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Die Handschriftenerwerbungen für das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek in den Jahren 1960-1986

Mit vier ungedruckten Grabbe-Autographen und einer Ergänzung

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 6 (1987), S. 52-64.

I.

Abb. 1: Bruchstück 103 aus der Hermannsschlacht, Pag. 91.
Abb. 2: Bruchstück 103 aus der Hermannsschlacht, Pag. 92.
Abb. 3: Bruchstück 104 aus der Hermannsschlacht, Pag. 103.

Im Vorwort zu dem im Jahre 1960 erschienenen ersten Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe Christian Dietrich Grabbes vermerkte Alfred Bergmann mit Genugtuung, daß ihm „in verhältnismäßig hohem Maße“ Handschriften für die Textkritik zur Verfügung gestanden hatten, und zwar, wie er erläuterte, „dank dem Umstande, daß im Verlaufe der letzten fünfzig Jahre ein starker Besitzwechsel der Handschriften zu Ungunsten des privaten Sammlers und zu Gunsten der öffentlichen Institute stattgefunden hatte“.(1) Das Grabbe-Archiv besaß zu dieser Zeit 302 Brief- und Werk- Autographen und damit vor allen anderen privaten und öffentlichen Sammlungen den weitaus größten Bestand an Grabbe-Handschriften. In den dreizehn Jahren bis zum Erscheinen des letzten Bandes der Akademie-Ausgabe (1973) konnte die Lippische Landesbibliothek weitere 21 Briefe und Schriften von Grabbes Hand erwerben – darunter befand sich, im Jahre 1960, also gerade noch rechtzeitig für die Edition, die vollständige Handschrift des Dramas „Napoleon oder die hundert Tage“(2) – und in dem Zeitraum seit 1973 kamen nochmals 12 Autographen hinzu. Um insgesamt 33 Stücke vermehrte sich also seit 1960 der Handschriftenbestand des Grabbe-Archivs, und es ist zu fragen, inwieweit dieser Zuwachs in der Akademie-Ausgabe berücksichtigt werden konnte.

Die bis zum Abschluß der Ausgabe aufgetauchten 21 Handschriften, von denen neun einen bis dahin ungedruckten Grabbe-Text enthielten, vermochte Alfred Bergmann – bis auf zwei Ausnahmen – alle in dem jeweils vorgesehenen Band und dort an der ihnen sachlich und zeitlich zukommenden Stelle zu publizieren. Das 1967 erworbene frühe Schreiben Grabbes vom 7. Februar 1818 an die Meyersche Hofbuchhandlung fand in dem 1970 erschienenen ersten Briefband (= WA Bd 5) nur an sehr versteckter Stelle Platz, nämlich am Ende der Brieftexte als Nr. 18 a hinter dem Brief Nr. 368, und die zugehörige Anmerkung muß man ebenfalls hinter der des Briefes Nr. 368 auf S. 669 suchen. Für den Abdruck des durch seine groteske „Hanno“-Zeichnung bemerkenswerten „Hannibal“-Fragments war es, als es 1971 angekauft wurde, zu spät, da der das „Hannibal“-Drama enthaltende dritte Band der Akademie-Ausgabe schon seit 1961 vorlag. Vorder- und Rückseite des Blattes wurden daher als Fotografie zwischen S. 132 und 133 des 1973 erschienenen sechsten Bandes (= Briefe Bd 2) wiedergegeben, und Bergmann beschrieb das Fragment in einem Aufsatz in den Mitteilungen der Grabbe-Gesellschaft.(3)

Alle zwölf seit 1973 erworbenen Autographen enthielten Grabbe-Texte, die bis dahin – abgesehen von Teildrucken der Briefe Nr. 335 und Nr. 386 – nirgends gedruckt worden waren. Dennoch hat Alfred Bergmann acht dieser unbekannten Texte in seiner Ausgabe auf Grund der Handschriften publizieren können, da es ihm gelungen war, deren damalige Besitzer ausfindig zu machen und ihre Einwilligung zur Einsichtnahme und Veröffentlichung zu erlangen. Es handelt sich dabei um die folgenden Briefe Grabbes: an die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo vom 15. Juni 1826 (Brief Nr. 95), an den Regierungsrat Christian von Meien vom 10. Januar 1828 (Brief Nr. 147), an seine Braut Louise Christiane Clostermeier vom 27. September 1831 (Brief Nr. 335), seine Briefe an den Postmeister Carl Wilhelm Runnenberg vom 25. April 1833, 13. Mai 1833 und 11. Oktober 1833 (Briefe Nr. 386, 388 und 413) und Runnenbergs Briefe an Grabbe vom 27. Juli 1832 (Brief Nr. 365, mit Grabbes Entwurf seiner Antwort vom 31. Juli 1832 = Brief Nr. 366) und vom 20. Januar 1833 (Brief Nr. 370).

Bevor die vier bisher unveröffentlichten Texte, die auch in die historisch-kritische Akademie-Ausgabe keine Aufnahme gefunden haben, hier vorgestellt werden, sollen die Korrekturen an den Fundort-Angaben in der Akademie-Ausgabe zusammengetragen werden, die durch Besitzerwechsel notwendig geworden sind. In den folgenden 11 Fällen kann an die Stelle des angegebenen oder unbekannten Aufbewahrungsortes das Grabbe-Archiv als nunmehriger Besitzer eingesetzt werden.

In dem 1961 erschienenen dritten Band der Akademie-Ausgabe mußte Bergmann die Bruchstücke 100, 101 und 102 der „Hermannsschlacht“, von denen ihm nur Fotokopien vorlagen, unter der Überschrift „Verschollene Bruchstücke“(4) verzeichnen. Noch im gleichen Jahr und auf ein und derselben Auktion bei J.A. Stargardt(5) am 17. November 1961 tauchten die Original-Handschriften der Bruchstücke 101 und 102 auf. Sie konnten dem Grabbe-Archiv zugeführt werden, für die Zurücknahme der betrüblichen Feststellung „verschollen“ in dem gerade ausgedruckten Band war es jedoch zu spät.

Für Grabbes Brief an Carl Georg Schreiner aus der zweiten Juli-Hälfte 1835 (Brief Nr. 642) nennt Bergmann im 1973 erschienenen sechsten Band merkwürdigerweise gar keinen Fundort, obwohl das Autograph schon am 11. November 1965 für das Grabbe-Archiv auf einer Stargardt-Auktion erworben wurde.(6)

Die in den Anmerkungen zu den Briefen Nr. 95, 147 und 335 genannten Besitzer, ein öffentliches lnstitut(7) bzw. Privatpersonen, sind nicht mehr die Eigentümer der betreffenden Autographen, da diese 1984 bzw. 1973 und 1975 den Weg ins Grabbe-Archiv fanden.

Einem außergewöhnlichen, sehr seltenen Umstand, der es verdient, hier besonders hervorgehoben zu werden, ist es zu verdanken, daß die Handschriften der Briefe Nr. 365 (mit Nr. 366), 370, 386. 388 und 413 (der Grabbe-Runnenberg-Briefwechsel) sich nun im Grabbe-Archiv befinden: Sie wurden ihm von den beiden Vorbesitzerinnen 1981 geschenkt.

II.

Bei den vier bisher nirgends publizierten, jetzt im Grabbe-Archiv befindlichen Autographen handelt es sich um zwei Bruchstücke aus den eigenhändigen Entwürfen zur „Hermannsschlacht“ und um zwei Briefe Grabbes. In Fortführung der Zählung in der Akademie-Ausgabe:

Bruchstück 103

Umfang: 1 Blatt. Höhe: 26,1 cm, Breite: 21 cm. 2 Spalten. Paginierung: 91-92. Bräunliches, quergeripptes Schreibpapier ohne Wasserzeichen. Erworben 1975 bei J.A. Stargardt. Der Text wird als Faksimile in den Abb. 1 u. 2 wiedergegeben.

Für einen Vergleich der verschiedenen Gestaltungen des Hermelinmantel-Motivs können nun sechs Textvarianten herangezogen werden: die handschriftlichen Vorstufen 15, 50 und 76, das neue Bruchstück 103, die gedruckte Vorstufe I (WA Bd 3, S. 308) und die endgültige Fassung (WA Bd 3. S, 347).

Bruchstück 104

Umfang: 1 Blatt. Höhe: 26 cm, Breite: 21,4 cm. 1 Spalte, Paginierung: 103. Glattes, braunes Schreibpapier. Wasserzeichen: JWhatman EFL. Erworben 1976 bei J.A. Stargardt. Der Text wird als Faksimile in Abb. 3 wiedergegeben.

Dieses Bruchstück 104 bietet eine Textvariante zu der ebenfalls mit „103“ paginierten ersten Seite des Bruchstücks 78, das zusammen mit dem Bruchstück 44 die handschriftliche Vorstufe 47 in der Akademie-Ausgabe(8) bildet, wobei es offen bleiben muß, welche von beiden Versionen die frühere ist. In der endgültigen Fassung des Dramas ist die Wechselrede zwischen Varus und Cäcina, die im Bruchstück 44 schon zwei Seiten vorher mit Cäcinas Worten beginnt: „Die Nachhut auf das Spiel gesetzt?“ und mit seinem Ausruf endet: „Die Berge gepackt bei den krausbäumigen Schöpfen!“, nicht mehr vorhanden.(9) Nur noch ein Rest davon ist in den Worten des Legaten der neunzehnten Legion, der jetzt Eggius heißt, während des Kampfes in der Dörenschlucht zu finden: „Wir aber fassen diese Berge bei ihren Schöpfen, wie ihre Bewohner bei ihren Haarbüscheln.“(10)

Eigenhändiger Brief ohne Anrede an seinen Düsseldorfer Verleger Carl Georg Schreiner

Düsseldorf, 6. oder 7. Juni [vielmehr: 6. Juli] 1835.

Umfang: 1 Blatt. Höhe: 22,2 cm, Breite: 18,4 cm. 2 Seiten. Bräunlichgelbes, quergeripptes Schreibpapier. Wasserzeichen: Einhorn. Erworben 1976 bei J.A. Stargardt.

Thibaudeau und Müller u.s.K, liegen beian.
Ersterer gute Waare, letzteres elendigliches Fabricat.
Einen Hannibal, den ich noch übrig habe. schick’ ich dem Heeren für die Goettinger Anzeigen. Die werden zwischen Weser u. Elbe sehr gelesen u. geschätzt, auch in London. Und ist gleich Aesthetik nicht ihre Tendenz, Heeren setzt doch darüber etwas Cameeltreibendes hinein.
Ich habe 2 Tage und 2 Nächte meinen Sommeranfall gehabt. Dieser Choleranachlaß ist jetzt vorüber.
Ich habe durchaus keine Bücher als schon gelesene. Könnten Sie mir nicht was schicken? Oder Journale?
Lassen Sie doch überall die Sachen ankündigen. Verlangen Sie, bezahle ich dazu, indem ich eine Obligation leicht in Detmold umsetzen kann. Auch wünschte ich daß der mir günstige, viel gelesene westphälische Anzeiger, eine Ankündigung, wo nicht Exemplare erhielte, und der Regierungsrath Meyer in Minden für sein Sonntagsbl. die 3 Sachen zum recensiren. Ohne Getrieb geht kein Mühlwerk, Schiller und Goethe machten’s eben so.
Die Druckfehll. säh’ ich auch gern wo angezeigt. Meine Krankh. hat die Rec: über Zandyck gehindert. Sie erhalten sie dieser Tage.
Dss, 6 oder 7 Jun. 1835 (Montag.)
Gehorsamst Grabbe

Ich habe einen merkwürdigen Arzt gehabt. Das gestrige Gewitter hat mich, wie ich glaube ganz hergestellt, durch Abkühlung der Luft.

Erläuterungen:

Thibaudeau: Antoine Claire Graf Thibaudeau (1765-1854). Bei dem zurückgegebenen Werk wird es sich wohl nicht um Th.’s „Mémoires sur la Convention et le Directoire“, 2 Bände, Paris 1824, handeln, wie Bergmann in der Erläuterung zu Brief Nr. 624 vermutet. Aus den 6 Anlagestrichen am Kopf des Briefes, von denen sich einer auf „Der Müller und sein Kind“ bezieht, läßt sich schließen, daß Grabbe Th.’s „Napoleon Bonaparte“, die fünfbändige deutsche Übersetzung der „Histoire générale de Napoleon Bonaparte“, die 1827-1830 bei Cotta in Stuttgart erschienen war, gelesen hat.
Müller u.s.K.: Der Müller und sein Kind. Volksdrama in fünf Aufzügen von Ernst Raupach. Hamburg, Hoffmann u. Campe 1835.
Heeren für die Goettinger Anzeigen: Arnold Heeren (1760-1842), Professor der Geschichte in Göttingen, war seit 1827 Redakteur der Göttingischen gelehrten Anzeigen. Eine Rezension des „Hannibal“ erschien in dieser Zeitschrift nicht.
Die Sachen: Gemeint sind Grabbes Dramen „Aschenbrödel“ und „Hannibal“ sowie seine Abhandlung „Das Theater zu Düsseldorf mit Rückblicken auf die übrige deutsche Schaubühne“, die Mitte Juni 1835 im Verlag J.H.C. Schreiner als Einzelausgaben erschienen waren.
Westphälische Anzeiger: Der Sprecher oder rheinisch-westphälischer Anzeiger. Hrsg.: H. Schulz. Hamm 1820-1863. Die gewünschten Rezensionen erschienen dort nicht.
Regierungsrath Meyer in Minden für sein Sonntagsbl[att]: Das Sonntagsblatt. Eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung aus dem Gebiete des Schönen und Nützlichen mit populärer Hinweisung auf deutsche Literatur und Zeitgeschichte. Jg. 1-37: Hrsg. Nicolaus Meyer. Minden 1817-1853. Die gewünschten Rezensionen erschienen dort nicht.
Rec[ension] über Zandyck: Moritz Zandyck: Erinnerungen aus der Schweiz. Düsseldorf. Schreiner 1835. Wo Grabbes Rezension dieses Werkes gedruckt worden ist, ist unbekannt.(11)
D[ü]ss[eIdorL] 6 oder 7 Jun[i] 1835. (Montag.): Das Datum bedarf – auf jeden Fall bezüglich der Monatsangabe – der Korrektur. Es ist einer der zahlreichen Briefe des Jahres 1835, die Grabbe unvollständig, falsch oder gar nicht datierte. Der Brief muß nach dem 13. Juni, und zwar wesentlich später, geschrieben worden sein, denn Grabbe spricht in ihm davon, daß er ein Exemplar des Hannibal „noch übrig habe“; das erste Autoren-Exemplar hatte er am 13. Juni an Immermann geschickt.(12) Er muß auch nach dem Brief an Schreiner (Nr. 624), der „Juni 35“ datiert ist, geschrieben sein, in dem Grabbe feststellt, „Thibaudeaus... Bände lesen sich nicht so auf der Reihe“, und auch nach dem von Bergmann auf den 28./29. Juni datierten Brief(13) an denselben Empfänger (Nr. 631), in welchem Grabbe anmahnt: „Runkel konnte mir den Müller u. sein Kind wohl schaffen“. Er ist jedoch vor dem undatierten, von Bergmann als Nr. 637 abgedruckten Brief anzusetzen, in dem Grabbe endlich „Zandyck anbei“ an Schreiner zurückschickt. Ergibt sich also aus inhaltlichen Kriterien, daß der neu erworbene Brief zwischen die Briefe Nr. 631 und 637, d.h. in die erste Juli-Hälfte einzuordnen ist, so ermöglicht Grabbes zusätzliche Angabe „(Montag)“ – die Richtigkeit dieser Wochentagsangabe vorausgesetzt – die Ermittlung des genauen Absendedatums: Auf einen Montag fielen weder der 6. noch der 7. Juni, ein Montag aber war der 6. Juli 1835. An diesem Tage also schrieb Grabbe, nachdem er seinen „Sommeranfall“ überwunden hatte, den vorliegenden Brief an seinen Verleger. In der Akademie-Ausgabe wäre sein Platz somit zwischen den beiden an Karl Immermann gerichteten Briefen vom 30. Juni (Nr. 633) und vom 8. Juli 1835 (Nr. 634).

Eigenhändiger Brief an Herrn Hons. Buchhalter des Verlegers Carl Georg Schreiner in Düsseldorf und Redakteur des „Düsseldorfer Fremdenblattes“

Abb. 4: Brief an Hons, April 1836

Düsseldorf, [2. Hälfte] April 1836.

Umfang: 1 Blatt. Höhe: 32 cm, Breite: 20,5 cm. 1 Seite. Adresse auf S. 2. Rötliches, geripptes, kräftiges Kopialpapier mit Siegelrest. Wasserzeichen: AJ. Erworben 1986 bei Bassenge, Berlin. (Abb. 4)

Hochge[e]hrtester Herr Hons!

Dieß ist mein letzter Brief an Sie. Hab’ ich bis 2 Uhr Nachmittag keine Antwort, dann will ich die (der) 5 Ihres Blattes die Quinte lehren, und dem dummen Zeuge von der Krokodilinsel das es-es beibringen. Gern thu’ ich’s nicht, doch ich verspreche Ihnen in Scherz und Ernst binnen 14 Tagen das Tageblatt zu r[e]censiren, inclusive mancher seiner Annoncen. Ich bat Sie um ein paar Thaler! Hab’ ich doch mehr Werth von Tinte, Papier und Federn für Sie gebraucht. Passen Sie auf.
Grabbe
Adresse auf S. 2: Sr Wohlgeboren Herrn Hons allhier. Vermerk von fremder Hand: Grabbe, Auditeur, Düsseldorf 1836 April.

Erläuterungen:

Die (der) 5 Ihres Blattes: Opern-Rezensent mit der Chiffre „5“ im „Düsseldorfer Fremdenblatt und täglichen Anzeiger“. Alfred Bergmann macht zu dem Kritiker „5“, der auch im Brief Nr. 701 in der Akademie-Ausgabe erscheint, keine Angaben; er berichtet jedoch an anderer Stelle, daß einige wenige Nummern des Düsseldorfer Fremdenblattes aus dem Jahre 1836, die an einem höchst ungewöhnlichen Ort vor dem Untergang bewahrt und 1924 entdeckt wurden, außer gedruckten Kritiken von Grabbe auch „einige Opernkritiken, deren Verfasser nur mit einer Zahl bezeichnet ist“, enthalten.(14) Es konnte nicht überprüft werden, ob es sich hierbei um die Chiffre „5“ handelt, nach Auskunft der Universitätsbibliothek Düsseldorf ist das Fremdenblatt dort nicht mehr vorhanden.
Krokodilinsel: Wohl Anspielung auf die rezensierte Oper. Ihr Titel konnte nicht ermittelt werden.
Scherz und Ernst: „Blätter für Scherz und Ernst“ hieß die Feuilleton-Beilage der „Düsseldorfer Zeitung“. Gelegentlich, so in der Nr. 1 vom 3. Januar 1836(15), erschien dort eine Replik auf Grabbes Theaterkritiken im Düsseldorfer Fremdenblatt.
Tageblatt: Gemeint ist das „Düsseldorfer Fremdenblatt“.
1836 April: Eine genaue Datierung des Briefes war nicht möglich. Die Wendungen „Dieß ist mein letzter Brief an Sie“ und „Ich bat Sie um ein paar Thaler!“ deuten auf ein vorhergehendes Schreiben Grabbes an Hons, das bisher nicht aufgefunden wurde. In den in der Akademie-Ausgabe abgedruckten fünf früheren Briefen Grabbes an Hons aus der Zeit zwischen dem 1. Dezember 1835 und dem 27. März 1836 ist weder von dem Kritiker „5“ noch von Geldnöten die Rede. Die Bitte „um ein paar Thaler“ läßt vermuten, daß der Brief eher in der zweiten Hälfte des April geschrieben wurde, zu der Zeit, als C.G. Schreiner sich zu weiteren Vorschüssen nicht in der Lage sah (vgl. seinen Brief Nr. 695 vom 21.4.1836) und Grabbe seinen Freund Moritz Leopold Petri dringend um eine Anleihe bitten mußte (Brief Nr. 696 vom 29.4.1836). Das vorliegende, aufgeregte Schreiben Grabbes ist keineswegs das „letzte“ an Hons geblieben. Am 1. Mai 1836 übersandte er dem Redakteur des Fremdenblattes mit einem wieder in moderatem und sachlichem Ton gehaltenen Begleitschreiben (Brief Nr. 698) seine Rezensionen zu den Aufführungen von „Lüge und Wahrheit“ und „Der Blaubart“(16). Der abrupte Wechsel der Stimmungs- und Tonlage zwischen den beiden Briefen ist umso auffallender, als die Ursache für Grabbes Empörung, die Angelegenheit des Kritikers „5“, noch keineswegs aus der Welt geschafft war. Das war erst am 9. Mai der Fall, an welchem Tag Grabbe wiederum an Hons schreibt (Brief Nr. 701) und mit den Worten beginnt: „Ich kann Ihnen nur Glück wünschen, daß nr. 5 nicht mehr in Ihr Blatt sudeln will“.(17) Er kann es sich aber nicht versagen, dann nochmals ausführlich, wenn auch nun in gemäßigten Worten, die Unfähigkeit von „nr. 5“ zu geißeln.
Auch in einer anderen, äußerlichen Hinsicht unterscheiden sich der hier vorgestellte neue Brief vom April 1836 und der mit ihm „korrespondierende“ vom 9. Mai von allen anderen überlieferten Briefen Grabbes an den Redakteur des Fremdenblattes: Während sie in ihrer Mehrzahl nur mit „G[ehorsamstes] P[ro] M[emoria]“ überschrieben sind, wählt Grabbe in den beiden Ausnahmefällen die förmliche Anrede „Hochgeehrtester“ bzw. „Hochgeehrter Herr Hons!“ (Brief Nr. 701). Diese äußerlichen, vor allem aber die oben skizzierten inhaltlichen Feststellungen könnten eine Konjektur der von fremder Hand stammenden Monatsangabe „April“, der im Gegensatz zu den anderen Briefen an Hons die Tagesangabe fehlt, in „Mai“ nahelegen, wodurch eine logisch befriedigende, unmittelbare Aufeinanderfolge der beiden Briefe mit dem Thema „nr. 5“ hergestellt wäre.

III.

Nicht immer gelingt es, im Handel auftauchende Grabbe-Autographen dem Grabbe-Archiv zu sichern. So wurde auf der Auktion der Firma H. Tenner am 6. Mai 1980 eine von Grabbe unterschriebene Quittung, datiert Dresden, 14. Juni 1823, ausgerufen und einem unbekannten Bieter für DM 550 zugeschlagen.(18) Vielleicht bezog sie sich auf die „40 rthlr. Reisegeld“, die Grabbe in dem Brief (Nr. 72) aus Dresden vom 15. Juni 1823 an seine Eltern erwähnt. Bedauerlicher ist es, daß dem Archiv auch der Brief Grabbes an Louise Christiane Clostermeier entging, der auf der Auktion bei J.A. Stargardt am 27./ 28. November 1979 versteigert wurde. Der private Interessent, der in dem Bietgefecht schließlich obsiegte, mußte allerdings mit DM 12000 dafür den höchsten Preis zahlen, den ein einzelner Grabbe-Brief bisher gekostet hat. Gänzlich unbekannt ist der Brief nicht. Ein Teil des in Detmold am 17. Juli 1831 abgefaßten Schreibens wurde schon mehrmals veröffentlicht und ist auch in der Akademie-Ausgabe als Brief Nr. 320 enthalten. Da der Text des eine Seite umfassenden Briefes im Auktionskatalog der Firma Stargardt abgedruckt und im Faksimile wiedergegeben ist,(19) besteht nun die Möglichkeit, den gesamten Wortlaut kennenzulernen. Dabei stellt sich heraus, daß dem bisher bekannten Fragment außer Anrede und Grußformel vier Zeilen am Anfang fehlen, sowie der eigenhändige spätere Zusatz von Grabbes Frau auf dem unteren Rand der Seite.

Der ganze Text des Briefes lautet:

Hochgeehrteste Mademoiselle!
Was ich habe durchlesen können, schick’ ich zurück. In Freiligraths Gedichten habe ich mir Bleifederstriche erlaubt. Das Warum werden Sie errathen, sonst einmal mündlich darüber. Wie Menschen verschieden sind zeigt das tolle Ding vom Barbarossa, welches ich von meiner Hand beilege. Es entstand heute als ich Freiligraths Traum von Conradin und Friedr. v. Oesterreich las. Was geht uns jetzt Conradins, des Secundaners, Ermordung, an ? Freiliggrath ist noch aus der Matthisonschen Schule, – überflügelt uns vielleicht bald, denn er ist jünger. Der Archivräthin Gesundheit, Ihnen auch, mir nicht.
Gehorsamst
Grabbe
17. Juli 1831

Louise Christiane Grabbes Zusatz (mit Bleistift):

Diese sämtlichen Billete hatte ich hergeholt, um den Belana auf einen im Billet vom 4. Febr. 1832 enthaltenen Ausdruck aufmerksam zu machen, wozu er mich veranlaßt.

L. Grabbe

Erläuterungen:
In Freiligraths Gedichten: Ferdinand Freiligrath stand mit Louise Christiane Clostermeier, der späteren Ehefrau Grabbes und Tochter des Archivrats Christian Gottlieb Clostermeier, seines väterlichen Freundes und Lehrers seiner Detmolder Jugendjahre, von 1825 bis 1846 im Briefwechsel.(20) Als noch unbekannter Dichter sandte er gelegentlich seine in Zeitschriften gedruckten Erstlinge mit und einmal auch, am 31. Marz 1831, acht unveröffentlichte Gedichtmanuskripte mit der Bitte um eine Empfehlung von Grabbe für das „Morgenblatt für gebildete Stände“, der renommierten Zeitschrift des Cotta-Verlages. Grabbe entsprach dieser Bitte unter Einschaltung seines Frankfurter Verlegers Kettembeil: „Seine Sachen sind in Frankfurt besorgt, aber so schnell mit der Aufnahme geht’s nicht“, schrieb er am 27. September 1831 an Louise (Brief Nr. 335). Die Gedichte sind im Morgenblatt nicht erschienen.
Das tolle Ding vom Barbarossa: Grabbes Gedicht ,,Friedrich der Rothbart“.(21)
Traum von Conradin und Friedr[ich] v. Oesterreich: Freiligraths Gedicht „Barbarossas erstes Erwachen“.(22)
Matthis[s]onschen Schule: Friedrich von Matthisson (1761-1831), Bibliothekar und Theaterintendant in Stuttgart, Lyriker.
Archivrätin: Louise Clostermeier, geb. Knoch, gest. 1831, die Mutter von Louise Christiane C.
Belana: Emil Belana, mit richtigem Namen Bernhard Meyer, „ein literarischer Vagabund und vagabundierender Literat“, wie Freiligrath über ihn urteilte,(23) hatte von Grabbes Witwe Einblick in Grabbes Nachlaß erhalten und veröffentlichte daraufhin „Briefe von Immermann an Grabbe“ in der Zeitschrift „Das Rheinland wie es ernst und heiter ist“, Jg. 1842, Nr. 23. Von ihm stammte auch das Material für die, allerdings mit Frank von Steinach (d.i. Ignaz Hub) gezeichnete Publikation „Aus Grabbes Billets an die Mademoiselle Clostermeier“ in der gleichen Zeitschrift (Jg. 1841, Nr. 148). Louise Grabbe berichtete über den Verdruß, den sie mit Belana gehabt hatte, in ihren Briefen vom 16. August und 20./21. Oktober 1841 an Freiligrath.(24)
Während Grabbes Witwe also seinen Brief vom 17. Juli 1831– zusammen mit anderen – zur Hand nahm, als sie sich der Aufgabe gegenübersah, den Dichter-Ruhm ihres verstorbenen Mannes zu verwalten, ist er für uns vor allem wichtig als weiteres Zeugnis für Grabbes Urteil über Freiligrath und seine Beziehung zu ihm.

Anmerkungen

  1. Christian Dietrich Grabbe: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe in 6 Bänden. Hrsg. v. d. Akademie d. Wissenschaften in Göttingen. Bearb. von Alfred Bergmann. Emsdetten: Lechte 1960-1973. (Im folgenden zitiert: WA.) Hier: Bd 1. S. X.
  2. Über die komplizierten Umstände ihres Ankaufs vgl. Heinrich Haxel: Handschriftenerwerbungen der Lippischen Landesbibliothek in den Jahren 1951-1965. In: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Lippischen Landesbibliothek. Hrsg. von Karl-Alexander Hellfaier. Detmold 1970. S. 102-124. Hier: S. 105-107.
  3. Alfred Bergmann: Neuerwerbung der Landesbibliothek Detmold für das Grabbe-Archiv. Ein unbekanntes Bruchstück aus Grabbes „Hannibal“. In: Mitteilungen der Grabbe-Gesellschaft. H. 11. 1971. S.1-3.
  4. WA Bd 3, S. 502-503.
  5. J.A. Stargardt: Katalog 555. Nr. 576a u. 576b.
  6. J.A. Stargardt: Katalog 573. Nr. 71 u. Tafel 3 – Vielleicht beruht das Fehlen der Fundortangabe auf einem Druckversehen.
  7. Über den Ankauf des Briefes an die Meyersche Hofbuchhandlung vom 15. Juni 1826 (Brief Nr. 95) vgl. Detlev Hellfaier: „Wohllöbliche Hofbuchhandlung ...“ Ein neuer Brief Chr. D. Grabbes für die Lippische Landesbibliothek. In: Heimatland Lippe. Jg. 78. 1985. Nr. 1. S. 11-16. Hier online: <http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/texte/1985-2.html>. Ders.: Neue Grabbe- und Freiligrath-Autographen in der Lippischen Landesbibliothek Detmold. In: Grabbe-Jahrbuch. Jg.3. 1984, S. 160-163. Hier online: < http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/texte/1984-5.html>.
  8. WA Bd 3. S. 213-219, hier S. 214, Z.14-24.
  9. WA Bd 3, S. 213-214. Vgl aber die gedruckte Vorstufe 111 (WA Bd 3, S. 316).
  10. WA Bd 3, S. 353.
  11. A. Bergmann in WA Bd 6, S. 639, Anm. zu Brief Nr. 637; vgl. sein Nachwort in WA Bd 4, S. 671-672.
  12. Brief (Nr. 615) an Immermann. WA Bd 6, S. 247.
  13. A. Bergmann begründet diese Datierung nicht. Überhaupt hat er dem Brief Nr. 631 keinerlei Erläuterungen mitgegeben.
  14. WA Bd 4. S. 604.
  15. WA Bd 4, S. 579-581.
  16. Daß auch die Rezension des am 1. Mai aufgeführten „Blaubart“ dem Schreiben vom gleichen Tage beilag, worauf Bergmann in den Erläuterungen zum Brief Nr. 698 nicht hinweist, ergibt sich aus Grabbes ersten Worten in dem Brief: „Lassen Sie das über Recensionen nur aus“, womit er seine einleitenden Bemerkungen über das Rezensieren am Anfang der „Blaubart“-Kritik meint (WA Bd 4, S. 215, Z, 31-35). Der Brief Nr. 698 kann also nicht vor dem 1. Mai, d.h. nicht vor dem verärgerten „ApriI“-Brief geschrieben sein.
  17. WA Bd 6, S. 334.
  18. Jahrbuch der Auktionspreise, Bd 31. 1980. S. 871.
  19. J.A. Stargardt: Katalog 618, Nr. 148, S. 48-49.
  20. Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier in Detmold. Hrsg. von Alfred Bergmann. Detmold 1953.
  21. WA Bd 4, S. 348-350 u. Anm. S. 657-661.
  22. F. Freiligrath: Werke. Hrsg. von Julius Schwering. Berlin 1909. T. 1, S. 47-49 u. T. 6, S. 122.
  23. Freiligrath in einem Brief vom 2.4. 1842 an einen unbekannten Empfänger, abgedruckt in: Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier, a.a.O., S. 142-143 (Anm. 118).
  24. Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier, S. 142 u. S. 149. Vgl. auch Grabbes Brief an Louise Christiane Clostermeier vom 4. Februar 1832 (Nr. 352) und Bergmanns Erläuterungen dazu (WA Bd 5, S. 661-662).