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Die Lippische Landesbibliothek als Informationszentrum

von Axel Halle

Druckfassung in: Heimatland Lippe 85 (1992), 24-30.

→ Hier zur PDF-Fassung.

Landesbibliothek, Haupteingang Hornsche Str.

Die Lippische Landesbibliothek ist mit einem Bestand von über 400.000 Bänden und knapp 1.600 laufend abonnierten Zeitschriften die größte hochschulfreie wissenschaftliche Universalbibliothek Nordrhein-Westfalens. Mit ihrer über 375jährigen Geschichte ist sie zugleich eine der traditionsreichsten Landesbibliotheken Deutschlands. Die vorhandene Literatur umfaßt sämtliche Wissensgebiete und steht der interessierten Bevölkerung zur freien Verfügung. Notwendige Voraussetzung zur Ausleihe ist lediglich eine auf zwölf Monate ausgestellte Leihkarte.

Die Bibliothek versteht sich als moderner Dienstleistungsbetrieb, der auf schnellem Weg Antworten auf die vielfältigsten Fragen zu geben versucht. Information ist heute nicht nur von privatem Interesse, beispielsweise für Schule und Weiterbildung. Schüler, Studenten und Lehrer stellen einen erheblichen Teil der Leserschaft der Lippischen Landesbibliothek. Hinzu kommen aber auch z. B. Mitarbeiter von Unternehmen, die für berufliche Aufgaben Literatur suchen. Gerade an den von dieser Seite geäußerten Informationsbedürfnissen ist deutlich ablesbar, daß Informationsversorgung nicht nur eine kulturelle Aufgabe ist. Sie ist heute in steigendem Maß auch von wirtschaftlicher Bedeutung. Man bedenke nur, daß jährlich viele Milliarden in der Forschung eingespart werden könnten, wenn Doppelarbeit vermieden würde. Das Deutsche Patentamt schätzt z. B., daß 30% des Forschungsaufwands für Forschung ausgegeben wird, die irgendwo auf der Welt bereits geleistet worden ist.


Informationsvermittlung in der Lippischen Landesbibliothek

Der Bibliotheksbenutzer hat zumeist ein ganz spezielles Informationsbedürfnis, das mit verschiedenen Hilfsmitteln befriedigt werden kann (vgl. Schaubild). Sehr häufig reichen für die Beantwortung der Fragestellung von Bibliotheksbenutzern die konventionellen Kataloge, die in Form von Zettelkatalogen zur Verfügung stehen, aus. Im Mittelpunkt steht der Alphabetische Katalog, auch Formalkatalog genannt. Hier sind alle Bücher und Zeitschriften, die die Bibliothek besitzt, nach einem bihliothekarischen Regelwerk erfaßt. Für den ungeübten Benutzer dieses und aller weiteren Kataloge und Auskunftsmittel steht jeder Zeit eine Auskunftsbibliothekarin zur Beratung bereit. Der Alphabetische Katalog hilft immer dann weiter, wenn ganz genaue Informationen über ein gesuchtes Buch oder eine Zeitschrift vorhanden sind.

Meist hat der Bibliotheksbenutzer jedoch nur eine thematische Fragestellung, sucht also beispielsweise Literatur zur Solartechnik, Interpretationen zu Goethes Faust oder anspruchsvolle Kunstführer für einen Frankreichurlaub. Solche Wünsche lassen sich sehr schnell durch eine Suche im Schlagwortkatalog befriedigen. Dieser Katalog ist besonders einfach zu benutzen, da von den Fachreferenten der Bibliothek die Inhalte der Bücher sachlich mit Schlagwörtern belegt worden sind; insofern ist dieser Katalog ähnlich wie ein Konversationslexikon zu benutzen. Dabei gilt immer das Prinzip des engsten Schlagworts. Manche Bücher erhalten, weil verschiedene Themen miteinander verknüpft sind, auch mehrere Schlagwörter, die dann jeweils als eigener Sucheinstieg genutzt werden können. Der Gebrauch ist also sehr einfach, vor allem auch dann, wenn berücksichtigt wird, daß bei manchen Fragestellungen auch unter verwandten, über- und untergeordneten Begriffen häufig noch eine Menge Literatur zu finden ist.

Der Schlagwortkatalog erfaßt inzwischen sämtliche Literatur, die seit 1980 von der Lippischen Landesbibliothek erworben worden ist. Ältere Literatur kann über den Systematischen Katalog gefunden werden. Als ebenfalls sehr einfaches Hilfsmittel steht für die Benutzung dieses Katalogs ein Schlagwortregister zum Systematischen Katalog zur Verfügung, das sämtliche Stichworte der vorhandenen Systemstellen nachweist.

Von ganz besonderem Interesse sind darüber hinaus noch zwei Sonderkataloge. Der Musikkatalog weist den reichen Bestand der Lippischen Landesbibliothek an Musikliteratur, inklusive Noten, alphabetisch und systematisch nach. Wie gut dieser Bestand ist und wie hervorragend er erschlossen ist, weisen die sehr hohen Ausleihzahlen für Musikliteratur aus. Die Studenten und Professoren der Hochschule für Musik und des Musikwissenschaftlichen Seminars der Gesamthochschule Paderborn nehmen daher sehr gern diesen Bestand, der von weit überregionaler Bedeutung ist, in Anspruch. In der Bevölkerung ist aber leider noch nicht sehr bekannt, daß die Bibliothek im Besitz einer bedeutenden Notensammlung ist.
Als Landesbibliothek ist es eine der vornehmsten und traditionsreichsten Aufgaben, das Schrifttum über Lippe zu sammeln und zu erschließen. Man kann feststellen, daß (fast) alles, was jemals über Lippe, seine Landschaften, Dörfer und Städte, Persönlichkeiten etc. veröffentlicht worden ist, im Besitz der Lippischen Landesbibliothek ist. Diese Literatur wird sowohl im Lippe-Katalog als auch in der Lippischen Bibliographie nachgewiesen. Anders als bei allen anderen oben dargestellten Katalogen weist die Bibliothek hier auch Aufsätze, die in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen erschienen sind, nach. Insofern stellt die Bibliothek eine hervorragende Quelle für jeden landeskundlich Interessierten zur Verfügung. Seit einigen Jahren werden diese Informationen mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung in der Lippe-Datenbank erfaßt (s. u.).

Mit diesen nur kurz vorgestellten Informationsmitteln kann bereits sehr vielen Informationssuchenden weitergeholfen werden. Doch reichen sie heute bei weitem nicht aus, zumal keine Bibliothek – auch die größte nicht – sämtliche Neuerscheinungen oder Zeitschriften erwerben kann. Dies belegen auch Zahlen: pro Jahr erscheinen allein in der Bundesrepublik über 60.000 neue Bücher, weltweit sind es weit über 500.000. Ebenso überwältigend ist die Zahl von weltweit über 100.000 wissenschaftlichen Zeitschriften. Angesichts dieser Informationsflut, derzufolge das Wissen jährlich um 5% zunimmt und sich ca. alle 15 Jahre verdoppelt, kann eine Bibliothek zwar ihren Bestand möglichst kontinuierlich und planvoll erweitem, aber nie jedes Buch oder jede Zeitschrift dem Benutzer sofort zur Verfügung stellen.

Einen Weg aus diesem Informationsproblem gehen die Bibliotheken schon seit fast einhundert Jahren, indem sie im Wege der Fernleihe eng zusammenarbeiten. Auf diese Weise kann jedes Buch und jeder Zeitschriftenaufsatz weltweit besorgt werden. Den Benutzer kostet das lediglich 50 Pfennig für eine Fernleihbestellung.

Das entscheidende Problem ist heute aber sehr häufig, in Erfahrung zu bringen, was zu einem bestimmten Thema bereits veröffentlicht worden ist und wo diese Information zu erhalten ist. Hier helfen zwar meist auch Bibliographien und Kataloge in Buchform oder auf Mikrofiche weiter, die ebenfalls in der Lippischen Landesbibliothek vorhanden sind. Da diese Informationsquellen nicht selten angesichts der Informationsexplosion bereits bei der Drucklegung schon veraltet sind und wegen ihres Umfangs oder des speziellen Themas nur in geringen Stückzahlen gedruckt werden, bietet sich heute die Nutzung der elektronischen Datenverarbeitung an. Die Lippische Landesbibliothek setzt bereits seit Jahren auf diese neuen Techniken.

Hausintern wird beispielsweise die Lippische Bibliographie mit Hilfe des Programms LIDOS (Literaturdokumentationssystem) erstellt. Ebenso ist der gesamte Bestand, der nach dem Umbau der Lippischen Landesbibliothek dem Benutzer in einem systematisch geordneten Freihandbereich präsentiert wird, mit diesem Programm erfaßt worden. So ist es schon heute für diesen Bestand möglich, auch dann schnell bibliographische Informationen zu bekommen, wenn man beispielsweise die genaue Schreibweise eines Verfassernamens nicht kennt oder nur Fragmente eines Titels in Erinnerung hat. Diese verbesserten Suchmöglichkeiten im Bestand der Landesbibliothek werden in absehbarer Zeit noch zusätzlich dadurch entscheidend verbessert, indem die Bibliothek ihren Gesamtbestand elektronisch erfassen und dem Benutzer mit einer sehr leicht zu bedienenden Benutzeroberfläche online zur Verfügung stellen wird. (Vgl. hierzu eines der nächsten Hefte von Heimatland Lippe.)

Illustration zur Speichermöglichkeit von CD-ROM.
Foto: Frank Jendreck.

Diese hausinternen Datenbanken können selbstverständlich nur das Schrifttum nachweisen, das die Landesbibliothek selbst besitzt. Eine ganz neue technische Möglichkeit bietet die CD-ROM (: Compact Disk-Read Only Memory). Diese Scheiben von der Größe einer aus dem Audio-Bereich bekannten CD können mehr als 600.000 bibliographische Informationen enthalten. Die Speicherkapazität (vgl. Abbildung) ist fast unvorstellbar groß. Immerhin passen auf eine CD-ROM etwa 550 Megabyte, was ca. 270.000 Schreibmaschinenseiten entspricht. Sie werden mit Hilfe eines Personalcomputers und eines CD-ROM-Abspielgerätes gelesen. Da die Informationen elektronisch erfaßt sind, läßt sich nach vielfältigen Kriterien suchen, z. B. Verfasser, Stichwort, Schlagwort, Verlag, Erscheinungsjahr etc. Diese Kriterien können wiederum in nahezu beliebiger Form miteinander verknüpft werden. Die Logik einer solchen Suche lernen die Kinder bereits mit der Mengenlehre in der Schule, und auch ungeübte Menschen lernen sie schnell. Die Lippische Landesbibliothek ist im Besitz mehrerer solcher Datenbanken. Am wichtigsten sind die CD-ROMs, auf denen alle in Deutschland lieferbaren Bücher nachgewiesen sind (VLB), sowie die Deutsche Nationalbibliographie (DB), d. h. alle von der Deutschen Bibliothek in Frankfurt seit 1986 erworbenen Bücher, und der Katalog der Universitätsbibliothek Bielefeld. So kann jeder Bibliotheksbenutzer in Sekundenschnelle erfahren, welche Bücher zu einem bestimmten Thema oder von einem bestimmten Verfasser in Deutschland lieferbar sind (VLB) oder seit 1986 veröffentlicht worden sind (DB). Für viele ist auch die schnelle Information von Bedeutung, welche Literatur in der benachbarten Universitätsbibliothek Bielefeld zur Verfügung steht.

Mit Hilfe dieser CD-ROMs kann den Bibliotheksbenutzern sehr häufig entscheidend weitergeholfen werden. Allerdings werden hier – wie bei Bibliothekskatalogen üblich – nur Informationen über sogenanntes selbständig erschienenes Schrifttum geboten.

Meist interessiert jedoch auch – oder sogar vor allem – das unselbständige Schrifttum, also Aufsätze in Fachzeitschriften oder Sammelwerken. Hier gibt es fachbibliographische CD-ROMs. Die Landesbibliothek hat beispielsweise wegen des regen Interesses an der einschlägigen Literatur die CD-ROM-Datenbank des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung abonniert. Diese Literaturdatenbank weist über 80.000 Bücher und Zeitsehriftenaufsätze über das Bildungswesen und die pädagogische Praxis in Schule, Lehrerfortbildung, Weiter- und Erwachsenenbildung nach. Sie ist daher von großem Interesse für alle Lehrer. Beispielsweise werden 10.000 Arbeiten über Deutschunterricht und Deutsch als Fremdsprache sowie 15.000 Titel über Weiterbildung und Erwachsenenbildung nachgewiesen.

Ein weiteres Informationsangebot der Lippischen Landesbibliothek nimmt ständig an Bedeutung zu: die Online-Informationsvermittlung (IVS). Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde 1989 eine Informationsvermittlungsstelle (IVS) eingerichtet, bei der es im wesentlichen um die Fachinformation geht. 

Angesichts der Informationsflut nehmen Anzahl und Bedeutung von öffentlich zugänglichen Online-Datenbanken sprunghaft zu. Weltweit stehen heute ca. 4.000 elektronische Datenbanken nahezu aller Wissensgebiete zur Verfügung. Es lassen sich dabei Literatur- und Faktendatenbanken unterscheiden. Erstere weisen Monographien, Zeitschriftenaufsätze und sogenannte graue Literatur (Kongreß- und Forschungsberichte etc.) nach. Faktendatenbanken bieten z. B. statistische Daten und chemische Formeln an, Der elektronische „Zugang zum Wissen der Welt“ ist ohne größere Probleme möglich: Voraussetzung ist lediglich ein Personalcomputer mit einer Retrievalsoftware (Programm für die Suche in Datenbanken), ein Modem oder ein Akustikkoppler für die Datenfemübertragung, ein Drucker für den Ausdruck der Suchergebnisse und ein Nutzungsvertrag mit einem sogenannten Host (Einrichtung, die Datenbanken öffentlich anbietet). Da die Anschaffung einer derartigen Ausrüstung, das Erlernen des Umgangs mit diesen Geräten und den Retrievalsprachen (datenbank- und hostspezifische Abfragesprachen) für einzelne Betriebe, Krankenhäuser, Anwälte oder Privatpersonen meist nicht lohnt, ist hier der Bibliothek eine Aufgabe zugefallen, die sie gerne erfüllt.
Die Nachfrage nach Fachinformationen ist noch längst nicht für alle Forschungsrichtungen selbstverständlich. Dies versucht die Bundesregierung mit ihrem Fachinformationsprogramm zu ändern. Die Lippische Landesbibliothek erfährt die größte Nachfrage von Ärzten und Juristen. Gerade Medizin und Recht sind heute so kompliziert geworden, daß schon seit vielen Jahren mit sogenannten Printmedien (Papierausgaben), angesichts der Fülle täglich neu erscheinender Literatur, der Informationsflut kein Einhalt zu gebieten ist. Als Beispiel sei auf die Medizin verwiesen. Die größte Datenbank auf diesem Gebiet, Medline – selbstverständlich im Informationsangebot der Lippischen Landesbibliothek enthalten –, wertet regelmäßig etwa 3.700 Zeitschriften aus. Das ergibt einen Datenbestand für den Zeitraum vom 1.1.1964 bis 31.12.1990 von 6.804.354 Literaturnachweisen; wöchentlich kommen etwa 7.500 Zitate neu hinzu. Die Datenbank enthält übrigens Angaben aus 70 Ländern. Die Zitate umfassen alle bibliographischen Informationen (z. B. Autor, Titel, Quelle) sowie die verwendeten Schlagwörter und kurze Zusammenfassungen (Abstracts). Dank der Zusammenfassung ist es auch möglich zu erfahren, was in einem japanischen Forschungsbericht enthalten ist. Voraussetzung ist lediglich, daß die englische Sprache beherrscht wird, da sämtliche Schlagwörter und Abstracts nur in dieser Sprache angeboten werden.

Die Lippische Landesbibliothek bietet ihre Dienstleistungen also in verschiedenen Formen an. Angesichts der bereits in der Bibliothek vorhandenen Bücher und Zeitschriften sowie der vielen Informationsmittel, der verschiedenen Kataloge über gedruckte Bibliographien, die bis zur Online-Informationsvermittlung reichen, kann (fast) jede Wissenslücke geschlossen werden. Nicht vorhandene Literatur kann problemlos über die Fernleihe besorgt werden. Der Besuch in der Lippischen Landesbibliothek ist also für jeden Informationssuchenden und Wissensdurstigen lohnend.