindeutigen Westorientierung als ein nicht gerade vom Erfolg verwöhnter und von Weltläufigkeit geprägter Ort, bei dem die Apostrophierung als „Provinz“ nicht schwer fallen will. Mit der Zukunftsinitiative für die Regionen Nordrhein-Westfalens (ZIN) und der Definition von 15 Regionen hat die Landesregierung dieses Bundeslandes seit 1990 das Prinzip einer regionalisierten Strukturpolitik als einer besonderen Form staatlicher Innovationspolitik eingeführt, und spätestens mit dieser Initiative ist die „Region“ als Politikfeld etabliert worden. Der Ansatz, der dieser Form staatlichen Handelns zugrunde liegt, läßt sich wie folgt charakterisieren:

„Das Ziel der regionalisierten Strukturpolitik in Nordrhein-Westfalen besteht darin, durch eine problembezogene Analyse der regionalen Situation (Stärken- und Schwächenanalyse) und durch eine regionalspezifische Formulierung von Erneuerungskonzepten höhere Wirkungsgrade zu erzielen.“ (Forth/Wohlfart 1992:561)

Mit der Etablierung des Politikfeldes Region scheint es berechtigt, von der „Regionalisierung der Provinz“ als einem durchaus positiv zu bewertenden Prozeß der verdichteten Diskussion und Lösungsermittlung in neuen institutionellen Arrangements in Gestalt von interkommunaler und gesellschaftlicher Zusammenarbeit zu sprechen.

Ein Dienstleistungsverbund für Bibliotheken in Ostwestfalen-Lippe kann also beanspruchen, sich in ein neues und vor allem politisch definiertes Konzept regionaler Kooperation einzufügen, wie sie sich auch in einem 1991 vorgelegten mittelfristigen Entwicklungskonzept für die Region Ostwestfalen-Lippe darstellt. Die darin unter anderem formulierte Aufgabe, die „modernisierte Wirtschaftsregion“ Ostwestfalen-Lippe durch eine gezielte Innovationsförderung, Technologietransfer, das Angebot einer qualifizierten beruflichen Ausbildung und durch eine ausgewiesene, auf die Ansiedelung von Forschungseinrichtungen abzielende Standortpolitik wettbewerbsfähig zu halten, tangiert die Bibliotheken der Region in ihrer selbstverständlichsten Funktion als öffentliche Informationsversorger.

Der „Bibliothekenverbund Ostwestfalen-Lippe“ zielt laut Projektantrag ab auf die „Optimierung des Bibliotheksangebotes in einer Region durch Vernetzung der vorhandenen Ressourcen in wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken“ und bietet auf der Leistungsseite ein Online-Schnellbestell- und Schnelliefersystem, den „Expreßservice“, für die in den beteiligten Bibliotheken vorhandenen und verfügbaren Dokumente. Erst die Kombination von schnellem Nachweis und schneller Beschaffung in Form des „Expreßservice“ macht den neuen Dienst attraktiv.

Das Projekt wird seit Herbst 1991 durch den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft gefördert; die Federführung des Projektes liegt bei der Universitätsbibliothek Bielefeld. Weitere Projektteilnehmer sind derzeit die Stadtbibliothek Bielefeld und die Lippische Landesbibliothek in Detmold. Seit dem 15.9.1993 befindet sich das Projekt in einer Einführungsphase und somit in einer Testroutine unter echten Belastungsbedingungen.
Die Ausweitung des Verbundes auf die wissenschaftlichen Bibliotheken der Region – wie die Universitätsbibliothek Paderborn oder die Bibliothek der Fachhochschule Lippe – ist beabsichtigt; genauso ist die Anbindung der öffentlichen Bibliotheken der Kommunen Bestandteil des Konzeptes, wie auch die wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen oder Firmen aus der Region an diesem Verbund teilnehmen können sollten.

Nun ist der Wunsch nach Bündelung von Ressourcen im öffentlich unterhaltenen Informationssektor und nach einer benutzerfreundlichen Beschleunigung der Literaturbeschaffung kein ostwestfälisch-lippisches Spezifikum. Auf den Export eines solchen bibliothekarischen Kooperationsmodells in ähnlich strukturierte und von einer gewissen Randständigkeit geprägte regionale Räume, vor allem auch der Neuen Bundesländer, wurde daher bereits währen des Antragsverfahren für das Projekt deutlich hingewiesen.

Die Region Ostwestfalen-Lippe kann als ein Gebiet mit relativ geringer Bibliothekendichte gelten, das damit nur über begrenzte Informationsressourcen verfügt. Die meisten Bibliotheken sind erst in jüngerer Zeit entstanden, und nur die Lippische Landesbibliothek besitzt einen über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Bestand. Mit der Einbindung der Universitätsbibliothek Bielefeld, der Stadtbibliothek Bielefeld und der Lippischen Landesbibliothek Detmold nehmen drei Institutionen an diesem Verbund teil, deren Träger – nämlich die Universität Bielefeld, die Stadt Bielefeld und der Landesverband Lippe – unterschiedliche Ebenen des gesamtstaatlichen Aufbaus repräsentieren, nämlich das Land Nordrhein-Westfalen, eine Kommune, und einen Kommunalverband.

Allein die Lippische Landesbibliothek wird seit langem als Regionalbibliothek für diesen Raum geführt. Für die Universitätsbibliothek Bielefeld wie auch die Stadtbibliothek Bielefeld bedeutet die Teilnahme am Verbund die intensivierte Regionalisierung eines kommunalen respektive eines institutionsbezogenen Informationsversorgers. Hier geraten auf den ersten Blick sicherlich der primäre Zweck und die sekundär hinzugekommene neue Aufgabe in ein Spannungsverhältnis. Es bedarf also der Legitimation und Argumentation, warum in einer Situation der krisenhaften Zuspitzung der öffentlichen Finanzlage diese Institutionen neue Aufgaben bei der Literaturversorgung übernehmen sollen, die sie gleichsam über ihren eigentlichen Geschäftsbereich hinaus führen. Ganz wesentlich wird das Überleben dieses Dienstes, zumindest was die schnelle Beschaffung angeht, deshalb davon abhängen, inwieweit es gelingt, zu einer annähernden Kostendeckung bzw. Teilkostendeckung zu gelangen. Geht man im weiteren davon aus, daß die Beanspruchung der bislang beteiligten Bibliotheken unterschiedlich sein wird, – so steht beispielsweise zu erwarten, daß bei einer nehmenden Beteiligung der kommunalen Bibliotheken aus der Region die Stadtbibliothek Bielefeld stärker als bisher frequentiert werden wird –, dann ist es nicht auszuschließen, daß der Träger dieser Einrichtung eine finanzielle Kompensation aus der Region erwartet oder das „Ausbluten“ seiner Bibliothek durch eine prohibitive Preisgestaltung zu verhindern trachten könnte oder schlichtweg als Anbieter ausscheidet.

Administration und Logistik, Marketing und Werbung des OWL-Verbundes

Bevor ich auf die technische Verbundstruktur eingebe, die dann zur Demonstration als zweitem Teil dieser Präsentation überleiten soll, möchte ich zunächst auf die administrativen und logistischen Aspekte des Verfahrens eingehen sowie auf Fragen der Werbung und des Marketing, die bei der Projektbeantragung eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Regionalprinzip in praxi: Administration und Logistik des Schnellbestell- und Schnelliefersystems „Expreßservice“

Der OWL-Verbund präsentiert sich dem Verbraucher als Instrument der schnellen und möglichst komplexitätsfreien Bereitstellung von Büchern, Zeitschriftenaufsätzen und anderen Informationsmitteln, die in den beteiligten Bibliotheken vorhanden und verfügbar sind. Zum Zweck der Nachweisung werden die vorhandenen oder im Aufbau befindlichen elektronischen Kataloge vernetzt: eine speziell programmierte Software organisiert die Kommunikation und verwaltet die Bestellungen. In den beteiligten Bibliotheken werden die Leitwege für externe Bestellungen so umgestellt, daß prioritär die Nachweissysteme der beteiligten Bibliotheken auf eine mögliche Erledigung hin geprüft werden.

Im besten Fall tritt also der „OWL-Verbund“ im Ergebnis dem Benutzer als Einheit gegenüber, aus dessen Regionalpool mit 3 Mio Bestandseinheiten ein Dokument geliefert wird. Dem Endverbraucher kann es letztendlich gleichgültig sein, aus welchem Institut heraus sein Informationswunsch befriedigt wird. Der OWL-Verbund wartet zudem mit dem Angebot auf, die gesuchten Dokumente innerhalb von 48 Stunden in der anfordernden Bibliothek dem Besteller zur Verfügung zu stellen. Diese Garantielieferzeit kann nur dann eingehalten werden, wenn sichergestellt ist, daß die Bestellungen, die in einer Bibliothek ankommen, auch prioritär bearbeitet werden und eine sofortige Bereitstellung der Titel durch die Mitarbeiter der Fernleihe oder durch den Magazindienst gesichert ist. Die Garantielieferzeit kann auch nur dann eingehalten werden, wenn in einem gemischten System sowohl vorhandene und von den beteiligten Institutionen finanzierte Transportkapazitäten als auch gewerbliche Kurierdienste eingesetzt werden. So können für den innerstädtischen Verkehr in Bielefeld die Fahrzeuge der Universität und der Stadtbibliothek herangezogen werden; für die Überlandfahrten nach Detmold kann zumindest teilweise der sowieso verkehrende Wagen des Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen genutzt werden. Weitere Transporte müssen mit gewerblichen Kurierdiensten erledigt werden.

Inwieweit der Postversand angesichts der dem Verbraucher zugesicherten Garantielieferzeit in Frage kommt, bedarf noch der Prüfung. Auf jeden Fall bietet sich bei vorhandener Ausstattung mit Endgeräten die Übermittlung per Telefax für Zeitschriftenaufsätze an. Im übrigen gelten die Bestimmungen der Leihverkehrsordnung hinsichtlich der Haftungsfragen und dergleichen sinngemäß. Auch bei der Erstellung von Kopien gilt die Festlegung der kostenfreien Anfertigung und Überlassung bei einem Umfang von bis zu 25 Seiten.

Kosten

Bei einer Ausweitung des OWL-Verbundes auf kleinere Bibliotheken der Region mit nur periodisch auftretendem Bestellaufkommen, die in keiner Weise an den Bücherautodienst des Landes Nordrhein-Westfalen angebunden sind, wird der Anteil an Transporten, der durch Kurierdienste erledigt werden muß, steigen, und somit wird sich die Kostenfrage für den „Expreßservice“ in aller Deutlichkeit stellen. Gegenwärtig ist dieser Punkt gleichsam suspendiert, da während der jetzigen Einführungsphase bis zum Jahresende noch Projektmittel für diesen Zweck vorhanden sind. Das gestattet eine eher offensive Propagierung dieses neuen Dienstes, der nach unseren Erfahrungen seitens der Benutzer als eine echte und wirkliche Serviceverbesserung empfunden wird.

Bleibt die Akzeptanz erhalten, und hat sich die Beanspruchung dieses Dienstes bis zum Ende der Einführungsphase verfestigt, so bestehen m.E. gute Aussichten, diesen Dienst auch bei einer maßvollen Preisgestaltung akzeptabel zu gestalten. Zu dem von den Bibliotheken häufig erwarteten Nulltarif wird dieser Dienst wegen seines logistischen Aufwandes nicht zu halten sein.
Es ist vor allem aus den in jüngster Zeit in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführten Projekten zur Benutzersoziologie bekannt, daß die Klientel dieser Einrichtungen sich zu einem hohen Prozentsatz aus einer sogenannten bildungsbürgerlichen Elite von Oberschülern, Abiturienten, Studierenden und Hochschulabsolventen zusammensetzt. Auffällig ist dabei, daß ein inhaltlich hohes Anspruchsdenken begleitet wird von einer eher niedrig angesetzten Erwartung hinsichtlich der Leistungskraft öffentlicher Informationsversorger. Anzumerken ist, daß dieses Phänomen der Dissonanz zwischen Anspruch und Erwartungshaltung sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch unter den Benutzern wissenschaftlicher Bibliotheken feststellen ließe. Die Leistungsangebote des OWL-Verbundes, nämlich Vernetzung der Nachweissysteme, Verfügbarkeitsauskunft und vor allem eine kurze Garantielieferzeit für angeforderte Dokumente erscheinen mir nach den bisher gemachten Erfahrungen als ein taugliches Mittel, diese Erwartungshaltung in positiver Weise zu enttäuschen.

Unter den Projektteilnehmern herrscht Einvernehmen darüber, daß nach Beendigung der Einführungsphase der über die bibliotheksspezifischen Basisdienste hinausgehende „Expreßservice“ hinsichtlich seiner Kostenseite neu formuliert werden muß. Dieses betrifft sowohl die Frage, wie die Leistungen der privaten Kurierdienste finanziert werden, als auch beispielsweise die Frage der Entgelte für die Telefaxübermittlung von Dokumenten. Die Kostenfrage bereitet auch in haushaltsrechtlicher Hinsicht den beteiligten öffentlich-rechtlichen Bibliotheken Kopfzerbrechen. Gemäß des kameralistischen Grundaxioms, daß alle Einnahmen einer gegebenen Körperschaft alle Ausgaben zu decken haben, ergibt sich für die Verbundbibliotheken nicht reibungslos die Möglichkeit, die aus diesem Service herrührenden Einnahmen zweckgebunden zur Deckung der Kosten zu verwenden. Das derzeit favorisierte Modell sieht vor, für den Verbund einen die Geschäfte führenden Verein zu gründen; die Zwecksetzung des Vereines ist nahezu ausschließlich über die Unterhaltung und den Ausbau des OWL-Verbundes definiert. Weitergehende Ziele lassen sich in etwa so umreißen: der Verein wird seine Anstrengungen auf die weitere Vernetzung der Bibliotheksressourcen der Region richten und die Einrichtung neuer Informationsangebote und -dienstleistungen befördern. Dieser vorrangig wirtschaftlich-organisatorische Verein wird, so die Planung, von den derzeitigen Verbundteilnehmern mit einer gewissen finanziellen Grundausstattung versehen; außerdem bringen die drei gegenwärtig den Verbund bildenden Bibliotheken ihre jeweilige Bestands- und Personalkapazität ein. Der Verein ist offen für weitere Bibliotheken, die am OWL-Verbund teilnehmen wollen und dafür einen Jahresbeitrag entrichten.

Marketing

Im Projektantrag heißt es zu diesem Punkt:

„Aufbauend auf dem Schnellbestellsystem als entscheidendem Schritt zu einem ‘Bibliothekenverbund OWL’ beabsichtigen die Teilnehmerbibliotheken, dieser verstärkten Zusammenarbeit durch begleitende Aktivitäten ein Profil zu gehen. Entsprechende Marketingmaßnahmen, die sowohl eine allgemeine Öffentlichkeitsarbeit als auch zielgruppenorientierte Werbung beinhalten, sollen potentiellen Nutzern die Angebotsbreite bzw. -tiefe präsentieren und damit die Attraktivität der neuen Dienstleistung erhöhen.“

Es ist höchst bedauerlich, daß die notwendigen Operationalisierungen hinsichtlich der geforderten Zielgruppenarbeit im Projekt nicht hinreichend geleistet worden sind, und somit auch nicht die Wünsche der potentiellen Nutzer eines solchen Dienstes in die Produktgestaltung eingeflossen sind.
In seinen werblichen Mitteln präsentiert sich der „Bibliothekenverbund Ostwestfalen-Lippe“ mit seinem Produkt Schnellbestell- und Schnelliefersystem als „Expreßservice“ und einer Textmarke als Logo oder Signet und einheitlich in den Farben gelb und blau. Ein Flyer, der in den Bibliotheken gegenwärtig jeder Entleihung beigelegt wird, ein ausliegendes Faltblatt, ein sogenanntes Imageplakat, die Textmarken für den Verbund und sein Produkt auf Glastüren in den Eingangsbereichen der Verbundbibliotheken, Ständer mit Schriftzug und Hinweis sowie Plexiglasschilder in gelb und blau gehören zum Werbekonzept. Es ist im weiteren vorgesehen, dem „Exreßservice“ als einem speziellen Beitrag zu der eingangs erwähnten regionalen Strukturpolitik einen offiziellen Beginn unter Teilnahme der regionalen Spitzen aus Verwaltung und Wirtschaft zu verleihen. Daran anschließen wird sich eine Informationsveranstaltung für die interessierten Fachkollegen aus der Region.

Heute ist bereits deutlich, daß die Öffnung in die Region und Erweiterung des Teilnehmerfeldes um die kleinen Bibliotheken der Region selbst bei Investitionskosten von deutlich unter 10.000 DM mit den rabiaten Sparhaushalten der Kommunen kollidiert. Hinzu kommt, daß angesichts der gering ausgebildeten Computerisierung der kleinen Bibliotheken der Verbund eigentlich fertige „turn-key-systems“ inclusive der Anschlußinstallation liefern müßte oder zumindest einen Installationsberater schicken müßte, der hinwiederum eine Musterkonfiguration zumindest auf dem Papier mit sich führt, um anhand dessen die örtlichen Organisationsämter überzeugen zu können.
Damit komme ich zum technischen Verbundkonzept.

Technisches Verbundkonzept

Anforderungen

Hinsichtlich der allgemeinen Anforderungen an die Systemlösung sollten die folgenden vier Prinzipien realisiert werden:

  1. Portabilität
    Das Verbundsystem, d.h. das Anwendungsprogramm sollte so angelegt sein, daß es auf andere Gegebenheiten in regionaler und technischer Hinsicht übertragen werden kann. Die Anwendungssoftware sollte ohne großen Aufwand auf andere vergleichbare Rechnersysteme übertragen werden können.
  2. Neutralität
    Die zu findende Lösung sollte hardwareunabhängig der Verbundstruktur aus heterogenen Teilnehmern Rechnung tragen und die vorhandene Technologie nutzen. Unter weitestgehender Aussparung von Eingriffen in die lokalen ADV-Verfahren ist kleinen Bibliotheken mit einfacher Arbeitsplatz-Hardware ebenso die Verbundteilnahme zu ermöglichen wie Bibliotheken mit komfortabler Arbeitsplatzausstattung.
  3. Flexibilität
    Das Softwarekonzept muß quantitative und qualitative Veränderungen des Verbundes tragen. Das System muß multiuser- und multitaskingfähig sein. Die Zahl der möglichen Teilnehmer darf nicht von vornherein zu eng begrenzt sein; die Software muß parallele Zugriffe verarbeiten können.
  4. Praktikabilität
    Das Softwarekonzept mußte unter bibliothekarischen Prinzipien den Forderungen nach Zuverlässigkeit und Schnelligkeit genügen. Bibliothekarische Anforderungen lagen vor in Gestalt einer aus dem ISO-Standard für die Fernleihe [LL (interlibrary loan 10160/1061) gebildeten Menge von vierzehn aus einundzwanzig Standardnachrichten. Daraus folgten auch die Vorgaben für die Datenbankstruktur und die Verarbeitungsregeln.

Die Entwicklungsarbeiten wurden der Fa. Dr. Holthaus und Heinisch, Zentrum für Rechnerkommunikation, in Göttingen übertragen.

Verbundstruktur – Technische Voraussetzungen und DFÜ-Anschlüsse

Bei Installation des Verbundes lagen die folgenden Voraussetzungen bei den drei genannten Teilnehmerbibliotheken vor: Die Universitätsbibliothek Bielefeld verfügt über ein PC-Netz unter NOVELL NetWare mit dem Online-Benutzerkatalog CD-ANSWER der Fa. Dataware, der die Verfügbarkeitsinformation über eine Schnittstelle aus dem Ausleihsystem BABSY bezieht. Ein wichtiges Element ist OMNIWARE, ein DOS-Server, der Terminals die Arbeitsumgebung eines PCs zur Verfügung stellt. Damit können alle anderen PCs, Terminals und Rechner des Universitätsnetzes oder von außerhalb auf die DOS-Welt des Bibliotheksnetzes zugreifen. Die Verbundaktivitäten werden derzeit von einem im Netz der UB angesiedelten PC durch Zugriff auf den OWL-Rechner unter dem Übertragungsprotokoll bzw. der Kommunikationssoftware des Programmes KERMIT durchgeführt.
Die Stadtbibliothek Bielefeld setzt seit 1984 das integrierte Bibliotheksverwaltungssystem URICA der Fa. McDonnel Douglas auf einem REALITY-Rechner ein. Die Anzeige des Ausleihstatus der Bibliotheksmedien ist Bestandteil der Bildschirmanzeige. Hier wurde wegen der lokalen Druckausgabe die Lösung gewählt, einen PC mit spezieller MDD-Emulationssoftware an die URICA-Anlage anzubinden.

Die Lippische Landesbibliothek hat zum Jahresbeginn das Bibliotheksverwaltungssystem SISIS der Siemens Nixdorf AG auf einem MX300i-Rechner unter dem Betriebssystem SINIX5.40 in den Routinebetrieb übernommen. Der OPAC ist als Modul installiert und verfügbar, wenngleich die Zahl der bislang eingegebenen und recherchierbaren Datensätze noch gering ist. Die Verfügbarkeitsinformation ist Bestandteil der OPAC-Anzeige. Die Arbeit mit und im OWL-Verbund kann von jedem beliebigen Terminal der SNI- Anlage aus erfolgen.

Die Stadtbibliothek Bielefeld verfügt über einen DATEX-P-Anschluß; die Universitätsbibliothek und die Landesbibliothek sind Teilnehmer des X.25-Netzes des Wissenschaftsnetzes (WIN). Eine Musterkonfiguration für kleine Bibliotheken mit PC, Wählmodemzugriff und DATEX-P-Anschluß wirtd derzeit vorbereitet Beteiligt sich eine Bibliothek nur als „nehmende“ Einrichtung an diesem Verbund, so sind Postnetzzugang, PC, Drucker und eine VT100 bzw. VT220 kompatible Terminalemulation nebst Kommunikationssoftware die technischen Grundvoraussetzungen.

Verbundstruktur – der OWL-Rechner

Das Zentrum des sternförmigen Netzes des OWL-Verbundes bildet der in der UB Bielefeld aufgestellte OWL-Rechner. Es handelt sich dabei um einen 486er PC mit 16MB RAM und einer 500MB-Festplatte, der unter dem Betriebssystem SCO UNIX läuft. Hat sich ein Verbundteilnehmer (über DATEX-P oder TCP/IP) auf dem SCO-Rechner eingeloggt, so befindet sich diese Endstelle quasi im Status eines über eine Datenleitung vom Hauptrechner abgesetzten Terminals (Terminalbetrieb).

Der OWL-Rechner und die dort laufenden Programme haben die folgenden Funktionen:

  1. OWL-Rechner als Access-Server
    Der OWL-Rechner vermittelt mit Hilfe des Programmteils CBIB den von einem Verbundteilnehmer hereinkommenden Recherchewunsch mit dem ausgesuchten OPAC eines anderen Verbundteilnehmers und stellt die DATEX-P-Verbindung über automatisierte Login/Logout-Prozeduren her. Eine gemeinsame Verbunddatenbank besteht nicht. Der Teilnehmer A recherchiert im Katalog des Teilnehmers B unter der spezifischen Oberfläche dieses OPACs. Die unterschiedlich gestalteten OPAC-Oberflächen und Recherchewege halten wir für vergleichsweise leicht erlern- und beherrschbar. Je nach Bedarf oder Erfolg kann im Anschluß an die Recherche ein Bildschirmabzug angestoßen werden.
  2. OWL-Rechner als Datenbankrechner
    Die unter dem relationalen Datenbanksystem INGRES programmierte eigentliche Bestell- und Lieferungsverwaltung läuft auf dem OWL-Rechner ab. Jeder am Verfahren teilnehmenden Bibliothek wird auf dem OWL-Rechner eine Datenbank eingerichtet, die auch nur dem angemeldeten bzw. berechtigten Benutzer zugänglich ist. Lokal werden bei den Verbundteilnehmern keine Transaktionsdaten aus dem OWL-Verfahren gehalten. Schnittstellen zu den lokalen Ausleihverbuchungsverfahren sind nicht vorhanden. Auf sie wurde bewußt verzichtet, um vor Ort in den beteiligten Bibliotheken die konsistente Nachweissituation innerhalb der Ausleihverbuchung – konventionell oder automatisiert – weiterhin zu gewährleisten.
  3. Mailversand
    Unter Verwendung des betriebssystemeigenen Mailprogramms werden die Mails, die sich die Bibliotheken zukommen lassen möchten, versandt. Es wird stündlich zwischen 10h und 18h gemailt. Wichtig ist es festzuhalten, daß nur lokal auf dem SCO-UNIX-Rechner des OWL-Verbundes gemailt wird.
  4. Druckersteuerung
    Der OWL-Rechner übernimmt die Druckersteuerung in den Verbundbibliotheken. An die Endstellen werden Druckaufträge versandt, die dort als Hardcopy ausgegeben werden. Diese Ausdrucke informieren beispielsweise die gehende Bibliothek über eine Anfrage; die Druckausgabe von Bestellungen erfolgt unabhängig davon, ob gerade im OWL-Programm gearbeitet wird oder nicht. Die Programmodule „Recherche“ und „Bestellverwaltung“ werden über Auswahlmenüs auf dem OWL-Rechner angesteuert.

Abschließend möchte ich einige Funktionen des eigentlichen OWL-Verfahrens kurz skizzieren, die auch in der nachfolgenden Präsentation wiederkehren werden.

  1. Download nach einer OPAC-Recherche
    Die Ergebnisse von Titelrecherchen, die die Grundlage von Bestellungen bilden, werden in Downloaddateien abgespeichert und nach Beendigung des Arbeitsganges „Recherche“ im Programmodul Bestellverwaltung zur Weiterverarbeitung wieder geladen. Der Datensatz kann nach Aufruf eines Editors bearbeitet oder ausgedruckt werden. Beide Funktionen sind auf Funktionstasten gelegt.
  2. Freie Bestellungen
    Liegt der Besitznachweis für einen Titel nicht online vor, – hier seien stellvertretend nur die Microfiche- bzw. die CD-ROM- Editionen des nordrhein-westfälischen Zentralkataloges bzw. des nordrhein-westfälischen Verbundes genannt –, oder handelt es sich um einen Zeitschriftenaufsatz, so kann im Modul „Bestellverwaltung“ eine sogenannte „Freie Bestellung“ angelegt werden.
  3. Leihverkehr Nehmend
    Alle Bestellungen der nehmenden Bibliothek werden in einer Datei abgelegt und sind nach verschiedenen Kriterien wie Bestellnummer, Bestelladresse, Titelphrase, Status oder Zeitraum der Bestellung recherchierbar und editierbar. Die Statusangabe orientiert sich an den Vorgaben der ILL-Norm und wird in der Übersichtsliste der Bestellungen in einem aus zwei Buchstaben bestehenden Kürzel ausgegeben. Je nach Status einer Bestellung ergeben sich weitere Bearbeitungsmöglichkeiten, die in einem Fenster angezeigt werden, und die algorithmisiert der Verarbeitungslogik des Verfahrens zwischen der Anfrage am Beginn und im besten Fall der erfolgreichen Rückgabe an die gehende Bibliothek Erledigung am Ende des Verfahrens unterliegen.
  4. Leihverkehr Gebend
    Sinngemäß gelten die eben gemachten Ausführungen auch für die Bestelldatei bei der gehenden Bibliothek. Alle Datensätze zu den einzelnen Bestellvorgängen bleiben auch nach Abschluß des Einzelfalles erhalten und bilden so bis zur Datenbankrevision gleichsam die Bestellhistorie des OWL-Verbundes.
  5. Statistik
    Die Bestellbewegungen werden nach den Kriterien der Deutschen Bibliotheksstatistik maschinell erfaßt und periodisch ausgewertet.

Offene Fragen / Forderungen

Aus den praktischen Erfahrungen, die wir in der kurzen Zeit seit dem 15.9.1993 machen konnten, möchte ich abschließend auf Defizite und Wünsche hinweisen, denn die interessieren meistens, wenn es darum geht, eine gute Sache noch besser zu machen:

  • Die Nachweissituation bzw. der Stand der Verfügbarkeitsnachweisung in den elektronischen Katalogen der Teilnehmer ist gegenwärtig noch unbefriedigend.
  • Die Ausstattung kleiner, nur nehmender Bibliotheken sollte eine Faxkarte und die entsprechende Hard- und Software-Ausstattung enthalten, um Dokumente wie Zeitschriftenaufsätze über das Leitungsnetz empfangen, speichern und ausgeben zu können. Denkbar sind auf gebender Seite auch Lösungen, in denen Dokumente gescannt und anschließend gesendet werden.
  • Die derzeitige Version der OWL-Software kann wegen des offenliegenden Zugriffs zur Bestellverwaltung nicht zur Selbstbedienung durch Bibliotheksbenutzer zugelassen werden.
  • Der zentrale OWL-Rechner könnte bei einem Anwachsen des Verbundes entlastet werden, wenn das OWL-System auf die dazu geeigneten Rechner der Verbundteilnehmer portiert würde, so daß das Verwaltungsprogramm dezentral ablaufen kann. Der OWL-Rechner diente dann nurmehr dazu, die Verbindungen zu den verschiedenen OPACs aufzubauen und die Mails der Verbundteilnehmer auszutauschen.
  • Last but not least: Die Stellung kleinregionaler Verbundsysteme bedarf der institutionellen Regelung in der Region sowie der Einordnung und Kodifizierung im System der bundesweiten Literaturversorgung.

Literaturhinweise

  • Dienstleistungsverbund für Bibliotheken in Ostwestfalen-Lippe, Pilotprojekt. Antrag 1990. Unveröffentlichtes Typoskript.
  • Thomas P. Forth/ Norbert Wohlfahrt: Politische Regionalisierung – zur Paradoxie eines modernen Diskurses. In: Staatswissenschaften und Staatspraxis 3 (1992), H. 4, 556-577.
  • Axel Halle/Dirk Hasselhoff/Birgit Hollmann: Dienstleistungsverbund Ostwestfalen- Lippe: ein Werkstattbericht, Vortrag vor der Nutzergruppe Bibliotheken im DFN-Verein. Unveröffentlichtes Typoskript. 1992.
  • Dr. Holthaus und Heinisch, OWL-Bestellverwaltung. Benutzerhandbuch. Version I.1, Juni 1993
  • Karl Wilhelm Neubauer/ Birgit Hollmann: Vernetzung der Bibliotheksressourcen in einer Region am Beispiel Ostwestfalen-Lippe. Konzeption und Struktur des Verbundes. Vortrag auf der VBB-Jahrestagung 1992. Unveröffentlichtes Typoskript.