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Provinz ist nur dort, wo alles beim alten bleibt. Die Lippische Landesbibliothek auf neuen Wegen

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 82 (1989), 10, S. 327-334.

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Grabbe-Haus
Umbau des Bibliotheksgebäudes
Sacherschließung
Informationsvermittlung
Automatisierung

S-W-Foto im Winter vom Hauptgebäude der Landesbibliothek
Lippische Landesbibliothek Detmold, Hauptgebäude

Die Lippische Landesbibliothek Detmold ist mit derzeit knapp 400.000 Bänden eine der großen hochschulfreien wissenschaftlichen Bibliotheken Nordrhein-Westfalens. Als Regionalbibliothek für Ostwestfalen-Lippe hat sie die Aufgabe, der Forschung, der Lehre und dem Studium, der beruflichen Arbeit, der Fortbildung und dem allgemeinen Bildungs- und Informationsinteresse in der ostwestfälisch-lippischen Region zu dienen. Die Bibliothek erfüllt diese Aufgabe vornehmlich, indem sie wissenschaftliche und Sachliteratur aller Wissens- und Fachgebiete bereitstellt, bibliographische und Sachinformationen vermittelt. Der Schwerpunkt des vorhandenen und ständig erweiterten Literaturbestandes liegt auf den Geisteswissenschaften im weitesten Sinne. Letztere Tatsache ist historisch bedingt und gilt nahezu für alle Landesbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland. Innerhalb dieses Schwerpunktes verfügt die Detmolder Bibliothek über besonders ausgebaute Bestände der Wissenschaftsgebiete Geschichte, Politik, Sprach- und Literaturwissenschaften, Volks- und Völkerkunde, Ur- und Frühgeschichte und vor allem Musik. Dem erhöhten Literaturbedarf im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Naturwissenschaften und Technik trägt die Landesbibliothek durch erweiterten Ausbau der vorhandenen Buch- und Zeitschriftenbestände Rechnung und ist vor allem bemüht, für den Bereich der angewandten Wissenschaften (Ingenieurwissenschaften) wichtige Grundlagen- und Studienliteratur zur Verfügung zu stellen.

Besondere Beachtung wird in jüngster Zeit der gezielten Literaturerwerbung auf dem Sektor Neue Technologien, Informatik und Kommunikation geschenkt. Diesen heute für nahezu alle Lebensbereiche wichtigen Gebieten wird auch weiterhin hoher Stellenwert zukommen. Von entscheidender Bedeutung für die Lippische Landesbibliothek als dem zentralen bibliographischen Informationszentrum der Region ist der weitere Ausbau des bereits vorhandenen Bestandes an allgemeinen und fachlichen Nachschlagewerken, Allgemein- und Fachbibliographien sowie weiteren Hilfsmitteln der Information und Dokumentation; in diesen Zusammenhang gehört die an anderer Stelle noch einmal aufzugreifende künftige EDV-gestützte Informationsvermittlung.

Als Landesbibliothek sammelt, erschließt und stellt die Detmolder Bibliothek die auf Lippe bezogene Literatur bereit. Die Bibliothek dokumentiert dieses Schrifttum m der periodisch erscheinenden „Lippischen Bibliographie“. Mit der Herausgabe von Auswahlverzeichnissen zur Literatur über einzelne lippische Städte und Gemeinden ist die Landesbibliothek einem vielfach geäußerten Wunsch regionalkundlich Interessierter entgegengekommen. Ein Schwerpunkt der regionaldokumentarischen Arbeit lag in den vergangenen Jahren im Aufbau und in der Fertigstellung einer biographischen Dokumentation, die es gestattet, die durch hohe Mobilität der Bevölkerung auseinanderlaufenden geistigen und kulturellen Strömungen regional zu bündeln. Der erste Teil dieser Dokumentation erschien 1986 und spiegelt in beeindruckender Weise das geistige Profil des lippischen Raumes wider. Es ist vorgesehen, diese regionalbiographische Dokumentation EDV-gestützt fortzuführen. Seit 1987 wird mit dem Literatur-Dokumentationsprogramm LIDOS die Lippe-Datenbank aufgebaut, die nicht nur das neu erschienene Schrifttum nachweist, sondern in absehbarer Zeit das gesamte Regionalschrifttum von ca. 40.000 Titeln umfassen wird. Die Datenbank gestattet beliebigen mehrdimensionalen Zugriff auf sämtliche Suchkriterien und stellt in Sekundenschnelle gefragte Literatur zusammen; die Ausgabe erfolgt über den Bildschirm, als Papierausdruck oder als Titelkartenausdruck für konventionell geführte Kataloge. Die Lippische Landesbibliothek stellt Kopien (updates) dieser Datenbank interessierten Institutionen zur Verfügung, Voraussetzung ist lediglich das Vorhandensein der kommerziell vertriebenen Datenbank-Software.

Die Sondersammlungen und Sonderabteilungen der Lippischen Landesbibliothek, das Grabbe-Archiv, die Freiligrath-Sammlung, das Georg-Weerth-Archiv – zusammengefaßt im Lippischen Literaturarchiv ¬, die Bandel-Sammlung sowie die Musik-Abteilung mit dem Lortzing-Archiv genießen nationalen, zum Teil sogar internationalen Ruf als Quellensammlungen für die literatur-, kunst- und musikwissenschaftliche Forschung. Die Ergänzung ihrer Autographen- und Druckschriftenbestände ist für den Landesverband Lippe eine ganz besondere Verpflichtung.

Mit ihrem umfassenden Buch- und Zeitschriftenbestand, vor allem dem forschungsintensiven Altbestand des 16. bis 19. Jahrhunderts, unterstützt die Lippische Landesbibliothek in ganz besonderem Maße die Literaturversorgung der ostwestfälisch-lippischen Universitäten in Bielefeld und Paderborn sowie der Fachhochschule Lippe in Lemgo; mit der Hochschule für Musik und dem Musikwissenschaftlichen Seminar in Detmold kooperiert die Landesbibliothek eng, so daß sie in gewisser Weise für diese Institutionen Hochschulbibliotheksfunktionen wahrnimmt. Die Detmolder Bibliothek ist damit ein integrierender Faktor für das Land Nordrhein-Westfalen in den Bereichen der Forschung und der Ausbildung des akademischen Nachwuchses; die verstärkte Zunahme von studentischen Benutzern belegt diese Tatsache eindrucksvoll.

Die Lippische Landesbibliothek befindet sich heute in einer ganz entscheidenden Phase der Neuorientierung. Den neuen Anforderungen der Zelt muß sie sich offensiv stellen, ihr traditionelles Selbstverständnis überprüfen, modifizieren und anpassen, um in Gegenwart und Zukunft im Zusammenspiel der wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes und darüber hinaus ein gewichtiger, vor allem kompetenter, kooperations- und konkurrenzfähiger Partner zu bleiben. Sie muß mit der im modernen Bibliothekswesen rasch fortschreitenden Entwicklung Schritt halten können, um sich nicht ein für alle Male selbst abzukoppeln, zu provinzialisieren und zu einer Büchersammlung gleichsam zu veröden, deren Bestand zwar von hoher Qualität, deren Benutzung sich aber auf einen nur elitären Benutzerkreis beschränkt, von dem nennenswerte Zugänge nicht zu erwarten sind. Insbesondere in baulicher, präsentativer und organisatorischer Hinsicht ist die Lippische Landesbibliothek zu modernisieren und ihre Arbeit effizienter zu gestalten, ihr Dienstleistungsangebot ist zu erweitern, das verstärkte Aufgreifen technologischer Innovationen ist für das Erreichen dieses Zieles unerläßlich, da das Reservoir konventioneller Methoden längst ausgeschöpft ist.

Vor diesem Hintergrund ist die derzeitige Arbeit und Planung von folgenden Schwerpunkten geprägt:

  • Verlagerung der Abteilung Lippisches Literaturarchiv in das Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes in der Bruchstraße,
  • großzügiger Um- und Ausbau des Hauptgebäudes der Bibliothek in der Hornschen Straße mit dem Ziel zeitgemäßer Bestandspräsentation,
  • weiterer Ausbau des Schlagwortkataloges zum Hauptsachkatalog,
  • Einrichtung einer Informationsvermittlungsstelle mit Online-Zugriff auf externe Datenbanken,
  • Anschluß an das Online-Katalogisierungsverbundsystem des Landes Nordrhein-Westfalen, notwendigerweise damit verbunden die Automatisierung der Erwerbung und Katalogisierung zu einer integrierten Buchbearbeitung, Einführung der automatisierten Ausleihverbuchung.

Grabbe-Haus

Das Geburtshaus Christian Dietrich Grabbes in Detmold, Bruchstraße 27, wird zur Zeit durch die Stadt Detmold mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen, des Kreises Lippe sowie des Landesverbandes Lippe saniert. Im Rahmen eines multifunktionalen Nutzungskonzeptes ist vorgesehen, dort der Landesbibliothek eine Fläche von rund 270 qm zur Verfügung zu stellen. Hier soll das Lippische Literaturarchiv der Bibliothek eingerichtet werden und in Verbindung damit eine überschaubare Forschungsbibliothek zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts mit den drei großen Detmolder Dichtern als Kristallisationskernen aufgebaut werden. Das Literaturarchiv umfaßt das Grabbe-Archiv (ca. 13.000 Druckschriften, rd. 600 Autographen, über 1.000 Porträts, Figurinen, Dekorations- u. Bühnenbildentwürfe, Szenen- u. Rollenaufnahmen), die Freiligrath-Sammlung, das Georg-Weerth-Archiv sowie zahlreiche Nachlässe, Sammlungen und Einzelautographen des 19. und 20. Jahrhunderts von historischen und literarischen Persönlichkeiten, die zur ostwestfälisch-lippischen Region in enger Beziehung stehen. Die Bestände des Literaturarchivs konnten bisher im Hauptgebäude der Bibliothek aufgrund der nachteiligen Raumsituation nicht geschlossen untergebracht werden, sondern befanden sich, der direkten Benutzung entzogen, verteilt auf mehrere Stockwerke und das Magazin.

Mit der Verlagerung des Archivs in das sanierte Grabbe-Haus – aller Voraussicht nach im Frühsommer 1990 – wird erstmalig die Möglichkeit geschaffen, diese herausragende Sondersammlung der Lippische Landesbibliothek an würdigem und dafür prädestiniertem Ort geschlossen unterzubringen. Bis auf die besonders schützenswerten Autographen und ähnliches Bibliotheksgut werden die Druckschriften weitgehend benutzerfreundlich freihand aufgestellt. Die Schaffung dieser zentralen Forschungsstätte im unmittelbaren innerstädtischen Bereich der Kernstadt Detmold und ihre Einbindung in das multifunktional-kooperative Nutzungskonzept des historischen Gebäudes mit einem kleinen Kommunikations- und Galeriebereich, Studio-Bühne und Geschäftsstelle der Grabbe-Gesellschaft wird den Bekanntheits- und Benutzungsgrad dieser Einrichtung weiter steigern. Das Lippische Literaturarchiv bleibt auch im Grabbe-Haus integrativer Bestandteil der Landesbibliothek; der notwendige Transfer zwischen Hauptgebäude und Innenstadt wird durch einen geplanten täglichen Fahrdienst gewährleistet, die unmittelbare Verbindung zur Landesbibliothek und ihrem Gesamtbestand durch moderne Kommunikationsmittel wie Online-Anschluß, Mailbox und Telefax hergestellt.

Umbau des Bibliotheksgebäudes

Farbiges Foto vom Eingangsportal mit Treppe
Lippische Landesbibliothek Detmold, Eingangssituation

Die Verlagerung des Lippischen Literaturarchivs in das Grabbe-Haus schafft nicht nur Freiflächen in den bisher von dieser Sonderabteilung belegten Räumen, sondern eröffnet zugleich Perspektiven für ein gänzlich neues Raum-Nutzungs-Konzept mit dem Ziel, eine zeitgemäße Bestandspräsentation und eine heutigen und zukünftigen Bedürfnissen entsprechende Bibliotheksbenutzung zu erreichen.

Die derzeitige, ausgesprochen unvorteilhafte Situation stellt sich wie folgt dar:
Die Lippische Landesbibliothek ist bisher eine reine Magazinbibliothek. Zugang zur Literatur und sei es auch nur zur raschen Einsichtnahme erfolgt nur über die zur Zelt noch konventionell geführten Zettelkataloge (Alphabetischer Katalog, Sachkataloge), ein freier Zugriff auf die Buch- und Zeitschriftenbestände besteht nicht. Die knapp 6.000 Bände umfassende Handbibliothek des Lesesaals ist nicht ausleihbar, die Auslagekapazität des Zeitschriftenlesesaals ist mit etwa 300 der jeweils neuesten Zeitschriftenhefte erschöpft. Die Öffnung der Magazine auch nur in Teilbereichen für den Publikumsverkehr, wie es andernorts notgedrungen durchgeführt wurde, verbietet sich in Detmold aufgrund der Sicherheitstechnik und der ungünstigen Anbindung der Magazine an das Hauptgebäude.

Die klassische Dreiteilung der Landesbibliothek in Verwaltung, Benutzungsbereich und Magazin steht noch ganz in der Tradition der wissenschaftlichen Bibliotheken der Vorkriegszeit und der ersten beiden Jahrzehnte nach 1945. Diese Gliederung verhindert durch ihre Unflexibilität verbunden mit einer ohnehin nicht für Bibliothekszwecke vorgesehenen Raumsituation eine günstige Entwicklung sowohl auf dem Sektor der Bibliotheksbenutzung als auch auf dem der Betriebsorganisation.
Diese nachteilige Situation hat dazu geführt, den Ausbau des Benutzungsbereiches in der Form eines überschaubaren, aktuell gehaltenen und vor allem ausleihbaren Freihandbestandes in der vertretbaren und sinnvollen Größenordnung von ca. 60.000 bis 80.000 Bänden zu planen. Die systematische Freihandaufstellung entspricht dem Konzept moderner wissenschaftlicher Bibliotheken insbesondere in Nordrhein-Westfalen, darüber hinaus auch bei den Universitätsneugründungen in Bayern, in Niedersachsen und in Rheinland-Pfalz. Diese Bibliotheken präsentieren mittlerweile Bestände bis zu über 1 Millionen Bände freihand, verbannen nur schützenswerte, wenig benutzte, veraltete oder aus sonstigen formalen Gründen freihandungeeignete Literatur in die Magazine. Die betreffenden neuen Bibliotheken und deren Benutzer haben mit der offenen Aufstellung gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht. Insbesondere die von Traditionalisten immer wieder vorgebrachte angeblich hohe Verlustrate hat sich nicht bestätigt; daß eine Freihandaufstellung aufwendiger an Stellfläche und Betreuung und damit teurer ist, bleibt unbestritten und ist angesichts der Vorteile wenig relevant. Die systematische Freihandaufstellung garantiert schnelle Verfügbarkeit der Literatur, gewährt rasche Einsichtnahme, bietet die Möglichkeit des sogenannten „browsing“, das Auf-sich-Wirken-lassen und das Entdecken anderer Titel und Inhalte auch außerhalb des zunächst aufgesuchten Sachthemas, um nur einige Vorzüge zu nennen.

Die Bauabteilung des Landesverbandes Lippe hat in enger und guter Zusammenarbeit mit der Lippischen Landesbibliothek ein überzeugendes Raum-Nutzungs-Konzept mit entsprechenden Bauplänen vorgelegt, das die uneingeschränkte Zustimmung der Verbandsversammlung und der Verbandsleitung gefunden hat. Neben der Verlagerung von Diensträumen und Werkstätten im Souterrain sieht dieses Konzept in allen drei Geschossen großzügige Freilhand- und Benutzerarbeitszonen vor. Die angestrebte Stellfläche für mindestens 60.000 Bände aller Fachgebiete (= 15 % des Gesamtbestandes) wird durch eingezogene Galerien erreicht, die sich vorteilhaft in das Raumensemble einfügen und zur Auflockerung und Strukturierung beitragen. Klare räumliche und fachliche Gliederung des Bestandes, gute Orientierungshilfen wie überhaupt die unmittelbare Nähe eines sicht-, greif- und ohne Umwege ausleihbaren Buchbestandes sind im Verbund mit einer in diesem Zusammenhang ohnehin vorgesehenen stärkeren Transparenz sowie einladender Helligkeit des Gebäudes – zu erreichen durch Entfernen funktionsloser Einbauten und nichttragender Wände, Auflösung tragender Wände in Stützen sowie Verglasungen – in besonderem Maße geeignet, Schwellenängste abzubauen und ohne Qualitätsverlust zu einer intensiveren und weiter ausbaufähigen zeitgemäßen Bibliotheksbenutzung zu gelangen.

Der freihandwürdige Neuzugang sowie die entsprechende Literatur vom Erscheinungsjahr 1980 an wird seit 1987 für die offene Aufstellung vorbereitet. Der Freihandbestand umfaßt also nur die aktuellste, am meisten ausgeliehene Literatur. Die weniger häufig gefragte Literatur bleibt im Magazin oder kommt, wenn veraltet, ins Magazin. Anwendung für die Freihandaufstellung findet die Aufstellungssystematik der Gesamthochschulbibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, so daß der künftige Benutzer eine in unserem Bundesland weit verbreitete Buchaufstellung vorfinden wird. Mit dem Umbau des Hauptgebäudes soll im Anschluß an die Verlagerung des Literaturarchivs und damit wohl im Sommer 1990 begonnen werden.

Sacherschließung

Notwendiger- und sinnvollerweise muß mit einer Modernisierung nach außen auch eine solche im Innern parallel einhergehen. Als dringend erneuerungsbedürftig stellte sich seit langem die Sacherschließung in der Lippischen Landesbibliothek dar. Der vorhandene Sachkatalog, eine wenig glückliche Mischung aus systematischem und Fachgruppenkatalog mit ausgegliederten biographischen und geographischen (ortskundlichen) Teilkatalogen, geht in seiner Grundstruktur auf das spätere 19. Jahrhundert zurück und ist nicht mehr erweiterungsfähig. In dem Bemühen, den Katalog dem sich wandelnden Wissenschaftsverständnis anzupassen und neu etablierten Fachgebieten Raum zu verschaffen, wurde der Katalog in einzelnen Bereichen wiederholt umgearbeitet, ohne daß es je zu einer durchgreifenden Katalogreform gekommen ist. Nachdem festgestellt worden war, daß eine solche Reform den damit verbundenen Aufwand für diesen alten Katalog in keiner Weise rechtfertigt, fiel bereits im Jahre 1985 die Entscheidung zugunsten eines neu aufzubauenden, den Bedürfnissen unserer Benutzer weit entgegenkommenden Schlagwortkataloges.

Begünstigt wurde diese Entscheidung durch ein seit 1986 vorliegendes, für deutsche Bibliotheken allgemein-verbindliches Schlagwortregelwerk, den sog. „Regeln für den Schlagwortkatalog“, für das sich auch die weitgehend Normen setzende Deutsche Bibliothek in Frankfurt/Mann entschieden hat. Seit Beginn des Jahres 1986 wird in der Landesbibliothek der Schlagwortkatalog als Hauptsachkatalog aufgebaut, er enthält seither alle Neuerwerbungen, darüber hinaus wird die Literatur vom Erscheinungsjahr 1901 an sukzessive eingearbeitet, so daß der Katalog mittlerweile etwa 40.000 Titel nachweist. Die Fremdleistungen, d. h. die Verschlagwortungen der Deutschen Bibliothek, werden mit wenigen Abstrichen übernommen und bedeuten eine willkommene Arbeitserleichterung und -beschleunigung. Die Serviceverbesserung durch diese neue Form der verbalen Sacherschließung ist unbestritten. Die Lippische Landesbibliothek ist eine der ersten Bibliotheken überhaupt, die das neue Regelwerk für den Schlagwortkatalog voll zur Anwendung gebracht haben und dieses erfolgreich und zukunftsorientiert einsetzen.

Die in der Landesbibliothek vorhandene Literatur mit dem Erscheinungsjahr bis einschließlich 1900 bleibt zunächst unter wesentlicher Beibehaltung des alten Sachkataloges systematisch erschlossen.

Informationsvermittlung

Benutzungsführer mit neuentwickeltem Signet (1987)

Um dem Informationsbedürfnis der Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden, reichen heute die konventionellen, meist in Papierform oder auf Mikrofiches vorliegenden bibliographischen Hilfsmittel, Allgemein- und Fachlexika längst nicht mehr aus. Insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, Technik, Medizin, Rechtswissenschaft, aber auch in weiten Teilen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sind der unmittelbare Literaturnachweis nach dem Erscheinen, die schnellstmögliche Literaturzusammenstellung zu einer bestimmten Fragestellung und die unverzügliche Literaturbeschaffung ganz entscheidende Serviceaufgaben der wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Lippische Landesbibliothek stellt sich dieser Entwicklung, indem sie vom November 1989 an eine Informationsvermittlungsstelle für Online-Recherchen in externen nationalen und internationalen Datenbanken einrichten und das bereits vorhandene Angebot von lokalen Datenbanken auf CD-ROM erweitern wird. Recherchiert werden Fakten (z. B. Patente, Wirtschaftsdaten), Volltexte (z. B. Gerichtsurteile, Wirtschaftsmeldungen), fachbibliographische (Z. B. Medizin) und allgemeinbibliographische Nachweise (Z. B. Deutsche Bibliographie, Verzeichnis lieferbarer Bücher). Die ermittelte Literatur wird, sofern in der Landesbibliothek vorhanden, unmittelbar zur Verfügung gestellt, sonst umgehend über die Fernleihe beschafft. Eine zusätzliche Beschleunigung der Literaturbeschaffung wird vom kommenden Jahr an der beantragte Telefax-Anschluß ermöglichen, mittelfristig auch die Online-Fernleihe in Verbindung mit Telefax neue Dimensionen eröffnen.

Das durch eine Umfrage vorläufig erstellte Interessenprofil hat ergeben, daß sich die Lippische Landesbibliothek zunächst auf die Bereiche Medizin, Rechtswissenschaft, Wirtschaft und Patente konzentrieren wird.

Automatisierung

Seit nunmehr 25 Jahren wird die EDV in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt. Die bisher weitgehend konventionell arbeitende Lippische Landesbibliothek hat sicher gut daran getan, sich in der Frage der Einführung EDV-gestützter Arbeitsabläufe so lange abwartend zu verhalten, bis leistungsfähige, erprobte und zuverlässige Systeme und Module in vertretbarem Kostenrahmen vorliegen, die auch von Bibliotheken ohne eigenes EDV-Personal vergleichsweise problemlos eingesetzt werden können. Mittlerweile ist dies der Fall, so daß sich die Landesbibliothek angesichts der weit fortgeschrittenen Automatisierung der wissenschaftlichen Bibliotheken Nordrhein-Westfalens und darüber hinaus in dieser Richtung zu orientieren hat, um sich nicht selbst abzukoppeln, sondern im Gegenteil ihre Leistungs- und Kooperationsfähigkeit unter Zuhilfenahme aller Möglichkeiten dieser Technologie unter Beweis stellen muß. Die seit 1988 intensiv vorangetriebenen Planungen im EDV-Bereich sehen eine baldmögliche Teilnahme an dem bereits seit 1973 zunächst offline, seit 1985 im Online-Routinebetrieb arbeitenden Katalogisierungsverbund des Landes Nordrhein-Westfalen vor. Verbundzentrale und Rechenzentrum befinden sich im Hochschulbibliothekszentrum des Landes in Köln. Zur Zeit katalogisieren 13 nordrhein-westfälische und zwei rheinland-pfälzische Hochschulbibliotheken in diesen Verbund, dessen Datenpool über 3 Millionen Datensätze (=Titel) enthält. Als Verbundteilnehmer kann die Lippische Landesbibliothek einen Großteil (etwa 80 %) ihrer Katalogisate als bereits in dieser Titelmenge vorhandene Fremdleistung übernehmen. Die Übernahme dieser Fremdleistungen beschleunigt nicht nur die Buchbearbeitung um ein Vielfaches und verbessert damit entscheidend die Dienstleistungen, sondern setzt die Detmolder Bibliothek in die Lage, retrospektiv ihren Altbestand einzubringen, der für die anderen Verbundteilnehmer und sonstigen Nutzer von herausragendem Interesse ist.

Verknüpft mit der Teilnahme am Verbund soll die Einführung des EDV-gestützten integrierten Geschäftsganges und die Automatisierung der Ausleihe einhergehen, denn es ist das erklärte Ziel jeglicher ÈDV-Anwendung im Bibliothekswesen, jede Information möglichst nur einmal zu erfassen, aber mehrfach zu nutzen. Daraus hat sich die Organisationsform des integrierten Geschäftsganges entwickelt, die die bisher autonomen Abteilungen Erwerbung und Katalogisierung mit ihren verschiedenen, bei der Titelerfassung aber überschneidenden Arbeitsfeldern zu einer Einheit zusammenfaßt oder sie „integriert“. Daß die Ausleihe mit ihrem hohen Aufkommen an Daten – Benutzernamen und -adressen, Lesernummern, Vormerkungen, Mahnungen usw. – ein sicheres Feld für die automatisierte Datenverarbeitung ist, bedarf sicher keiner weiteren Erläuterung. Für den integrierten Geschäftsgang, die automatisierte Ausleihe und den in einem weiteren Schritt anzustrebenden Online-Benutzerkatalog ist ein eigener leistungsfähiger Rechner aus dem Bereich der mittleren Datentechnologie mit entsprechender Bibliothekssoftware vorgesehen, sofern nicht zwischenzeitlich die rasch fortschreitende Entwicklung auf diesem Gebiet andere, weiterreichende oder auch preisgünstigere Möglichkeiten eröffnet.

Seit 1987 setzt die Landesbibliothek bereits leistungsfähige IBM-kompatible Personalcomputer ein:

  • mit dem Programm LIDOS zur Kurztitelkatalogisierung des vorgesehenen Freihandbestandes,
  • ebenfalls mit LIDOS zum Aufbau der Lipe-Datenbank und zur Katalogisierung der Regionalliteratur,
  • in der Erwerbungsabteilung in Verbindung mit dem „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ auf CD-ROM zum Druck von Bestellsätzen,
  • in der Information/Katalogauskunft in Verbindung mit einem CD-ROM-Laufwerk sowie der Kurztitel- und Lippe-Datenbank,
  • in der Informationsvermittlungsstelle (ab November 1989),
  • zur Textverarbeitung in der Bibliotheksverwaltung.

Mit erweitertem Einsatz, der Vernetzung und Einbindung in das Gesamtkonzept ist zu rechnen.

Die Verbandsleitung des Landesverbandes Lippe ist von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges überzeugt und begrüßt und unterstützt die Initiativen der Lippischen Landesbibliothek auf ihrem Weg in das 21. Jahrhundert. Das breite und – wie die vorstehenden Zeilen deutlich gezeigt haben – ständig zu erweiternde und zu vervollständigende Dienstleistungsangebot der Lippischen Landesbibliothek steht jedem offen. Bei allem notwendigen technologischen Fortschritt versteht sich die Bibliothek nicht nur als Ort der Informationsgewinnung, des Studiums und der Forschung, sondern ebensosehr als Treffpunkt für kulturell und wissenschaftlich Interessierte, als ein Haus des Gedankenaustausches, von dessen Angebot Gebrauch zu machen es sich heute, im 375. ihres Bestehens und im 40. Jubiläumsjahr des Landesverbandes Lippe, mehr denn je lohnt.

Dr. Heinrich Haxel, der die Lippische Landesbibliothek in den schwierigen Jahren 1950-1966 leitete, schrieb bereits als Pensionär im Jahre 1970(!) nachstehende Zeilen:

„Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind auf dem Wege, sich dem technischen Trend anzupassen; schon lassen einige die Computer für sich arbeiten. Und es ist nicht zu bezweifeln, daß auch jene, die sie bedienen, von diesem Wandel mitgestaltet werden; und so ist inzwischen der berüchtigte Bücherwurm endgültig von seiner Leiter herabgestiegen, zumal es diese Leiter nicht mehr gibt, auf die ihn Spitzweg in seinem Bild gestellt hat; jenem Bild, das zum Bild vom Bibliothekar schlechthin für Generationen geworden war, zumal für jene, die Bibliotheken nie benutzt hatten. Der Nachfolger des Bücherwurms wird aber etwas vom Ingenieur bekommen, der für den Betrieb Wissenschaft das Material besorgt, aufbereitet und bereitstellt.“

Geistreiche und vorausschauende Worte eines Bibliothekars einer früheren Generation, sie seien manchem Gegenwärtigen ins berufliche Stammbuch geschrieben.