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Im Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes: das Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Detmold Grabbe-Jahrbuch 11 (1992), S. 79-89.
(Dieser Beitrag erschien in leicht veränderter Fassung in ABI-Technik 12 (1992), 1).


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In den Jahren 1988-1990 wurde das Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes in der Detmolder Innenstadt von Grund auf saniert und im Anschluß daran entsprechend eines für das historische Gebäude entwickelten multifunktionalen Nutzungskonzeptes einer neuen Bestimmung übergeben; darauf wird noch näher einzugehen sein. Ein bedeutender Eckpfeiler im Rahmen des Nutzungskonzeptes darf ganz ohne Zweifel in der Verlagerung der Abteilung Lippisches Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek, der Regionalbibliothek für Ostwestfalen-Lippe, aus dem Hauptgebäude der Bibliothek in das Grabbe-Haus gesehen werden. Unter dem Lippischen Literaturarchiv werden seit den späten 1970er Jahren das Grabbe-Archiv, die Freiligrath-Sammlung, das Georg-Weerth-Archiv sowie die zahlreichen – meist literarischen – Nachlässe, Sammlungen und Einzelautographen aus der Feder von namhaften und weniger namhaften Persönlichkeiten zusammengefaßt, die zu Ostwestfalen-Lippe durch Herkunft, Wirken oder aus anderen Gründen in Beziehung stehen. Die Sammlung, Erschließung, Bereitstellung und Pflege von Handschriften und Autographen aus der Region kann in der Lippischen Landesbibliothek mittlerweile auf eine lange Tradition zurückblicken. Sie verdankt dies bekanntlich nicht zuletzt dem glücklichen Umstand, daß Detmold sich rühmen darf, die Geburtsstadt Christian Dietrich Grabbes, Ferdinand Freiligraths und Georg Weerths zu sein. Die Nachlässe und Sammlungen zu diesen bilden die Schwerpunkte und Kristallisationskerne des Lippischen Literaturarchivs.

Über die Sammlungen, insbesondere das Grabbe-Archiv, ist in diesem Jahrbuch bereits wiederholt berichtet worden. Zum besseren Verständnis nachstehend noch einmal die Gewichtung der Bestände im Überblick: das Grabbe-Archiv wurde im Jahre 1938 vom damaligen Freistaat Lippe vom Grabbe-Forscher Alfred Bergmann (1887-1975) angekauft; das Archiv, das heute zu Recht seinen Namen trägt, wurde bis in die Gegenwart fortgeführt und wird auch künftig ständig erweitert. Die Autographensammlung des Grabbe-Archivs umfaßt heute rund 600 Stücke. Werkhandschriften liegen oft in verschiedenen Fassungen, Entwürfen und Fragmenten vor, darunter auch die Dramen „Herzog Theodor von Gothland“, „Marius und Sulla“, „Don Juan und Faust“, „Napoleon oder die hundert Tage“ sowie die vielgespielte Literaturkomödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Neben einer Reihe von handschriftlichen Theater- und Literaturkritiken, vornehmlich für das „Düsseldorfer Fremdenblatt“ verfaßt, rühren von den über 450 Briefautographen mehr als 250 von Grabbes eigener Hand, die übrigen entstammen dem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis, darunter Freiligrath, Heine, Immermann, Köchy, Duller, Burgmüller.

Der Bestand an Druckschriften beläuft sich auf rund 12.000 Bände sowie ca. 7.500 Zeitungsausschnitte. Vollständig vorhanden sind sämtliche Ausgaben Grabbes, Werke seiner Zeitgenossen, Autoren, die er gelesen, als Stoffquellen benutzt hat oder die Motivverwandtschaft aufweisen. Hinzu kommen äußerst seltene literarisch-schöngeistige Zeitschriften, darunter der „Komet“, der „Phönix“ und der „Telegraph für Deutschland“. Bei der Sekundärliteratur wird Vollständigkeit angestrebt. Die Rezeption von Grabbes Werken auf der Bühne dokumentiert sich in Bühnenbearbeitungen, Programmheften, Theaterzetteln und -plakaten, Regie- und Soufflierbüchern, Szenenfotos und Figurinen sowie 400 Modellen von Bühnenbildern. Mit dem Grabbe-Archiv liegt ein Schriftsteller-Archiv mit weitgespanntem Rahmen in seltener Geschlossenheit vor, es ist damit als Quellensammlung zur deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von ganz besonderem Wert.

Mit der Freiligrath-Sammlung besitzt das Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek nach dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund den drittgrößten Bestand an Freiligrath-Autographen. Der Dichter selbst legte den Grundstein zu dieser Sammlung, als er der Landesbibliothek 1862 eine Reihe von Gedichtmanuskripten überließ. Wenn man so will, bezeichnet diese Schenkung die Geburtsstunde des Literaturarchivs überhaupt. Heute umfaßt die Freiligrath-Sammlung über 40 Gedichtanthologien, Kinderbriefe und erste Reimversuche, aber auch Geschäftsschriftgut, Aufrufe, Spendenlisten u.ä. im Zusammenhang mit der „Nationaldotation“, die dem Dichter 1866 die Rückkehr aus dem Londoner Exil ermöglichte. Von den fast 2.500 bisher bekannten Briefen Freiligraths besitzt das Literaturarchiv z.Zt. 340 an etwa 60 Empfänger; die Korrespondenz mit seinem Freund und zeitweiligem Weggefährten, dem Publizisten Levin Schücking, ist besonders aufschlußreich. Erst- und Gesamtausgaben von Freiligraths Gedichten, Einblattdrucke und Teilausgaben, von ihm selbst zusammengestellte Anthologien, Übersetzungen eigener und fremder Lyrik machen den überwiegenden Teil der Druckwerke aus, dazu kommen Zeitschriftenbeiträge und Zeitungsartikel über ihn und sein Werk, Berichte über Gedenktage und Jubiläen, Bildnisse und Fotografien.

Das Georg-Weerth-Archiv innerhalb des Lippischen Literaturarchivs besteht seit den frühen 1970er Jahren, als die Familie Weerth der Landesbibliothek ein Konvolut Familienbriefe schenkte. Den Hauptanteil der 500 Autographen macht somit auch die Korrespondenz der Familie Weerth aus. Von Georg Weerth selbst sind neben Gedicht- auch eine Reihe von Briefautographen hier überliefert, die seinen Lebensweg und sein politisch-literarisches Engagement dokumentieren. Weerths literarische Arbeiten liegen als Erstdrucke, z.B. in den „Rheinischen Jahrbüchern“, Gesamt- und Einzelausgaben sowie Übersetzungen vor. Das Umfeld Weerths wird durch Abhandlungen über die Zeit des Vormärz und über die 48er Revolution beleuchtet.

Neben den vorstehenden, das Literaturarchiv prägenden Sammlungen erhielt die Landesbibliothek im Laufe der Zeit zahlreiche Nachlässe, geschlossene Sammlungen und Einzelautographen von mit der Region verbundenen Persönlichkeiten. Der Schwerpunkt liegt im 19. Jahrhundert, wenngleich der Bibliothek in zunehmendem Maße auch Gegenwartsautoren Autographen und Typoskripte überlassen. Gegenwärtig befinden sich 33 Nachlässe, etwa 250 bedeutende Einzelautographen, darunter solche von Marie von Ebner-Eschenbach, Heinrich Laube, Friedrich de la Motte-Fouqué, Hoffmann von Fallersleben und Ottilie von Goethe, im Literaturarchiv. Der Gesamtbestand an Autographen beläuft sich auf mehr als 6.000, an Druckschriften etwa auf 14.500 Bände.

Die Bestände des Literaturarchivs waren bis zu deren Verlagerung in das Geburtshaus Grabbes im Hauptgebäude der Lippischen Landesbibliothek, einem an der Peripherie der Detmolder Kernstadt gelegenen klassizistischen Palais, untergebracht. Die Sammlungen des Grabbe-Archivs, die übrigen Nachlässe, Einzelautographen und sonstiges Archivgut waren aufgrund der vorgegebenen Raumsituation nicht geschlossen untergebracht, waren vor allem der Benutzung nicht unmittelbar zugänglich. Die Schaffung günstigerer Benutzungsbedingungen wäre ohne erhebliche bauliche Veränderungen des ursprünglich nicht für die Zwecke einer Bibliothek geschaffenen Gebäudes nicht möglich gewesen. Nachdem seitens der Bibliotheksleitung bereits im Jahre 1984 erste Schritte zu einem neuen Raum-Nutzungs-Konzept des Bibliotheksgebäudes unternommen worden waren, die das Ziel verfolgten, mittelfristig durch zunächst vergleichsweise behutsamen Eingriff in die vorhandene Raumsituation eine zeitgemäße Bestandspräsentation und eine heutigen und zukünftigen Bedürfnissen entsprechende Bibliotheksbenutzung zu erreichen, eröffneten sich durch die zwischenzeitlich eingetretene und zur Besorgnis Anlaß gebende desolate Situation des Geburtshauses Christian Dietrich Grabbes in der Detmolder Innenstadt neue Perspektiven zur Nutzung auch dieses Gebäudes u.a. für die Zwecke der Landesbibliothek und hier im besonderen für deren Literaturarchiv.

Grabbes Geburtshaus (Bruchstr. 27) nach Renovierung und Umbau

Das Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes liegt im westlichen Teil der Detmolder Altstadt giebelständig zur Bruchstraße und schließt mit seinem rückwärtigen Giebel nahezu unmittelbar mit dem Schloßgraben des Residenzschlosses ab. Der heute noch erhaltene äußere Baukörper stammt im wesentlichen aus dem Jahre 1752 und beherbergte vom ersten Bezug an bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Detmolder Zuchthaus. In der zur Straße hin im Mansardengeschoß gelegenen Wohnung wurde Grabbe als Sohn des Zuchthausverwalters („Zuchtmeisters“) am 11. Dezember 1801 geboren, er verbrachte dort Kindheit und Jugend bis zur Aufnahme eines Jurastudiums im Jahre 1820 in Leipzig, später in Berlin. Das Haus gelangte nach Verlagerung der Strafanstalt 1851 in Privatbesitz, beherbergte Handwerksbetriebe, darunter auch eine Schmiede (!), kleinere Geschäfte; das Obergeschoß diente weiterhin als Wohnung. In den dreißiger Jahren kam das Gebäude in städtischen Besitz, wurde 1938 der im Jahr zuvor gegründeten Grabbe-Gesellschaft e.V. zunächst zur Nutzung, vier Jahre später als Eigentum überlassen. Die 1948 wieder auflebende literarische Gesellschaft nutzte jedoch das Haus selbst nicht, sondern vermietete es in der Folgezeit an einen Detmolder Buchhändler, der es bis 1986 als Filiale für Taschenbücher und Antiquaria nutzte. Obwohl das Haus bereits im Jahre 1923 in die lippische Denkmalliste Aufnahme gefunden hatte, drohte zu Beginn der 1960er Jahre der Abriß, da der gegenüber der übrigen Häuserzeile vorkragende Baukörper keinen Gehsteig zuließ, dem Kraftfahrzeugverkehr – der damaligen Prioritätssetzung entsprechend – aber möglichst große Fahrbahnbreiten zugewiesen werden sollten. Das aus heutiger Sicht undenkbare Vorhaben eines Abrisses konnte durch Einbau von Arkadenöffnungen für Fußgänger verhindert werden; die Arkaden sind im Zuge der Sanierung wieder geschlossen, der frühere Zustand damit weitgehend wiederhergestellt. Bereits in den siebziger Jahren zeichnete sich immer deutlicher ab, daß das Grabbe-Haus, so seit jeher die volkstümliche Bezeichnung, von der Gesellschaft nicht auf Dauer würde unterhalten werden können. Der historische Baukörper zeigte, wie bei notgedrungen ausbleibender substanzerhaltener Pflege nicht anders zu erwarten, mittlerweile erhebliche Schäden an nahezu allen Gebäudeteilen. Die bescheidenen Mittel der auf Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse und Spenden angewiesenen Grabbe-Gesellschaft ließen an eine Instandsetzung nicht denken, die Einnahmen aus der Vermietung deckten gerade die notwendigsten Reparaturen.

Der Vorstand der Gesellschaft bemühte sich angesichts dieser Sachlage seit langem um eine sinnvolle, dem traditionsreichen Gebäude angemessene Nutzung, mit der eine Sanierung einhergehen sollte, Die zeitweilig favorisierte Einrichtung eines Grabbe-Museums („Dichterstube“) wurde, da wenig zukunftsorientiert, kaum publikumswirksam und ohne Chance der Förderung aus öffentlicher Hand, glücklicherweise alsbald fallengelassen. Die beachtliche Größe des Gebäudes (nach der Sanierung knapp 900 qm Nutzfläche), von der Straßenseite leicht zu unterschätzen, und der kaum abzusehende Sanierungsaufwand ließen auch kommerzielle Interessenten trotz der günstigen Geschäftslage vom Erwerb abrücken, zumal die Grabbe-Gesellschaft, die über keine sonstigen eigenen Räume verfügt, von der berechtigten Vorstellung ausging, in einem sanierten Grabbe- Haus unter gleich welcher Trägerschaft und Besitzrecht für die Abtretung durch angemessene Räumlichkeiten miet- und folgekostenfrei entschädigt zu werden.

Seitenansicht des Grabbe-Hauses vom Schloßgraben

Vor dieser besorgniserregenden Gesamtsituation fanden sich gegen Ende des Jahres 1984 Vertreter der Grabbe-Gesellschaft, der Stadt Detmold, des Kreises Lippe und des Landesverbandes Lippe, letzterer zugleich Unterhaltsträger der Lippischen Landesbibliothek, zusammen, um über künftige Nutzungsmöglichkeiten und Trägerschaften des historischen Gebäudes zu beraten. Dabei wurde im wesentlichen das vom Verfasser dieses Beitrages vorgelegte Konzept zugrunde gelegt, das nach grundlegender Sanierung und Herrichtung des Hauses die Unterbringung des Literaturarchivs der Landesbibliothek, Geschäftsräume für die Grabbe- Gesellschaft sowie für ein zu gründendes Literaturbüro und gegebenenfalls einen Kommunikationsbereich in Gestalt eines Literaturcafés oder auch einer Galerie vorsah. Mit diesem Konzept wurde das Ziel verfolgt, in der Stadtmitte ein einzigartiges literarisches Zentrum zu schaffen, das literaturwissenschaftliche Forschung, Bewahrung und Pflege klassischer Tradition sowie lebendiges literarisches Schaffen und die damit verbundene Chance der Kommunikation sinnvoll zusammenfassen und integrieren sollte. Diese Vorstellungen wurden dahingehend modifiziert, daß zunächst auf das – zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierende – Literaturbüro verzichtet wurde, statt dessen bei einigen Abstrichen bezüglich der Nutzflächen der anderen Anteiler zusätzlich die Studiobühne des Landestheaters Detmold im Grabbe-Haus eingeplant wurde. Mit Einbindung auch der Studiobühne gelangte man zu einer multifunktional-kooperativen Nutzung, die größere Publikumswirksamkeit versprach, das Gebäude noch stärker in Richtung einer kulturellen Begegnungsstätte orientierte und damit zugleich die Voraussetzungen für eine großzügige Bezuschussung durch das Land Nordrhein-Westfalen schuf. Federführung bei der anstehenden Sanierung des Hauses und bei der Umsetzung des Konzeptes lagen bei der Stadt Detmold, in deren Besitz das Gebäude 1987 zurückkehrte.

Die erste Sanierungsplanung durch die Landesentwicklungs-Gesellschaft, Bielefeld, sah die völlige Entkernung des Gebäudes sowie die Anhebung des Mansarddaches um ein halbes Stockwerk vor. Diese Lösung wurde von allen künftigen Nutzern, insbesondere aber seitens der Landesbibliothek begrüßt, forderte aber den energischen Widerspruch der Oberen Denkmalbehörde heraus. Der Denkmalpfleger verwarf die Entkernung, forderte stattdessen die Beibehaltung der Kleinräumigkeit im Obergeschoß (= Mansardgeschoß), die Unantastbarkeit des Daches, die Integration vorhandener originaler Ausbauteile, z.B. Reste von Paneelen in der ehemaligen Zuchtmeister-Wohnung, Zargen und Türen, Bodentreppe u.ä., in das sanierte Gebäude und anderes mehr. Die verschiedenen, einen Kompromiß zwischen den Interessen der künftigen Nutzer und dem zu respektierenden Anliegen der Denkmalpflege anstrebenden Neu- und Umplanungen sollen hier nicht diskutiert werden. Letztlich fand der vom Lemgoer Architekturbüro Planen+Bauen vorgelegte Entwurf die Zustimmung sowohl des Denkmalpflegers als auch der Anteiler.

Grabbe-Haus, Schnittperspektive

Für das Literaturarchiv der Landesbibliothek bedeutete die nunmehr zur Verfügung stehende Raumsituation ganz ohne Zweifel auf den ersten Blick einen Rückschritt, da nicht nur ca, 80 qm Nutzfläche verloren gingen, sondern vor allem das Handschriftenmagazin von den übrigen Räumen (Freihandbereich, Benutzerraum, Diensträume) getrennt werden mußte: das Handschriften- und Raramagazin befindet sich nunmehr im Tiefgeschoß, während die übrigen Flächen des Literaturarchivs im Obergeschoß sowie zu geringem Teil sogar im Dachgeschoß angesiedelt sind. Trotz dieser eindeutigen Nachteile ist eine der Sache äußerst förderliche Raumsituation entstanden, die sowohl für die bibliothekarische als auch für die Forschungsarbeit vorteilhafte Voraussetzungen bietet.

Das Raumgefüge und die bibliothekarisch-technische Ausstattung des Lippischen Literaturarchivs stellen sich folgendermaßen dar: Im Tiefgeschoß befindet sich das Magazin, das die Autographenbestände, Bilder, Stiche, Bühnenmodelle, besonders schützenswerte Druckschriften, Kleinschrifttum, Zeitungsausschnittsammlungen und sonstiges anderweitig nicht unterzubringendes Bibliotheks- und Archivgut beherbergt. Der 70 qm große Magazinraum ist mit einer Gleitregalanlage mit mechanischem Antrieb ausgestattet. Die Anlage besteht aus zehn geschlossenen Fahrwagen, deren Stirnseiten gegenüber der Serienanfertigung mit Lüftungsschlitzen ausgestattet wurden, um die notwendige Zirkulation zu gewährleisten. Die Fahrwagen sind z. Zt. dergestalt mit Fachböden bestückt, daß eine Gesamtnutzfläche von 576 lfdn. Regalmetern zur Verfügung steht. Das Magazin ist klimatisiert, da es sich unter Straßenniveau befindet und über keine natürliche Belüftung verfügt. Die unmittelbare vertikale Verbindung zu den im Obergeschoß gelegenen übrigen Räumen des Literaturarchivs wird durch einen Aufzug hergestellt, der jeweils vor den Eingängen mündet und ein bequemes Befahren mit Bücherwagen gewährleistet.

Im Obergeschoß befinden sich neben zwei separat zugänglichen Geschäftsräumen der Grabbe-Gesellschaft auf rund 200 qm das eigentliche Kernstück des Literaturarchivs, der Freihandbereich, ferner der an der rückwärtigen Giebelseite im Stil einer allseits verglasten Loggia ausgebaute Benutzerraum sowie zwei Diensträume für die dort tätigen Mitarbeiter. Der Freihandbereich verfügt bei derzeitiger Fachbodenausstattung der Mittelpfostenregale über eine Stellfläche von 622 lfdn. Regalmetern, was nach den am hiesigen Bestand gemachten Erfahrungen für rund 22.000 Bände ausreicht; gegenwärtig sind etwa 14.000 Bände freihand aufgestellt. Der Benutzerraum verfügt über acht Arbeitsplätze, weitere sind bei Bedarf im Freihandbereich flexibel einzurichten.

Nicht unerhebliche Probleme ergaben sich durch die vollständige Verglasung dieses Raumes, der zwar zur Nordseite exponiert und durch elektrisch zu betätigende Lüftungsfenster im Dachbereich und an den Seiten hinreichend zu belüften ist, sich aber bei Sonneneinstrahlung schnell aufheizt. Diese allseits bekannte Tatsache wurde von den Planern unterschätzt und – trotz energischer Einsprüche seitens des Verfassers – auf einen außen liegenden Sonnenschutz aus Kostengründen verzichtet. Zwischenzeitlich wurden die Dachverglasung und die Glasfläche auf der Westseite des Anbaus mit halbtransparenten, aluminiumbedampften Textilrollos nachgerüstet, was eine merkliche Verbesserung bedeutet; zwei noch zu installierende Ventilatoren sollen das Problem endgültig beheben, was zu fordern ist. Trotz der genannten Schwäche stellt sich der Benutzerraum des Literaturarchivs als vielbeneidetes wahres Kleinod vor, das mit Blick auf den breiten Schloßgraben, die bäumeumstandene Rückseite des Residenzschlosses Helligkeit, Ruhe und Abschirmung und damit hervorragende Arbeitsbedingungen gewährleistet.

Benutzerraum in der Loggia

Die Sammlungen zu Grabbe, Freiligrath und Weerth, die wesentlichen Autographenbestände und der gesamte Bestand an Druckschriften des Literaturarchivs sind vollständig erschlossen, einige erst in den vergangenen Jahren erworbene Nachlässe harren noch der Katalogisierung, sind jedoch mit geringen Einschränkungen zu benutzen. Die Erschließung der Autographen und des gesamten Archivbestandes erfolgt seit 1990 PC-gestützt mit Hilfe des Literaturdokumentations-Systems LIDOS 3.2, das seit 1986 für die Erfassung des Regionalschrifttums und – interimistisch – sogar mit nachhaltigem Erfolg für die Katalogisierung des Freihandbestandes der Landesbibliothek unter Novell ELS II im Einsatz ist. Im Herbst 1992 erhält das Literaturarchiv im Grabbe-Haus die Online-Anbindung über DATEX-P an das ca. 1000 m entfernt liegende Hauptgebäude der Bibliothek, wo eine Konfiguration der mittleren Datentechnik (MX 300-60, SISIS) zur integrierten Buchbearbeitung, Online-Katalogisierung im nordrhein-westfälischen Verbund, automatisierten Ausleihverbuchung und Online-Benutzerkatalog (OPAC) zum Einsatz kommen wird. Die Bearbeitung des Buchzugangs erfolgt zentral in der Landesbibliothek. Das Literaturarchiv verfügt über Telefax-Anschluß, Kopiergerät, Mikrofiche- und Mikrofilm-Lesegeräte; Fotoaufträge werden im Labor des Hauptgebäudes erledigt. Den notwendigen Transfer zwischen den beiden Standorten versieht im Bedarfsfall ein Fahrdienst. Das Literaturarchiv bleibt montags für den Benutzerverkehr geschlossen, um den dort tätigen Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, notwendige Recherchen für die Autographenerschließung u.ä. am Allgemein-, vor allem am Referenzbestand der Landesbibliothek vornehmen zu können.

Mit der Verlagerung des Lippischen Literaturarchivs in das sanierte Grabbe-Haus konnte diese herausragende Sonderabteilung der Lippischen Landesbibliothek an würdiger und dafür prädestinierter Stelle geschlossen untergebracht werden. Die Schaffung dieser zentralen Forschungsstätte und die zusätzliche Präsenz in der Innenstadt Detmolds bedeuten für die Lippische Landesbibliothek einen außerordentlichen Gewinn, der sowohl der Bibliothek als auch der Forschung hervorragende Entwicklungschancen einräumt.