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Zweimal Express Bielefeld – Detmold und zurück

Universitätsbibliothek Bielefeld, Stadtbibliothek Bielefeld und Lippische Landesbibliothek Detmold richten einen Expreßservice für Bücher und Zeitschriftenaufsätze ein.

von Harald Pilzer

Druckfassung in: Heimatland Lippe 87 (1994), S. 88 – 93.

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Freihandbereich der Lippischen Landesbibliothek

Einen bundesweit einmaligen Bibliotheksservice mit Pilotcharakter für andere Regionen bieten die Universitätsbibliothek Bielefeld, die Stadtbibliothek Bielefeld und die Landesbibliothek Detmold seit Oktober letzten Jahres an. Der „Expreßservice“ des „Bibliothekenverbundes Ostwestfalen-Lippe“ leistet die Beschaffung und Bereitstellung in der bestellenden Bibliothek innerhalb von 48 Stunden für solche Bücher und Zeitschriftenaufsätze, die in einer der drei beteiligten Bibliotheken vorhanden und verfügbar sind.

In einem seit 1991 vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (BMBW) geförderten Projekt waren hierzu die Grundlagen erstellt und die notwendigen Programmierleistungen durch ein Göttinger Software-Haus, das auf Bibliotheksanwendungen und Datenkommunikation spezialisiert ist, erbracht worden.

Da naturgemäß eine Bibliothek weder alle Druckerzeugnisse der vergangenen Jahrhunderte besitzen kann, noch gegenwärtig in der Lage ist, die deutsche und internationale Buch- und Zeitschriftenproduktion auch nur annähernd vollständig zu erwerben, ist Kooperation bei gleichzeitiger Spezialisierung der Kooperationspartner eine sinnvolle Lösung. Bibliothekarische Gemeinschaftsunternehmen, die sich aus der Beteiligung vieler Institute speisen – als Beispiel sei hier nur die elektronische Verbundkatalogisierung der wissenschaftlichen und Hochschulbibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen genannt – gehören daher seit langer Zeit zu den Instrumenten der Bibliothekspolitik, um der sich öffnenden Schere zwischen der Preisentwicklung für Bücher und Zeitschriften sowie dem Informationsbedarf aus Wissenschaft, Forschung und allgemeiner Weiterbildung einerseits und der begrenzten Kaufkraft der Bibliothekshaushalte andererseits zu begegnen. Ein anderes dieser Instrumente ist die nahezu jedem Benutzer öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliotheken bekannte Fernleihe für Bücher und Aufsätze, die in der besuchten Bibliothek nicht vorhanden sind. Die Fernleihe ist ein institutionalisiertes Verfahren der Bibliotheken, das durch die Leihverkehrsordnung geregelt wird, und das sich dem Benutzer wiederum in einheitlichen Bestellformularen, dem sogenannten „Roten Leihschein“, präsentiert. Jedem, der diesen Dienst der Bibliotheken in seiner konventionellen Abwicklung beansprucht hat, sind die langen Laufzeiten der Bestellungen vertraut. Hier mittels eines EDV-gestützten Verfahrens Abhilfe zu schaffen und bei der Literaturversorgung das Regionalprinzip zum Zuge kommen zu lassen, ist eines der Anliegen des „Expreßservice“.

Gegenwärtige Teilnehmer und Anbieter

OPACs im Informationszentrum der Landesbibliothek

Teilnehmer des Expreßservice sind bislang die drei genannten Bibliotheken. Sie bilden zusammen ein Reservoir von knapp 3 Millionen Büchern, Zeitschriften und anderen Bibliotheksmedien wie Compact Discs, Videos oder Toncassetten. Durch die Kooperation von Landes-, Stadt- und Universitätsbibliothek ergibt sich ein vielseitiges Angebot, das aus der ganz unterschiedlichen Aufgabenstellung und Profilierung der Bibliotheken resultiert und das das gesamte Spektrum der in Bibliotheken vorhandenen Medien für Information und Unterhaltung repräsentiert. Diese Vielfalt dürfte für viele Bibliotheksbenutzer interessant sein.

  • Die Universitätsbibliothek Bielefeld hat derzeit einen Bestand von 1,8 Millionen Bänden, die der Allgemeinheit zugänglich sind. Sie bezieht laufend 7.700 Zeitschriften, davon 4.300 ausländische. Die Bibliothek bietet aktuelle wissenschaftliche und forschungsrelevante Literatur zu allen Fachgebieten. Schwerpunkte sind Geisteswissenschaften, Sport, Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik sowie Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Als moderne wissenschaftliche Gebrauchsbibliothek verfügt sie über ein breitgefächertes vernetztes Angebot von CD-ROM- und Online-Informationsdatenbanken.
  • Die Stadtbibliothek Bielefeld verfügt über rund 700.000 Bände und 800 Zeitschriften. Der Schwerpunkt ihrer Sachliteratur liegt auf allen Gebieten, die für die schulische Ausbildung und die berufliche Fort- und Weiterbildung von Bedeutung sind. Kulturelles Wissen wird durch umfangreiche Bestände fachlicher und belletristischer Literatur vermittelt, Informationen für den Alltag durch Ratgeber und andere aktuelle Tagesliteratur. Neue Medien wie Videocassetten, Toncassetten, CDs und CD-ROMs ergänzen diesen vielfältigen Bestand.
  • Die Lippische Landesbibliothek ist mit 420.000 Bänden und 1.600 laufenden Zeitschriftenabonnements die zur Zeit größte hochschulunabhängige wissenschaftliche Allgemeinbibliothek in Nordrhein-Westfalen. Sie verfügt über bedeutende Altbestände vom 16. Jahrhundert an, über Spezialsammlungen und Archivbestände. Ihre Schwerpunkte liegen in den Geistes- und Kulturwissenschaften, insbesondere der Geschichte, Volks- und Landeskunde, der bildenden Kunst und der Musik, sowie in der deutschen Literatur und Literaturwissenschaft. Daneben ist sie moderne Gebrauchsbibliothek mit einem alle Fachgebiete umfassenden aktuellen Freihandbestand und Einrichtungen für Datenbankrecherchen und Informationsvermittlung.

Geplant ist, den Kreis der Teilnehmerbibliotheken, die diesen Service ihren Lesern und Leserinnen zur Verfügung stellen wollen, deutlich zu erweitern. In Frage kommen dafür alle öffentlichen Stadtbibliotheken, ob sie nun anbietend und nehmend teilnehmen wollen, oder ob sie aufgrund ihrer technischen Ausstattung nur nehmend teilnehmen können, ohne selbst ihre Buchbestände auswärtigen Benutzern auf diesem Wege anbieten zu können.

Sehr wünschenswert ist die Teilnahme weiterer wissenschaftlicher Bibliotheken wie die der Universitätsbibliothek Paderborn oder die der Hochschulbibliothek der Fachhochschule Lippe, weil sich dadurch das angebotene und verfügbare Literaturangebot vor allem in Richtung Naturwissenschaften und Technik verbreitern würde.

Technisches Verbundkonzept und Verfahren

Grafik: Universitätsbibliothek Bielefeld, Arthur Nold

Wie die nachstehende Grafik vermittelt, beruht der Expreßservice auf dem elektronischen Verbund der beteiligten Bibliotheken, die als Liefer- und Bestellbibliothek über eine elektronische Bibliotheksverwaltung verfügen müssen. Notwendig sind ferner Kommunikationsprogramme und die  entsprechende technische Ausrüstung. Mittels der Datenfernübertragung (DFÜ) stehen jedem Kooperationspartner die gespeicherten Katalogdaten der anderen Bibliotheken zur Verfügung. Darunter ist zu verstehen, daß Bibliothek A über die Fernverbindung auf den elektronischen Katalog der Bibliothek B zugreift und in diesem Katalog recherchiert, ohne daß eine gemeinsame Verbunddatenbank aus den jeweiligen Katalogdaten aufgebaut werden müßte. Die elektronischen Kataloge der beteiligten Bibliotheken sind jeweils als OPAC – Online Public Access Catalogue – konzipiert. Diese elektronischen Publikumskataloge enthalten die Daten immer in ihrem aktuellen Zustand und weisen nicht nur den Besitz von Büchern und Zeitschriften nach, sondern zeigen in Verbindung mit der Ausleihverwaltung auch an, ob der gesuchte Titel verfügbar oder derzeit ausgeliehen ist. Danach kann die bestellende Bibliothek im Auftrag ihres Kunden entscheiden, ob eine Bestellung sinnvoll ist, oder ob auf ausgeliehene Titel eine Vormerkung eingegeben werden soll.

Den Kern des Verbundes bildet ein in der Universitätsbibliothek Bielefeld aufgestellter Rechner, über den die Datenfernverbindungen der Teilnehmer aufgebaut werden. Hier liegt auch die Software auf, die die gesamten Vorgänge, die im Zusammenhang mit der Abwicklung einer Bestellung entstehen, protokolliert und statistisch erfaßt. Soll ein nachgewiesener Titel bestellt werden, so wird nach der Recherche im Katalog der fremden Bibliothek in der Bestellverwaltung auf dem zentralen Rechner ein Bestelldatensatz hinterlegt. In der Lieferbibliothek wird auf einem bestimmten Drucker eine Hardcopy der Bestellung ausgegeben, die dann von den Bibliotheksmitarbeitern weiterbearbeitet wird. Das Buch oder der bestellte Zeitschriftenaufsatz werden bereitgestellt und versandt. Durch organisatorische Maßnahmen stellen die beteiligten Bibliotheken sicher, daß die auf diesem Wege hereinkommenden Bestellungen prioritär behandelt werden und so die Garantielieferzeit von 48 Stunden eingehalten werden kann.

Benutzung, Werbung, Aussichten

Der Expreßservice steht jedem Benutzer und jeder Benutzerin in den Teilnehmerbibliotheken zur Verfügung. Grundlage einer Bestellung sind ein „Roter Leihschein“ und ein gültiger Benutzerausweis der Bibliothek, die die Bestellung ausführen soll. Die Bestellung erfolgt ausschließlich an dem für den Expreßservice vorgesehenen Terminal. Ein Mitarbeiter recherchiert anhand von Stichwort-, Autoren- oder Titelangaben das gewünschte Buch oder die gesuchte Zeitschrift in den Katalogen der teilnehmenden Bibliotheken und veranlaßt im positiven Falle sofort eine Bestellung. Ab diesem Zeitpunkt „läuft die Uhr“, und der Benutzer kann nach 48 Stunden in der Bestellbibliothek seine durch die Post, Telefax oder ein Kurierfahrzeug gelieferte Bestellung als Buch oder Kopie in Empfang nehmen. Ein Direktversand an den „Bibliothekskunden“ ist derzeit noch nicht im Gespräch, aber vor allem für Bibliotheksmaterialien, die per Telefax oder elektronischer Post übermittelt werden können, nicht undenkbar. Voraussetzung hierfür sind klare Bezugs- und Teilnahmebedingungen für die Besteller, wenn sie den Bibliotheksmitarbeitern nicht mehr direkt gegenüberstehen.

Das neue Dienstleistungsangebot der Bibliotheken in Ostwestfalen-Lippe

In seinen werblichen Mitteln präsentiert der „Bibliothekenverbund Ostwestfalen-Lippe“ sein Produkt Schnellbestell- und Liefersystem als „Expreßservice“ und in den Farben gelb und blau. Ein informierendes Faltblatt und Plakate sowie Stelltafeln mit dem Schriftzug und Plexiglasschilder in den entsprechenden Farben waren und sind Bestandteile des Werbekonzepts. Während einer Einführungsphase stehen für das Schnellbestell- und Liefersystem Projektmittel zur Verfügung, so daß dieser Service zu den oben genannten, äußerst günstigen Konditionen angeboten werden kann, Später soll der Expreßservice zu einem geringen Selbstkostenpreis weitergegeben werden. Die bisher beteiligten Bibliotheken sehen die Schwerpunkte der Weiterentwicklung dieses Verbundes vor allem in drei Bereichen:

  • Zukünftig sollen auch die audiovisuellen Medien wie Compact Discs, Videocassetten und Toncassetten über den Verbund angeboten werden.
  • Die derzeitig eingesetzte Software ist noch nicht auf eine Selbstbedienung durch das Bibliothekspublikum ausgerichtet. In spätere Versionen soll diese Möglichkeit eingebaut werden.
  • Es ist wünschenswert und dringend notwendig, den Verbund in der Region auszuweiten und weitere Bibliotheken als Teilnehmer zu gewinnen und anzuschließen. So ist für das Frühjahr 1994 die Anbindung der Stadtbücherei Herford als nehmende Teilnehmerin geplant.

Gerade die Ergebnisse aus der erst kurzen Zeit seit Bestehen des Expreßservice zeigen, daß diese neue und zeitgemäße Dienstleistung beim Bibliothekspublikum auf große Resonanz und Akzeptanz stößt, die dazu ermutigen, auf diesem Wege weiterzugehen.