Sie befinden sich hier: Startseite » 


Calendarium historicum, 1579

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Renaissance im Weserraum. Hrsg. von G. Ulrich Großmann. Bd. 1 Katalog. München: Deutscher Kunstverlag, 1989 (Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake ; 1), S. 110.

→ Zur PDF-Fassung.

Paul Eber (1511-1569), Theologe in Wittenberg; Witebergae Crato; 413 S.

Aus der Bibliothek Simons VI. zur Lippe mit tagebuchähnlichen Eintragungen des Grafen aus den Jahren 1583-1585.
Detmold, Lippische Landesbibliothek, G 632

Die erste Auflage dieses im 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts weit verbreiteten, von der alten Lehre gereinigten Heiligen- und Geschichtskalenders erschien 1550 in Wittenberg, eine zeitgleiche Auflage führt den Druckort Basel. Es folgten weitere zwölf inhaltlich vermehrte Ausgaben, darunter 1582 eine deutschsprachige und 1639 eine französischsprachige. Als Verfasser des »Calendarium« zeichnet der lutherische Theologe und Professor an der Universität Wittenberg Paul Eber (1511-1569), Freund und Ratgeber Melanchthons, was ihm den Namen »Repertorium Philippi« einbrachte. Es gibt Hinweise darauf, daß Melanchthon selbst an der Zusammenstellung des »Calendarium« beteiligt gewesen ist. Eber ließ sich von der Vorgabe leiten, alles irgendwie Bemerkenswerte aufzunehmen und an dem entsprechenden Kalendertag aufzuzeichnen: die Tage der biblischen Geschichte und Kirchengeschichte, Gedächtnistage der Weltgeschichte, Geburts- und Todestage ausgezeichneter Personen, Festtage der verschiedenen Völker, Naturereignisse und die regelmäßig wiederkehrenden Himmelsveränderungen. Hinzu trat die Absicht, daß der Besitzer des Kalenders Geburtsdaten ihm nahestehender Personen und sonstige, für die Familiengeschichte wichtige Daten und Ereignisse eintragen sollte.

Simon VI. hat, wie zahlreiche Zeitgenossen, diesen Gedanken aufgegriffen und das vorliegende »Calendarium« in den Jahren 1583-1585 für chronikalische Notizen aus dem eigenen Lebenskreis benutzt. Zu diesem Zwecke wurde sein Exemplar mit zusätzlichen Leerseiten aus Schreibpapier versehen (»durchschossenes« Exemplar). Die Eintragungen selbst erfolgten recht sporadisch und sind ausnahmslos in Latein abgefaßt. Sie umfassen neben wenigen zeitgeschichtlichen Vorkommnissen Familienereignisse, darunter recht aufschlußreich die Ausführungen über den Tod seiner ersten Gemahlin Ermgard von Rietberg (30.6.1584) und den daraus resultierenden Auseinandersetzungen mit seinem Schwager Enno III. von Ostfriesland, ferner Erbfolgeangelegenheiten mit dem Hochstift Paderborn im Falle seines – befürchteten – erbenlosen Todes, aber auch in erstaunlicher Breite die Nachricht vom Jagdunfall und anschließendem Ableben eines dem Grafen nahestehenden Adligen und einiges mehr. Die handschriftlichen Eintragungen Simons dürfen als eine zwar schmale, aber bisweilen recht aufschlußreiche Quelle für die Geschichte der Grafschaft Lippe im ausgehenden 16. Jahrhundert gelten, sie gestatten darüber hinaus Einblicke in die eher private Sphäre adligen Lebens.