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Gewölbe, Schule, Prinzenpalais
Vom weiten Weg der Lippischen Landesbibliothek ins eigene Haus

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Die Lippische Landesbibliothek 1993. Bau - Sammlung - Partner. S. 14-39.

Einleitung
Vor 1614: Schloß Brake
Nach 1614: Die Provinzialschule
Haus Ebert / Prinzenpalais, ab 1886
Von der Fürstlich Öffentlichen zur Landesbibliothek 1886-1920
Der Brand 1921 und seine Folgen
Entwicklung nach 1945
Der Magazinanbau 1965
Gegenwart: das Modernisierungs- und Entwicklungskonzept

Einleitung

Die Lippische Landesbibliothek im Sommer 1993

In den 18 Monaten vom Februar 1992 bis zum Sommer 1993 wurde das Hauptgebäude der Lippischen Landesbibliothek in der Hornschen Straße einem großzügigen, alle Flächen des Hauses mehr oder minder berührenden Umbau unterzogen. Nach einer vergleichsweise nur knapp bemessenen Schließungszeit von April bis Mitte Juni 1993, hervorgerufen durch die in diesen Wochen neugestalteten Flächen der Eingangshalle mit Ausleihe und Erstinformation, des Katalograumes und des Lesesaals, mithin den Kernbereichen der Bibliotheksbenutzung, sowie der Aufstellung von ca. 55.000 Bänden im Freihandbereich (knapp 90.000 Bände können maximal im Freihandbereich untergebracht werden), konnte am 18.Juni 1993 der Betrieb in nahezu vollem Umfang wieder aufgenommen werden. Eine über mehrere Jahre sich hinziehende Phase der konzeptionellen Entwicklung, Planung und letztendlich Ausführung konnte damit zu einem lang erwarteten Ende geführt werden.

Standortverlagerungen, Neu- und Ausbauvorhaben, architektonische Erweiterungen sowie Umgestaltungen von Grundstücken, Gebäuden und Räumen gehören sicher nicht zum bibliothekarischen Alltag, sind auf der anderen Seite aber auch nicht von exotischer Seltenheit: neben der durch äußere Einwirkungen hervorgerufenen physischen Beschädigung oder gar Zerstörung eines Bibliotheksgebäudes ergeben sie sich geradezu zwangsläufig im unmittelbaren Zusammenhang mit dem im wissenschaftlichen Bibliothekswesen – aller praxisferner Gutachten zum Trotz – unvermeidlichen Anwachsen der Buch-, Zeitschriften- und Medienbestände, der Erweiterung von Funktionen und Dienstleistungen, zunehmender Publikumsfrequenz sowie der unstreitig periodisch erforderlichen Modernisierung und Anpassung an sich in stetem Wandel befindliche Benutzungserwartungen. Vor diesem Hintergrund verwundert es sicher nicht, daß das nunmehr abgeschlossene Bauvorhaben auch in Detmold keinen Einzelfall signalisiert. Im Gegenteil: die 380jährige Geschichte der Lippischen Landesbibliothek ist zum einen gekennzeichnet durch einen weiten Weg ins eigene Haus, zum anderen bedurfte es bis zum heutigen Tag zu verschiedenen Zeiten der Umgestaltung des Gebäudes, welches seinerzeit zur Aufnahme einer Bibliothek weder geplant noch je bestimmt war. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Die Geschichte der Lippischen Landesbibliothek ist damit zugleich eine Geschichte ihrer Bauten, oder, da sie zu keiner Zeit ein nur für ihre Belange geplantes und auch gebautes Haus ihr eigen nennen konnte, eine Geschichte ihrer mehr oder weniger glücklichen räumlichen Unterbringung. Die Verlagerung ihrer Buchbestände in andere Gebäude oder deren mehr oder minder durchgreifende bauliche Veränderung bezeichneten bisher immer Endpunkte eines Entwicklungsstranges, zugleich aber auch stets Neubeginn und Neuorientierung verzahnt mit Funktionswandel, geänderter Betriebsorganisation und Anpassung an die der jeweiligen Zeit angemessenen Benutzungserwartungen. Ein Streifzug durch die nicht zuletzt durch ihre Bauten wechselvolle Geschichte der Detmolder Bibliothek mag das Gesagte verdeutlichen.

Vor 1614: Schloß Brake

Schloß Brake
Kupferstich von Elias van Lennep, 1663

Der älteste Buchbestand der Lippischen Landesbibliothek, die höfischer Repräsentation, konfessionspolitischem Engagement und den Künsten und Wissenschaften der Zeit verpflichtete Bibliothek Simons VI. zur Lippe, befand sich im Schloß Brake bei Lemgo, das der Landesherr zwischen 1584 und 1592 im Stil der Weserrenaissance prächtig hatte ausbauen lassen. Ein Blick auf das Raumensemble der neu aufgeführten Gebäude zeigt, daß vorrangig der Schloßturm – „wohl die genialste architektonische Schöpfung des Baumeisters Hermann Wulff“ – für die Aufbewahrung der Bibliothek oder zumindest größerer Teile derselben infrage gekommen sein dürfte. „Auff dem Gewelbe zu Bracke“, so das älteste Bücherverzeichnis von 1597, meinte ganz offensichtlich drei mit segmentbogigen Tonnen eingewölbte, übereinanderliegende Räume auf der Westseite des Turmes, die später als „Gewölbe“ bezeichnet werden. Das mittlere und das obere Gewölbe weisen zum Teil reiche Renaissancestukkaturen auf, das obere „Gewölbe“ verfügte darüber hinaus noch über einen Kamin. Für die dortige Aufstellung der Bücher spricht sicher auch die Tatsache, daß sich im darüberliegenden Stockwerk das Gemach, wohl das Studierzimmer, des gelehrten Grafen befand.

Nach 1614: Die Provinzialschule

Provinzialschule, früher Augustiner-Nonnenkloster
Federzeichnung von J. L. Knoch, um 1800

Nach Simons VI. Tod im Jahre 1613 wählte sein gleichnamiger Sohn und Nachfolger erneut Detmold zur Residenz. Mit Hof, Kanzlei und Kammer wurde sogleich die väterliche Büchersammlung in das neue Regierungszentrum überführt. Die Standortverlagerung bedeutete für die Bibliothek den ganz entscheidenden Funktionswandel, denn Simon VII. verzichtete auf höfische Zurschaustellung und gelehrte private Studien, sondern sah das geistige Vermächtnis seines Vaters darin erfüllt, aus diesen Beständen die „Gräflich öffentliche Bibliothek“ zu stiften. Aufstellung fand diese in der 1602 eben von jenem Simon VI. gegründeten Provinzialschule, die in der umgebauten spätgotischen Kirche des 1541 aufgehobenen Augustinerinnen-Klosters in der Schülerstraße untergebracht war. Für die Bibliothek stand ein Raum zur Verfügung, dessen Einrichtung nicht näher bekannt ist; Hinweise auf die technische Aufstellung gibt ein Brief Ferdinand Freiligraths an Otto Preuß aus dem Jahre 1862, in dem er sich an seine Schülerzeit als Bibliothekspage Clostermeiers erinnert und bekennt, daß er sich damals lieber in klassische Sagen und Reisewerke vertieft hatte, „statt die mir zum Aufstellen angewiesenen Bücher von Repositor zu Repositor zu schleppen“. Mit der neuen Zwecksetzung zum Gebrauch im Unterricht, aber gleichfalls zum Nutzen der gräflichen Räte, der Pfarrer und sonstiger Gelehrter der Residenzstadt wurde die Bibliothek fortan einer – zunächst eingeschränkten – Öffentlichkeit übergeben; das Jahr der Stiftung 1614 gilt daher zu Recht als Geburtsjahr der Lippischen Landesbibliothek.

Über zwei Jahrhunderte bedeutete das Schulgebäude das Domizil der ihrer Funktion und ihrem Standort gemäß „Bibliothek auf dem Schulhofe“ genannten Sammlung. Dem Bildungsideal der Aufklärung, aber auch handfesten materiellen Zwängen, wie schlechter baulicher Zustand und mittlerweile räumliche Enge der alten Klosterbauten, ist es zu verdanken, daß es auf Veranlassung der Fürstin Pauline und nach den Vorstellungen des Archivars und Bibliothekars Clostermeier zur Zusammenführung der auf Simon VI. zurückgehenden Schulbibliothek mit anderen im Laufe der Zeit entstandenen fürstlichen und behördlichen Literatursammlungen der Residenz kam. Der Umzug der auf diese Weise entstehenden neuen, offiziell als „Fürstlich öffentliche Bibliothek“ bezeichneten Institution in den östlichen Pavillon des spätbarocken Reithauses, der heutigen Stadthalle, erfolgte 1821, drei Jahre später –also 1824 – konnten die nunmehr vereinigten Buchbestände unterschiedlicher Provenienz benutzt werden. Das fürstliche Reithaus zählte als repräsentativer Bau mit der Schauseite dem Schloß zugewandt zu den neuen Schloßvorgebäuden, die als ein System regulierter Pavillon- und Flügelbauten bis zum Jahre1800 entstanden waren und für deren Planung und Ausführung der Landbaumeister Christian Teudt verantwortlich zeichnete.

Reitstall-Pavillon. Bibliothekssaal im Obergeschoss

Die Unterbringung im Reitstallpavillon, wo die Bücher zunächst wohl nur im Obergeschoß, „oberhalb des Stalles für fremde Pferde“, auf an den Wänden und inmitten der Räume befindlichen Repositorien aufgestellt waren, sollte allem Anschein nach sogar nur eine vorübergehende sein; denn in den Jahren 1826-1829 nahmen die Pläne, auf landesherrlichem Besitz im Bereich des heutigen Rosental die Verwaltungs- und Kulturbauten zu konzentrieren, Gestalt an. Vorgesehen waren u.a. auch ein Bibliotheks- und Archivgebäude, das in einem zeichnerischen Entwurf von der Hand des Salinenbaumeisters Ludwig Gödeke aus dem Jahre 1833 vorliegt. Aus Kostengründen wurden in der Folgezeit nur wenige Planungen umgesetzt, was aus Sicht der Bibliothek sicher nicht bedauert werden muß. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch die Tatsache, daß auch mit dem erneuten Wechsel in ein anderes Gebäude ein Funktionswandel der Bibliothek einherging. Der ebenso schlichte wie entscheidende Passus in der amtlichen „Bekanntmachung wegen der Eröffnung der Bibliothek zu Detmold“ vom 6. April 1824 besagte, daß „die von Serenissimo gnädigst gestiftete allgemeine Bibliothek ... jedem Gebildeten künftig ... geöffnet“ sei. Da unter den „Gebildeten“ alle Untertanen, die im Sinne des Bildungsgedankens der Aufklärung eine allgemeine Schul- und Berufsausbildung durchlaufen haben, zu verstehen sind, hieß dies nichts anderes, als daß aus der Schulbibliothek mit nur eingeschränkter und vor allem privilegiert-elitärer Benutzerschicht eine um erhebliche Bestände vermehrte öffentlich-wissenschaftliche Bibliothek zur Benutzung für jeden, der ihrer bedurfte, geworden war.

Als ein Kuriosum ist zweifellos festzustellen, daß die Bibliothek im Augenblick ihres Schrittes in die Öffentlichkeit und in die Moderne räumlich wieder in den unmittelbaren Bereich ihrer fürstlichen Gründer rückte, aber wie wir wissen, spielten dafür in erster Linie stadtplanerische Überlegungen eine Rolle, die von dem Vorhaben beseelt waren, die planmäßige Erneuerung und Erweiterung Detmolds zu einer Musterresidenz zu erreichen; die Funktion blieb davon unberührt, wenngleich das Bindeglied „Fürstlich“ in ihrem Namen die Trägerschaft nunmehr unübersehbar kennzeichnet.

Die Bibliothek verfügte seit 1824 erstmalig über feste Öffnungszeiten, hatte eigenes Personal und – ganz wesentlich – besaß einen eigens von der Landkasse zugewiesenen Etat. Sie war damit aus dem eingegrenzten Bereich der Schule herausgetreten und hatte den für ihre Zukunft ganz entscheidenden Schritt in die Öffentlichkeit getan; damit war zugleich der Weg für die Entwicklung zur Landesbibliothek frei, der spätestens seit der Amtsübernahme durch den Justizassessor Otto Preuß (Bibliotheksdirektor 1838-1890) im Jahre 1838 konsequent beschritten wurde. Mit der Berufung des Juristen Preuß an die Spitze der Bibliothek wurde zudem die Personalunion mit der Leitung des Fürstlichen Archivs aufgehoben, und es sei hier nur am Rande vermerkt, daß diese aus falsch verstandener Sparsamkeit und einem gehörigen Maß an Dilettantismus in vielen die Bibliothek betreffenden Dingen zwischen 1924 und 1949 wieder aufgenommen wurde.

War mit den bis dahin erfolgten räumlichen Verlagerungen der Büchersammlung jeweils ein Wandel eingetreten, der der Bibliothek neue funktionelle Konturen verlieh, so zwang der mittlerweile auf knapp 50.000 Bände angewachsene Buchbestand in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Neuorientierung. Es ist einmal mehr der zähen Beharrlichkeit und der Weitsicht des leitenden Bibliothekars zu verdanken, daß kein erneutes Provisorium in Gestalt eines wiederum alsbald zu kleinen Gebäudes geschaffen oder gewählt wurde, sondern der Blick auf ein Bauwerk fiel, das zumindest vom Volumen her versprach, den Flächenbedürfnissen einer Bibliothek über Generationen hinweg zu genügen, nämlich auf das großbürgerliche, aber seinerzeit bereits in öffentlichem Besitz befindliche palais-ähnliche Gebäude an der Meinberger Chaussee, der späteren Hornschen Straße, in dem sich die Lippische Landesbibliothek noch heute und damit im 107. Jahr befindet. Über dieses Haus ist zunächst einiges zu sagen.

Haus Ebert / Prinzenpalais, ab 1886

Haus Ebert, später Palais des Prinzen Woldemar.
Seit 1886 Lippische Landesbibliothek
Lithographie

Kein Lipper, sondern der Großkaufmann und „Partikulier“ Johann Wilhelm Ebert (1800-1874) gebürtig aus Oker am Harz, erfolgreich im Überseehandel und 1841 aus Frankfurt am Main kommend, erbaute in den Jahren 1842/43 dieses vielleicht schönste, sicher aber größte klassizistische Privathaus der Residenz. In exklusiver Lage, außerhalb des engen Innenstadtbereiches, ließ er in „vornehmer Distanz zur Straße“ das dreigeschossige Wohnhaus mit 39 Zimmern sowie zwei gartenseitig unverbundenen Seitenflügeln und einer Orangerie (!) errichten; der nach Süden anschließende Park im Stil eines englischen Landschaftsgartens reichte über die damals noch nicht existierende Willi-Hofmann-Straße hinaus bis an die heutige Rosenstraße. Des schlechten Baugrundes wegen – in den Schottern und Sanden der Niederterrasse der Werre – war es erforderlich, die Gründung der Fundamente auf 800 Eichenpfählen zu sichern.

Die ersten Entwürfe wurden von E. Hatzel unter Beteiligung des Maurermeisters A. Harte vorbereitet. Die von diesen beiden wohl eher dilettantisch gezeichneten Pläne brachte Ludwig Gödeke, aus dessen Feder der oben genannte Entwurf eines Bibliotheks- und Archivgebäudes im Rosental von 1833 rührt, in die rechte Form und verfertigte selbst die Risse des Kellergeschosses. Über den ausführenden Baumeister Stavenüter ist bisher nichts bekannt.

Möglicherweise gehört die Ausführung und Gestaltung des „Hauses Ebert“ aber doch in weitergreifende architekturgeschichtliche Zusammenhänge, die aus der eher provinziell-zurückhaltenden Sichtweise künstlerischen Unternehmens herausführen: Erst jüngst machte Eckhard Bergmann auf ein 1831 in Köln erbautes Kaufmanns-Casino aufmerksam, das dem hiesigen Gebäude verblüffend gleicht und dessen ausgeschriebenen Wettbewerb der Architekt und Schinkel-Schüler Johann Heinrich Strack (1805-1880) aus Berlin für sich entscheiden konnte. Es ist für unsere Fragestellung interessant zu erfahren, daß jener Strack, der zu den meistbeschäftigten Architekten seiner Zeit und zur „Kernmannschaft der Schinkelschule“ zählte, im Jahre 1845 als Gutachter und Ideengeber zum Umbau des Detmolder Palais’ herangezogen wurde. Der Kontakt in die lippische Residenz dürfte über den Detmolder Baukondukteur Ferdinand Wilhelm Brune, der gemeinsam mit Strack an der Preußischen Bauakademie in Berlin studiert hatte und nun mit dem Palaisumbau betraut war, geknüpft worden sein; auch der damals in der preußischen Hauptstadt weilende Erbprinz Leopold (III.) mag ihn kennengelernt haben.

Der auffallend ähnliche Entwurf für das Kölner Kaufmanns-Casino und die offensichtlichen Verbindungen nach Detmold schließen letzthin nicht aus, daß Strack und damit ein namhafter Rezipient Schinkels am Entwurf des Ebertschen Hauses in bisher nicht bekannter Weise beteiligt gewesen ist. Von fachkundiger Seite werden damals wie heute am Gebäude gewisse gestalterische Schwächen, wie falsche Proportionen des Obergeschosses, zusammengedrängte Fensterachsen im Mittelteil und ähnliches, konstatiert; gerade das aber ist m.E. ein Zeichen dafür, daß die Umsetzung letztendlich im heimischen Bau- und Kunsthandwerk zu suchen sein dürfte. Unstreitig ist, daß das Bauwerk „nach Größe und Aufwand als Haus eines bürgerlichen Bauherrn für Detmolder Verhältnisse ungewöhnlich“ war. Der nachweislich ständige, fast eifersüchtige Blick der Verantwortlichen beim Umbau des fürstlichen Palais’ in der Verlängerung der Neustadt auf das Haus in der Hornschen Straße macht deutlich, welchen Eindruck diese großbürgerliche Wohnkultur bei den Zeitgenossen in der Residenz und darüber hinaus hinterlassen hat.

Die kurze Besitzgeschichte bis zur Nutzung durch die Fürstlich Öffentliche Bibliothek ist rasch abgehandelt. Im Jahre 1858 veräußerte Ebert das Anwesen an den Prinzen Woldemar zur Lippe, der es bis zu seiner Thronbesteigung im Jahre 1875 bewohnte; bis in unser Jahrhundert sollte sich im Volksmund lange die Bezeichnung als „Palais des Prinzen Woldemar“ oder kurz „Prinzenpalais“ erhalten. Ebert zog in die kleinere Biedermeiervilla in der Allee, die sich noch heute im Besitz der Familie befindet. In der Folgezeit wurden verschiedene Nutzungen erwogen und wieder verworfen, darunter auch die Einrichtung als zentrales Justizgebäude, so daß das Haus 1879 an die Prinzessin Luise zur Lippe, Stiftsdame in Lemgo und Schwester des Fürsten, gelangte, die es vermietete. Auf Veranlassung der Fürstin Elisabeth, Witwe Leopolds III., überließ die Konventualin 1884 das Haus der fürstlichen Kammer, mit der Maßgabe, es für die Zwecke der Bibliothek bereitzustellen. Damit schließt sich der Kreis.

Es muß davon ausgegangen werden, daß es in erster Linie dem noch immer rastlos tätigen und mittlerweile 68jährigen Preuß zu verdanken ist, daß das Gebäude nicht in andere Hände geriet, sondern für die mittlerweile in wohl unbeschreiblicher Enge im Pavillon arbeitende Bibliothek reserviert werden konnte. Zwei Faktoren kamen ihm dabei sicher zu Gute: zum einen wird berichtet, daß die Fürstin Elisabeth sich seit jeher lebhaft für die Bibliothek interessiert hatte und nunmehr das nötige Verständnis für deren räumliche Erweiterung aufbrachte, zum anderen hatte Preuß eine der Töchter des Partikuliers Ebert geheiratet, kannte somit das schwiegerelterliche Haus und wußte wie kaum ein zweiter um die Möglichkeiten, die dieses für die von ihm geleitete Bibliothek barg. Er nahm in Kauf, daß das Institut gleichsam aus dem Zentrum an die Peripherie der Stadt rückte; das nach damaligen Maßgaben erhebliche Raumangebot dürfte Priorität vor Benutzungsfragen genossen und ihm die Entscheidung erleichtert haben.

Als die neue und endgültige Heimstatt 1886 bezogen wurde, reichte das untere Stockwerk für Bestände, Benutzung und Verwaltung noch völlig aus. Angesichts der großen bibliothekarischen Erfahrung des verdienstvollen Bibliothekars bleibt es jedoch unverständlich, daß er schon im Vorfeld dem Naturwissenschaftlichen Verein ausgedehnte Räumlichkeiten für dessen Naturkundliches Museum überließ; vielleicht spielten persönliche Verpflichtungen eine Rolle. Das Museumsgut füllte dann auch schnell das mittlere und wesentliche Teile des oberen Stockwerks und belegte nach kurzer Zeit sogar zusätzlich die beiden Seitenflügel, zumal 1893 noch die „Sammlung vaterländischer Altertümer“ hinzugetreten war. Die Unterbringung mehrerer naturgemäß auf Wachstum angelegter Sammlungseinrichtungen in einem Gebäude ist von vornherein konfliktträchtig und dem Gedeihen beider abträglich, da nur höchst selten dem räumlichen Erweiterungsbedarf ausreichend oder überhaupt Rechnung getragen wird. Nicht anders verlief die Entwicklung im so weitläufigen Haus in der Hornschen Straße zu Detmold.

Von der Fürstlich Öffentlichen zur Landesbibliothek
1886-1920

Die Bibliothek war in den folgenden gut drei Jahrzehnten gezwungen, Kellerräume und den Dachboden, beide natürlich ohne jedwede Isolierung und Heizung, für die Unterbringung der Buch- und Zeitschriftenbestände mit zu nutzen. Der Kampf gegen Bodenfeuchtigkeit und Schwamm sowie akuter Raummangel setzten bereits seit 1896 ein. Auch machte sich im Bibliotheksalltag zunehmend der Umstand nachteilig bemerkbar, daß das Gebäude nun einmal nicht für eine Bibliothek geschaffen worden war und die Herrichtung für die genuinen Bedürfnisse einer solchen sich nicht ohne durchgreifende bauliche Veränderung würde erreichen lassen; das war vorauszusehen und zieht sich wie ein roter Faden bis hin in die Gegenwart. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges befanden sich im Erdgeschoß die Verwaltungsräume sowie dichtgedrängt die Bücher und Zeitschriften der meisten der 20 Fachgruppen, die übrigen waren im Haus verteilt. Wir erfahren, daß entsprechend der beträchtlichen Geschoßhöhen hohe Regale überall an den Wänden angebracht waren, deren obere Fachböden über schwankende und knarrende Holzleitern erreicht werden mußten; auf frei im Raum stehende, doppelseitige Regale hatte man wohl verzichtet.

Eine positive Entwicklung schien sich anzubahnen, als im Gefolge der Novemberrevolution ein Großteil des fürstlichen Vermögens und damit auch das Neue Palais in der Neustadt an den Freistaat Lippe fiel. Der Freistaat übernahm die musealen Sammlungen und führte sie zum Lippischen Landesmuseum zusammen. Die Bibliothek trug schon seit 1919 die offizielle Bezeichnung „Lippische Landesbibliothek“, unter dieser oder ähnlicher Titulatur taucht sie allerdings, ihrer tatsächlichen Aufgabenstellung gerecht werdend, schon gelegentlich seit 1875 in Hand- und Adressbüchern auf. In das Jahr 1920 fiel die Entscheidung der Regierung, das Museum im Neuen Palais unterzubringen, um damit den Raumbedarf von Bibliothek und Museum zu befriedigen. Im April 1921 war der Umzug der zoologischen Sammlungen ins Neue Palais beendet, das übrige Museumsgut verblieb noch in den Flügelbauten und ein Rest im Hauptgebäude, wo zwischenzeitlich kleinere, in die Struktur nicht eingreifende innenarchitektonische Veränderungen sowie die Modernisierung der Sanitäreinrichtungen erfolgten, u.a. wurde eine Zentralheizung eingebaut. Bibliotheksseitig hatte man alsbald begonnen, einzelne Fachgruppen in das zweite Obergeschoß zu verlagern, als ein Ereignis eintrat, das nicht nur in der bibliothekarischen Fachwelt Aufsehen erregte, sondern eine der entscheidenden Zäsuren in der Geschichte der Landesbibliothek markierte, in dessen Gefolge jene Veränderung der Organisationsstruktur erzwungen wurde, die noch heute im wesentlichen gültig ist, nämlich der Schritt zur Magazinbibliothek. Das auslösende Ereignis war der Großbrand vom 22. November 1921.

Der Brand 1921 und seine Folgen

Lippische Landesbibliothek
Brand im November 1921

Über den Brand hat der damalige Bibliotheksdirektor Anemüller in einer Fachzeitschrift einen ergreifenden Bericht niedergelegt. Danach war das Feuer wohl durch einen Schaden an einem der acht großen Schornsteine im nordöstlichen Teil des Dachgeschosses ausgebrochen, hatte bald den gesamten Dachstuhl erfaßt und sich durch die starken Holzbalkendecken des zweiten, später sogar des ersten Obergeschosses gefressen. Der Einsturz der Dachkonstruktion riß das mächtige Holztreppenhaus im Westteil des Gebäudes mit in die Tiefe. Für ein Großteil der im Dachgeschoß untergebrachten Bestände kam trotz des mutigen Einsatzes zahlreicher Helfer, von denen glücklicherweise keiner ernsthafte Verletzungen davontrug, jede Hilfe zu spät. Von rund 30.000 vernichteten Banden ist die Rede, wobei es sich bei zwei Dritteln um Dubletten und noch nicht eingearbeitete Schenkungen, darunter viele geschlossene Zeitschriftenreihen, gehandelt haben soll. Von starken Verlusten betroffen waren die Fachgruppen Medizin, Naturwissenschaften, Landwirtschaft, die wertvolle Orientalia-Sammlung Rosen ging bis auf Rudimente, die noch heute die Brandspuren tragen, verloren; Schaden nahmen auch die Lippiaca, die Sammlung von Kupferwerken und eine Reihe von Zeitschriften. Die geretteten Bestände wurden zum geringen Teil in eines der Seitengebäude verbracht, die Masse aber in das gegenüberliegende frühere Gebäude der Lippischen Forstdirektion, das sich nunmehr im Besitz eines Detmolder Fabrikanten befand und gerade leer stand, evakuiert; wenn man so will, wurde hier durch das Unglück sogar eine Tradition begründet, denn das Haus Hornsche Straße 44 beherbergt heute die Staatliche Büchereistelle. Daß nach einer groben Ordnung des Bibliotheksgutes nach kurzer Zeit sogar wieder eine behelfsmäßige Ausleihe möglich war, unterstreicht das große Engagement des Bibliothekspersonals, das Respekt abnötigt.

In der Öffentlichkeit, unter Fachleuten, in Landespräsidium und Landtag aber auch im Detmolder Magistrat wurde die Katastrophe eingehend diskutiert. Neben der genauen Analyse der Brandursache und den daraus zu ziehenden Konsequenzen in Hinsicht auf Brandschutz und Brandbekämpfung stand natürlich sogleich die Frage nach der Zukunft der Landesbibliothek im Raum. Wiederherstellting des alten Hauses, Abriß und Neubau an gleicher Stelle, Anbau an das Landesarchiv oder Neubau auf einem anderen Gelände im Stadtbereich waren die Möglichkeiten, die ernsthaft erwogen wurden. Von bibliothekarischer Seite wurde nachhaltig für einen Neubau an anderer Stelle plädiert. Bibliotheksdirektor Anemüller verwies einmal mehr auf die ungünstige Lage des alten Gebäudes am anderen Ende der Stadt diametral zum Bahnhof gelegen, hielt es „der Fensterstellung wegen für den Einbau moderner Büchergeschosse so ungeeignet wie möglich“, das Haus aber in den vorherigen Stand zu versetzen und in bisheriger Weise mit den hohen Stockwerken für Bibliothekszwecke zu nutzen, belegte er schlichtweg mit dem Prädikat „unsinnig“. Ebenso vehement lehnte er einen Neubau auf einem schmalen Grundstück im Bereich des von Regierung, Landesbank, Landtag und Landgericht gebildeten Bauensembles ab: nicht genügend Licht, zu wenig Platz, keine Erweiterungsmöglichkeiten, Feuersicherheit nicht gegeben, kein Kostenvorteil gegenüber anderen freien Plätzen, lauteten die berechtigten Einwände.

Unterstützung fand der Detmolder Bibliotheksleiter bei seinem in Hiddesen im Ruhestand lebenden Amtskollegen Adolf Keysser, von 1880-1915 Direktor der Stadtbibliothek Köln, einem erfahrenen und durch zahlreiche noch heute lesenswerte Fachpublikationen ausgewiesenen Praktiker. Keysser äußerte sich gutachterlich und bezog ebenfalls eindeutig für einen völligen Neubau Stellung und schlug als Bauplatz die noch heute vorhandene Grünanlage westlich des Landestheaters an der Ecke Bismarckstraße/Doktorweg vor. Der Platz schien in der Tat günstig, war zumindest zentral gelegen, und die Bibliothek wäre damit wieder in den Bereich der Schloß-, Verwaltungs- und Kulturbauten getreten, wo sie sich schon vor 1886 befunden hatte. Ob das Grundstück allerdings die Erweiterungsmöglichkeiten eingeräumt hätte, die für den Bedarf einer expandierenden wissenschaftlichen Bibliothek zu fordern gewesen wären, steht dahin.

Die verständlichen Hoffnungen auf einen Bibliotheksneubau nach damals gültigen modernen Maßstäben sollten sich nicht erfüllen, denn die Finanzknappheit des Landes Lippe verhinderte in der Folgezeit Großprojekte dieser Art. Hinzu kam, daß eine eingehende Untersuchung der Ruine an der Hornschen Straße ergab, daß die festen Außenmauern und die starken tragenden Wände im Innern das Unglück fast unbeschadet überstanden hatten, weite Teile des Hauses waren sogar gar nicht oder nur gering in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Landespräsidium entschloß sich daher zum Wiederaufbau, der schon im darauffolgenden Jahr durch das Landesbauamt in Detmold in Angriff genommen wurde. Mit einem Festakt am 17. April 1923 konnte die Landesbibliothek wiedereröffnet werden.

Wie zu befürchten war, hielt man an der alten Raumeinteilung ohne nennenswerte Veränderungen fest, auf Galerien oder andere Lösungen, die den Rauminhalt des Gebäudes besser ausgenutzt hätten, wurde wohl aus Kostengründen verzichtet. Aus heutiger Sicht ist dieser Verzicht eher zu begrüßen, blieben doch die klassizistischen Strukturen des Hauses auch in seinem Innern erhalten. Die z.T. vernichteten Holzbalkendecken wurden nun durch Betondecken mit mächtigen Unterzügen ersetzt, das große Treppenhaus als Steintreppenhaus aufgeführt, die Erschließung des Hauses erfolgte nach wie vor auf der westlichen Giebelseite. In einem entscheidenden Punkt hatte sich Anemüller geirrt, denn der Einbau eines Büchermagazins ließ sich bewerkstelligen. Dazu wurde das Gebäude auf der Ostseite in voller Breite und in einer Tiefe von knapp sieben Metern entkernt; auf einer Grundfläche von 110,5 qm wurde daraufhin ein Magazin in selbsttragender Eisenkonstruktion mit sieben Geschossen und Gitterrosten eingebaut. Acht hohe schmale neue Fenster an der Ostseite markierten die Dreigeschossigkeit und lösten das Problem der Ausleuchtung der Magazingassen, die parallel zu den Fensterachsen ausgerichtet waren. Diese Magazinbauweise galt seinerzeit als ausgesprochen modern und sollte es mit ihren Rastern auch über lange Zeit hin bleiben.

Für die Landesbibliothek bedeutet dies erstmalig die Abkehr von der hergebrachten Aufstellung in Bibliothekssälen bzw. -zimmern mit zumeist an den Wänden aufgeführten Repositorien, was in jener Zeit für eine wissenschaftliche Universalbibliothek längst unzeitgemäß war. Die Magazinaufstellung ermöglichte die Standortungebundenheit der Kataloge und führte damit zu einer flexibleren Betriebsorganisation. Bei der Raumverteilung konnte auf die vor dem Brand entwickelten Pläne zurückgegriffen werden: Leihstelle und Kataloge fanden neben diversen Diensträumen, darunter auch den der Bibliotheksleitung, im Erdgeschoß Platz, während der Lesesaal und die Räume der Betriebsabteilung das erste Obergeschoß füllten; das zweite Obergeschoß blieb zunächst Reserve, wurde als Lagerfläche benutzt und diente seit den späten dreißiger Jahren den zwischenzeitlich erworbenen Sondersammlungen (Grabbe-Archiv). Der Raumbedarf der Landesbibliothek war damit zunächst für mehrere Jahrzehnte gedeckt.

Entwicklung nach 1945

Den Zweiten Weltkrieg überstanden Gebäude und Bestände ohne Schäden, ein angesichts der beklagenswerten Verluste, den andere deutsche Bibliotheken, darunter aus dem westfälischen Raum Dortmund und Münster, zu verzeichnen hatten, ein nicht hoch genug zu schätzender Umstand. Das wertvollste Bibliotheksgut, Handschriften, Inkunabeln, Druckwerke der Renaissance und das Grabbe-Archiv, war noch im Sommer 1944 in ein Salzbergwerk bei Grasleben nördlich Helmstedt verbracht worden und konnte durch den tatkräftigen Einsatz des kommissarischen Bibliotheksdirektors Alfred Bergmann auf recht abenteuerliche Weise im Spätsommer 1945 wieder zurückgeführt werden. Vergegenwärtigt man sich, daß das Bergwerk nur etwa fünf Kilometer von der Demarkationslinie zwischen der britischen und der sowjetischen Zone entfernt lag, so wird einmal mehr deutlich, welch günstiges Schicksal der Lippischen Landesbibliothek widerfahren ist. Ein vermeintlich sicherer Ort nur wenige Kilometer weiter östlich in Sachsen-Anhalt gewählt, hätte besagt, daß die dieser Tage laufenden Gespräche und Verhandlungen um Rückführung verschleppter Bibliotheksbestände zwischen führenden deutschen und russischen Bibliothekaren am „runden Tisch“ auch Detmolder Zimelien zum Inhalt gehabt hätte. Es ist nicht so gekommen, und wir können froh darüber sein.

Im Zusammenhang mit der Eingliederung des Landes Lippe nach Nordrhein-Westfalen wurde zur Verwaltung des hier verbleibenden Landesvermögens im Jahre 1949 der Landesverband Lippe gegründet, in dessen Trägerschaft sich die Lippische Landesbibliothek seither befindet. Alle folgenden Bauvorhaben wurden von der Bauabteilung des Verbandes in enger Verbindung mit der Bibliotheksleitung geplant und durchgeführt, gelegentlich – so 1965/67 – mit Unterstützung freier Architekturbüros.

Der Magazinanbau 1965

Magazinanbau 1965

Eine erneute bauliche Umgestaltung beträchtlichen Ausmaßes erlebte die Landesbibliothek in den 1960er Jahren. Sie war zwingend notwendig geworden, da die Stellplatzkapazitäten des auf 200.000 Bände ausgelegten Magazins erschöpft waren. Die Bibliothek hatte diese magische Grenze bereits 1961/62 erreicht und war, da die rechtzeitigen Anträge der Bibliotheksleitung um einen Erweiterungsbau nicht sogleich Gehör fanden, erneut dazu übergegangen, behelfsmäßige Stellflachen – darunter auch wieder den Dachboden (!) – im Gebäude zu rekrutieren. Nach entsprechendem planerischen Vorlauf wurde 1964 mit dem Neubau eines Magazins begonnen, das ein Jahr später fertiggestellt und beschickt werden konnte; zuvor mußte allerdings der östliche Seitenflügel weichen und da auch der westliche Flügel wegen angeblicher irreparabler Schäden wenige Jahre später um seinen vorderen, mit einem schönen klassizistischen Giebel versehenen Teil in einer für das Erhalten alter Bausubstanz unsensiblen Zeit verkürzt wurde, sind von der einst so bewunderten Gesamtkomposition heute nur noch Ansätze zu erahnen.

Das damals „neue“ Magazin schließt mit einem schmalen, beidseitig verglasten Verbindungstrakt, der Magazinarbeitsräume, Fluchttreppenhaus, Sanitäreinrichtungen sowie einen Lastenaufzug und zwei Bücheraufzüge enthält, an der südöstlichen Ecke des Altbaues an. Verteilt auf sechs Geschosse nimmt es mit seiner selbstragenden Stahlregalanlage der Fa. Mannesmann rund 300 000 Bände auf, Bereits 15 Jahre nach seiner Errichtung waren die Reserven erschöpft, und man sah sich 1979/80 vor die Notwendigkeit gestellt, ein weiteres Magazin von gleicher Kapazität zu errichten, das leicht nach Westen versetzt an den Vorgängerbau angeschlossen wurde. Durch das Verlagern der Bestände in den neuen Magazinbau ergaben sich im alten Gebäude erhebliche Freiflächen, die die Chance zu einer baulichen und innenarchitektonischen Neugestaltung in den Jahren 1965-1967 eröffneten. Im alten Magazinteil wurde nach Entfernen der Regalkonstruktion die ursprüngliche Dreigeschossigkeit wiederhergestellt. Dabei gelang durch Einbau von Emporen im Erdgeschoß, das den Katalograum und das bibliographische Zentrum, und im ersten Obergeschoß, das den Lesesaal beherbergt, erstmals eine bessere Ausnutzung der enormen Deckenhöhen; im wenig niedrigeren zweiten Obergeschoß wurden ein Arbeits- und Sammlungsraum der Musikabteilung sowie zwei Diensträume untergebracht.

Auch das übrige Gebäude erhielt ein z.T. neues Gesicht, ohne daß aber die historischen Konturen des Hauses nachhaltig verwischt wurden. Man bemühte sich mit möglichst geringem Aufwand, eine bescheidene Großflächigkeit und etwas mehr Helligkeit zu erreichen, indem in den beiden ersten Geschossen Wände herausgebrochen und die Last durch Säulen abgefangen wurde. So entstanden die Eingangshalle und darüber im ersten Obergeschoß ein bis dahin nicht existierender Zeitschriftenlesesaal. Die neuen Benutzungsräume der oberen Geschosse konnten über ein neues, allerdings sehr schmales und niedriges Treppenhaus, das vom Keller bis zum zweiten Obergeschoß führte, erreicht werden, was zur Folge hatte, daß das imposante Haupttreppenhaus auf der Westseite zum Verwaltungstreppenhaus degradiert wurde und ausgesprochen düster blieb. Die Erschließung des Gebäudes überhaupt erfolgte nunmehr straßenseitig durch den signifikanten Säulenportikus, zu dem eine zweiläufige Außentreppe führt. Die übrigen Räume der Bibliothek blieben weitgehend unangetastet, wenngleich durch Veränderungen in der Betriebsorganisation einige ihre Funktion wechselten.

Gegenwart: das Modernisierungs- und Entwicklungskonzept

Umbau 1992
Mauerdurchbruch im früheren Zeitschriften-Lesesaal


Umbau 1992
Mauerdurchbrüche im Erdgeschoss vor Einbau der Empore


Umbau 1992
Ausbau im Souterrain

Die umfangreiche Baumaßnahme dieser Tage ist Bestandteil eines in den Jahren 1984-1986 entwickelten Modernisierungs- und Entwicklungskonzeptes für die Lippische Landesbibliothek. Im Rahmen unserer Themenstellung sind hier nur die das Gebäude berührenden Fragen von Interesse. Der erste wesentliche Schritt bedeutete die Verlagerung der Abteilung Lippisches Literaturarchiv in das durchgrefend sanierte und restaurierte Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes in der Detmolder Innenstadt im Juli 1990. Die Bestände dieser Abteilung konnten im Hauptgebäude aufgrund der nachteiligen Raumsituation nicht geschlossen untergebracht werden, sondern befanden sich verteilt auf zwei Stockwerke und das Magazin; die Benutzung erfolgte ausnahmslos im Lesesaal. Die neuen Räume im Grabbe-Haus, zusammen etwa 300 qm, gewähren die großzügige Freihandaufstellung der Druckschriften und bieten mit dem Benutzerraum in Gestalt einer allseits verglasten Loggia beste Voraussetzungen für die bibliothekarische und Forschungsarbeit. Das mit einer Kompaktanlage ausgestattete Magazin birgt die Autographen sowie alle besonders schützenswerten Archivbestände und ist auf Zuwachs für die kommenden Jahrzehnte ausgelegt. Über die Vorgeschichte, die Probleme im Zusammenhang mit der Sanierung des Gebäudes, dessen multifunktionale Nutzung sowie die Unterbringung im einzelnen wurde an anderer Stelle bereits ausführlich gehandelt, so daß darauf verwiesen werden kann. Die frei gewordenen Räume im Bibliothekgebäude in der Hornschen Straße konnten nunmehr in die neue Raumnutzung einbezogen werden.

Der ursprünglich in unmittelbarem Anschluß an die Verlagerung dieser Sondersammlung ins Grabbe-Haus vorgesehene Um- und Ausbau des Hauptgebäudes der Landesbibliothek verzögerte sich, da die zunächst angestrebte Förderung aus Mitteln eines regionalen Strukturprogramms nicht erreicht werden konnte. Im Anschluß daran hatte jedoch der Förderungsantrag beim Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen den gewünschten Erfolg, so daß die Verbandsversammlung des Landesverbandes Lippe am 6. September 1991 endgültig „grünes Licht“ für den Beginn der Baumaßnahme geben konnte. Erste Planungen durch die Bibliotheksleitung und die Bauabteilung des Landesverbandes Lippe waren bereits im Herbst 1986 erfolgt, sie wurden in der Folgezeit immer wieder umgestellt, ergänzt und modifiziert, sogar ein „Minimalprogramm“, das aber alle späteren Optionen offen ließ, wurde aufgelegt, als die Verhandlungen um Bezuschussung zu scheitern drohten. Die Zielvorstellungen des Bauvorhabens hatten schnell konkrete Gestalt angenommen, sie sind noch einmal in Erinnerung zu rufen:

  • Aufstellung eines weitgehend ausleihbaren Freihandbestandes aller Fachgebiete in einer Größenordnung von etwa 60.000 Bänden oder mehr;
  • Schaffung möglichst vieler Freiflächen durch Wegfall nachträglich erfolgter Einbauten, funktionsloser Türen und nichttragender Wände;
  • Ausnutzung der erheblichen Deckenhöhen durch Einziehen von Brücken oder Galerien;
  • Hinwendung zu Helligkeit und Transparenz durch Aufgliederung tragender Wände in Stutzen sowie durch möglichst viele und großflächige Verglasungen;
  • Wegfall des allgemeinen Lesesaals und des Zeitschriftenlesesaals, sondern Integration der dort aufgestellten Bestände in den Freihandbereich;
  • Schaffung möglichst vieler Benutzerarbeitsplätze in den Freihandzonen;
  • Zusammenführung des bisher auf verschiedene Sachgruppen im Magazin verteilten Altbestandes des 16. und 17. Jahrhunderts, insbesondere die Bibliothek Simons VI. zur Lippe, und dessen repräsentative und forschungsfreundliche Aufstellung in einem Sonderlesesaal;
  • Schaffung ansprechender, aber auch funktionsgerechter Arbeitsflächen für das Bibliothekspersonal zur Optimierung des Arbeitsumfeldes und der Betriebsorganisation;
  • Einrichtung von Sozial- und Veranstaltungsräumen mit der erforderlichen technischen Infrastruktur im bisher ungenutzten Dachgeschoß;
  • Einbau behindertengerechter Zugänge und Transportmittel, Erneuerung der Sanitäreinrichtungen;
  • alles in allem: weg von der eher abweisenden, verschlossenen, unpersönlichen und elitär anmutenden Raumsituation, hin zur offenen, modernen Forschungs- und Gebrauchsbibliothek, die ohne Qualitätsverlust ebenso anregende wie behagliche Atmosphäre zu vermitteln imstande ist.

Freihandbereich auf einer der Emporen

Nach Vorarbeiten noch im Dezember 1991 wurden die vorstehenden Zielvorstellungen vom Februar 1992 bis Juni 1993 Schritt für Schritt umgesetzt. Die Bibliothek verfügt heute über alle Möglichkeiten zeitgemäßer und zukunftsweisender Bibliotheksbenutzung und verbindet mit dem geschützt im Sonderlesesaal aufgestellten Altbestand aus der Zeit Simons VI., mit dem magazinierten Forschungs- und Archivbestand von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ca. 1979 sowie dem Freihandbestand aktueller, vielbenutzter Literatur von 1980 bis zur Gegenwart, zusammen zur Zeit knapp 420.000 Bände, Tradition und Moderne in augenfälliger Weise.

Das neue Raumgefüge der Lippischen Landesbibliothek stellt sich heute folgendermaßen dar: Im Souterrain befinden sich auf der Gartenseite zwei Diensträume der Abteilung Zentrale Buchbearbeitung (Erwerbung/Katalogisierung) mit vorgelagerten großen Rückstell- und Bereitsstellungsflächen sowie der EDV-Zentrale, auf den übrigen Flächen wurden die neue Buchbinderei, das neue Fotolabor sowie ebenfalls neue Sanitäreinrichtungen untergebracht, Heizungsanlage, kleinere Lagerräume und Räume der Haustechnik blieben mehr oder weniger an alter Stelle. Vom Souterrain bis zum zweiten Obergeschoß führt ein neuer Personenaufzug, der auch von außen behindertengerecht zugänglich ist.

In die frühere Eingangshalle wurden zentral die Ausleihe und Erstinformation integriert, dahinter öffnet sich der erste Teil des Freihandbereiches mit einer an der Gebäudesüdseite eingezogenen transparenten Stahlbrücke. Neu gestaltete Diensträume, darunter die der Fernleihe, schließen sich an. Der Katalograum mit dem Informationszentrum blieb weitgehend erhalten, erhielt jedoch durch Mauerdurchbrüche zusätzlich Stellfläche für Kataloge und bibliographischen Apparat.

Blick vom Treppenhaus in den Freihandbereich des ersten Obergeschosses

Das erste Obergeschoß nimmt den weitaus umfangreichsten Teil des Freihandbestandes auf; zwei gleichfalls transparente Stahlbrücken sowohl auf der Garten- als auch auf der Straßenseite sorgen bei einer Raumhöhe von immerhin 4,75 Meter für die erforderlichen Kapazitäten. Der frühere Hauptlesesaal wurde zum Sonderlesesaal zur Benutzung sensibler Bestände unter Aufsicht umgewandelt. Dem unmittelbaren Zugriff durch eine filigrane Gitterkonstruktion entzogen wurde hier die Bibliothek Simons VI. und damit der älteste Buchbestand der Landesbibliothek repräsentativ aufgestellt. Zwei Diensträume ergänzen auf dieser Ebene das Raumangebot.

Direktion und Verwaltung blieben in den bisherigen Räumen im zweiten Obergeschoß, wo ferner der Freihandbereich, hier wegen sehr starker Unterzüge ohne nachträglichen Einbau einer Empore, fortgeführt wird. Der frühere Musikarbeitsraum auf der Ostseite des Gebäudes wurde zu einem großen Arbeitsraum, der der Zeitschriftenstelle, der (retro-spektiven) Katalogisierung und der Sacherschließung durch die Referenten hinreichend Arbeitsfläche gibt, umgestaltet; zwei weitere Räume stehen bis auf weiteres dem Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe zur Verfügung.

Das Dachgeschoß wurde bisher nur in Gestalt zweier wegen der möglichen Brandgefahr abgemauerter Kammern genutzt, die nicht zum Bestand zählende Bilder, Mobiliar und Verpackungsmaterial enthielten. Diese Kammern wurden völlig herausgebrochen und das Dachgeschoß ausgebaut. Es beherbergt heute einen in der Größe variablen Veranstaltungsraum verknüpft mit einem Pausenraum und einer modern eingerichteten Küche, ferner Garderobe, Ruheraum und Sanitäreinrichtungen. Zwei zusätzlich geschaffene Abstellräume nehmen nicht benötigte Bestuhlung, Büromöbel und Lagerschränke für die Bibliotheksverwaltung auf. Zu bedauern ist, daß die ursprünglich von der Bauabteilung geplanten je fünf Fenstergauben auf der Garten- und auf der Straßenseite des mächtigen Daches durch die zuständige Untere Denkmalbehörde aus Gründen des Denkmalschutzes nicht genehmigt wurden – eine Entscheidung die angesichts des Totalverlustes des Daches 1921 fragwürdig erscheint. Hinzu kommt, daß das alte Dach ebenfalls Ansätze von drei kleinen Gauben erkennen ließ und der Parallelentwurf des Architekten Strack in Köln 1831 sogar echte Gauben aufwies.

'Parlatorium' im neugestalteten Treppenhaus

Ein besonderer Gewinn für das Bibliotheksgebäude dürfte zudem darin liegen, daß das imposante Treppenhaus wieder Hauptzugang zu allen Benutzungs- und Funktionsbereichen der Bibliothek geworden ist. Aufgrund der völligen Verglasung zu den Freihandbereichen, der Entfernung späterer Einbauten und der Neufassung der großen Treppenhausfenster ist es lichtdurchflutet und bietet auf zwei Podesten Ruhezonen oder auch „Parlatorien“ für die Besucher der Bibliothek. Besonderen Wert legten Bibliotheksleitung und Bauabteilung des Landesverbandes Lippe auf die Erhaltung der historischen Strukturen des schönen Gebäudes, sie konnten in einigen Teilbereichen sogar wieder stärker zur Geltung gebracht werden als zuvor. Die im Freihandbereich des zweiten Obergeschosses zutage getretene alte Wandbemalung wurde liebevoll restauriert und bildet heute den spannungsreichen Kontrast zwischen alt und neu.

Bleibt zu hoffen und zu wünschen, daß von dem reichhaltigen Dienstleistungsangebot der Lippischen Landesbibliothek reger Gebrauch gemacht wird, die Möglichkeiten hierzu sind heute sicher günstiger denn je.