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Die Bibliothek Simons VI. zur Lippe

Ein Einblick in die Arbeit am ältesten Bestand der Lippischen Landesbibliothek

von Barbara Linzbach

Druckfassung in: Heimatland Lippe 86 (1993), 24-29.

Online mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Die Bibliothek des Grafen Simon VI. (1554-1613), ältester Bestand und zugleich Ursprung der Lippischen Landesbibliothek, hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Als Sammlung eines der bedeutendsten Landesherrn der lippischen Geschichte, diente sie einerseits der Repräsentation des Renaissancefürsten, andererseits war sie, und dies vor allem, eine Gebrauchsbibliothek: Werkzeug für das politische Interesse und Handeln ihres Besitzers. So wirft sie ein Licht auf die tiefgreifendste innenpolitische Maßnahme Simons VI., die Einführung des reformierten Bekenntnisses in Lippe mit der sogenannten Zweiten Reformation.

Entsprechend ihrer Zielsetzung umfaßt die Bibliothek vorwiegend theologische und historische, sowie juristische Literatur des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts; darüber hinaus enthält sie aber auch Werke aus allen übrigen Wissensgebieten wie der Philosophie und der Philologie, der Medizin und Naturwissenschaften (hier vor allem der Astronomie, der Simon sein besonderes lnteresse zuwandte).
Die äußere Gestalt der fürstlichen Büchersammlung ist eher schlicht zu nennen: einfache helle Einbände aus Schweinsleder überwiegen, es finden sich aber auch die typischen Renaissance-Einbände mit Rollen- und Plattenstempeln und in einzelnen Fällen seltene illuminierte Ausgaben. Nach dem Tode Simons VI. ließ sein Sohn Simon VII. die Bibliothek aus dem Schloß Brake nach Detmold überführen und 1614 als gräflich-öffentliche Bibliothek zum Gebrauch durch Beamte, Geistliche und Lehrer im Detmolder Gymnasium aufstellen. Mit dieser Maßnahme begründete er die Lippische Landesbibliothek, auch wenn sie diesen Namen erst viel später erhielt.

Auch heute noch befindet sich die Bibliothek Simons VI. im Bestand der Lippischen Landesbibliothek. Ein kleiner Teil, überwiegend Werke klassischer Autoren, der zu Lehrzwecken im Detmolder Gymnasium Leopoldinum verblieben war, kehrte erst in diesem Jahrhundert hierher zurück.

Typische Einbandformen aus der Bibliothek Simons VI. Erkennbar sind u.a. Stempelprägungen in Form der Justitia und einer Lilie sowie das Monogram Simon Graf Vnd Edler Herr Zur Lippe.

Von den ursprünglich fast 3.000 Titeln der Simonschen Bibliothek sind heute noch etwa 2.000 Titel erhalten. Der Zustand der Bände ist recht unterschiedlich. Einerseits blieb die Bibliothek, abgesehen von einem Brand im Jahr 1921, bei dem vor allem große Teile der naturwissenschaftlichen Literatur zerstört wurden, von größeren Katastrophen verschont. Andererseits war sie aufgrund ihrer oft provisorischen Unterbringung im Laufe der Jahrhunderte Einflüssen von Feuchtigkeit, Schmutz und Schädlingen ausgesetzt. Daran gemessen befindet sich ein erstaunlich großer Teil der Bände in recht gutem Erhaltungszustand. Ein Teil der angegriffenen Bande wurde im Rahmen zweier Restaurierungsprojekte in den Jahren 1980-1983 und 1989-1991 wiederhergestellt bzw. vor weiterem Zerfall bewahrt. Andere Bände bedürfen in Zukunft noch der dringenden Restaurierung.
Die Bibliothek Simons VI. war bisher auf den ganzen, nach Sachgruppen gegliederten Bestand verteilt. Im Zuge der Umstrukturierung und des Umbaus der Lippischen Landesbibliothek soll sie nun, gemeinsam mit weiteren heute noch erhaltenen Beständen des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts neu erschlossen werden und in einem Sonderlesesaal ihre Aufstellung finden.

Erschließung dieser Bibliothek bedeutet zunächst, die über den ganzen nach Sachgruppen aufgestellten Bestand verteilten Bände wieder an einem Ort zusammenzuführen. Dazu muß der gesamte ältere Bestand der Landesbibliothek gesichtet werden. Alle Werke, die bis zum Jahre 1613 erschienen sind, werden aus der bisherigen Ordnung herausgelöst und zunächst noch im Magazin zusammengestellt. Dabei werden die vorhandenen Signaturen vorerst beibehalten.

Das Exlibris Johann von Exters mit dem Wahlspruch „Disce Mori Mundo; Vivere Disce Deo“ – „Lerne sterben der Welt, leben lerne in Gott“.

Die zeitliche Grenze 1613 ergibt sich aus dem Todesjahr Simons VI. Das heißt nun nicht, daß alle diese Bestände aus seinem Besitz stammen müssen. Spätere Erwerbungen, wie die Übernahme von Nachlässen, bescherten der Bibliothek eine ganze Reihe weiterer Werke aus dem 16.-17. Jahrhundert. Allerdings ist die Entscheidung, ob ein Band zur Bibliothek Simons VI. gehört oder ob er eine andere Provenienz hat, oft nicht leicht. Nur ein Teil der Bücher Simons trägt sein Monogramm auf dem Einband oder enthält seinen Besitzvermerk. Der überwiegende Teil weist keinerlei Namenszeichen auf. Auch die ältesten Kataloge der Landesbibliothek geben hier nur bedingt Aufschluß. Das einzige heute noch existierende Bücherverzeichnis aus der Zeit Simons VI. wurde 1597 erstellt, also 17 Jahre vor dem Tod des Regenten. Neueren Untersuchungen zufolge umfaßt es auch nicht den gesamten Bestand, der zu dieser Zeit im Besitz des Fürsten war, sondern nur den Teil, der sich auf Schloß Brake, das Simon zu seinem Regierungssitz gemacht hatte, befand. Offensichtlich gab es weitere Teile der gräflichen Bibliothek auch auf anderen Schlössern, so etwa in Varenholz. Zwei weitere Kataloge aus den Jahren 1665 und 1707 helfen, das Bild von Umfang und Inhalt der Simonschen Bibliothek zu ergänzen. Letztlich muß die Entscheidung über die Zugehörigkeit zu Simons Besitz aber doch an jedem einzelnen Band vorgenommen werden.

Neben den eindeutigen Besitzvermerken gibt hier die äußere Gestalt der Bücher einigen Aufschluß: typische Einbandformen und Prägestempel auf den Einbänden in Verbindung mit handschriftlichen Einträgen helfen, ihren Besitzer zu bestimmen. Hier wird auch deutlich, wie Simon selbst seine Bibliothek zusammenstellte, nämlich durch Kauf von Büchern, zum Teil ganzer Büchersammlungen und durch Übernahme von Nachlässen. Nicht selten sind es Geschenke und Sendungen der Autoren selbst, welche er, ganz im Sinne seines Selbstverständnisses als fürstlicher Mäzen, finanziell unterstützte.

Die Gelehrtenbibliothek seines ersten Lehrers Johann von Exter geht nach dessen Tod in seinen Besitz über. Exters Exlibris mit der Devise „Disce Mori Mundo, Vivere Disce Deo“ – „Lerne sterben der Welt, leben lerne in Gott“ – findet sich in nahezu 300 Bänden des heute erhaltenen Bestandes, Ähnlich gelangten die Bücher des Otto Fabricius, einem aus Uffeln stammenden Prediger, der seines reformierten Bekenntnisses wegen aus Minden vertrieben wurde, und den Simon nach Emden zu vermitteln bestrebt war, in den gräflichen Besitz.

Titelblatt des zweiten Bandes von Philipp Melanchthons Argumenta et Obiectionum in der Bearbeitung von Christoph Pezel mit dessen Widmung an Graf Simon VI.

Der für die reformierte Kirche bedeutende Bremer Superintendent Christoph Pezel († 1604) versorgte Simon vor allem mit theologischer Literatur. Sein Einfluß auf die kirchenpolitischen Entscheidungen des Fürsten ist nicht zu unterschätzen. Von ihm mag Simon eine ähnliche Empfehlung zur Erstellung seiner Bibliothek erhalten haben wie Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg. Zur Anschaffung empfahl Pezel „in jeder Facultät die besten, ältesten und berühmtesten opera“, und er führt dies für die Theologie weiter aus. Sein abschließender Rat lautet, es sei besser, bei Gelegenheit eine ganze Büchersammlung zu kaufen, als mühsam Einzelstücke zu erwerben.

Teile der Bibliothek Pezels gelangten durch seinen Solm Caspar, der gräflicher Rat und ab 1611 auch Bibliothekar in den Diensten Simons war, in die Detmolder Bibliothek.

Für die geschlossene Aufstellung des ältesten Bestandes in der Landesbibliothek bildet die Bibliothek Simons den Ausgangspunkt. Aber auch spätere Erwerbungen von Büchersammlungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert stehen durchaus, wie die Bibliothek Christoph Pezels zeigt, im Zusammenhang mit dieser. So erscheint es sinnvoll, die Simonsche Bibliothek nicht aus dem übrigen Altbestand herauszulösen. Sie soll zwar kenntlich gemacht werden, im übrigen aber wird die gesamte vorhandene Literatur dieser Zeit am neuen Standort zusammengefaßt. Dies geschieht nicht zuletzt im Interesse der wissenschaftlichen Benutzer, denen so der älteste Bestand in forschungsfreundlicher Weise zur Verfügung steht.
Zur Erschließung des Altbestandes gehört auch die Erstellung eines Arbeitskataloges. Dieser wird aus dem alphabetischen und aus älteren Bandkatalogen der Landesbibliothek zusammengestellt. In ihm werden die exemplarspezifischen Besonderheiten wie Besitzvermerke, Widmungen, Prägestempel, die auf die Herkunft der einzelnen Bände deuten, festgehalten. Darüber hinaus wird er mit den ältesten Katalogen der Bibliothek verglichen. So können die Verluste und der ehemalige Umfang der Bibliothek Simons VI. näher bestimmt werden.

Es ist vorgesehen, die Bibliothek Simons VI. durch gezielte Antiquariatskäufe wieder zu vervollständigen. Zwar kann dieses Vorhaben die originalen Exemplare nicht ersetzen, doch ließe sich das Bild der bedeutendsten lippischen Fürstenbibliothek abrunden.

Die Einrichtung eines Sonderlesesaals für die ältesten Bestände der Landesbibliothek im jetzigen Hauptlesesaal hat im Rahmen des Umbaus zur modernen Freihandbibliothek Bedeutung: Die forschungsfreundliche Aufstellung des ältesten Bestandes macht deutlich, daß Verbundenheit mit der Geschichte und die Zuwendung zur modernen Bibliothek sich nicht widersprechen müssen, sondern eine sinnvolle Einheit bilden.