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Auf dem Weg zur neuen Lippischen Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 84 (1991), S. 348-354.

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Lesesaal der Lippischen Landesbibliothek, künftiger Standort der Bibliothek Simons VI.

Im Oktober 1989 wurde in dieser Zeitschrift ausführlich über die aktuellen Arbeits- und Planungsschwerpunkte der Lippischen Landesbibliothek berichtet. Die dort aufgezeigten Vorhaben konnten in der Folgezeit konsequent weiterverfolgt und in einigen Bereichen erfolgreich zum Abschluß gebracht werden. Der richtungsweisende Schritt auf dem Weg zur neuen Landesbibliothek bedeutete ganz zweifellos die Verlagerung der Abteilung Lippisches Literaturarchiv in das im Frühsommer des Jahres 1990 fertiggestellte Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes in der Detmolder Bruchstraße. Das Literaturarchiv, das bekanntermaßen so herausragende Sammlungen wie das Grabbe-Archiv, die Freiligrath-Sammlung, das Georg-Weerth-Archiv umfaßt, befindet sich nunmehr an würdiger zentraler Stätte im Herzen der Residenzstadt. Die neuen Räume im Grabbe-Haus mit großzügiger Freihandaufstellung und dem lichtdurchfluteten Benutzerraum mit Loggia-Charakter bieten sowohl für die bibliothekarische als auch Forschungsarbeit denkbar beste Voraussetzungen und laden geradezu zum Verweilen ein. Das für das Grabbe-Haus entworfene multifunktionale Nutzungskonzept hat sich bisher als äußerst tragfähig erwiesen: die publikumsintensive Studio-Bühne des Landestheaters und das von Einheimischen und Gästen gleichermaßen gut angenommene Bistro „Café Gotland“ stellen in Verbindung mit dem von literarisch Interessierten gern aufgesuchten Literaturarchiv und der aktiven Grabbe-Gesellschaft eindringlich unter Beweis, daß hier ebensowenig ein lebensferner Literaturclub noch eine verstaubte Dichterstube entstanden sind, sondern sich pulsierendes kulturell-öffentliches Leben mit darstellender Kunst, wissenschaftlicher und schöngeistiger Arbeit zu einer nachahmenswerten Symbiose zusammengefunden haben. Für die Lippische Landesbibliothek ist die zusätzliche Präsenz in der Innenstadt Detmolds ein außerordentlicher Gewinn, der der Bibliothek hervorragende Entwicklungschancen einräumt.

Der ursprünglich in unmittelbarem Anschluß an die Auslagerung des Literaturarchivs vorgesehene Um- und Ausbau des Hauptgebäudes der Landesbibliothek an der Hornschen Straße verzögerte sich, da die zunächst ins Auge gefaßte öffentliche Förderung namentlich aufgrund der deutschlandpolitischen Entwicklung zunächst nicht erreicht werden konnte. Zwischenzeitlich hatte jedoch der entsprechende Antrag auf Förderung beim Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen den gewünschten Erfolg, so daß die Verbandsversammlung des Landesverbandes Lippe in ihrer Sitzung am 6. September 1991 endgültig „grünes Licht“ für den Beginn der Baumaßnahme geben konnte. Zeitlich zum Teil erheblich vorausgegangen waren die diesbezüglichen Planungen durch die Bibliotheksleitung und die Bauabteilung des Landesverbandes Lippe. Die Stadt Detmold hatte bereits im Jahre 1990 die Baugenehmigung erteilt und nunmehr auch der Regierungspräsident die Erlaubnis zum vorzeitigen Baubeginn ausgesprochen.

Buchbereich des Literaturarchivs

Mit dem Bauvorhaben verbinden sich nachstehende, thesenartig in Erinnerung zu rufende Zielvorstellungen:

  • Aufstellung eines weitgehend ausleihbaren Freihandbestandes aller Fachgebiete in einer Größenordnung von ca. 60.000 Bänden,
  • Schaffung großer Freiflächen durch Wegfall nachträglich erfolgter Einbauten, funktionsloser Türen und nichttragender Wände, Ausnutzung der erheblichen Deckenhöhen durch Einziehen von Brücken oder Galerien,
  • Hinwendung zu Helligkeit und Transparenz durch Aufgliederung tragender Wände in Stützen sowie durch großflächige Verglasungen,
  • Wegfall der Lesesäle, dafür Integration von Benutzerarbeitsplätzen in die Freihandzonen,
  • Zusammenführung des bisher auf verschiedene Sachgruppen verteilten Altbestandes (16./17. Jahrhundert), insbesondere der Bibliothek Simons VI. zur Lippe, und dessen ebenso repräsentative wie forschungsfreundliche Aufstellung im derzeitigen Hauptlesesaal,
  • Schaffung ansprechender, aber auch funktionsgerechter Arbeitsflächen für das Bibliothekspersonal zur Optimierung des Arbeitsumfeldes und der Betriebsorganisation,
  • Einrichtung von Sozial- und Veranstaltungsräumen mit der erforderlichen technischen lnfrastruktur im bisher ungenutzten Dachgeschoß,
  • alles in allem: weg von der eher abweisenden, verschlossenen, unpersönlichen und elitär anmutenden Raumsituation, hin zur offenen, modernen Forschungs- und Gebrauchsbibliothek, die ohne Qualitätsverlust ebenso anregende wie behagliche Atmosphäre zu vermitteln imstande ist.

Die künftige Freihandaufstellung bedeutet den wesentlichen und augenfälligen Schritt des gesamten Vorhabens, gleichsam dessen Kristallisationskern. Die positiven Erfahrungen, die seit den 1960er Jahren in wissenschaftlichen Bibliotheken Nordrhein-Westfalens und darüber hinaus mit der Präsentation von Büchern und Zeitschriften in großen Freihandbereichen mit über einer Million Bänden gemacht worden sind, haben dazu ermutigt, diesen Schritt auch in Detmold zu gehen. Dies ist um so notwendiger, da gerade in Ostwestfalen-Lippe eine Reihe leistungsfähiger Bibliotheken, nämlich die Universitätsbibliotheken Bielefeld und Paderborn, die Fachhochschulbibliotheken in Bielefeld und Lemgo, die öffentlichen Bibliotheken sowie mehrere Spezialbibliotheken, ihre Bestände nahezu ausnahmslos in offener, frei zugänglicher Aufstellung anbieten. Der heutige und zukünftige Bibliotheksbenutzer erwartet neben der seit jeher selbstverständlichen formalen und sachlichen Erschließung des Bibliotheksgutes durch Kataloge vor allem die Bereitstellung technischer und elektronischer Hilfsmittel für die Kommunikation, Information und Dokumentation und die damit verbundenen Dienstleistungen sowie den möglichst umfassenden unmittelbaren Zugriff auf die Buch- und Zeitschriftenbestände selbst. Nachdem bereits im Jahre 1985 die Entscheidung zugunsten der künftigen Freihandaufstellung gefallen war, verlangten eine Reihe entscheidender Fragen nach umgehender Klärung, von denen einige herauszugreifen sind:

  • Sollen bei der Freihand alle Fachgebiete oder nur die benutzungsintensivsten berücksichtigt werden?
  • Bei welchem Erscheinungsjahr muß ein Einschnitt gemacht, wann darüber hinaus gegangen werden?
  • Welche Erscheinungsformen (z. B. Monographien, Zeitschriften usw.) sollen Berücksichtigung finden?
  • Welche aus den Magazinen auszuhebenden Werke sind freihandwürdig? Welche formalen und inhaltlichen Kriterien sind für die Auswahl maßgeblich?
  • Nach welcher Systematik soll der Freihandbestand aufgestellt werden?

Keineswegs sollen nun die bibliothekarischen Gedankengänge und die für Nicht-Bibliothekare mitunter schwer verständlichen Wege der Entscheidungsfindung ausgebreitet werden. Die wesentlichen Ergebnisse sind an dieser Stelle sicher hinreichend. Die künftige Freihandaufstellung der Lippischen Landesbibliothek wird alle Fachgebiete umfassen, die Beschränkung auf wenige benutzungsintensive und bestandsstarke Wissenschaftsfächer, wie z. B. Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte/Politik, Volkskunde, Musik, Recht, Informatik und Lippe, erschien nicht sinnvoll; die Universalität der Bibliotheksbestände muß sich auch in der offenen Aufstellung widerspiegeln. Gerade das Entdecken anderer Bücher außerhalb des zunächst interessierenden Themas oder Fachgebietes bedeutet einen unbestreitbaren Vorzug dieser Aufstellung.

Da die zur Verfügung stehende Fläche in den Freihandzonen begrenzt ist, findet nur Literatur vom Erscheinungsjahr 1980 an Berücksichtigung – und auch diese zwangsläufig nur in Auswahl. Der Einschnitt bei 1980 bot sich zum einen aus formalen, hier nicht näher zu erläuternden Gründen an, zum anderen ist davon auszugehen, daß die seither erschienene Literatur noch über einen hohen Aktualitätsgrad verfügt, wenngleich hier insbesondere bei den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Rechtswissenschaft Abstriche gemacht werden müssen. Aufgrund der starken Benutzung wurde beim Fach Musik und beim Lippe-Schrifttum bei der Auswahl großzügiger verfahren, man findet für diese Fachgebiete somit auch ältere Literatur im Freihandbereich vor.
Für die anderen Fachgebiete wird nur bei Bibliographien, Nachschlagewerken, Gesamtausgaben und unverzichtbarem Grundlagenschrifttum über das Jahr 1980 hinausgegangen.

Berücksichtigung finden nur Monographien, d. h. selbständig erschienene Schriften. Komplette Zeitschriften verbleiben aus Platzgründen im Magazin, allerdings soll die Benutzung der Zeitschriften durch geeignete Maßnahmen erleichtert werden. Ferner ist sicher einsichtig, daß Kleinschrifttum, Broschüren, Karten und Pläne, Mikroformen, Großformate (über 35 cm), Werke mit losen Beilagen, Tafelwerke, Werke von hohem Wert u. ä. von der offenen Aufstellung ausgenommen bleiben, sie sind – wie das gesamte magazinierte Bibliotheksgut – leicht über die Kataloge zu ermitteln. Die inhaltliche Bewertung auf Freihandwürdigkeit ist ungleich schwieriger vorzunehmen, denn auch ein wissenschaftlichem Anspruch nicht genügendes Werk vermag bei der Literatursuche zu einem bestimmten Themenkomplex von Wichtigkeit oder aber selbst Quelle der Forschung über diese Art der Darstellung sein. Dennoch haben die wissenschaftlichen Bibliothekare der Landesbibliothek nach inhaltlichen Gesichtspunkten auszuwählen, dabei spielen Fragen der Qualität, der aktuellen und zukünftigen Bedeutung ebenso eine Rolle wie die zu erwartende Benutzungsfrequenz und ähnliches mehr. Festzuhalten ist, daß der Freihandbestand also nur die aktuellste, d. h. am häufigsten gebrauchte Literatur umfassen wird. Er wird darüber hinaus „dynamisch“ sein und sich stets selbst erneuern, veraltete, dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht mehr entsprechende Literatur, ältere Auflagen oder entgegen der Erwartung wenig benutzte Titel werden aus dem Freihandbereich ausgeschieden und gelangen zurück ins Magazin.

Arbeitsplätze im Lippischen Literaturarchiv im Grabbe-Haus

Besonderer Augenmerk kam bei der Planung des Freihandbereiches der zu verwendenden Aufstellungssystematik zu. Die Lippische Landesbibliothek hat sich nach eingehender Prüfung der infrage kommenden, in deutschen Bibliotheken verbreiteten Systematiken für die Aufstellungssystematik der Gesamthochschulbibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, abgekürzt GHBS, entschieden. Nachstehende Gesichtspunkte waren dafür vorrangig aus- schlaggebend:

  • es handelt sich um eine in den wissenschaftlichen Bibliotheken Nordrhein-Westfalens verbreitete Aufstellungssystematik; das kommt den Benutzern der Landesbibliothek entgegen; die benachbarte Universitätsbibliothek Paderborn und die Bibliothek der Fachhochschule Lippe verwenden gleichfalls diese Systematik,
  • die Verwendung in den im Online-Katalogisierungsverbund arbeitenden wissenschaftlichen Bibliotheken Nordrhein-Westfalens gewährleistet die ständige Pflege der Systematik und ihre jeweilige Anpassung an das sich im Laufe der Zeit wandelnde Wissenschaftsverständnis,
  • die Systematik ist weitgehend universal angelegt, d. h, sie berücksichtigt alle Wissensgebiete,
  • die Signatur besteht (in der LLB Detmold) aus einem drei, maximal aus vier Buchstaben bestehenden Code (sog. Notation) und einer dreistelligen Zahl und ist damit leicht merkbar,
  • die Systematik enthält eine spezielle „Regionalsystematik Siegerland“, die sich problemlos zu einer „Regionalsystematik Lippe“ umarbeiten läßt,
  • der Gesamt-Alphabetische Katalog der im Verbund arbeitenden Gesamthochschul-/ Universitätsbibliotheken ist in Detmold z. Zt. noch auf Mikrofiches, in Kürze aber On-line auf dem Bildschirm verfügbar, so daß Fremdleistungen der anderen Bibliotheken bei der Systematisierung übernommen werden können; das bedeutet willkommene Hilfe bei der Umarbeitung der für die Freihand vorgesehenen Bestände.

Die Aufstellungssystematik gliedert sich folgendermaßen:

AAA-AAZ Allgemeines
BEA-BSZ Allgemeine u. vergleichende Sprach- u. Literaturwissenschaft
BTA-DDZ Germanistik
DEA-EOZ Anglistik
EPA-FZZ Romanistik
GTA-HGZ Sonstige Philologicn
HIA-HPZ Philosophie
HQA-HXZ Psychologie
HYA-IKA Erziehungswissenschaft
ILA-IVZ Religionswissenschaft. Theologie
IWA-JWZ Autoren Geisteswissenschaften
JXA-KNZ Kunstwissenschaften (inkl. Musik, Theater, Film)
KOA-KWZ Sportwissenschaften
KXA-MQZ Geschichte
MRA-NMZ Geowissenschaften
NOA-NWZ Sozialwissenschaften allgemein
NXA-OSZ Soziologie
OTA-PGZ Politikwissenschaft
PHA-QLZ Wirtschaftswissenschaften
QMA-QWZ Rechtswissenschaft
RMA-RSZ Land- u. Forstwissenschaft. Haushalts-, Ernährungs- u. Lebensmittelwissenschaft
STA-SZZ Naturwissenschaften allgemein
TAA-TSZ Mathematik
TTA-TZZ Informatik
UAA-UMZ Physik
UNA-UZZ Chemie
VAA-VHZ Astronomie
VNA-VTZ Biologie
VWA-VZZ Medizin
WAA-WHZ Technik allgemein
WSA-XHZ Architektur. Bauingenieurwesen, Vermessungswesen
XIA-XUZ Maschinenbau
XVA-YHZ Elektrotechnik
ZEA-ZWZ Sonstige Gebiete der Technik
ZYAA—ZXZ Regionalsystematik Lippe

Seit 1987 wurden mehr als 30.000 Titel für die offene Aufstellung vorbereitet, d. h. durch die wissenschaftlichen Bibliothekare neu systematisiert und zugleich auch verschlagwortet; durch weiteres Bibliotheks- und Hilfspersonal mußten die Kataloge geändert, Signaturen gedruckt und aufgetragen werden. Im Frühjahr 1992 werden die Arbeiten für die Freihandaufstellung weitgehend abgeschlossen sein, so daß die Literatur nach Abschluß der Baumaßnahme unverzüglich in die Freihandzonen überführt werden kann und sogleich für den Gebrauch zur Verfügung steht. Die Bauarbeiten in der Lippischen Landesbibliothek werden aller Voraussicht nach noch im Dezember 1991 beginnen, ihr Ende kann derzeit von fachkundiger Seite noch nicht eindeutig bestimmt werden, da der Ausbau historischer Gebäude bekanntermaßen manche Unwägbarkeit in sich birgt. Nach allgemeiner Schätzung ist mit einer Bauzeit von neun bis zwölf Monaten zu rechnen. Die Bibliotheksleitung ist bemüht, die Benutzung der Landesbibliothek weitgehend, wenn auch zeitlich und räumlich eingeschränkt, aufrechtzuerhalten, doch ist bereits heute um Verständnis für gelegentliche Schließungszeiten zu werben. Die heutigen und künftigen Benutzer mögen sich mit der Vorstellung trösten, daß sie nach Fertigstellung der neuen Landesbibliothek über eine ebenso behagliche wie arbeitsanregende, modernen Informations- und Forschungsbedürfnissen genügende Einrichtung verfügen werden, deren Besuch sich mehr denn je lohnt.