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175 Jahre Bad-Geschichte

von Helmut Holländer [wirkl. Verfasser: Detlev Hellfaier]

Druckfassung in: Heimatland Lippe 86 (1993) S. 202-206.

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Ostwestfalen, und hier in besonderem Maße die Region in den Grenzen des ehemaligen Landes und heutigen Kreises Lippe, gilt als „Heilgarten“ Nordrhein-Westfalens, gelegentlich sogar Deutschlands. Und dies mit Recht: Gerade Lippe ist eine Kur- und Erholungslandschaft allerersten Ranges. Hier verbinden sich eine reizvolle Landschaft mit günstigen, natürlichen Voraussetzungen, geschichtliche und kulturelle Tradition, zu einer Symbiose, wie sie an Dichte und Vielfaltigkeit weithin ihresgleichen sucht.

Aber nicht allein eine von der Natur begünstigte Landschaft, eine lange Geschichte und eine traditionsreiche Kultur machen aus einer Region einen Heilgarten, sondern es bedarf tatkräftiger Menschen und der von ihnen geschaffenen Einrichtungen, die sich der Aufgabe, der Gesundheit, ihrer Erhaltung und ihrer Wiedergewinnung zu dienen, verschrieben haben. Garanten für diesen Dienst am Menschen sind traditionell und allen voran unsere Staatsbäder Bad Meinberg und Bad Salzuflen, sind aber auch die staatlich anerkannten Kneipp-Kurorte Hiddesen und Schieder sowie eine Vielzahl an Luftkurorten an den Hängen des Teutoburger Waldes und im Lippischen Bergland.

Bad Meinberg und Bad Salzuflen können auf eine mittlerweile lange Tradition und damit auf bewährte Erfahrungen im Bereich des Gesundheits-, Heil- und Badewesen zurückblicken. Im vergangenen Jahr 1992 war es dem Staatsbad Meinberg vorbehalten, im Beisein des Ministers für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen das 225. Bestehen als „Curort“ festlich zu begehen. Die Leistungen dieses älteren vom Landesverband Lippe getragenen Staatsbades auf therapeutischem und balneologischem Sektor wurden einmal mehr herausgestellt und dankbar anerkannt. In diesen Tagen des Jahres 1993 kann auch das jüngere der beiden lippischen Staatsbäder, nämlich Bad Salzuflen, den 175. und damit ebenfalls einen hohen und „runden“ Geburtstag feiern. Ein Blick auf Geschichte und Entwicklung des Staatsbades Salzuflen ist daher angebracht.

Es ist hinreichend bekannt, daß das Schicksal der Stadt – und damit auch das des Bades Salzuflen – über Jahrhunderte auf das engste mit dem „weißen Gold“, dem Salz, verbunden war. Die Saline bedeutete bis in unsere Tage den entscheidenden wirtschaftlichen Tragpfeiler der Stadt, sie war Keimzelle des späteren Solebades. Von ganz wesentlicher Bedeutung ist die Tatsache, daß das bis dahin auf genossenschaftlicher Basis betriebene Salzwerk im Jahre 1766 in landesherrlichen Besitz gelangte. Damit wurden die Weichen bis in die heutige Zeit gestellt. Lippes ältestes Wirtschaftsunternehmen kam sozusagen in „öffentliche Hand“: in der Folge – vom Fürstentum über den Freistaat, bis hin zum Landesverband Lippe – spiegelt sich ein Stück lippischer Geschichte wider. Die Sanierung und Modernisierung der Saline wurde in der Folgezeit durchgeführt. Für das noch nicht projektierte Bad sollte es bedeutsam werden, daß 1767-70 das Gradierwerk im Salzetal errichtet wurde; die Gründe dafür waren zu jener Zeit noch andere: Durch die Ausnutzung des natürlichen Verdunstungsvorganges wurde die Solekonzentration verdreifacht und dadurch in hohem Umfang Energie eingespart, eine damals ebenso dringliche Aufgabe wie heute. Trotz der dadurch erzielten verbesserten Wirtschaftlichkeit erlangte allerdings die Salzsiedung nicht wieder die Bedeutung, die sie noch zwei Jahrhunderte zuvor besessen hatte. Salzuflen war hier kein Einzelfall, die wirtschaftlich-technischen Hintergründe sind hier nicht zu diskutieren.

Aber es setzte eine neue, zukunftsweisende Entwicklung ein, die ihren Ausgang in den inzwischen entstandenen englischen Seebädern fand. Und man erkannte auch in Deutschland die „Gleichheit der Bestandteile des Meerwassers und einiger Salzsolen“, und so wundert es nicht, daß im Jahre 1803 in Schönebeck bei Magdeburg das erste deutsche Solebad eröffnet wurde. Es spricht für die Innovationsfreude in Lippe, daß die Fürstliche Rentkammer in Detmold den Vorstellungen des aus Salzuflen stammenden Physikus’ und Rates Dr. Heinrich Hasse folgte, der die therapeutische Nutzung der Salzquelle vorgeschlagen hatte: „Es wäre sehr zu wünschen, daß an der Quelle Einrichtungen zum Baden getroffen würden“, lautete der schlichte, in seinem Aussagewert aber so weitreichende Kernsatz seiner berühmten Eingabe vom 15. Juli 1818, das den Geburtstag des Staatsbades Salzuflen markiert. Hasse konnte nicht ahnen, daß sich aus dem durch seine Initiative ins Leben gerufenen, zunächst bescheidenen Badebetrieb ein Kur- und Heilbad entwickeln sollte, das ein Jahrhundert später bereits eine Spitzenstellung in Deutschland einnahm.

Um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, sind die Eckdaten der folgenden Entwicklung des Bades schnell genannt. Ein reguläres Badehaus wurde 1855 errichtet, die Anfänge des heutigen, über 126 Hektar umfassenden einzigartigen Kur- und Landschaftsparks gehen in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück und umfaßten zunächst das Gebiet in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gradierwerk. Ein großzügiges Bade- und Kurmittelhaus entstand 1895 am heutigen Rosengarten: es verfügte bereits über ein Sole-Hallenbad und über ein Inhalatorium. Das gesellschaftlich kulturelle Leben fand seinen Mittelpunkt in dem im Jahre 1900 eröffneten Kurhaus. Mit der Erschließung des Leopold-Sprudels, dem heutigen Wahrzeichen des Staatsbades, im Jahre 1905 konnte der Sprung in die Reihe der Thermalbäder verwirklicht und damit der Kanon des therapeutischen Angebotes entscheidend erweitert werden. Er löste eine stürmische Entwicklung aus: 1913 erreichte Salzuflen mit 19.151 Kurgästen und 221.223 abgegebenen Kurmitteln in der deutschen Bäderstatistik den 5. Rang, ein Jahr später erhielt die Stadt den begehrten Titel „Bad“. Fast auf den Tag genau wurde Salzuflen, 100 Jahre nach seiner fürstlichen Gründung nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Abdankung des Fürsten, lippisches Staatsbad. Die Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre verursachte auch im Bäderbereich erhebliche Einbußen bis zu 40 Prozent, und erst kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnten annähernd wieder die Kurgastzahlen von 1929, dem letzten „normalen“ Jahr, erreicht werden. Mit 27.000 Kurgästen und 375.000 abgegebenen Kurmitteln hatte Bad Salzuflen endgültig seinen Spitzenplatz unter den deutschen Heilbädern behauptet.

Verständlicherweise konnte auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die folgende Beschlagnahme durch die Alliierten nicht ohne nachteilige Wirkung auf den Bade- und Kurbetrieb bleiben. Die Statistik der Kurgastzahlen jener Jahre liest sich wie eine Fieberkurve, hat der langjährige Salzufler Kurdirektor Dieter Eibach einmal treffend bemerkt, sie bedeutet ein Zeitzeugnis von ganz eigentümlichem Quellenwert. Mit der im Oktober 1949 erfolgten Gründung des Landesverbandes Lippe, auf den die Staatsbäder kraft Gesetzes mit dem übrigen Landesvermögen übergegangen waren, waren m. E. gute Startbedingungen für die Konsolidierung der beiden Staatsbäder und ihre kontinuierliche Fortentwicklung eingeleitet worden.

Dem Landespräsidenten und erstem Verbandsvorsteher Heinrich Drake waren der Erhalt der Staatsbäder in lippischem Besitz im Rahmen seiner schwierigen, aber mit Beharrlichkeit zum Erfolg geführten Verhandlungen um das Schicksal des Landesvermögens stets „ein ganz besonderes Herzensanliegen“, wie er freimütig in einer frühen Ansprache betonte. Zwei Problemkreise waren für ihn in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung: zum einen der Erhalt der Bäder als ganz wesentlicher Wirtschaftsfaktor in Lippe, der Einkünfte sicherte und zahlreiche Arbeitsplätze bot, zum anderen sah er die Bäder als lippischen Beitrag, der arbeitenden Bevölkerung des jungen Landes Nordrhein-Westfalen, insbesondere der im Wiederaufbau befindlichen Industriereviere an Rhein und Ruhr, Möglichkeiten der Erholung, der Heilbehandlung und der Wiedergewinnung der Schaffenskraft zu geben. Es zeichnet Drake sicher aus, daß er den häufig aus dem Lippe-Gesetz zitierten Wohlfahrtsauftrag des Landesverbandes Lippe integrativ an die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen weitergab, ein gewisses Maß lippischen Eigeninteresses sei ihm hier gern zugestanden.

Der Landesverband Lippe hat den Ausbau des Staatsbades Salzuflen bereits seit den fünfziger Jahren offensiv betrieben. Die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, aber vor allem die Rentenreform des Jahres 1957, die Vorsorgemaßnahmen und Rehabilitation auf eine gesetzliche Grundlage stellte, haben Wesentliches auf dem eingeschlagenen Weg bewirkt. In umfangreichen Investitionsprogrammen wurden in der Folgezeit die Kureinrichtungen, namentlich die Badehäuser, auf seinerzeit gültigen Standard modernisiert und ausgebaut. Es folgten in den Jahren 1960-1963 infrastrukturelle Maßnahmen in Gestalt eines zweiten Kurgastzentrums mit Wandelhalle, Café, Ausstellungsflächen und Konzerthalle, flankierend dazu wenig später die Ausdehnung des Parkareals im Salzetal und am Burggraben um nahezu 60 Hektar. Erhebliche Aufwendungen in den Bereichen der Thermal- und Solequellen, der Kurmittel und der Betriebsanlagen begleiteten während dieser Zeit die z. T. spektakulären Baumaßnahmen, die das Gesicht des Staatsbades veränderten.

Entscheidende Fortschritte in der Medizin, verändertes Gesundheits- und Hygienebewußtsein und darauf reagierend und aufbauend neue gesundheits- und sozialpolitische Programme und Profile und deren schrittweise Umsetzung, haben neben anderen Faktoren seit den späten fünfziger bis siebziger Jahren zu einem Strukturwandel im Kur- und Bäderwesen geführt, dem sich auch Bad Salzuflen stellen mußte und mit nachhaltigem Erfolg gestellt hat. Der verstärkten Ausrichtung auf die klinische Kur ließen neben den bereits vorhandenen in den letzten beiden Jahrzehnten allein sieben neue Kurkliniken hohen Diagnostik- und Therapiestandards mit einem Bettenvolumen von rund 1.400 entstehen. In zwei großen Bauabschnitten wurde 1969/1974 das Bewegungszentrum erstellt, das neue Wege der Diagnostik und Therapie eröffnete. Erhebliche Belastungen, hervorgerufen durch die Energiekrise nach 1973, vor allem die Kostendämpfungsmaßnahmen im Gesundheitswesen durch den Gesetzgeber seit 1981/82, die auch das Staatsbad Salzuflen in verschiedenen Bereichen zu Rationalisierungen, Personalabbau und sonstigen Sparmaßnahmen zwangen, haben zukunftsweisende Investitionen nicht zum Erliegen gebracht.

Der Landesverband Lippe, aber auch die Stadt Bad Salzuflen und private Investoren haben dafür Sorge getragen, daß die Existenz des Bades, aller düsterer Prognosen zum Trotz, nie ernsthaft in Frage gestellt werden mußte. Seit 1981 entstanden drei neue Kliniken, zwei weitere wurden einer durchgreifenden Modernisierung unterzogen; gebaut wurde ein neues, streckenweise futuristisch anmutendes Kurgastzentrum, das durch seine Transparenz und Unaufdringlichkeit im historisch gewachsenen Gebäudebestand besticht und mittlerweile auch ärgste Kritiker hat verstummen lassen. Flankierende Maßnahmen im Bereich des Kur- und Landschaftsparks, der Promenaden und Fußgängerbereiche sowie gelungener Sanierungs- und Denkmalpflegeprojekte runden die Bemühungen um ein breit gefächertes Leistungsangebot ab. Die Brandkatastrophe vom 29. Dezember 1989, der das historische Kurhaus und Teile des Kurtheaters zum Opfer fielen, gaben dem Landesverband Lippe die Chance zu großzügiger innerer Umplanung unter wesentlicher Beibehaltung der klassischen Struktur und zu liebevoller Restaurierung bis ins Detail dieses schönen und traditionsreichen Gebäudes; das Kurhaus und das neue Kurtheater erfüllen nunmehr alle Erwartungen, die heute an ein solches Haus gepflegter Gastlichkeit und kultureller Begegnung zu stellen sind.

Im November 1985 haben sich Landesverband Lippe und Stadt Bad Salzuflen zum gemeinsamen Betrieb des Staatsbades zusammengeschlossen und die „Staatsbad Salzuflen GmbH“ gegründet; die Betriebsgesellschaft hat am 1. Januar 1986 ihre Arbeit aufgenommen. Diese Form der Privatisierung wurde gewählt, um besser und vor allem flexibler auf sich wandelnde Kosten- und Wettbewerbssituationen reagieren zu können und damit die positive Fortentwicklung des Bades auch in schwieriger Zeit zu garantieren. Wir können heute feststellen, daß trotz vieler aufgetretener Probleme die Entscheidung des Landesverbandes Lippe und der Stadt Bad Salzuflen, die Geschicke des Staatsbades gemeinsam in die Hand zu nehmen, richtig gewesen ist.
Eingangs habe ich von unserer lippischen Region als dem „Heilgarten“ gesprochen. Daß dies so ist, verdanken wir in ganz entscheidendem Maße der enormen Ausstrahlung des Staatsbades Salzuflen mit seinen anerkannten Heil-, Prophylaxe- und Rehabilitationserfolgen im Bereich der Herz- und Kreislauferkrankungen, der Erkrankungen der Atemwege, Frauenkrankheiten, Erkrankungen des Nervensystems und der durch die Umweltverschmutzung bedrohliche Ausmaße annehmenden Allergien. Der Name Bad Salzuflens steht aber nicht nur für staubfreie Luft und meerähnliches Klima im näheren Umkreis der berühmten Gradierwände, sondern auch für die Entwicklung zeitgemäßer und zukunftsweisender Heilmethoden, von denen die mittlerweile klassische „Salzufler Bewegungskur“ die größte Breitenwirkung erzielen und sich als Präventivmaßnahme durchsetzen konnte. Erfolgversprechende Wege und neue Konzepte auf therapeutisch-balneologischem Gebiet werden zur Zeit beschritten und erprobt. Die neuartige Osteoporose-Kur wurde bisher gut angenommen. Weitere Impulse werden mit Sicherheit auch in Zukunft von hier ausgehen.

Das Staatsbad Salzuflen steht möglicherweise vor einer der größten Bewährungsproben seiner 175jährigen Geschichte: die längerfristigen Folgen der Gesundheitsreform-Gesetzgebung sind schwer abzuschätzen, die deutsche Vereinigung und der europäische Binnenmarkt warten mit neuen Konkurrenzen und völlig anders gelagerten Wettbewerbsbedingungen auf. Für den Landesverband Lippe hat die Weiterentwicklung des Staatsbades zentrale Bedeutung. Gemeinsam mit unseren Partnern, namentlich aber der Stadt Bad Salzuflen als Mitgesellschafter sind zukunftsweisende Investitionen vorzunehmen und flexible Entwicklungskonzepte zu erarbeiten. Sie geben dem Staatsbad Salzuflen auch unter veränderten äußeren Bedingungen gute Chancen im Europa der Regionen.