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Simon August – ein aufgeklärter Landesherr in Lippe

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 82 (1989), 1, 44-53.

Nachstehender Beitrag wurde anläßlich der Wiedererrichtung des Simon-August-Denkmals zwischen Altem Kurpark und dem Kurpark am See in Bad Meinberg als Festvortrag vor dem Verein 1000 Jahre Meinberg im Dezember 1984 im Kurgastzentrum gehalten. Auf wiederholten Wunsch wird dieser Vortrag hier abgedruckt, die Vortragsform wurde beibehalten.

S-W-Fotografie eines Porträtgemäldes
Simon August, Graf und Edler Herr zur Lippe (1727-1782)
(Orig. im Lipp. Landesmuseum)

Dem Herrn Vorsitzenden bin ich für die kenntnisreichen Worte der Einführung sehr verbunden. Dennoch, so meine ich, läßt sich noch einiges ausführen über den zentralen Gegenstand der diesjährigen Jahreshauptversammlung des Vereins 1000 Jahre Meinberg, über das Denkmal eines lippischen Grafen und Landesherrn, ein Denkmal, das bis in unser Jahrhundert hinein seinen Platz in Detmold am Büchenberg in unmittelbarer Nähe des fürstlichen Mausoleums hatte, an ebenso geschichtsträchtige Stätte nach Bad Meinberg transferiert wurde und nun hier zur Wiedererrichtung ansteht. Vorrangig ist jedoch einiges über diejenige Persönlichkeit zu sagen, deren Erinnerung dieser Stein gilt. Eine zweifellos markante Figur in der mittlerweile 800jährigen Geschichte Lippes, vordergründig den Bewohnern unseres Kreises – vor allem den kraftfahrenden – wohlbekannt mit dem Dreispitz auf dem Haupte, hoch zu Roß auf Werbeseiten und Broschüren. Was war das für ein Mann? Was war das für ein Mann, dem der Lemgoer Arzt Friedrich Heinrich Stolle u.a. folgende Zeilen widmete:

„Ich muß ein freudiges: Willkommen, Simon! schreiben
Die Freude, welche man ob Deiner Ankunft spührt,
Die jeden Unterthans getreues Herze rührt,
Die hat auch meine Brust in solchem Maß erfüllet,
Daß aus dem Überfluß dies wahre Zeugnis quillet.

Der Unterthan ist froh; es jauchzt das gantze Land;
Die Städte sind vergnügt; es freut sich Stand;
Die Musen sonderlich, weil sie ihr Wohlergehen
Durch Deine Herrschaft schon im Geist erneuret sehen.

Längst rief das lieblige, weitschallende Gerücht,
Das von der Tugend stets die Wahrheit rühmlich spricht:
Graf Simon August ist, im edlen Musenorden,
Der Wissenschaften Freund und hoher Gönner worden.

Der Ruf entzücket uns; wir machen diesen Schluß:
Ein Herr, von dem der Ruhm so früh erschallen muß,
Das Klugheit in ihm wohnt, und Stärke des Verstandes,
Wird ein beliebter Herr, ein Vater seines Landes.“

Letzte Worte werden wir an anderer Stelle noch einmal aufzugreifen haben, lassen wir doch den barocken Lyriker noch einmal zu Wort kommen, denn er fährt fort:

„Auch wissen Wir, daß Dich ein Held geführet hat,
Den beides, Tapferkeit und Wissenschaft vom Staat
Berühmt, beliebt, geehrt, bei hohen Häusern machet,
Den eigne Tugend schützt, der Neid und Haß verlachet.

Dies ist ein neuer Grund, drauf unser Hoffen ruht:
Ein junger Weinstock sei von Abkunft noch so gut;
So läßt des Gärtners Fleiß dennoch, bei klugem Bauen,
Zu der erwünschten Frucht weit größre Hoffnung schauen.

Wer wundert sich demnach, daß Dich der Adel liebt;
Daß Dich der Bürger ehrt; der Landmann Proben giebt
Von Treu, Gehorsam, Pflicht, die Muse sich befleisset,
Und, durch ein frohes Lied, Dich, Herr, willkommen heisset.“

Ein Huldigungsgedicht, wie sie auch in Lippe seit dem 17. Jahrhundert üblich waren und seither zu Dutzenden von der Hofbuchhandlung zu Lemgo gedruckt wurden und mit denen man die Gunst des Landesherrn zu erreichen trachtete. Stolle dichtete diese Verse zum 18. Oktober 1747, denn an jenem Tag übernahm Simon August, Graf und Edler Herr zur Lippe, selbst die Regierungsgeschäfte in der Grafschaft. Er übernahm die Regierung aus den Händen seiner Mutter Johannette Wilhelmine, geborene Gräfin von Nassau-Idstein, die seit1734, dem Todesjahr seines Vaters, des Grafen Simon Henrich Adolph, die vormundschaftliche Regierung geführt hatte. Die Gräfin hatte sich damit in unversöhnliche Gegnerschaft zu den Ständen – Ritterschaft und Städte – begeben, die sich zu Recht auf den bestehenden Erbvertrag beriefen, der ihnen sowohl das Recht der Wahl eines „Tutoris aus hochgräflicher Familie“ als auch das einer Mitverwaltung der Vormundschaft einräumte. Johannette Wilhelmine kassierte kurzerhand den Vertrag, berief sich dabei auf den angeblichen letzten Willen Simon Henrich Adolphs, wohingegen die Stände Klage beim kaiserlichen Reichshofrat in Wien erhoben. Der Prozeß endete mit einer de facto-Anerkennung der mütterlichen Vormundschaft, die Entscheidung fiel also gegen die Stände. Ich habe dieser Angelegenheit breiten Raum gewidmet, weil damit der erste Fall einer Beschwerde über das Haus zur Lippe vor einem Reichsgericht eingetreten war, eine Tatsache, die bis dahin als „unerhört“ angesehen worden war.

Das Vertrauen der Stände in die vormundschaftliche Regierung war durch das rücksichtslose Vorgehen Wilhelmines mehr als erschüttert, die permanente Konfrontation vorbestimmt, der Erfolg ihrer Regierung damit von vornherein infrage gestellt; aus einem Miteinander, wie es die ständische Verfassung durchaus vorsah, war ein dauerndes Gegeneinander geworden, dem neuen jungen Landesherrn und seiner Regierung, sollte er sie einmal antreten, waren zusätzlich Steine in den Weg gelegt worden, da solches Gebaren selbstverständlich nicht zum Wohl des Landes und seiner Bewohner gereichen konnte. Und dies zu einer Zeit, als es um die Grafschaft Lippe, um es gelinde auszudrücken, wahrlich nicht gut bestellt gewesen ist. Ich komme darauf zurück.

Wenden wir uns nunmehr Simon August selbst zu. Das eingangs zitierte Huldigungsgedicht spricht von der Ankunft des Grafen, nun, er kam in seine Residenz aus Lausanne am Genfer See, eine Stadt, die im Geistesleben des 17. und 18. Jahrhunderts und darüber hinaus eine tragende Rolle spielte; sie war und ist Sitz einer Akademie der Wissenschaften, Wirkungsstätte namhafter Gelehrter, die vom Geist und Gedankengut der Aufklärung geprägt waren oder diese selbst prägten; vor allem letzteres war der Fall, von hier gingen wesentliche Impulse aus. Die kommunale Verwaltung Lausannes selbst war durchorganisiert wie die aller Städte in der republikanischen Schweiz. Ein ohne jeden Zweifel vortrefflicher Studienort.

Einem namhaften Geschichtsschreiber Lippes ist unbedingt zu folgen, wenn er feststellt, daß vieles der vormundschaftlichen Regierung zur Last zu legen ist, der Vorwurf, daß man es an der Erziehung des Erbprinzen habe mangeln lassen, ist ihr nicht zu machen. Auf die Erziehung und deren geistiges Umfeld müssen wir intensiver eingehen, da sonst vieles aus der späteren Regierungszeit Simon Augusts unverständlich und beziehungslos erscheint.
Mit der Einstellung des in königlich-dänischen Diensten stehenden Majors Charles de la Pottrie, eines gebürtigen Schweizers, als Mentor hatte der Detmolder Hof eine glückliche Hand, wenngleich das Resultat der Erziehung anders aussehen sollte, als man sich dies in Detmold auch nur hätte träumen lassen. Er ist es, von dem Stolles Gedicht sagt „auch wissen wir, daß Dich ein Held geführt hat, den beides, Tapferkeit und Wissenschaft vom Staat berühmt, beliebt, geehrt, bei hohen Häusern machte“. Ihm, de la Pottrie, wurde die Verantwortung für die weitere Bildung Simon Augusts übertragen, die Stadt Lausanne zum Studienort „wegen des häufigen Confluxus vieler Standespersonen und daselbst sich aufhaltender vornehmer Leute“ ausgewählt, wie die Gräfin schrieb.

1737 zog de la Pottrie mit dem damals zehnjährigen Prinzen an den Genfer See. Mit seiner Devise: „Die großen Herren müssen alles lernen wie der letzte der Menschen. Den Grundsatz gibt es nicht mehr, daß Leute von Stand alles wüßten, ohne jemals irgend etwas gelernt zu haben“, gibt sich de la Pottrie als eine vom Gedankengut der Aufklärung durchdrungene gelehrte Persönlichkeit zu erkennen, er war überzeugt von der natürlichen Gleichheit der Menschen, von der Lehrbarkeit der Tugend und hielt die Erziehung für wichtiger als die Geburt. Undenkbar, daß man Vater und Großvater des Prinzen mit solchem Ansinnen konfrontiert hätte, das mindeste wäre gewesen, daß sie es gar nicht verstanden hätten.

Journal de Société de Monsieur le comte de la Lippe, 1742-1744, von der Hd. Daniel Pavillards
Orig. in der Lipp. Landesbibliothek, Mscr 47

De la Pottrie setzte sein Vorhaben alsbald in die Tat um, schuf einen gelehrten Zirkel, einen Salon, der sich seit 1742 „Société Littéraire du Comte de la Lippe“ nannte, sich allsonnabendlich traf und dem neben dem Lehrer Simon Augusts, dem Pastor Daniel Pavillard, Gelehrte der Akademie, Angehörige der öffentlichen Verwaltung, darunter ein Bürgermeister der Stadt und deren Kämmerer, Männer aus dem Kreise des Militärs und der Wirtschaft, hier besonders ein Bankier, zusammensetzte. Frauen waren nicht zugelassen. Die „Société“, der „Musenorden“ im Huldigungsgedicht, hatte sich ein festes Reglement gegeben, Simon August durfte Themenstellungen für die nächste Sitzung bestimmen (natürlich gelenkt von de la Pottrie und Pavillard), Themen, die aus den Gebieten der Ethik, der Politik, des Naturrechts, des bürgerlichen Rechts, der Geschichte und der Literatur rühren mußten. Ein Angehöriger des Kreises übernahm den Vortrag, Simon August hatte ein schriftliches Resumee vorzubereiten und zu Beginn der nächsten Sitzung vorzutragen. Pavillard achtete peinlich darauf, daß die Interpretation des Besprochenen von den Gedanken der Nützlichkeitsphilosophie, der moralisierenden Religion und des Naturrechts getragen wurde.

Das Bild eines Fürsten, wie es Simon August hier kennenlernte, und das er nach dem Willen der „verständigen Männer“ der Société zu verkörpern anzustreben hatte, hatte mit demjenigen eines absolutistischen Herrschers kaum noch Gemeinsamkeiten. Die Lehren, die er in diesem Kreis vorgestellt bekam und sie zumindest in Ansätzen – man bedenke die Jugendlichkeit des Prinzen – auch verinnerlichte, lassen sich schlagwortartig folgendermaßen zusammenfassen: Die menschliche Gesellschaft entwickelte sich nach den Prinzipien der Natur, deren Gesetze werden von den großen menschlichen Tugenden der Gerechtigkeit, Liebe und Demut getragen; dies gelte sowohl für das Verhalten der einzelnen Familienmitglieder zueinander als auch für das eines Fürsten gegenüber seinen Untertanen, daher bedeute es ein unverzeihliches Vergehen, wenn ein Fürst versucht, sich auf Kosten seiner Untertanen ein persönliches Wohlleben zu verschaffen; absolute Gewalt, absolute Rechte liegen allein bei Gott, maßt sich ein Herrscher diesen Anspruch an, habe dies als verabscheuungswürdiges Verbrechen zu gelten, ja sogar als Blasphemie; Gott lenkt und unterstützt den Fürsten bei der Aufgabe, Gesetze zu erlassen, denen der Fürst aber ganz selbstverständlich gleichfalls unterliegt, denn alle Menschen sind von Natur aus gleich, von Gott geschaffen, somit sind auch der Monarch, der Fürst, der Prinz nur Menschen unter Menschen, die Minister und Ratgeber brauchen und dem geringsten Untertan Achtung und Liebe schulden. Der Beruf des Staatsführers sei der höchste und schönste auf Erden, aber auch der schwerste, daher sollte jedem wirklichen Regierungsoberhaupt der Titel eines „Pater patriae“ (Vater des Vaterlandes) verliehen werden, dieser Titel sollte ihn immer daran erinnern, was er seinem Volke, seinen Untertanen schulde.

Der Prinz zur Lippe erfuhr noch weitere Lebensregeln, hörte von der Verderblichkeit der Schmeichler, vom Fluch der Tyrannei, vom Segen der Arbeit und vom Segen der Sparsamkeit, man sprach ferner über den Nutzen der Religion für den Fürsten, über den Ursprung der Pflichten, über wahre Größe (darüber konnte man sich nicht einig werden), über den Einfluß des Beispiels, die Wirkung der Gewohnheit, den Nutzen des Reisens, über das Leben nach dem Tode, auf welche Eigenschaften man bei der Wahl einer Frau zu sehen hat und über den Einfluß, welchen der Umgang mit Frauen auf Herz und Gemüt ausübt und vieles mehr.

Ein Mann, versehen mit solchen Regierungsmaximen, sollte nun im Jahre 1747, gerade 20jährig, die Regierung der Grafschaft Lippe übernehmen. Dort sah es trostlos aus. Der Zustand der Grafschaft war wirtschaftlich und finanziell katastrophal, das Land stand vor einem Staatsbankrott – das ist keinesfalls übertrieben – und es schien nur noch eine Frage der Zeit, wann eine Reichsexekution die Grafschaft politisch liquidierte. Diese drohende Gefahr überschattete trotz großer Anstrengungen wiederholt auch die Regierungsjahre des Grafen Simon August.

Die Grafschaft Lippe umfaßte, damit Sie eine etwas plastischere Vorstellung gewinnen, etwas mehr als 2000 qkm (1786) mit knapp 60.000 Einwohnern, die Residenzstadt Detmold hatte etwas mehr als 2000 Bürger in ihren Mauern, war damit aber immer noch kleiner als Lemgo, das sich von den Schäden des Dreißigjährigen Krieges noch nicht wieder erholt hatte und die alte Blüte auch nie wieder erreichen sollte. Der weitaus größere Teil des lippischen Landes wurde landwirtschaftlich genutzt, das regierende Haus war mit seinem Domanialbesitz, der ein Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche umfaßte, zugleich größter privater Unternehmer der Grafschaft. Vier Fünftel der Gewerbe hatten die Landwirtschaft zur Grundlage, waren also erheblich von deren Leistungsfähigkeit abhängig.

Die Einkünfte aus dem großen Domanialbesitz standen im Jahre 1737, dem Todesjahr Simon Henrich Adolphs, nur noch auf dem Papier. Der weit über die finanziellen Möglichkeiten des kleinen Landes hinausreichende Geldbedarf namentlich der beiden absolutistischen Grafen Friedrich Adolf und des eben genannten Simon Henrich Adolph für höfische Prachtentfaltung hatten zu einer totalen Verschuldung der Grafschaft geführt: aufgeblähter Hofstaat und üppige Hoffeste, prachtvolle Bauten und Bauvorhaben, denken Sie bitte an das Neue Palais, heute Musikakademie Detmold, an die Orangerie mit Gärten, Terrassen, Grotte und künstlichen Wasserläufen und -flächen, der für lippische Verhältnisse hohe Geldbedarf für ein stehendes Heer, gelegentlich bis an Bataillonsstärke reichend, aber auch kleinere, aber kostspielige Abenteuer, die stets mit einer Schlappe endeten, dies alles im Verbund mit nicht enden wollenden prozessualen Auseinandersetzungen mit den Erbherren des lippischen Hauses und eindeutigen Schwachstellen im Regierungs- und Verwaltungssystem selbst, vor allem auf dem Sektor des Steuerwesens. Um die Ausgaben und Zinsen zu decken, waren die 1687 ererbten Herrschaften Vianen und Ameiden (bei Utrecht) 1725 an die Niederlande verkauft worden, das Amt Sternberg 1733 an Kurhannover verpfändet, ganze Domänen und Meiereien hatten den Besitzer gewechselt, ohne daß am Ende irgendwie eine Verbesserung der Lage zutage trat; von den acht lippischen Ämtern verfügte man überhaupt nur noch über vier, die Kreditwürdigkeit der Kammer war endgültig auf den Nullpunkt gesunken. Das unverantwortliche Finanzgebaren der Gräfin Mutter hatten ein übriges getan und die Grafschaft tiefer in den Strudel der Defizite und Zahlungsverpflichtungen tauchen lassen.

Alles andere als eine gute Ausgangsbasis also für den neuen, von idealistischen Plänen erfüllten Landesherrn. Dennoch knüpften nicht nur die Stände, die schon seit 1745 auf seine Rückkehr gedrängt hatten, an ihn berechtigte Hoffnungen, so daß die Zeilen „Der Untertan ist froh, es jauchzt das ganze Land, die Städte sind vergnügt, es freut sich jeder Stand“ bei aller Subjektivität vor dem aufgezeigten Hintergrund nur allzu verständlich erscheinen.

Der Hofmeister Simon Augusts, de la Pottrie, hatte seinem Schützling, dem er noch in den ersten Regierungsjahren mit Rat und Tat zur Seite stand, ans Herz gelegt, es als seine Lebensaufgabe zu betrachten, der Zerrüttung seines Landes Einhalt zu gebieten und dessen alten Glanz und den seines Hauses wiederherzustellen. Simon August hat sich der Aufforderung des Mannes, dem er viel zu verdanken hatte, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gestellt, wobei er sich über seine Grenzen durchaus im klaren gewesen ist, hat die Maximen seiner Erziehung in Lausanne erkannt und beherzigt, wenn er 1750 als 22jähriger schreibt:

„Nur die Erziehung entwickelt und vermehrt die Talente und formt den Charakter. Durch Reisen lernte ich mich kennen, und ich beginne zu begreifen, daß die Natur mir überhaupt Begabung und Fähigkeit verliehen hat, die mich in dieser großen Welt als liebenswert, charmant und mitreißend erscheinen lassen, oder die mich, wie man so sagt, zum Kopf und zur Seele der Unterhaltung und zum Liebling der Gesellschaft machen könnten. Ich werde niemals und auf keinem Gebiet ein Held sein, und die Geschichte, wenn sie mir Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird eines Tages nur von mir sagen können: er wurde geboren, und er ist gestorben. Ich tröste mich aber damit, daß ich niemals alle diese Vorzüge besessen habe, und ich folge der Straße jener weniger Bevorzugten, die sich damit begnügen müssen, ein guter Christ, ein Mann von Ehre, Redlichkeit und Wort zu sein – kurz: ein Ehrenmann. Ich weiß, daß es meine Aufgabe in dieser ist, mein Haus wiederherzustellen und meinen Nachkommen die Mittel zu hinterlassen, nach der Würde ihres Standes leben zu können. Wenn ich hier bestehe, glaube ich, nicht unnötig auf dieser Welt gewesen zu sein.“

Denkmal des Grafen Simon August, heute Bad Meinberg, Kurpark. – Werk des Detmolder Bildhauers Schlupf, 1789. Ursprünglich im Detmolder Lustgarten, 1839 nach Friedrichstal versetzt, seit 1856 auf der 1. Terrasse über dem Mausoleum
Foto: H. Paulussen


Denkmal des Grafen Simon August, Detailansicht
Foto: H. Paulussen

Seine letztendlichen Erfolge verdankte er nicht etwa allein seinen in der Schweiz gewonnenen Einsichten, wenngleich diese sicher für zahlreiche Reformen den Boden ebnen halfen, sondern vor allem gut ausgebildeten, den neuen Ideen des aufgeklärten Zeitalters nicht abhold stehenden Regierungsbeamten, namentlich den Regierungspräsidenten und Kammerdirektoren Hillensberg und Hoffmann.

Hillensberg ersetzte sogleich nach der Regierungsübernahme Simon Augusts den alten Piderit, dem der Graf schlichtweg mißtraute und ihm einen Teil des „Sch1endrians“ der Vergangenheit anlastete. Der von keinem geringeren als de la Pottrie ausgewählte Hillensberg hatte zuvor in den Diensten des Stifts Herford gestanden. Von Simon August mit allen Vollmachten ausgestattet, ergriff er sogleich erste Reformmaßnahmen in der Regierung selbst – man kann das nicht unbedingt Verwaltungsreform nennen, da die lippische Regierung eine Zentralbehörde mit Justiz- und Verwaltungsbefugnissen war; seinem Verhandlungsgeschick war es zu verdanken, daß mit den Hauptgläubigern der Grafschaft vorläufige Übereinkünfte getroffen werden konnten, die einen gestaffelten Abtrag der Schulden ermöglichten. Vor allem aber gelang ihm schon 1749 die Aufstellung eines ausgewogenen Etats, etwas Neues in der Finanzwirtschaft der Grafschaft Lippe, das hatte man noch nie gemacht, die Folgen hatte ich Ihnen bereits vor Augen geführt.

Aufgrund einschneidender Sparmaßnahmen, wobei sich auch die Stände zu konstruktiver Mitarbeit bewegen ließen, gelang es, daß Kammer und Landkasse ihren Verpflichtungen in bescheidenem Umfang nachkommen konnten. Simon August selbst – das muß man sagen – bekannte sich zur Armut seines Hauses und verzichtete auf jeden Aufwand und Luxus, wie ihn Vater und Großvater betrieben hatten.

Es fehlte indes nicht an Rückschlägen, und die in der Schweiz studierten Prinzipien ließen sich in Lippe nur schwer durchsetzen. Dies gilt namentlich die dringend notwendige Steuerreform, als auch in der Währungspolitik. Den Grundsatz der gleichen Lastenverteilung, die das wahre Prinzip einer guten Haushaltung bedeutet, diesen Grundsatz durchzusetzen, scheiterte am Widerstand des landbesitzenden Adels, und Simon August war nicht energisch genug, diesen Widerstand zu überwinden, die Steuerreform blieb zunächst auf halbem Wege stecken, und erst ein neues Kataster, gegen Ende der Regierungszeit aufgestellt (Steuern wurden nicht mehr nach Besitzgröße, sondern nach dem Reinertrag erhoben), brachte nun tatsächlich die gleiche Lastverteilung, führte vor allem zur Gesundung des Kleinbauerntums und galt außer Landes als vorbildlich.

Diesen und weitere Erfolge hatte vorrangig der neue Regierungspräsident und Kammerdirektor Ferdinand Bernhard Hoffmann zu verantworten, der wie zuvor schon Hillensberg, mit allen Vollmachten ausgestattet worden war. Aufgrund solider juristischer und wirtschaftstheoretischer Ausbildung konnte es sich Hoffmann erlauben, den Grafen ultimativ aufzufordern, sich in aller Zeit mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu begnügen, nicht mehr in den Haushalt einzugreifen und ihm überhaupt freie Hand zu lassen; er – Hoffmann – garantiere dafür, daß die Kammer die Kapitalien würde zurückzahlen können und die Kreditwürdigkeit des Landes ein für alle Male wieder hergestellt werden würde. Das sollte ihm in der Tat auch gelingen, und Simon August war gut beraten, ihn gewähren zu lassen, wußte er doch, was er an ihm hatte. Er faßte ihn mit Samthandschuhen an und entschuldigte sich fast dafür, wenn er einmal andere Vorstellungen hatte.

Durch beinahe schon raffiniert zu nennende Transaktionen gelang die Einlösung des Amtes Sternberg von Hannover sowie der verpfändeten Domänen und Meiereien; die Ämter Falkenhagen, Schieder und Barntrup gelangten durch einen Vergleich mit Schaumburg-Lippe an die Grafschaft zurück, die Schuldenlast konnte weitgehend – trotz immer wieder auftauchender Engpässe – abgetragen werden und die Gefahr einer Reichsexekution blieb gebannt.

Im Gegenteil, es konnten erste Investitionen vorgenommen werden, wozu die Bildung neuer Kolonate, das nach dem Grafen benannte Augustdorf und das später nach seinem Sohn und Erben aus zweiter Ehe benannte Leopoldstal gehörten. 1766 wurde von der Stadt Uflen das Salzwerk für 31.400 Reichstaler angekauft und instandgesetzt, der Grundstein des Staatsbades war damit gelegt.

Auch die andere Mineralquelle in Meinberg gewann in jener Zeit erste Bedeutung für das lippische Wirtschaftsleben. Im 16. Jahrhundert entdeckt, war sie seither von einer Anzahl von Kranken aufgesucht worden, ohne daß Regierung oder Privatkapital den Wert erkannt hätten. Es ist das Verdienst des Leibarztes und Hofrats Trampel, Simon August in den sechziger Jahren gewonnen zu haben, „ein Brunnenhaus über der Quelle, den Brunnenplatz mit seinen Promenaden“ sowie ein neues Kurhaus für 70.000 Reichstaler aus dem Kammervermögen errichten zu lassen; auch der Anteil des Kammerdirektors Hoffmann darf für die günstige Entwicklung des Bades nicht zu gering veranschlagt werden. Immerhin, das Bad warf1783, also ein Jahr nach dem Tode Simon Augusts, einen jährlichen Reingewinn von 1.000 – 1.500 Talern ab, etwa 200 Kurgäste besuchten damals Bad Meinberg – und wäre nicht Bad Pyrmont so nah, nur eben außerhalb der lippischen Grenzen, wäre der endgültige Aufschwung sicher nicht erst in unserem Jahrhundert erfolgt.

Ich hatte eingangs geäußert, es gäbe noch vieles zu sagen über Simon August und seine Regierungszeit, es gibt natürlich noch viel, viel mehr zu sagen zu Verordnungen und Erlassen aus den Bereichen der Sozial- und Wohlfahrtspflege, der Rechtsprechung, des Kredit- und Kassenwesens, des Gesundheits- und Medizinalwesens, die nicht unbedingt die Handschrift des Grafen tragen, die er jedoch zur Kenntnis genommen und als Landesherr immerhin gebilligt hat.

Zum Abschluß drei Leistungen, die eindeutig auf seine Initiative zurückgehen und ihn – zumindest zwei davon – als aufgeklärten Fürsten ausweisen: die Ordnung und Verzeichnung des seit etwa 1640 im Gewölbe des Schlosses in Detmold vor sich hin modernden Archivs geht auf ihn zurück. Ein in gutem Stand befindliches Archiv war sozusagen der Schlüssel zu erfolgreicher Prozeßführung und zur Behauptung rechtmäßiger Besitzansprüche. Die vom damaligen Archivrat Knoch angefertigten Repertorien leisten heute noch im Staatsarchiv Detmold gute Dienste. Knoch war im übrigen einer meiner Vorgänger, denn ihm oblag zugleich die Verwaltung der gräflichen Bibliothek.
Die Gründung einer anderen Institution war dem Grafen von seinen Schweizer Erziehern dringend nahegelegt und dabei an die besondere Fürsorgepflicht des Fürsten gegenüber in Not geratenen Untertanen appelliert worden, nämlich die Gründung einer allgemeinen Feuerversicherung. Sie erinnern sich, ich hatte zu Beginn meiner Ausführungen einen Seitenblick auf die kraftfahrenden Lipper geworfen. Schon auf einem der ersten Landtage empfahl der Graf die Einrichtung einer solchen „Brand-Kasse“ oder „Feuer-Societät“, die Stände stimmten dem zu, und nach dem Vorbild der Feuerversicherung im Fürstentum Calenberg-Göttingen wurde 1752 die entsprechende Verordnung erlassen. Die Teilnahme an der Brandassekuration war für jeden Hausbesitzer der Grafschaft – auch für den Adel – Pflicht. Die Höhe der Versicherungssumme richtete sich nach dem Wert der Gebäude, der Eigentümer gab den Wert nach „freiem Ermessen” an. Die Societät wurde auf „Kredit der Landrentei“ gegründet, die Kammer zahlte im Brandfall einen Vorschuß, der nachträglich auf die Mitglieder umgelegt wurde.

Simon August sah sich alsbald von der Aufrichtigkeit bestimmter Untertanen arg getäuscht, denn die Stände beklagten, daß zahlreiche Leute ihre Häuser selbst ansteckten, um die Versicherungssumme zu kassieren, das ist uns heute auch noch wohlbekannt. Als auch rasch erlassene „Feuer-Ordnung“ nichts wesentliches bewirkte, half erst die Errichtung eines „Landes-Polizey-Departiments“ den Betrugsfällen engere Grenzen zu setzen. Daß es immer wieder soetwas gegeben hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Gründung dieser Versicherung ein segensreiches Unterfangen gewesen ist. Heute hat sich die Lippische Landes-Brandversicherung vom reinen Gebäude-Pflicht- und Monopolversicherer zum Vielsparten(Komposit-) Versicherer entwickelt; seit 1949 gehört sie als assoziierte Einrichtung zum Landesverband Lippe.

Die Gründung des Lehrerseminars zu Detmold, das 1782 eröffnet wurde, gehört zweifellos zu den herausragenden eigenen Werken Simon Augusts. Es entsprang seiner Auffassung, daß es vornehmste Pflicht des Landesvaters und wahrhaften Christenmenschen sei, seinen Untertanen den Weg zu einem glücklicheren, gottgefälligeren Leben zu ebnen. Die Reform bestehender Schulordnungen hatte leider nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt, so daß nun das Grundübel, nämlich die Unwissenheit der Lehrer, bei der Wurzel gepackt werden mußte. Gegen das Votum der Stände und auch gegen den mäkelnden Hoffmann, der sich dann aber fügte, setzte Simon August die Errichtung der Lehrerbildungsanstalt, für die es in Deutschland bereits diverse Vorbilder gab, in die Tat um. Unterstützt wurde er bei diesem Vorhaben von seiner dritten Gemahlin Casimire, Fürstin zu Anhalt-Dessau, die mit bekannten Schulreformern der Zeit regen Gedankenaustausch pflegte.

Es spricht für Simon August, daß er trotz vieler negativer Erfahrungen, die er mit dem Bildungswillen seiner noch nicht aufgeklärten Untertanen hatte, dennoch unerschütterlich an „das Gute, an die Vernunft und die wahre Einsicht auch bei dem geringsten Untertanen“ glaubte, die es nur zu wecken gelte. Seine Beharrlichkeit hat sich sicher ausgezahlt, denn Lippe galt in der Folgezeit nicht nur in den Augen der Hiesigen, sondern auch in den Berichten auswärtiger Zeitgenossen „als ein Musterland der Erziehung und des Unterrichts“. Die lippischen Schulen wurden damals als die besten gerühmt.

Simon August war, um mit Erich Kittel zu sprechen, kein Philosoph auf dem lippischen Grafenthron, was er mitbrachte, waren bester Wille, allgemeines Wohlwollen und ein gutes Herz. Daß er die Regierung seines Landes letztendlich doch nicht in dem Umfang in die Hand genommen hat, wie es seine Schweizer Erzieher gern gesehen hätten, lag zweifellos in seiner Persönlichkeit begründet, aber man wird daraus nicht unbedingt einen Vorwurf formulieren dürfen.

Vom Typ her war er, wie dies schon einmal geäußert worden ist, ein äußerst pflichtbewußter, aber etwas unselbständiger Beamter, der dann schnell und sicher handelte, wenn er direkt angesprochen und zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde, „der aber den Dingen unbekümmert ihren Lauf ließ, wenn er glaubte, eine Sache werde sich von selbst entwickeln und schließlich erledigen“. Bei heutigen Regierungschefs würden wir dies „aussitzen“ nennen.
Seine politischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorstellungen waren durch die in Lausanne gelernten Maximen für immer geprägt; das war sicherlich kein Nachteil, doch stellten sich die Verhältnisse im kleinen Lippe doch anders und vielschichtiger dar, auch retardierender, und hätten an manchen Stellen gewiß mehr Flexibilität verlangt. Sein Verdienst ist, daß er die richtigen Regierungs- und Verwaltungspraktiker gefunden hat und deren Maßnahmen aus eigener Überzeugung und aufgrund seiner guten theoretischen Kenntnisse gebilligt, unterstützt, ermöglicht hat.

Simon August war ein aufgeklärt-absolutistischer Fürst, die Regierungsform blieb schließlich nach wie vor der Absolutismus, wenn auch in gemäßigter Form und ohne Beseitigung landständischer Einrichtungen; neu war nur der Geist, der ihn trug. Dieser aufgeklärte Absolutismus ging in Lippe wie andernorts von der Überzeugung aus, daß der Staat das Recht und damit auch die Pflicht habe, den unmündigen Untertan durch eine Fülle von genauen Vorschriften zu einem vernünftigen, ihm selbst wie der Allgemeinheit nützlichen Lebenswandel anzuhalten. Das Wohl der Untertanen, wir haben genügend Beispiele angeführt, war überhaupt der Leitgedanke der ganzen Reformen in den deutschen Kleinstaaten unter dem aufgeklärten Absolutismus; die Entwicklung in Lippe unter Simon August ist dafür geradezu symptomatisch.

Stellt man die reformierten Leistungen, vor allem aber die Wiederherstellung geordneter wirtschaftlicher Verhältnisse in Rechnung, so ist der emphatische klassische Ehrentitel „Vater des Vaterlandes“, wie er auf seinem Denkmal, das ihm sein Sohn Leopold I. setzen ließ, eingemeißelt steht, sicher nicht ganz fehl am Platz.

Simon August starb 55jährig am 1. Mai 1782. Die Bestattungskosten beliefen sich auf 500 Reichstaler, die für seinen Vater Simon Henrich Adolph hatten noch 12.000 Reichstaler ausgemacht.