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Alfred Bergmann – Grabbe-Sammler und Grabbe-Forscher

von Karl-Alexander Hellfaier

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 5 (1986), S. 59-72.

[Die Zwischenüberschriften wurden der besseren Lesbarkeit wegen bei der Online-Veröffentlichung eingefügt.]

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Einleitung

An Alfred Bergmann (1887-1975), den Grabbe-Bergmann, im 150. Todesjahr seines in Detmold geborenen und gestorbenen Dichterhelden Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) zu erinnern, ist weitaus mehr als die oft zitierte angenehme Pflicht; denn mit seiner Grabbe-Sammlung, die Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ in den Besitz der Lippischen Landesbibliothek Detmold übergegangen ist, hat Bergmann dem Dichter seiner Wahl und sich selbst ein Denkmal gesetzt, das den Zweiten Weltkrieg ohne nennenswerten Schaden überstanden hat. Es ist in seiner Entstehungsgeschichte, nach Inhalt und Struktur einzigartig nicht nur in der mannigfachen deutschen Bibliothekslandschaft, sondern auch im Vergleich mit eigenständigen Literatur-Archiven, wie man Sammlungen dieser Art zu nennen pflegt. Grabbe hat buchstäblich nichts hinterlassen, einen Dichternachlaß gibt es nicht. Alles, was das in der wissenschaftlichen Welt bekannte Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek in Detmold an Druck- und Handschriften und anderen Objekten zu bieten hat, ist die von Bergmann im wahrsten Sinn des Wortes erarbeitete Sammlung von wenigen – doch wichtigen – Ausnahmen abgesehen, die später hinzugekommen sind. Allzu viele zeitgenössische Grabbiana dürften auch in Zukunft nicht mehr zu erwarten sein.

Bergmann war ein Sammler aus Passion und ein Forscher aus Leidenschaft zur Akribie, ein Vorbild an Hingabe, Leistung und Sorgfalt, ein Leitbild für Seriosität auch da, wo es galt, sich selbst zu überwinden und auf Auktionen Kontrahenten zu überbieten, wenn es um Grabbe-Interessen ging. Seine Biographie – auch wenn sich ein Biograph noch nicht gefunden hat – gibt Aufschluß über den vielfältigen und doch gradlinigen beruflichen Lebensweg des aus Waldheim bei Döbeln in Sachsen stammenden Gelehrten, ein Ort, der durch sein berühmt berüchtigtes Zuchthaus immer noch einen Namen hat; die zu seinem 80. Geburtstag von Ernst Fleischhack besorgte Alfred-Bergmann- Bibliographie, die mit 176 Titeln sechs Jahrzehnte (1907-1967) umspannt, ist ein Spiegel seiner wissenschaftlichen Interessen, in deren Mittelpunkt der Dichter Christian Dietrich Grabbe steht. Bergmann betonte aber auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und das oft mit erhobenem Zeigefinger –, daß er sich nicht nur mit Grabbe befaßt habe, was auch in der Tat nicht bestritten wird. Tatsache aber bleibt, daß der Name Alfred Bergmann vorrangig und für immer mit dem Namen des Detmolder Dichters verbunden bleiben wird. Bergmann stand im 73. Lebensjahr, als der erste Band der von ihm im Auftrage der Göttinger Akademie der Wissenschaften bearbeiteten Historisch-Kritischen Gesamtausgabe, der Göttinger Akademie-Ausgabe, von Grabbes Werken und Briefen 1960 erschien; als er 1973 den sechsten und letzten Band vorstellte, war Bergmann 86. Im selben Jahr legte er seine Grabbe-Bibliographie vor, die 2.158 Nachweise zu des Dichters Leben und Werk enthält, „die Frucht von 60 Lebensjahren“, sagte er zum Verfasser.

Mit der Grabbe-Bibliographie endet ein Sammlerleben, das vor knapp 70 Jahren begonnen hatte, als sich am 25. Februar 1904 der sechzehnjährige Sekundaner des Annen-Realgymnasiums in Dresden auf Anregung seines Lehrers Dr. Otto Erler Grabbes Tragödie „Herzog Theodor von Gothland“ in der Reclamausgabe für 40 Pfennig in der Buchhandlung Benjamin Pfeil kaufte. Das war die „Geburtsstunde“ seiner Grabbe-Sammlung, wie Bergmann in seinen „Erinnerungen und Bekenntnissen“ 1942 schreibt, auch wenn das ernsthafte und planmäßige Sammeln etwa 1910 nach bestandenem Abitur begann.

Memoiren als Bekenntnis

Seine 1942 bei Ernst Schnelle in Detmold verlegten „Erinnerungen und Bekenntnisse“ mit dem Obertitel „Meine Grabbe-Sammlung“ – gespickt mit autobiographischen Elementen – geben einen Einblick in eine Sammler-Seele, die in der Frage gipfelt: „Was aber ist einem Sammler unmöglich, wenn er will?“ Bergmann hat diese Frage schlüssig mit der Präsentation einer Sammlung beantwortet, die an Vielfalt und Geschlossenheit ihresgleichen sucht.
Bergmanns Memoiren- und Bekenntniswerk wurde „im Auftrage des Oberbürgermeisters der Gauhauptstadt Bochum“ herausgegeben mit der Widmung auf dem Titelblatt:

Aus Anlaß der Christian-Dietrich-Grabbe-Woche Bochum 1941 hat die Gauhauptstadt Bochum den Leiter des Grabbe-Archivs der Lippischen Landesbibliothek in Detmold, Dr. Alfred Bergmann, eingeladen, das von ihm geschaffene Archiv zum ersten Male der Öffentlichkeit zu zeigen. Dies ist durch die Ausstellung „Grabbe und seine Umwelt“ geschehen, die in der Städtischen Gemälde-Galerie zu Bochum errichtet war und sich an alle Freunde Grabbes wandte. Der Erinnerung an die Ausstellung ist dieses Buch gewidmet.

Es ist die Zeit, in der Grabbe als völkischer Seher, Dichter und Denker für das 3. Reich entdeckt wird. Reichsdramaturg und Präsident der am 12. September 1937 in Detmold gegründeten Grabbe-Gesellschaft, Dr. Rainer Schlösser, sprach in Bochum über das Thema „Grabbe und der Humor“, in der Tat ein makabres Thema in einer humorlosen Zeit, und Werner Deubel über den „Tod als heroisches Opfer“, ein Thema, das Agitation und wirklichkeitsnah zugleich war; am 1. September 1939 war der 2. Weltkrieg ausgebrochen.

Auf Seite sechs der zitierten Memoiren- und Bekenntnisschrift ist nur der folgende Satz zu lesen: Den Namen derjenigen Persönlichkeiten, die nichtarischen Stammes sind, ist beim ersten Vorkommen im Texte und im Register ein Sternchen angefügt. Bergmann hat sich über die Genesis dieses dreizeiligen Vermerkes am unteren Rand des Satzspiegels nie geäußert. Nach Mitteilung des langjährigen Vorsitzenden der Grabbe-Gesellschaft (1952-1981) Ernst Schnelle, Detmold, der zur Gründergeneration gehört und seit 1981 Ehrenmitglied ist, soll den zitierten Text der Landeskulturwart Fritz Schmidt, Münster, veranlaßt haben mit der Begründung, das Buch müsse auch vor dem Gauleiter und Reichsstatthalter, dem Schirmherrn der Grabbe-Gesellschaft, Dr. Alfred Meyer, bestehen. So könnte es gewesen sein; doch ganz gleich, wie auch immer dieser Vermerk mit den folgenden Sternchen im Textteil und Register zustandegekommen sein mag, Bergmanns Memoirenwerk ist gerade in diesen Partien ein Bekenntnis zu jüdischen Gelehrten, Schriftstellern, Literaten, Sammlern und Antiquaren – 27 an der Zahl –, wie es deutlicher nicht hätte ausfallen können. Sie alle haben einen direkten oder indirekten Anteil am Entstehen der von Bergmann in Angriff genommenen Grabbe-Sammlung, waren Pate, als sie aus der Taufe gehoben wurde und standen an der Wiege, bevor sie ihre ersten Gehversuche unternahm, klangvolle Namen aus dem großen Bereich deutscher Geistesgeschichte, unter ihnen Stefan Zweig (1881-1942). Bei ihm war Bergmann 1925 während des Sommers fünf Wochen lang Gast im Haus am Kapuzinerberg in Salzburg; von dort kehrte er mit neuen Anregungen nach Leipzig zurück, wo er seit Anfang Januar des Jahres Mitarbeiter an der Sammlung Kippenberg war, eine Tätigkeit, die er bis zum Herbst 1928 ausübte.

Anton Kippenberg (1874-1959), Mitbegründer und langjähriger Inhaber und Leiter des Insel-Verlages, war der Eigentümer der bedeutendsten Goethe- Sammlung, die jemals von einem Einzelnen geschaffen worden ist. Sie enthält vorwiegend Druckschriften, die durch Autographen verschiedenster Provenienz und Bilder ergänzt wird. Widmungsexemplare, Zeichnungen und Radierungen von Goethes Hand, Originalausgaben, seltene Privatdrucke, Werke, die Goethe beeinflußten und solche, die ihn im Urteil seiner Zeitgenossen widerspiegeln, drücken der Sammlung ihren besonderen Stempel auf. Aus dem Personenkreis Goethes enthält die Sammlung Briefe, Porträts, Büsten, Medaillen und Relikte verschiedenster Art, die Goethes Umwelt getreu widerspiegeln. War es Grabbes „Herzog Theodor von Gothland“, der bei Bergmann eine Grabbe-Leidenschaft ausgelöst hatte, so war bei Kippenberg die Faustsage mit der Faustliteratur der Ausgangspunkt. Bergmann ist im wahrsten Sinn des Wortes bei Kippenberg in die Schule gegangen; das hat er auch nie verleugnet, ganz im Gegenteil. Kippenbergs Sammlung wurde in Ausstellungen wiederholt präsentiert. Sie ist seit 1953 als „Goethe-Museum – Anton und Katharina Kippenberg-Stiftung“ im Besitz der Stadt Düsseldorf. Neben Weimar und der Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main zählt sie zu den Mittelpunkten der Goetheforschung.

In Bergmanns Grabbe-Sammlung sind jüdische Dichter und Schriftsteller, unter ihnen Heinrich Heine und Ludwig Börne als Zeitgenossen Grabbes gleichberechtigt neben Goethe und Schiller vertreten, was sich nach der festgelegten Konzeption der Sammlung von selbst versteht, nicht nur mit ihren Werken, sondern auch mit ihren Bildnissen. Schließlich war es auch ein jüdischer Student, Oscar Blumenthal (1852-1917), der 1874 mit 22 Jahren die erste kritische Gesamtausgabe von Grabbes Werken besorgt und erläutert hatte; sie erschien in der Meyerschen Hofbuchhandlung in Detmold. Ein Jahr später promovierte Blumenthal mit einer Arbeit „Beiträge zur Kenntnis Grabbes nach ungedruckten Quellen“ an der philosophischen Fakultät der Universität Rostock zum Doktor der Philosophie, die erste Doktor-Dissertation, die Grabbe zum Thema hat. Am Anfang der Grabbe-Forschung steht Oscar Blumenthal, den Bergmann in seinen „Erinnerungen und Bekenntnissen“ wiederholt nennt, die Arbeit eines jüdischen Studikers zu einem Zeitpunkt, als vom 3. Reich noch gar keine Rede war.

Blumenthal, Feuilletonredakteur am „Berliner Tageblatt“ und Begründer und Leiter des Lessing-Theaters, war Verfasser leichter, effektsicherer und zu seiner Zeit vielgespielter Lustspiele, ein polemischer und scharfer Theaterkritiker und vielleicht noch viel schärferer Satiriker. Braune Borniertheit nahm dieses Grabbe posthum tangierende Umfeld ganz einfach nicht zur Kenntnis im Glauben, wenn man die Augen schließe, man auch nicht gesehen werde. 

Als Bergmann 30 Jahre nach Erscheinen der Doktorarbeit von Oscar Blumenthal Grabbiana zu sammeln begann, konnte er nicht wissen, daß er, 30 Jahre später, 1936 seine Grabbe-Sammlung während der Grabbe-Woche zum 100. Todesjahr des Dichters vor brauner Parteiprominenz mit Gauleiter und Reichsstatthalter Dr. Alfred Meyer und dem Reichsdramaturgen, Präsidenten der Reichsschrifttumskammer und künftigen Präsidenten der Grabbe-Gesellschaft, Dr. Rainer Schlösser, an der Spitze, in Detmold präsentieren würde; und doch war es ein „Höhepunkt seiner sammlerischen Bemühungen“, bekennt Bergmann freimütig in seinen Erinnerungen. In der Tat: Für Bergmann war Grabbe nie ein Politikum, was mit Nachdruck festgehalten zu werden verdient; das Grabbe-Bild, das in den Jahren des 3. Reiches gezeichnet wurde, war und ist nicht Bergmanns Grabbe-Bild, das aus einem jahrzehntelangen Umgang mit historiographischen und nicht historiographischen Quellen zum Leben und Werk des Dichters entstanden ist; es resultiert aus einer vielschichtigen Sammlertätigkeit, die, wie wir wissen, bei ihm in früherer Jugend beginnt; auch wenn sie ihm erst in „reiferen Jahren“ voll bewußt wird.

Schicksalssstunde eines Bibliophilen

Eigenheiten, in denen sich die erst spät erwachte Sammelleidenschaft ankündigt, lassen sich schon in Bergmanns Kindheit beobachten. Bergmann las nur ungern in einem Buch, das ihm nicht gehörte. Von früher Jugend an ist er ein Bibliophile in dem Sinn gewesen, daß er die schönen Bücher liebte, die sauberen und wohlerhaltenen, die häßlichen, zerrissenen, belleckten und verschmierten aber verabscheute. Ein einmal erworbenes Buch konnte er nicht wieder abstoßen, bekennt er. Ganz gleich, ob ein Buch für ihn ein Gewinn bedeutete oder nicht, unter keinen Umständen hätte er sich von ihm trennen können; es wegzugeben, wäre ihm genau so vorgekommen, als risse er aus seinem Tagebuch ein Blatt heraus, das ein trauriges, bitteres oder auch beschämendes Erlebnis festhält. Lesen war für Bergmann schon als Knabe die „höchste Lust“, und Bücherwünsche standen zum Geburtstag und zu Weihnachten obenan. Der Drang nach Vollständigkeit, ein Merkmal, das jeden wahren Sammler auszeichnet, war auch für Bergmann charakteristisch, eine Pedanterie, ohne die ein Sammler in der Tat nicht zu denken ist. Dieser pedantische Zug zeigte sich – bis zuletzt – auch in seiner Abneigung, in Schriftsätzen, ganz gleich welcher Art auch immer, in Briefen oder anderen Niederschriften, Abkürzungen zu gebrauchen. Stets war seine Pedanterie stärker und zwang ihn, das Wort auszuschreiben. Pedanterie war die Devise, die über der Lektüre seiner Jugendzeit stand. Auch ein Buch, das ihm nicht zusagte, las er bis zum Ende; es vorzeitig beiseite zu legen, war ihm schier unmöglich, und unvollständige Bücher oder Bücherreihen waren ihm ein „Greuel“; er ruhte nicht eher, bis fehlende Bände, Seiten oder Beigaben beschafft waren. Noch bis ins hohe Alter, seine Grabbe-Sammlung hatte er längst abgegeben, sammelte er die Ausgaben der Insel-Bücherei. „Die fehlenden Nummern muß ich noch ausfindig machen.“ Als er das sagte, ging ein Beben durch seinen Körper, die Hände verkrampften, das Gesicht aber verklärte sich in der Gewißheit, daß sein Vorhaben gelingen werde.

„Vollständigkeit bedeutet dem echten Sammler: Erreichung eines idealen Zustandes. Eine vollständige Sammlung ist darum für mich stets auch eine außerordentliche Sammlung gewesen.“ Das ist der Maßstab, mit dem Bergmann gemessen werden will. Ein Teilgebiet aus Grabbes Leben und Werk zu sammeln, hätte ihn nie befriedigen können.

Bergmann hat als Grabbe-Sammler keinen Vorgänger, niemand vor ihm hat hierzu auch nur einen Anfang gemacht; auch die beiden Herausgeber von Grabbes Werken, der bereits genannte Oscar Blumenthal und auch Eduard Grisebach nicht, die über Druck- und Handschriften des Dichters verfügten, ihren Besitz aber nicht planmäßig erweitert haben, ihn schließlich veräußerten, da ihre Zielsetzung eine ganz andere war. Der Umstand, daß Bergmann, wie er sagt, ein „jungfräuliches Gebiet“ betrat, hatte nicht nur Vorteile. Seine viele tausend Nummern umfassende Sammlung hat er, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen „Stück für Stück“ zusammentragen müssen im Gegensatz zu seinem Lehrmeister Anton Kippenberg, der seinen Bestand durch Übernahme größerer oder kleinerer Sammlungen oder literarischer Nachlässe mit einem Schlag hat vermehren können. Ein solches Glück hatte Bergmann nie, wie er mit Nachdruck betont, Bergmanns Memoirenwerk „Meine Grabbe-Sammlung – Erinnerungen und Bekenntnisse –“ gibt in concreto, im Detail und in summa Einblick in einen Lebensweg, der nicht im Elternhaus in Waldheim, sondern auf dem Annen-Realgymnasium in Dresden in einer Schulstunde beginnt, in der Bergmanns Lehrer Dr. Otto Erler eine Stelle aus dem großen Monolog des „Herzog Theodor von Gothland“ zitierte, wo Grabbe den Herzog aufschreien läßt:

„Ha, Sonne! Könnt’
Ich dich einmal bei deinem Strahlenhaare packen –
Am Felsen wollt’ ich dein Gehirn zerschmettern,
Und dich, was Schmerz heißt, fühlen lassen!“

Das ist die Schulstunde, die Bergmann zur „Schicksalsstunde“ wurde, in der er seine „Lebensaufgabe“ fand. Von dieser Stunde an wollte Bergmann wissen, wer dieser Grabbe sei. Wenig später hielt er das Reclamheftchen mit Grabbes Erstlingswerk dem „Herzog Theodor von Gothland“ in seinen Händen; mit ihm wurde der Grundstein zu Bergmanns Grabbe-Sammlung gelegt. Ein Vierteljahrhundert später besuchte Erler den inzwischen renommierten Grabbe-Sammler in seinem Arbeitszimmer des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, wo Bergmann als Bibliothekar tätig war. Hier zeigte er seinem ehemaligen Lehrer Grabbes eigenhändiges Manuskript des „Herzogs Theodor von Gothland“, das repräsentativste Stück seiner Sammlung, das er inzwischen erworben hatte.

Erler war, wie Bergmann erzählt, „kein berufener Pädagoge“, aber er zählte zu den „markanten Persönlichkeiten“ des Dresdener Annen-Realgymnasiums; er wirkte am anregendsten, wenn er sich an die Vorschriften des Lehrplans nicht hielt, so auch in der Stunde, in der er aus Grabbes „Herzog Theodor von Gothland“ zitierte, der gar nicht Gegenstand des Unterrichts war. Den Schülern imponierte „gewaltig“, daß Erler nicht nur Lehrer, sondern auch Dichter war, dessen Dramen sogar aufgeführt wurden.

Ein „wohlmeinendes Geschick“ war es, das Bergmann nicht zum Miterben – gemeinsam mit seinem Bruder – der väterlichen Fabrik, die Feinseifen und Parfümerie herstellte, hat werden lassen. Alfred hatte keinen Geruchssinn und konnte zwischen Rose und Patschuli, dem Duftstoff eines asiatischen Lippenblüters, nicht unterscheiden, vielleicht auch zwischen Veilchen und Flieder nicht, bemerkte er gelegentlich mit einem verschmitzten Lächeln.

Studium, Krieg, Wirtschaftskrise

Nach bestandenem Abitur im Jahre 1906 widmete er sich in Freiburg im Br., München, Berlin und Leipzig dem Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte, das durch seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger unterbrochen wurde. Will Grohmann, Mitschüler Bergmanns am Annen-Realgymnasium in Dresden, in den fünfziger Jahren Ordinarius für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, erinnert sich 1942 bei Erscheinen der „Erinnerungen und Bekenntnisse“ an den Studiker Alfred Bergmann: „Heute sehe ich ihn wieder im Germanistischen Institut stöbern, die Leitern eifrig auf und abklettern, immer stark beschäftigt und leicht abwesend, als ob es gestern gewesen wäre.“ An diesem Bergmann-Bild hat sich auch in späteren Jahren nicht allzuviel geändert.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges wieder Soldat wurde Bergmann zum Leutnant d. R. befördert, doch im Frühjahr 1917 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Heeresdienst entlassen. Es folgten Studien, Forschungen und Sammlungsbemühungen, die zum Erliegen kommen, als die Inflation auch Bergmanns „Vermögen“ zerstörte, von dem wir nicht wissen, wie groß es gewesen sein mag. Er war Rohrträger in einer Braunkohlengrube bei Halle/Saale, stand in Diensten des Rittergutsbesitzers Dr. Lindenhayn in Otzdorf bei Döbeln in Sachsen, bei dem er Orts- und Gutsakten ordnete, übte sich als Volontär bei der Dresdner Bank in der Depositenkasse und war nebenher „Privatbibliothekar“ eines Großkaufmanns in Dresden, dann Mitarbeiter an der Herausgabe eines Kataloges der „Sammlung Kippenberg“ und deren Kurator, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Thüringischen Historischen Kommission am Carl-August-Werk und zugleich Bibliothekar am Goethe- und Schillerarchiv in Weimar, die letzte Station vor Übernahme seiner Sammlung durch die Lippische Landesbibliothek im Jahre 1938, in deren Dienst er gleichzeitig trat, mit 51 Jahren die erste gesicherte Anstellung.

Daß Bergmann rechnen und mit Geld umgehen konnte, hat er in jedem Lebensalter bewiesen. Er hat – und das betont er mit Nachdruck – nicht eine einzige Zigarre geraucht, Zigaretten nur während einer „kurzen Zeit“, als er in Leipzig Tanzlokale besuchte im Glauben, auf die „kleinen Mädchen“ Eindruck zu machen. Die „biergeschwängerte“ Wirtshausatmosphäre war ihm verhaßt. Wohl erhielt er als Student vom Vater einen reichlichen Monatswechsel, doch davon auch Grabbes eigenhändiges Manuskript „Über die Shakespearo- Manie“, käuflich erwerben, konnte der in München im siebenten Semester stehende Studiker nicht. Das vermochte auch Stefan Zweig nicht, der sich gleichfalls an diesem Stück interessiert zeigte, die Kaufsumme aber nicht aufbringen konnte. Bergmann schaffte es; er setzte bis auf weiteres seinen Kalorienverbrauch auf täglich 10 Plunderhörnchen – das Stück für 3 Pfennig – herab, dem Vater aber notierte er den doppelten Betrag, die Differenz zahlte er auf ein Sparkonto ein. Während der anschließenden Berliner Semester traten an die Stelle der Plunderhömchen Aschingers warme Würstchen, zu denen es in jenen Jahren unentgeltlich in jeder Menge frische Schrippen gab. Ein „raffiniertes Sperrsystem“ der Charlottenburger Sparkasse begünstigte Bergmanns „Kapitalbildung“. Ende 1909 wechselte Grabbes „Shakespearo-Manie“ den Eigentümer. Es war die erste Grabbe-Handschrift in Bergmanns Sammlung. Bergmann arbeitete mit Transaktionen, schwierigen Bankkrediten und Wechseln, um auf ein Angebot zu setzen, von dem er glaubte, daß es seine Sammlung bereichern könnte. Die Einlösung seiner Zahlungsverpflichtungen bereiteten ihm schlaflose Nächte, er nahm sie in Kauf, weil er auf ein Stück, das die Thematik seiner Sammlung tangierte, nie verzichten konnte. Die ihn stets quälende Frage, ob er es sich denn auch noch leisten könne, beantwortete er stets damit, daß die Bestellung ihren Weg auch in den Briefkasten fand, den er absichtlich erst auf Umwegen zu erreichen trachtete, weil er sich erst überwinden mußte. Adressen von einem Verwandten Grabbes oder einen Vorbesitzer machte er ausfindig, wenn Standesämter und Polizeibehörden versagten. Der Gedanke an eine Sammlung um ihrer selbst Willen ist ihm wohl immer fremd geblieben; doch von Anfang an war sein Bestreben darauf gerichtet, dem nachzuspüren, was Sammler an Grabbe-Handschriften besaßen, um sie ihnen nach Möglichkeit abzukaufen mit dem Ziel, ein „Privat-Archiv Grabbischer Handschriften“ zu schaffen. Der Eifer, mit dem Bergmann dieses Ziel in Angriff nahm, artete, wie er selbst bekennt, gelegentlich in „Übereifer“ aus. Das Kapitel „Ausbau des Handschriften-Archivs“ gibt Auskunft über die Aktionen dieser Zeit.

Der Kauf des eigenhändigen Manuskriptes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ aus dem Nachlaß des Bildnismalers und Lithographen Günter Friedrich Reibisch, Dresden, und die folgenden Recherchen führten Bergmann zu dem Begründer der „Grabbe-Philologie“ Oscar Blumenthal – „einem liebenswürdigen, kleinen Herrn mit freundlichem Gesicht und ergrautem, lockigem Haar“ nach Berlin, wo sich beide Männer zum ersten Mal sahen; besaß doch auch Blumenthal ein eigenhändiges Manuskript des Lustspiels, das er seiner Gesamtausgabe 1874 zugrunde gelegt hatte. Bergmann aber hatte eine frühere bisher noch unbekannte Fassung erstanden, nämlich die, die Grabbe am 16. Dezember 1822 Ludwig Tieck (1773-1853) zugesandt hatte mit der Bitte, sich über das Lustspiel zu äußern.

Der Bestand an Grabbe-Handschriften während Bergmanns Studienzeit in Leipzig (1909-1914) muß bemerkenswert gewesen sein, denn der Prager Privatdozent Spiridion Wukadinović, der eine Ausgabe von Grabbes Werken und Briefen für Bongs „Goldene Klassiker-Bibliothek“ vorbereitete, besuchte Bergmann auf dem Weg von Prag nach Detmold in Leipzig. Die von Wukadinović 1913 besorgte Werksausgabe war bis zum Erscheinen der von Bergmann bearbeiteten Göttinger Akademie-Ausgabe während eines halben Jahrhunderts grundlegend für jede Grabbe-Forschung, eine Zeitspanne, die sich Bergmann auch für seine Ausgabe wünschte.

Das Glück des Sammlers

Persönlichkeiten, die Grabbe noch gekannt haben, hat Bergmann verständlicherweise nicht mehr antreffen können, wohl aber in einigen wenigen Fällen deren Kinder oder Enkel; so auch die beiden Töchter des in Wesel in Garnison stehenden und dichtenden Leutnants Hermann Kunibert Neumann (1808-1875), mit dem Grabbe während seines Düsseldorfer Aufenthaltes bekannt geworden war zu einem Zeitpunkt, als der Dichter die „Hermannsschlacht“ niederschrieb. Zwar konnte Bergmann von einer der beiden Damen nur einen Brief des Dichters an Neumann erwerben, doch sämtliche Briefe Ferdinand Freiligraths (1810-1876) an den Leutnant, die „belangvolle Mitteilungen“ über Grabbe enthalten. Eine „planmäßige Nachlaßforschung“ führte zwei Wochen vor Ausbruch des 1. Weltkrieges zum Ankauf der bis dahin noch völlig unbekannten Theaterrezensionen, die Grabbe über Aufführungen am Düsseldorfer Theater während seines Aufenthaltes bei Immermann angefertigt hatte, eine Originalhandschrift von 146 Blättern in verschiedenen Formaten. Die Nachforschungen waren sehr schwierig gewesen, aber Bergmann hatte ja schließlich auch mal Kriminalromane (!) gelesen. Es scheint aber auch, daß ihm zur rechten Zeit der rechte Mann – gelegentlich auch die rechte Frau, wie im zuletzt geschilderten Fall – begegnet ist. Hierher gehört auch seine Bekanntschaft mit dem „Goethe-Meyer“, einem versierten Leipziger Buchhändler und Antiquar, dem Bergmann die Vermittlung von Zeitschriften und Zeitschriftenreihen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verdanken hat, die sich durch eine seltene Lückenlosigkeit auszeichnen. Bemerkenswert bleibt, daß sich die Königliche Bibliothek in Berlin an diesem Angebot nicht interressiert zeigte. So befinden sich heute der „Telegraph für Deutschland“, eine der berühmtesten jungdeutschen Zeitschriften, das vollständigste Exemplar der Welt, der „Komet“, die „Europa“, der „Phönix“ und andere Rara nicht in der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin, sondern in der Lippischen Landesbibliothek in Detmold.

Dagegen war seit Anfang der zwanziger Jahre der Direktor der Dortmunder Stadtbibliothek, der heutigen Stadt- und Landesbibliothek, Dr. Erich Schulz (1874-1941), für Bergmann ein unangenehmer Konkurrent auf dem Autographenmarkt. Schulz, in dieser Zeit einer der „tatkräftigsten und zielbewußtesten“ Bibliotheksdirektoren, hatte sich zum Ziel gesetzt, neben den Handschriften von Ferdinand Freiligrath (geb. 1810 in Detmold), Karl Immermann und der Annette von Droste-Hülshoff auch Handschriften von Grabbe zu sammeln. Das vom Dortmunder Bibliotheksdirektor an Bergmann wiederholt gestellte Ansinnen, seinen Bestand an Grabbe-Handschriften nach Dortmund abzugeben, beschied Bergmann abschlägig. Ebenso lehnte Schulz wenig später Bergmanns Vorschlag ab, auf Grabbe zu verzichten. In dem nun jahrelangen „stillen Wettkampf“ zwischen Dortmund und Bergmann blieb letzterer „zumeist“ Sieger, weil er auf Auktionen stets persönlich anwesend war und alle Aufträge Dortmunds hat überbieten können, wenn auch nicht immer, muß man einschränkend sagen. Gewiß, Bergmanns Vorsprung war schon zu groß, als daß ihn Dortmund hätte einholen können. Bergmanns Bestreben aber, Grabbes Handschriften, soweit noch auffindbar, an einer Stelle zu konzentrieren, hatte die Dortmunder Bibliothek durchkreuzt; als es ihr gar gelang, einen Nachlaß mit wertvollen Grabbe-Handschriften aus Privathand anzukaufen, bekennt Bergmann: „Zum ersten Male erlebte ich die Tiefe der Tragik eines Sammlers in ihrer ganzen schmerzlichen Bitterkeit.“ Das alles wäre anders gekommen, schreibt Bergmann, wenn Grabbes Vaterstadt früher an ihn herangetreten wäre und ihn zu einem früheren Zeitpunkt abgelöst hätte. In der Tat, in Lippe und in Grabbes Vaterstadt Detmold fand sich niemand, der die „Dankbarkeit der Heimat“ gegen einen ihrer „begnadetsten, opferbereitesten und unglücklichsten Söhne“ erkannt und zur Schaffung einer Stätte aufgerufen hätte, um alles zusammenzutragen, was an Briefen und anderen Handschriften des Dichters der Vernichtung oder dem „Zahn der Zeit“ entgangen war. Doch öffentliche Stellen und private Kreise schwiegen. Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Oscar Blumental, der erste Herausgeber einer kritischen Ausgabe von Grabbes Werken, Werkhandschriften und Briefen des Dichters, darunter das eigenhändige Manuskript des „Herzogs Theodor von Gothland“, mit dem Grabbe als Schüler des Detmolder Gymnasiums seine dichterische Laufbahn begonnen hatte, zum Kauf anbot, zeigte seine Vaterstadt kein Interesse; und auch die Druckvorlage der „Hermannsschlacht“, fand ihren Weg nicht in die Lippische Landesbibliothek, sondern wurde von der damaligen Preußischen Staatsbibliothek Berlin erworben und ging damit dem Land, dem der Dichter mit ihr ein Denkmal hatte setzen wollen, verloren.
Doch die „Versäumnisse der Heimat“, wie Bergmann ein Kapital seiner „Erinnerungen und Bekenntnisse“ nennt, hindern Bergmanns Eifer nicht, sich um den Detmolder Dichter zu bemühen. Die „denkwürdige Aufführung“ des „Hannibal“ in München im Dezember 1918, die an den deutschen Bühnen eine Grabbe-Renaissance ausgelöst hatte, war für Bergmann der Anlaß, sich nun den bühnengeschichtlichen Aspekt seiner Sammlung zu kümmern. Die langwierige Suche nach Theaterzetteln und Programmen, Bühnenbearbeitungen, Szenen- und Rollenbildern und Besprechungen in Tageszeitungen mit ihren komplizierten Einrichtungen der „Stadt-“ und „Punkt-Ausgaben“ begann, „eine Quelle fortgesetzter Ärgernisse“, die ihn mutlos zu machen drohte. Doch der Gedanke, daß dies ja Quellen sind, die dem künftigen Geschichtsschreiber Auskunft geben werden über Grabbes Dramen-Schicksal auf der Bühne, ließ ihn nicht aufgeben.

An Literatur über Grabbe sammelte Bergmann alles, was je über den Dichter gedruckt worden ist, von den frühen biographischen Notizen in den westfälischen Journalen bis zum neuesten Zeitungs- und Zeitschriftenaufsatz, die Rundfunkblätter einbegriffen, alle Biographien, Essays, Spezialuntersuchungen, sämtliche Programme und Dissertationen des In- und Auslandes, soweit sie im Druck erschienen sind, im Auszug oder als Beitrag zu den Jahrbüchern der jeweiligen Fakultät, zeitgenössische Besprechungen der einzelnen Werke, ganz gleich, wo auch immer sie erschienen sein mögen. Bergmann sammelte alle Übersetzungen von Grabbes Werken, zwar eine relativ kleine Gruppe, für deren Ermittlung aber viele Jahre nötig waren. Die Zeitschrift „Vek“ („Das Jahrhundert“), die 1882 eine vollständige russische Übersetzung von Grabbes „Don Juan und Faust" gebracht hatte, konnte Bergmann auch mit Hilfe der Akademie der Wissenschaften in Moskau 1932 nicht ausfindig machen. Erfolglos waren auch die von ihm an deutsche und ausländische Antiquariate ergangenen Suchaufträge, eine der ganz wenigen Aktionen, die Bergmann nicht auf der Plus-Seite seiner Sammelleidenschaft verbuchen konnte. Die Verhältnisse waren stärker. Vier Jahre später, während der Grabbe-Woche 1936 in Detmold, konnte aber Bergmann sagen, daß seine Sammlung jeder in öffentlicher Hand befindlichen weit überlegen und nicht zu „erschüttern“ sei.

In der Tat, Bergmann hatte nicht nur die gesamte, zeitgenössisch literarische Umwelt Grabbes zu seinem Sammlungsgebiet erklärt, sondern auch die graphische, Ansichten von Städten, mit denen die Lebensstationen des Dichters auch optisch zur Darstellung kommen sollten; dabei hatte er sogar an Hagen (Westf.) gedacht, wo Grabbe im Mai 1836 auf der Rückreise von Düsseldorf nach Detmold zwei Tage erkrankt war, ein schwieriges Unterfangen, das nicht in allen Partien gelingen konnte. Doch die „Vision“ dieses Vorhabens entfachte Bergmanns „Sammelleidenschaft zur heftigen Glut“ und sollte in einem „stürmischen Tempo“ verwirklicht werden. Eine reichhaltige „Theaterbibliothek“ in Niederösterreich, die Auflösung der Stolbergschen Bibliothek in Wernigerode, waren u. a. die Quellen, aus denen Bergmann für seine Sammlung schöpfte. Eine Quelle besonderer Art für Bergmanns Anliegen aber war die Linckesche Leihbibliothek in Leipzig, deren eifriger Leser Grabbe während seiner Leipziger Semester in den Jahren 1820-1822 gewesen ist; sie war nach Bergmann die umfangreichste in Deutschland und berühmt durch den nahezu lückenlosen Besitz an Unterhaltungsliteratur im Jahrhundert zwischen 1750 und 1850. Bergmann war zur Stelle, als diese Leihbibliothek aufgelöst wurde. Er ist überzeugt, daß mancher der hundert Bände, die er hier erworben hat, Grabbes Lektüre gewesen sei.

Immer, wenn Bergmann glaubte, eine Steigerung seiner Sammlungserfolge sei nicht mehr möglich, wurde er eines Besseren belehrt; so auch noch im Jahr 1936. Er schreibt: „Und wieder einmal erlebte ich den Tag, da ich freudig erregten Herzens den Faden von einem Pakete löste und ein lang umworbenes Stück endgültig in meinen Händen hielt.“ Es war das „Taschenbuch der Reisen“ von Eberhard August Wilhelm Zimmermann, das Grabbe als Schüler in einem seiner frühesten Briefe von seinen Eltern erbeten hatte, des Dichters eigenes Exemplar. Einige Jahre vorher war es Bergmann gelungen, die erste Ausgabe von Shakespeares Dramen in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel zu erwerben, die sich einst im Besitz des Detmolder Gymnasiasten befunden hatte; zwei Werke, die Grabbes Jugend begleitet haben. Auf der Innenseite des vorderen Einbanddeckels tragen sie den Namenszug des jungen Grabbe.

Grabbe-Handschriften

Nicht nur Bücher, auch Handschriften können ihre Schicksale haben. Der Bestand an Grabbe-Handschriften aus dem Nachlaß Oscar Blumenthals war als ein Vermächtnis in das Eigentum des damals regierenden Fürsten, Leopold IV. zur Lippe (gest. 1949), übergegangen, der wenig später in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und alles zu Geld machen mußte, wozu auch Grabbes Handschriften gehörten. Nur mit Hilfe seines immer noch amtierenden Gönners und Lehrmeisters, Anton Kippenberg, gelang es Bergmann, den nötigen Bankkredit zu erhalten. 1925 wechselten den Besitzer: Das eigenhändige Manuskript „Herzog Theodor von Gothland“, bis zur Stunde das „Glanzstück“ der Sammlung, die ebenfalls eigenhändigen Druckmanuskripte „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ und „Nannette und Maria“, das Manuskript zur zweiten Fassung des „Marius und Sulla“, teils von Schreiberhand, teils von der Hand des Dichters, das von einem Schreiber abgeschriebene, von Grabbe aber durchkorrigierte Manuskript des „Aschenbrödel“, 37 Briefe des Dichters, darunter 35 an seinen Verleger Georg Ferdinand Kettembeil (1802-1857) nach Frankfurt am Main und zwei an Louise Christiane Clostermeier nach Detmold und schließlich auch das Soufflierbuch der Detmolder Aufführung des „Don Juan und Faust“ vom 29. März 1829 mit der Bühneneinrichtung des Hof-Theaterdirektors August Pichler (1771-1856), das seit Jahren der Forschung nicht zugänglich gewesen war.

Der Detmolder Zuwachs aus fürstlichem Besitz war für Bergmann ein „wohltuender Balsam“ und ließ ihn manchen Mißerfolg vergessen, auch wenn es schwer fiel. Das „stolze Bewußtsein“ des neuen Besitzes hat ihm auch die „drückende Last des Kredits“ erleichtert, an dem er manches Jahr zu tragen hatte.

Ein „günstiges Geschick“ war es, daß ihm von der Autographen-Handlung V. A. Heck in Wien die Handschrift des in der Literatur oft zitierten Grabbe-Briefes an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen angeboten wurde, ein Brief, den bis dahin noch nie ein Grabbe-Forscher gesehen, den Grabbe aber auch nie an den Adressaten abgeschickt hatte. „Wieder war der Ankauf eine harte Nuß“. Es war der teuerste Brief in Bergmanns Grabbe-Sammlung, den er ganz einfach kaufen mußte, weil er es nicht anders konnte.

Die Briefe des Dichters an seine Eltern und an den Kanzleirat Moritz Petri (1802-1873), einen ehemaligen Mitschüler und treuen Freund in Detmold, gelangten frühzeitig in die Lippische Landesbibliothek, entkamen so dem Zugriff Bergmanns, fanden aber später ihren Platz im „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“, wo sie in der Tat auch hingehören.

In einem abschließenden „psychologischen Kapitel“ stellt sich Bergmann in seinen „Erinnerungen und Bekenntnissen“ die Frage nach dem „Geheimnis“ seiner erfolgreichen Sammlertätigkeit. Er sieht sie in der Eigentümlichkeit seines Sammelgebietes begründet, im sammlerisch „jungfräulichen“ Gebiet, an Umfang und Qualität bedeutend genug, um eine „Sammlung von Niveau“ zu gestalten. Schließlich war auch die Nachfrage nicht so, daß die Erwerbung auch großer Stücke am Preis hätte scheitern müssen. Zwischen der Anzahl und dem Marktwert der angebotenen Stücke und Bergmanns Kaufkraft bestand das denkbar günstigste Verhältnis. In normalen Währungszeiten brauchte er auf etwas wirklich Wichtiges nie zu verzichten, weil es ihm zu teuer gewesen wäre. Angebote, von denen er wußte, daß sie sich ein zweites Mal nicht wiederholen werden, hat er „bedenkenlos“ gekauft, ohne erst ängstlich zu fragen, ob das Geld dafür vorhanden sei, „Zunächst einmal haben“, war stets der erste Gedanke, und erst der zweite lautete: „Wie das Geld dafür auftreiben?“ Bergmann bekennt, daß er nach diesem Grundsatz oft sehr „leichtsinnig“ gehandelt habe und mit mancher schlaflosen Nacht habe büßen müssen, aber bereut habe er solche Käufe nie, im Gegenteil: Unter ihrer Wirkung haben sich seine Kräfte nur verdoppelt. „Am Ende ist mir doch immer ein rettender Gedanke oder ein günstiger Zufall zu Hilfe gekommen.“

Als es um den Ankauf von acht Grabbe-Briefen geht, die für seine künftige Werk- und Briefausgabe von Bedeutung sind, weiß Bergmann das Folgende von seinen inneren Kämpfen zu berichten: „Wieder einmal zerquälte ich mein Gehirn nach einem Auswege, wanderte grübelnd übers Land oder saß halbe Nächte lang rechnend vor Bankaufstellungen und unbezahlten Fakturen und fragte mich, ob es nicht doch zu erzwingen sei.“ In diesem Fall hatte sich Bergmann zu etwas „verstehen“ müssen, was er während seiner eineinhalbjährigen Tätigkeit bei der Dresdner Bank nicht gelernt hatte: Wechsel auszustellen. Damit hatte er zwar gegen einen der strengen Grundsätze seines Vaters verstoßen, aber die acht Grabbe-Briefe waren, wie er schreibt, „erkämpft“. Wenn Bergmann auch freimütig bekennt, daß es ihm nicht leicht gefallen sei, seiner selbstgewählten Aufgabe treu zu bleiben, daß die 25 Jahre seiner Sammeltätigkeit ein ebenso langer Kampf mit kleinen und großen finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei, nie hätte er mit dem Sammler tauschen mögen, der nur einen Scheck – in welcher Höhe auch immer – auszuschreiben braucht. Bergmann liebte seine Sammlung, weil sie ihm nicht mühelos in den Schoß gefallen war. Als Bibliothekar mit dem geregelten Vormittags- und Nachmittagsdienst, mit festumrissenem Arbeitsgebiet, „dem alle Aufregungen und Überraschungen fremd sind,“ fand Bergmann keine volle Befriedigung; „zu bequem, zu glatt und still, zu arm an Spannung und Bewegung“ ließ diese Tätigkeit nicht alle seine Kräfte zur Wirkung kommen. Er schuf sich selber „künstliche Schwierigkeiten“ die er als „Abenteuer finanzieller Art“ bezeichnet, Verbindlichkeiten, die seine wirtschaftlichen Möglichkeiten fast überstiegen. In schlaflosen Nächten grübelte und zermarterte er sich den Kopf, wie das fehlende Geld zu beschaffen sei; am Tage verhandelte er mit den Banken; wenn alle Raten überwiesen und „etwaige Wechsel“ eingelöst waren, beantragte Kredite bewilligt, Behörden beschwichtigt und vertröstet waren, atmete er erleichtert auf, „faßte wohl auch den heiligen Vorsatz, es künftiger weniger toll zu treiben, bis das nächste Angebot, der nächste Katalog alle sogenannten guten Vorsätze über den Haufen warfen“; vor jedem neuen Katalog immer die gleiche Erregung. Das unerreichbare Ideal der Vollständigkeit einer Sammlung bewegt sich, so Bergmann, zwischen den gleichen Polen der Freude über das schon Erworbene und der Hoffnung, auch das Fehlende noch zu erlangen, eine Spannung, die für jedes „Sammlerleben“ charakteristisch ist. Um so niederschmetternder dann die Mitteilung, wenn die Bestellung mit dem Vermerk „Fehlendes verkauft“, den Sammler erreicht, ihm alle Kraft und Freude nimmt. „Man kommt sich klein und gedemütigt vor“. Aus dem Herrn der Sammlung ist ihr Diener geworden, der keine Wahl zwischen Kaufen und Nichtkaufen hat; ob er die Mittel hat oder nicht, danach wird nicht mehr gefragt. Die Sammlung fordert ihre Bereicherung, alles andere ist zweitrangig. Und doch bleibt dem echten Sammler das Erlebnis der Vollendung seines Werkes versagt. Mit dem Künstler aber rückt er in die Grenzmarken der Bezirke, „die allein dem schöpferischen Menschen vorbehalten sind", eine Philosophie, die Bergmann für sich in Anspruch nimmt und wohl auch nehmen darf.

Ein Leben für Grabbe

Dr. Otto Erler, Bergmanns ehemaliger Lehrer am Annen-Realgymnasium in Dresden, bestätigt dem inzwischen versierten Grabbe-Sammler und Grabbe-Kenner:

Was Sie mir von dem Lehrer sagen, der seine Kenntnisse und Anschauungen der jüngeren Generation übermittelt, ohne in den meisten Fällen jemals zu erfahren, was davon und wie es Frucht getragen hat, gilt natürlich auch und sicher wohl fast immer in tragischer Weise für den eigentlich schöpferischen Menschen. Wenn Grabbe Sie zu Lebzeiten gehabt hatte, so wäre wohl denkbar, daß damit etwas Halt in sein zerrissenes Leben gekommen wäre und es ist doch fast tragische Ironie zu nennen, daß Sie unter eigener Entbehrung opferfreudig für Manuskripte Grabbes eine Summe aufbringen, die genügt hätte, um ihm einige Jahre selbständiger Existenz und damit auch ruhigeren Schaffens zu gewährleisten. Ich weiß natürlich, daß das Problem Grabbe damit nicht erschöpft ist und daß der Zwiespalt seines Wesens, der sich auch in seinen Dichtungen geltend macht, damit nicht ausgeglichen worden wäre, aber trotzdem sage ich es mit einer gewissen Resignation: Fände doch jeder dichterisch Schaffende zu seinen Lebzeiten einen so opferbereiten und innerlich mitgehenden Helfer wie ihn Grabbe in Ihnen nach seinem Tode gefunden hat.

Bergmann hat wiederholt darüber nachgedacht, welches wohl die tieferen Gründe gewesen sein mögen, die ihn das werden ließen, was er geworden ist; denn weder war er mit Grabbe stammverwandt noch wesensverwandt, von der Lebensführung her ganz zu schweigen. Die Frage, wie es dazu gekommen sei, daß ihn die von seinem Lehrer Otto Erler zitierte Stelle aus Grabbes „Gothland“ nicht wieder losgelassen habe, daß in jener Stunde eine „stille Liebe“ zu dem Detmolder Dichter in Bergmanns Innern entzündet worden sei und der Fabrikantensohn aus Sachsen dem Westfalen Grabbe seine Arbeit gewidmet habe, die Bergmanns Leben erst einen „vollen Inhalt und einen rechten Sinn“ gegeben habe, auf diese Frage konnte der ehemalige Dresdener Gymnasiast bis zuletzt nur antworten: „Ich weiß es nicht.“ Daß dieses Arbeitsgebiet, wie Bergmann sagt, „sammlerisch“ voller Reize und Aussichten war, kam erst später hinzu.

Bergmanns respektable Doktorarbeit „Die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse für den Lebensweg und Charakter Christian Dietrich Grabbes – eine quellenkritische Untersuchung“ aus dem Jahre 1932 bleibt grundlegend für jede Grabbe-Forschung, die mit dieser Untersuchung beginnt; sie fußt weitgehend auf der von ihm geschaffenen Grabbe-Sammlung, ein Ziel, das er von vornherein im Auge hatte.

Wenige Wochen vor der Übergabe der Sammlung an die Lippische Landesbibliothek schrieb Bergmann an den Bibliotheksdirektor Dr. Eduard Wiegand:

Meine Bemühungen um diese Sammlung sind ein Stück meines Lebens. Fallen sie einmal hinweg, so wird um mich und in mir eine Leere entstehen, an die ich nur mit Grauen denken kann.

Bergmanns Leben war ein Leben für Grabbe. Mir persönlich war es beschieden, Alfred Bergmann noch in seinem letzten Lebensjahrzehnt kennenzulernen. Vom ersten Tage unserer Begegnung an bestand zwischen uns ein herzliches Einvernehmen, das sich über alle Generationsprobleme und wissenschaftliche Sonderauffassungen hinweg zu einer von gegenseitiger Achtung getragenen Freundschaft steigerte.

Literaturhinweise

  • Alfred Bergmann: Meine Grabbe-Sammlung. Erinnerungen und Bekenntnisse. Hrsg. im Auftr. d. Oberbürgermeisters d. Gauhauptstadt Bochum. Detmold 1942.
  • Will Grohmann: Der Sammler. In: Deutsche Allgemeine Zeitung. Reichsausg. Berlin. 1942, Nr. 510/11 v. 25. Oktober. Wiederabdr. in: Alfred Bergmann. Bibliographie 1907-1967. Hrsg. v. d. Lipp. Landesbibliothek und d. Grabbe-Gesellschaft. Detmold 1967, S. 8-10.
  • Hermann Jung: Ullstein Autographenbuch. Vom Sammeln handschriftlicher Kostbarkeiten. Frankfurt a. M. 1971.
  • Ludwig Bielschowsky: Der Büchersammler. Eine Anleitung. Gesellsch. d. Bibliophilen 1972.
  • Alfred Bergmann: Das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek. Detmold 1973.
  • Karl-Alexander Hellfaier: Alfred Bergmann und das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek. In: Heimatland Lippe. 1. 1977, S. 40-46.
    →Hier online.
  • Klaus Nellner: Das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann der Lippischen Landesbibliothek. Geschichte, Bestände, Erschließung. In: Verband der Bibliotheken d. Landes Nordrhein-Westfalen. N.F.35. 1985. Nr. 2, S. 185-192.
    →Hier online.